Welche Nährstoffdefizite drohen bei veganer Ernährung?
Neufingerl & Eilander (2021) dokumentierten in einem systematischen Review (141 Studien) konsistente Defizite bei Veganer:innen: Vitamin B12 (signifikant niedrigere Spiegel in >80 % der Studien), Vitamin D, Eisen, Zink, Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA) und Jod. Dazu kommen die sogenannten Carninutrients – Nährstoffe, die fast ausschließlich in tierischen Produkten vorkommen: L-Carnitin, Kreatin, Taurin, Carnosin und Cholin.
Die kritischen Nährstoffe bei veganer Ernährung lassen sich in drei Kategorien einteilen:
1. Nährstoffe, die in Pflanzen fehlen oder in nicht-bioaktiver Form vorliegen:
- Vitamin B12: Keine relevante pflanzliche Quelle. Pawlak et al. (2014): 40–90 % der Veganer:innen sind defizient.
- Vitamin D3: Die pflanzliche Form D2 (Ergocalciferol) ist weniger effektiv als D3 (Cholecalciferol).
- Retinol (Vitamin A): Beta-Carotin muss erst konvertiert werden – bei ca. 45 % der Bevölkerung ist diese Konversion genetisch eingeschränkt (Leung et al. 2009).
- Vitamin K2 (MK-4): Die tierische Form hat andere Gewebeverteilung als das pflanzliche MK-7.
- Häm-Eisen: Absorptionsrate 15–35 % vs. 2–20 % bei Non-Häm-Eisen (Hurrell & Egli 2010).
- EPA/DHA: Konversion aus ALA extrem ineffizient (Burdge & Wootton 2002).
2. Carninutrients (fast nur in Tierprodukten):
- L-Carnitin: Endogene Synthese reicht unter Ruhebedingungen, kann aber bei hoher Belastung insuffizient werden (Rebouche 1986). Lin et al. (2019) zeigten signifikant niedrigere Carnitinspiegel bei Vegetariern.
- Kreatin: Benton & Donohoe (2011) zeigten, dass Kreatin-Supplementierung die kognitive Leistung von Vegetariern verbesserte – aber nicht von Omnivoren.
- Taurin: Laidlaw et al. (1988) dokumentierten signifikant niedrigere Plasmataurin-Spiegel bei Veganern.
- Cholin: Wallace & Fulgoni (2017) zeigten, dass die Cholin-Aufnahme stark mit dem Konsum von Eiern und tierischem Protein korreliert.
3. Nährstoffe mit eingeschränkter Bioverfügbarkeit:
- Zink, Calcium, Eisen: Phytate in Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten binden diese Mineralien und reduzieren die Absorption (Schlemmer et al. 2009).
Im Detail
Die Nährstoffdefizit-Landschaft bei veganer Ernährung ist besser dokumentiert als viele annehmen – und komplexer als 'nimm einfach ein Multivitamin'.
Neufingerl & Eilander (2021) analysierten in ihrem systematischen Review 141 Studien, die den Nährstoffstatus von Menschen mit pflanzlicher Ernährung mit dem von Fleischessern verglichen. Die Konsistenz der Ergebnisse war bemerkenswert: Vitamin B12 war der am häufigsten defiziente Nährstoff, gefolgt von Vitamin D, langkettigen Omega-3-Fettsäuren, Eisen und Zink.
Das Konzept der 'Carninutrients' beschreibt eine Klasse von Nährstoffen, die fast ausschließlich oder in signifikant höherer Konzentration in tierischen Produkten vorkommen:
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L-Carnitin: Essentiell für den Transport langkettiger Fettsäuren in die Mitochondrien (Beta-Oxidation). Rebouche (1986) beschrieb: Die endogene Synthese aus Lysin und Methionin deckt ca. 25 % des Bedarfs, der Rest kommt normalerweise aus der Nahrung (primär Fleisch). Lin et al. (2019) zeigten, dass Vegetarier signifikant niedrigere Carnitinspiegel haben als Omnivoren.
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Kreatin: Nicht essenziell, aber bedingt essenziell unter Belastung. Benton & Donohoe (2011) zeigten in einer randomisierten, doppelblinden Studie: Kreatin-Supplementierung (5 g/Tag) verbesserte das Arbeitsgedächtnis bei Vegetariern signifikant – aber nicht bei Omnivoren. Das deutet auf niedrigere basale Kreatinspeicher bei Menschen ohne tierische Nahrung hin.
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Taurin: Laidlaw et al. (1988) dokumentierten in der AJCN, dass Veganer signifikant niedrigere Plasma- und Urin-Taurin-Spiegel aufweisen. Singh et al. (2023) zeigten in Science, dass Taurinmangel als Treiber des Alterns fungiert – mit Implikationen für kardiovaskuläre und neuronale Funktion.
Die zeitliche Dynamik ist wichtig: Während einige Defizite schnell auftreten können (Eisen, Zink), entwickeln sich andere schleichend über Monate bis Jahre (B12, Carnitin, Kreatin). Das erklärt das Phänomen der 'veganen Flitterwochen' – anfänglich fühlt man sich besser (höhere Ballaststoff- und Polyphenolzufuhr), während subklinische Defizite sich erst nach 12–18 Monaten manifestieren.
, Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin sprechen wir von 'Nährstoff-Orchestrierung' statt 'Supplementierungs-Liste'. Die drei Regulationssysteme haben spezifische Substratanforderungen: Methylcobalamin und DHA für das Nervensystem, Retinol und Taurin für das Immunsystem, Carnitin und Häm-Eisen für den mitochondrialen Stoffwechsel. Ein Defizit in einem Bereich kann die gesamte Anpassungsfähigkeit des Systems kompromittieren. Die Frage ist nicht 'Welche Pille fehlt?', sondern: 'Welche Substrate brauchen deine drei Systeme – und kommen sie an?' Gesundheit entsteht, wenn die Mitochondrien genug Lebensenergie produzieren und diese Energie über Nervensystem, Immunsystem und Stoffwechsel optimal verteilt wird. Wie man das erreicht, vermitteln wir im Kurs LEBENSENERGIE für Betroffene und in der Grundausbildung Regenerationsmedizin für Fachkräfte.
Das Wichtigste in Kürze
- 1Neufingerl & Eilander (2021): Konsistente Defizite bei B12, D, Eisen, Zink, Omega-3 und Jod in 141 Studien.
- 2Carninutrients (L-Carnitin, Kreatin, Taurin, Carnosin, Cholin) kommen fast nur in tierischen Produkten vor.
- 3Benton & Donohoe (2011): Kreatin-Supplementierung verbesserte Kognition bei Vegetariern, nicht bei Omnivoren.
- 4Singh et al. (2023) in Science: Taurinmangel als Treiber des Alterns.
- 5Subklinische Defizite entwickeln sich über 12–18 Monate – die 'veganen Flitterwochen' können täuschen.
Verwandte Fragen
Wie schnell treten Defizite auf?
Quellen & Referenzen
- Nutrient Intake and Status in Adults Consuming Plant-Based Diets Compared to Meat-Eaters: A Systematic Review
- The influence of creatine supplementation on the cognitive functioning of vegetarians and omnivores
- Taurine deficiency as a driver of aging
- Plasma and urine taurine levels in vegansLaidlaw S.A., Shultz T.D., Cecchino J.T., Kopple J.D. – The American Journal of Clinical Nutrition (1988) DOI: 10.1093/ajcn/47.4.660
- A comparison of L-carnitine and several cardiovascular-related biomarkers between healthy vegetarians and omnivores
- Carnitine Metabolism and Function in Humans
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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