Die kritischen Nährstoffe bei veganer Ernährung
— Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin betrachten wir diese Nährstoffe als Substrate für die drei Regulationssysteme: B12 und DHA für das Nervensystem, Retinol und Zink für das Immunsystem, Häm-Eisen und Cholin für den Stoffwechsel. Ein Defizit in einem Bereich kann die Anpassungsfähigkeit des gesamten Systems limitieren. Die Frage ist nicht 'vegan oder nicht', sondern: Bekommt dein System alles, was es für die Regeneration braucht?
Vitamin B12 (Cobalamin)
Der einzige Nährstoff, bei dem wissenschaftlicher Konsens über die Supplementierungspflicht besteht. B12 kommt in bioaktiver Form (Methylcobalamin, Adenosylcobalamin) ausschließlich in tierischen Produkten vor. Pawlak et al. (2014) zeigten: 40–90 % der Veganer:innen weisen einen B12-Mangel auf. Die Leber speichert B12 für 2–5 Jahre – subklinische Defizite entwickeln sich schleichend. Neurologische Schäden (Myelindegeneration) können irreversibel sein und treten vor der klassischen Anämie auf.
Vitamin D3 (Cholecalciferol)
Die pflanzliche Form D2 (Ergocalciferol) erhöht den 25(OH)D-Spiegel weniger effektiv als D3 (Tripkovic et al. 2012). D3 wird primär in der Haut durch UV-B-Strahlung gebildet und kommt in Fisch, Eigelb und Lebertran vor. Vegane D3-Quellen aus Flechten sind verfügbar. In unseren Breitengraden ist der Vitamin-D-Status bei Veganern besonders häufig unzureichend – die endogene Synthese reicht von Oktober bis März nicht aus.
Häm-Eisen
Hurrell & Egli (2010) dokumentierten: Häm-Eisen (tierisch) hat eine Absorptionsrate von 15–35 %, Non-Häm-Eisen (pflanzlich) von 2–20 %. Phytate können die pflanzliche Eisenabsorption um bis zu 80 % reduzieren (Schlemmer et al. 2009). Neufingerl & Eilander (2021) zeigten niedrigere Ferritinspiegel bei Veganern. Bei pflanzlicher Ernährung wird ein um 80 % höherer Eisenbedarf beschrieben.
EPA und DHA (langkettige Omega-3-Fettsäuren)
Burdge & Wootton (2002) zeigten: Die Konversion von pflanzlichem ALA zu EPA liegt bei ~21 % (Frauen) bzw. ~8 % (Männer), zu DHA bei ~9 % bzw. ~0 %. Sanders (2009) dokumentierte 30–50 % niedrigere DHA-Spiegel bei Veganern. DHA macht 40 % der Fettsäuren in der grauen Hirnsubstanz aus. Algenöl ist die einzige pflanzliche Direktquelle.
Zink
Neufingerl & Eilander (2021) dokumentierten niedrigere Zinkspiegel bei Veganern. Phytate bilden unlösliche Zink-Phytat-Komplexe im Darmlumen und reduzieren die Zinkabsorption signifikant. Die Zink-Bioverfügbarkeit aus pflanzlichen Quellen ist ca. 50 % geringer als aus tierischen. Zink ist essenziell für Immunfunktion, Wundheilung und über 300 enzymatische Reaktionen.
Calcium
Tong et al. (2020) zeigten in EPIC-Oxford ein um 43 % höheres Knochenbruchrisiko bei Veganern – vermutete Faktoren: niedrigerer BMI, geringere Calcium-Zufuhr, niedrigere Vitamin-D-Spiegel. Die Calcium-Bioverfügbarkeit variiert stark: Brokkoli und Grünkohl haben hohe Bioverfügbarkeit (50 %), Spinat sehr niedrige (5 %) durch Oxalate.
Jod
Jod kommt primär in Meeresfrüchten, Milchprodukten und jodiertem Speisesalz vor. Neufingerl & Eilander (2021) dokumentierten häufig unzureichende Jodzufuhr bei Veganern. Jod ist essenziell für die Schilddrüsenhormonsynthese (T3/T4) und damit für den gesamten Energiestoffwechsel. Algen können eine Jodquelle sein, der Gehalt schwankt jedoch extrem.
Retinol (aktives Vitamin A)
Beta-Carotin (Provitamin A) muss durch das Enzym BCO1 zu Retinol konvertiert werden. Leung et al. (2009) zeigten: Genetische Varianten (SNPs) im BCO1-Gen reduzieren die Konversionseffizienz bei ca. 45 % der Bevölkerung um bis zu 70 %. Retinol ist essenziell für Immunzell-Differenzierung, Sehfunktion und Genexpression.
Vitamin K2 (Menachinon)
K2 existiert in verschiedenen Formen: MK-4 kommt primär in tierischen Produkten vor (Fleisch, Eier, Milch), MK-7 in fermentierten Lebensmitteln (Natto). K2 ist essenziell für die Aktivierung von Osteocalcin (Knochenaufbau) und Matrix-Gla-Protein (Gefäßschutz). Die Konversion von K1 (pflanzlich) zu K2 ist im menschlichen Stoffwechsel minimal.
Cholin
Wallace & Fulgoni (2017) zeigten: Die Cholin-Aufnahme korreliert stark mit dem Konsum von Eiern und tierischem Protein. Cholin ist essenziell für die Synthese von Phosphatidylcholin (Zellmembranen), Acetylcholin (Neurotransmitter) und Betain (Methylgruppendonor). Ein Cholinmangel wird mit Fettlebererkrankung und neurokognitiven Einschränkungen assoziiert.
Das Wichtigste in Kürze
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
— Erkennen · Verstehen · Verändern
Erkennen
Verstehen
Verändern
Häufige Fragen
Reicht ein gutes Multivitamin für alle diese Nährstoffe?
Ist die Liste bei jeder veganen Ernährung gleich?
Quellen & Referenzen
- Nutrient Intake and Status in Adults Consuming Plant-Based Diets Compared to Meat-Eaters: A Systematic Review
- The prevalence of cobalamin deficiency among vegetarians assessed by serum vitamin B12: a review of literaturePawlak R., Lester S.E., Babatunde T. – European Journal of Clinical Nutrition (2014) DOI: 10.1038/ejcn.2014.46
- Iron bioavailability and dietary reference valuesHurrell R., Egli I. – The American Journal of Clinical Nutrition (2010) DOI: 10.3945/ajcn.2010.28674f
- Usual choline intakes are associated with egg and protein food consumption in the United States
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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