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Glossar · Therapien & Interventionen

Kreatin und Phosphokreatin: Energiepuffer in Muskel und Gehirn

Auch: Creatine · Phosphokreatin · Kreatinphosphat · Phosphocreatin · Creatinphosphat · PCr · Kreatin-Monohydrat
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Phosphokreatin gibt seine Phosphatgruppe über das Enzym Kreatinkinase an ADP ab und lädt so ATP nach, schneller als jeder andere Energieweg der Zelle (Zelle, Mensch; Wallimann und Kollegen 1992).
  • Die Kreatinsynthese läuft in zwei Schritten: Die Niere bildet aus Arginin und Glycin eine Vorstufe, die Leber hängt eine Methylgruppe an (Mensch; Wyss und Kaddurah-Daouk 2000).
  • Rund 95 Prozent des Kreatins liegen in der Muskulatur; wer kein Fleisch und keinen Fisch isst, hat dort im Mittel niedrigere Speicher (Mensch; Kreider und Kollegen 2017).

„Was ist Kreatin, was macht Phosphokreatin in meinen Zellen, und braucht auch mein Gehirn das?“

Du hast vielleicht von Kreatin als Pulver für Kraftsportler gehört, oder du bist im Biologiebuch über Phosphokreatin und Kreatinphosphat gestolpert. Und jetzt fragst du dich, was das mit deiner Energie im Alltag zu tun hat: mit Muskeln, die schnell nachlassen, oder mit einem Kopf, der nach einer Stunde Konzentration leer ist.

Die mechanische Sicht sagt: Kreatin ist Treibstoff für Muskeln. Mehr Kreatin im Muskel, mehr Kraft für kurze Sprints und schwere Sätze. Diese Sicht ist stark, sie ist im Sport durch Hunderte Studien belegt. Und trotzdem: Warum zeigen Kinder, denen ein Enzym der Kreatinsynthese fehlt, vor allem Störungen von Sprache, Entwicklung und Krampfanfälle und nicht in erster Linie schwache Muskeln?

Die energetische Sicht sagt: Wer erschöpft ist, dem fehlt Lebenskraft, und die muss man auffüllen. Sie spürt richtig, dass Erschöpfung mit Energie zu tun hat und nicht mit fehlendem Willen. Und trotzdem: Ein voller Speicher macht noch keine Energie. Kreatin erzeugt kein ATP, es puffert und verteilt, was die Mitochondrien herstellen.

Die biologische Sicht verbindet beides: Phosphokreatin ist der Akku zwischen Kraftwerk und Verbraucher. Er glättet Lastspitzen, im Muskel wie im Gehirn.

Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Ob Energie ankommt, entscheidet nicht der Teller allein. Kreatin aus Nahrung oder eigener Synthese hilft erst, wenn die Mitochondrien es laden und die Zelle es zum Verbraucher trägt.

Was im Körper passiert

Stell dir ein Haus mit Solaranlage vor. Die Anlage auf dem Dach liefert Strom, aber nicht schneller, als die Sonne es zulässt. Springt die Waschmaschine an, braucht das Haus plötzlich viel mehr. Ohne Akku im Keller würde das Licht flackern.

In deinen Zellen sind die Mitochondrien die Anlage auf dem Dach, ATP ist der Strom im Kabel. Das ATP im Muskel reicht bei voller Arbeit nur für wenige Sekunden. Phosphokreatin ist der Akku: Das Enzym Kreatinkinase überträgt seine Phosphatgruppe auf ADP, und ATP ist sofort wieder da (Zelle, Mensch; Wallimann und Kollegen 1992).

Der Akku hat einen zweiten Zweck, den kaum ein Lexikon nennt. Im Spalt zwischen den beiden Membranen der Mitochondrien sitzt eine eigene Form der Kreatinkinase. Sie nimmt frisches ATP direkt am Ausgang ab und lädt damit Kreatin zu Phosphokreatin. Das kleine Molekül wandert zu den Verbrauchern, zu den Muskelfasern oder den Pumpen an den Nervenenden, und gibt dort seine Energie ab. Das freie Kreatin wandert zurück und regt die Mitochondrien an, nachzuliefern. Wallimann und Kollegen (1992) nannten das den Phosphokreatin-Kreislauf (Zelle, Tier).

Das ist Kreatin und Mitochondrien in einem Satz: Die Mitochondrien laden, Kreatin trägt aus und meldet zurück. So arbeiten die Mitochondrien als Sensor und Effektor zugleich: Sie lesen den Bedarf am Rückfluss und setzen ihn um.

Kreatin und Phosphokreatin: Energiepuffer in Muskel und Gehirn: Kreatin ist ein kleiner Stickstoffbaustein, den dein Körper aus den Aminosäuren Arginin, Glycin und Methionin selbst bildet und zusätzlich aus Fleisch und Fisch aufnimmt. In der Zelle wird daraus Phosphokreatin (Kreatinphosphat): ein Energiespeicher, der ATP in Sekundenbruchteilen nachlädt, in Muskeln, Herz und Gehirn.

Phosphokreatin, Kreatinphosphat, KP, CP oder PCr. Alle Namen meinen dasselbe Molekül: Kreatin mit einer angehängten Phosphatgruppe, englisch phosphocreatine oder creatine phosphate. Die Kreatinkinase (CK) setzt es um: Phosphokreatin und ADP werden zu Kreatin und ATP. Die Reaktion läuft in beide Richtungen. In Ruhe lädt überschüssiges ATP den Speicher, unter Last entlädt er sich. Bei maximaler Anstrengung reicht der Vorrat im Muskel für wenige Sekunden, danach übernehmen der Zuckerabbau im Zellplasma und die Mitochondrien (Mensch; Wallimann und Kollegen 1992).

Kreatinsynthese. Im ersten Schritt überträgt in der Niere das Enzym AGAT einen Teil von Arginin auf Glycin, es entsteht Guanidinoacetat. Im zweiten Schritt hängt in der Leber das Enzym GAMT eine Methylgruppe an, geliefert von S-Adenosylmethionin, dem wichtigsten Methylgruppenspender des Körpers. Über einen eigenen Transporter gelangt Kreatin aus dem Blut in Muskel, Herz und Gehirn. Weil die Synthese Methylgruppen verbraucht, hängt sie am selben Stoffwechsel, in dem Folat und Vitamin B12 arbeiten (Zelle, Mensch; Wyss und Kaddurah-Daouk 2000). Der Körper bildet etwa 1 g am Tag; mit gemischter Kost kommt aus Fleisch und Fisch ungefähr noch einmal so viel dazu (Mensch; Kreider und Kollegen 2017).

Kreatin, Kreatinin und der Laborwert. Ein kleiner Teil des Kreatins zerfällt jeden Tag ohne Enzym zu Kreatinin, das die Niere ausscheidet; so beschreiben es Wyss und Kaddurah-Daouk (2000) in ihrer Übersicht (Mensch). Darum ist Kreatinin im Blut ein Nierenwert, und darum hängt es auch von der Muskelmasse ab. Wer Kreatin einnimmt oder viel Fleisch isst, kann ein etwas höheres Kreatinin haben, ohne dass die Niere schlechter arbeitet (Mensch; Kreider und Kollegen 2017). Für deine Ärztin ist das eine nützliche Information, bevor sie den Wert deutet.

Kreatin im Gehirn. Das Gehirn hat einen eigenen Kreatinbestand und bildet einen Teil davon selbst. Kinder mit einem angeborenen Mangel an GAMT, einer sehr seltenen Stoffwechselerkrankung, zeigen vor allem Entwicklungsverzögerung, Sprachstörungen und Krampfanfälle (Mensch; Wyss und Kaddurah-Daouk 2000). Rae und Kollegen (2003) gaben 45 jungen Erwachsenen, die sich vegetarisch ernährten, sechs Wochen Kreatin oder ein Scheinpräparat; mit Kreatin schnitten sie in Tests des Arbeitsgedächtnisses und des logischen Denkens besser ab (Mensch). Ob das für Menschen mit gemischter Kost oder mit chronischer Erschöpfung ebenso gilt, ist offen.

Kreatin als Nahrungsergänzung. Kreatinmonohydrat ist eines der am besten untersuchten Ergänzungsmittel. In Studien wurden meist 3 bis 5 g am Tag eingesetzt, manchmal nach einigen Tagen mit höheren Mengen; die Speicher im Muskel stiegen dabei an (Mensch; Kreider und Kollegen 2017). Typisch ist eine leichte Gewichtszunahme durch Wasser, das in den Muskelzellen gebunden wird. Bei einer Nierenerkrankung bleibt jede Ergänzung eine Entscheidung mit deiner Ärztin.

Kreatin und Erschöpfung. Bei chronischer Erschöpfung und Brain Fog wird der Phosphokreatin-Stoffwechsel erforscht, weil ein größerer Akku Lastspitzen länger abfedern könnte, wenn die Mitochondrien langsamer nachliefern (Modell). Belastbare Studien am Menschen fehlen dazu bisher.

zum Merken
Kreatin macht keine Energie. Es ist der Akku, der die Energie deiner Mitochondrien dorthin bringt, wo sie gerade gebraucht wird.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang notieren, wie oft Fleisch und Fisch auf deinem Teller sind. Bei rein pflanzlicher Kost kommt aus der Nahrung kaum Kreatin; dann bildet dein Körper, was er braucht, selbst.

Wenn in deinem Befund Kreatinin steht, kannst du deiner Ärztin sagen, ob du Kreatin einnimmst, viel Fleisch isst oder viel trainierst. Das hilft ihr, den Nierenwert richtig zu lesen.

Und du kannst beobachten, wann deine Kraft nachlässt: nach wenigen Sekunden bei kurzer, harter Belastung oder erst nach längerer Zeit. Das ist ein Hinweis, welches Energiesystem gerade gefordert ist. Bei einer Nierenerkrankung oder unter Medikamenten, die die Niere belasten, bleibt jede Ergänzung eine Entscheidung mit deiner Ärztin.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Reaktion der Kreatinkinase, die Speicherorte und die Kreatinsynthese sind an Zellen, Tieren und Menschen sehr gut belegt, ebenso dass Kreatin die Speicher im Muskel und kurze Höchstleistungen steigert. Für das Gehirn gibt es weniger Daten: kleine Studien, oft mit Menschen, die sich vegetarisch ernähren oder Schlaf entbehren, mit uneinheitlichen Ergebnissen. Ob Kreatin bei chronischer Erschöpfung, Brain Fog oder Erkrankungen der Mitochondrien etwas verändert, ist beim Menschen nicht gesichert. Einen Laborwert für den Kreatinspeicher in Muskel oder Gehirn gibt es im Alltag nicht.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Der schnelle Energiespeicher im Muskel: Phosphokreatin (Kreatinphosphat, PCr)
  • Der Muskelwert im Blut: Kreatinkinase (CK) im Serum
  • Mein Nierenwert ist etwas erhöht, ich nehme Kreatin: Serum-Kreatinin, eGFR, Cystatin C
  • Wie mein Körper Kreatin selbst baut: Kreatinsynthese über AGAT und GAMT
  • Kommt bei mir genug aus der Nahrung?: Kreatinzufuhr bei vegetarischer oder veganer Kost
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Quellen (4)
  • Intracellular compartmentation, structure and function of creatine kinase isoenzymes in tissues with high and fluctuating energy demands: the ‘phosphocreatine circuit’ for cellular energy homeostasis
    Wallimann T., Wyss M., Brdiczka D., Nicolay K., Eppenberger H.M. – Biochemical Journal (1992) DOI: 10.1042/bj2810021
  • Creatine and Creatinine Metabolism
    Wyss M., Kaddurah-Daouk R. – Physiological Reviews (2000) DOI: 10.1152/physrev.2000.80.3.1107
  • International Society of Sports Nutrition position stand: safety and efficacy of creatine supplementation in exercise, sport, and medicine
    Kreider R.B., Kalman D.S., Antonio J. et al. – Journal of the International Society of Sports Nutrition (2017) DOI: 10.1186/s12970-017-0173-z
  • Oral creatine monohydrate supplementation improves brain performance: a double-blind, placebo-controlled, cross-over trial
    Rae C., Digney A.L., McEwan S.R., Bates T.C. – Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences (2003) DOI: 10.1098/rspb.2003.2492
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