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Fachbeitrag · Diagnosen & Krankheitsbilder

Vegetatives Nervensystem bei Fibromyalgie: was der Vagotonus zeigt

Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Bei chronischen Schmerzen, besonders bei Fibromyalgie, ist die HRV im Vagus-Bereich verringert (Mensch; Tracy et al., 2016).
  • Martinez-Lavin beschreibt Fibromyalgie als Zustand mit dauerhaft aktiviertem Sympathikus (Modell nach Martinez-Lavin).
  • Zu viel Gas und zu wenig Bremse schließen sich nicht aus; beide verschieben das Gleichgewicht Richtung Alarm (Modell).

„Alle sagen, ich soll den Stress runterfahren. Was ist bei Fibromyalgie im Nervensystem wirklich anders?“

Du kennst das vielleicht: Das Herz klopft beim Aufstehen, der Blutdruck schwankt, die Hände sind kalt, der Schlaf bleibt flach, und abends kommt der Körper nicht zur Ruhe. Dazu der Schmerz, der an schlechten Tagen überall sitzt. Und alle sagen: Du musst den Stress runterfahren.

Die mechanische Sicht der Medizin prüft Herz und Kreislauf: Puls, Blutdruck, Langzeit-EKG, Kreislauftests im Stehen. Sie schließt Herzkrankheiten aus und kann Kreislaufbeschwerden gezielt behandeln (Mensch). Und trotzdem: Warum bleibt der Körper im Alarm, wenn Herz und Gefäße gesund sind?

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde spricht von einem Nervensystem ohne Erdung und setzt auf Atem, Wärme und Rhythmus. Sie hat recht damit, dass Ruhe etwas ist, das der Körper erst wieder lernen muss. Und trotzdem: Warum reicht es nicht, sich einfach zu entspannen?

Die biologische Sicht verbindet beides: Das vegetative Nervensystem hat Gas und Bremse, und bei Fibromyalgie ist vor allem die Bremse über den Vagusnerv schwächer. Ruhe ist dann keine Willensfrage, sondern eine Fähigkeit des Nervensystems, die sich verändern kann.

Oft heißt es: „Atmen ist eine Entspannungstechnik.“ Atmen ist mehr als Entspannung: Über den Atem erreichst du die Bremse deines Nervensystems direkt, und ihr Effekt auf den Herzschlag lässt sich messen.

Was im Körper passiert

Stell dir vor, dein Herz tanzt mit deinem Atem. Beim Einatmen schlägt es etwas schneller, beim Ausatmen etwas langsamer. Dieses Mitschwingen entsteht vor allem, weil der Vagusnerv beim Ausatmen bremst (Mensch). Je beweglicher der Tanz, desto höher die Herzratenvariabilität, kurz HRV. Wie stark der Vagusnerv in Ruhe bremst, heißt Vagotonus.

Bei Fibromyalgie ist dieser Tanz steifer. Die Meta-Analyse von Tracy et al. (2016) zeigt bei chronischen Schmerzen, und besonders bei Fibromyalgie, eine verringerte HRV im Bereich, der die Vagus-Bremse abbildet (Mensch). Martinez-Lavin (2012) beschreibt zugleich Zeichen eines dauerhaft aktivierten Sympathikus (Mensch, Modell). Ob mehr Gas oder weniger Bremse: Beides verschiebt dieselbe Waage Richtung Alarm.

Wozu tut der Körper das? Ein Körper, der lange Gefahr meldet, nimmt die Bremse zurück, um schnell reagieren zu können. Das ist Schutz, ein Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response genannt (Modell nach Naviaux). Die Bremse kann aber mehr als das Herz verlangsamen: Im Tierversuch dämpft der Vagusnerv über einen eigenen Reflex Entzündung (Tier; Pavlov und Tracey, 2012). Fehlt sie, fehlt auch dieser Dämpfer (Modell).

Lange galt bei Fibromyalgie vor allem der Sympathikus als Treiber, der Teil des Nervensystems, der auf Leistung und Abwehr schaltet. Martinez-Lavin (2012) beschreibt Fibromyalgie als stressbezogene Störung, bei der ein dauerhaft aktivierter Sympathikus Belastung in Schmerz übersetzt (Modell nach Martinez-Lavin). Eine Meta-Analyse von Tracy et al. (2016) über Studien zu chronischen Schmerzen fand dann ein durchgängiges Muster: eine verringerte Herzratenvariabilität im hohen Frequenzbereich, ein Zeichen geringerer Aktivität des Vagusnervs. Die Fibromyalgie-Studien prägten dieses Ergebnis besonders stark (Mensch). Damit rückt neben das Gas die Bremse.

Sympathikus und Parasympathikus: Gas und Bremse

Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, steuert alles, was ohne deinen Willen läuft: Herzschlag, Blutdruck, Atmung, Verdauung, Schwitzen, Durchblutung. Es hat zwei Äste. Der Sympathikus schaltet auf Leistung und Abwehr, er macht wach, erhöht den Puls und stellt Energie bereit. Der Parasympathikus, dessen wichtigster Nerv der Vagusnerv ist, schaltet auf Erholung: Er verlangsamt das Herz, fördert die Verdauung und hilft beim Übergang in den Schlaf.

Bei Fibromyalgie beschreiben viele Betroffene Beschwerden, die genau in diesem System liegen: Herzklopfen beim Aufstehen, Blutdruckschwankungen, Schwindel, kalte Hände und Füße, starkes Schwitzen, ein Reizdarm, unruhiger Schlaf. Martinez-Lavin (2012) sieht in einem dauerhaft aktivierten Sympathikus den Weg, über den Belastung, Verletzungen oder Infekte bei Fibromyalgie in Schmerz übersetzt werden (Modell nach Martinez-Lavin). Er stützt sich auf Befunde bei Menschen und auf Tiermodelle, in denen sympathische Nerven und Schmerznerven sich falsch verschalten (Mensch, Tier).

Wichtig ist: Gas und Bremse sind keine Wippe mit zwei Stellungen. Beide arbeiten gleichzeitig, und dasselbe Bild kann entstehen, wenn zu viel Gas gegeben wird oder wenn die Bremse fehlt.

Zu viel Gas oder zu wenig Bremse?

Die Herzratenvariabilität erlaubt einen Blick in diese Waage. Sie misst, wie stark die Abstände zwischen zwei Herzschlägen schwanken. Schnelle Schwankungen im Takt der Atmung, der sogenannte hohe Frequenzbereich, gehen vor allem auf den Vagusnerv zurück. Langsamere Schwankungen spiegeln eine Mischung aus Sympathikus, Vagus und Blutdruckregelung.

Tracy et al. (2016) werteten 51 Studien zur HRV bei chronischen Schmerzen aus, 26 davon in einer Meta-Analyse. Das Ergebnis war ein mittlerer bis großer Effekt: Die HRV im hohen Frequenzbereich war verringert, ein Zeichen geringerer Vagus-Aktivität. Die Fibromyalgie-Studien hatten daran besonders großen Anteil (Mensch). Die Studien waren im Mittel von mäßiger Qualität und sehr unterschiedlich angelegt.

Daraus folgt: Was lange als reiner Sympathikus-Überschuss gedeutet wurde, kann zu einem guten Teil eine schwache Bremse sein. Das Verhältnis kippt Richtung Alarm, weil der Vagus-Anteil fehlt, nicht nur, weil der Sympathikus stärker ist (Modell). Beide Deutungen schließen sich nicht aus. Für dich ist der Unterschied trotzdem wichtig, denn die Bremse ist der Teil, den du über den Atem selbst erreichst.

Vagotonus: die Bremse, die mehr kann als entspannen

Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv. Er zieht vom Hirnstamm zu Herz, Lunge, Magen, Darm, Leber und Milz. Der größte Teil seiner Fasern leitet Meldungen vom Körper zum Gehirn, der kleinere Teil Befehle vom Gehirn zu den Organen (Mensch). Seine Aufgaben gehen weit über Entspannung hinaus.

Entzündung dämpfen. Pavlov und Tracey (2012) beschreiben den entzündungshemmenden Reflex: Über den Botenstoff Acetylcholin bremst der Vagusnerv Immunzellen, die Entzündungsbotenstoffe ausschütten (Tier). Ob ein niedriger Vagotonus bei Fibromyalgie über diesen Weg eine leise Entzündung begünstigt, ist nicht untersucht (Modell).

Schmerz regulieren. Der Körper hat eine eigene Schmerzbremse, die vom Hirnstamm ins Rückenmark läuft. Bei Fibromyalgie wirkt sie schwächer, und das Nervensystem verstärkt Schmerzsignale, ein Vorgang, der zentrale Sensitivierung heißt (Mensch, Tier; Woolf, 2011). Meldungen des Vagusnervs erreichen Kerne im Hirnstamm, die an dieser Schmerzbremse beteiligt sind (Tier). Wie groß dieser Beitrag beim Menschen ist, ist offen (Modell).

Schlaf und Erholung. Beim Einschlafen übernimmt normalerweise der Parasympathikus. Ein Nervensystem, das abends im Alarm bleibt, findet schwerer in den Tiefschlaf (Modell).

Darm und Gehirn. Über den Vagusnerv sprechen Darm und Gehirn miteinander. Minerbi et al. (2019) fanden bei 77 Frauen mit Fibromyalgie eine veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien (Mensch). Ob dabei der Vagusnerv eine Rolle spielt, ist nicht untersucht.

HRV als Fenster zum vegetativen Nervensystem

Die Herzratenvariabilität ist kein Maß für ein gesundes oder krankes Herz. Sie ist ein Fenster in die Regelung: Eine hohe HRV zeigt ein Nervensystem, das flexibel auf wechselnde Anforderungen antwortet, eine niedrige HRV ein eher starres. Als Maß für den Vagus-Anteil gelten vor allem zwei Werte: RMSSD, die Schwankung von Schlag zu Schlag, und die Leistung im hohen Frequenzbereich.

Bei Fibromyalgie ist die HRV im Mittel verringert, besonders der Vagus-Anteil (Mensch; Tracy et al., 2016). Das ist ein Befund über Gruppen, keine Diagnose für einzelne Menschen. Es gibt keinen HRV-Grenzwert, ab dem jemand Fibromyalgie hat oder einen zu niedrigen Vagotonus. Die HRV hängt stark von Alter, Atmung, Tageszeit, Schlaf, Medikamenten, Messgerät und Körperlage ab.

Darum taugt sie vor allem als persönlicher Verlauf: dieselbe Messung, zur selben Zeit, über Wochen. Steigt deine HRV im Verlauf, bewegt sich deine Regelung; wie sich das mit Schmerz und Schlaf deckt, zeigt erst der Vergleich mit deinem eigenen Erleben.

Polyvagaltheorie: ein beliebtes, umstrittenes Modell

Wer zum Vagusnerv liest, stößt schnell auf die Polyvagaltheorie nach Porges. Sie unterscheidet einen jüngeren, vorderen Vagus-Ast, der für Sicherheit und soziale Verbindung stehen soll, von einem älteren Ast, der bei Bedrohung zu Erstarrung führen soll. In Therapie und Ratgebern ist dieses Modell sehr verbreitet, weil es Erfahrungen von Rückzug und Erstarrung eine Sprache gibt.

In der Fachwelt ist es umstritten. Grossman (2023) prüft die fünf Grundannahmen der Theorie, etwa zur Entwicklungsgeschichte des Vagusnervs und zur Deutung der Herzschwankungen, und hält sie für wahrscheinlich widerlegt (Übersicht). Unstrittig ist dagegen, was dieser Artikel nutzt: Der Vagusnerv verlangsamt das Herz, sein Anteil lässt sich über die HRV abschätzen, und die Atmung beeinflusst ihn direkt (Mensch).

Für dich heißt das: Die Bilder der Polyvagaltheorie können beim Beschreiben helfen. Als gesicherte Biologie taugen sie nicht.

Atmen als direkter Zugang zum Vagus

Der Atem ist die Stelle, an der du das vegetative Nervensystem selbst erreichst. Langsames Atmen mit einer Ausatmung, die länger ist als die Einatmung, verstärkt das Mitschwingen des Herzens mit dem Atem; in Studien liegt dieser Effekt bei etwa sechs Atemzügen pro Minute am höchsten (Mensch).

Busch et al. (2012) untersuchten 16 gesunde Freiwillige. Langsames, tiefes Atmen in entspanntem Zustand hob die Schmerzschwelle für Hitze und Kälte und senkte ein Maß für die Sympathikus-Aktivität. Derselbe Atemrhythmus unter hoher Konzentration tat das nicht (Mensch). Der Befund spricht dafür, dass nicht nur der Takt zählt, sondern auch, ob der Körper dabei Sicherheit erlebt.

Für Fibromyalgie selbst gibt es nur kleine Studien mit unterschiedlichem Aufbau. Atmen ist darum kein Mittel, das Schmerz sicher senkt. Es ist eine Möglichkeit, die Bremse des Nervensystems direkt anzusprechen, und ihr Effekt auf den Herzrhythmus lässt sich über die HRV beobachten.

Drei Systeme, ein Muster

Das vegetative Nervensystem arbeitet nicht allein. Es steht mit dem Immunsystem und dem Stoffwechsel in ständigem Austausch, und bei Fibromyalgie können alle drei mitbeteiligt sein (Modell nach Keferstein und Kollegen, 2025).

Nervensystem und Immunsystem. Der Vagusnerv dämpft Entzündung (Tier; Pavlov und Tracey, 2012), und Entzündungsbotenstoffe können das Schmerzsystem empfindlicher stellen (Mensch, Tier; Woolf, 2011).

Nervensystem und Stoffwechsel. Mitochondrien, die Orte der Energiegewinnung in der Zelle, lesen Signale von Nerven, Hormonen und Immunsystem als Herausforderung oder Gefahr und setzen sie um (Modell). Energie zu erzeugen ist dabei eine Aufgabe unter vielen. Sie sind ein Ort, an dem viele Wege zusammenlaufen, nicht die eine Ursache.

Darm und Gehirn. Das veränderte Mikrobiom bei Fibromyalgie (Mensch; Minerbi et al., 2019) zeigt, dass auch der Darm Teil des Bildes ist.

Dieses Modell erklärt, warum Fibromyalgie bei verschiedenen Menschen so verschieden aussieht: Bei den einen steht der Schmerz vorn, bei anderen Erschöpfung, Darm oder Schlaf. Und es erklärt, warum ein einzelner Ansatz selten reicht. Ein gesenktes Symptom ist nicht dasselbe wie ein beendetes Programm.

Praxisrelevanz

Der Blick auf die Bremse verändert die Frage. Statt nur „Wie dämpfe ich den Alarm?“ lautet sie auch: „Wie findet mein Nervensystem wieder zur Ruhe?“ Ärztliche Behandlung, Kreislauftests und Medikamente bleiben wichtig, wo sie gebraucht werden. Daneben gibt es mit dem Atem einen Zugang, den du selbst in der Hand hast.

Die HRV kann dabei ein Begleiter sein, kein Urteil. Als persönlicher Verlauf zeigt sie, ob sich deine Regelung bewegt. Was das für Schmerz, Schlaf und Alltag bedeutet, zeigt erst der Vergleich mit deinem Erleben.

zum Merken
Ruhe ist keine Willensfrage. Sie ist eine Fähigkeit deines Nervensystems, und Fähigkeiten können sich verändern.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang darauf achten, wann dein Körper zur Ruhe kommt und wann nicht: nach welchem Tag, welcher Mahlzeit, welchem Gespräch, wie viel Schlaf. Schwindel beim Aufstehen, Herzklopfen oder Blutdruckschwankungen kannst du dazu notieren; deine Ärztin kann sie mit einfachen Kreislauftests einordnen.

Du kannst ausprobieren, wie sich langsames Atmen mit langer Ausatmung für dich anfühlt, ein paar Minuten in entspannter Haltung. Achte darauf, was danach mit Herzschlag, Muskelspannung und Schmerz passiert, und ob es sich gut anfühlt oder anstrengt.

Wenn du deine HRV misst, vergleiche nur mit dir selbst: gleiche Uhrzeit, gleiche Haltung, über Wochen. Ein einzelner Wert ist kein Befund.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die HRV-Befunde bei Fibromyalgie sind über viele Studien gleichgerichtet, aber die Studien sind unterschiedlich angelegt und im Mittel von mäßiger Qualität (Tracy et al., 2016). Ob ein niedriger Vagotonus Beschwerden mit verursacht oder eine Folge von Schmerz, schlechtem Schlaf und wenig Bewegung ist, ist nicht geklärt. Nicht alle Menschen mit Fibromyalgie zeigen dasselbe Muster. Die HRV stellt keine Diagnose, und es gibt keinen Grenzwert dafür. Der entzündungshemmende Reflex ist vor allem im Tierversuch gezeigt. Die Atemstudie von Busch et al. (2012) lief mit gesunden Freiwilligen; Studien bei Fibromyalgie sind klein. Die Polyvagaltheorie und das Modell der drei Systeme sind Modelle, keine gesicherten Befunde.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Mein Körper kommt nie zur Ruhe: autonome Dysregulation, vegetative Dysbalance
  • Herzklopfen und Schwindel beim Aufstehen: orthostatische Intoleranz, Schellong-Test, Kipptischuntersuchung
  • Mein Blutdruck schwankt ständig: Blutdrucklabilität, Barorezeptorreflex
  • Die Bremse im Nervensystem: Vagotonus, parasympathische Aktivität
  • Wie flexibel mein Herzschlag ist: Herzratenvariabilität (HRV), RMSSD
  • Mein Körper verstärkt Schmerz: zentrale Sensitivierung
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Was ist der Unterschied zwischen zu viel Sympathikus und zu wenig Vagotonus?

Im Alltag fühlt sich beides ähnlich an: Herzklopfen, unruhiger Schlaf, ein Körper im Alarm. Im ersten Fall wird zu viel Gas gegeben, im zweiten fehlt die Bremse. Bei Fibromyalgie zeigen HRV-Studien vor allem einen schwächeren Vagus-Anteil (Mensch; Tracy et al., 2016), es gibt aber auch Hinweise auf einen aktivierten Sympathikus (Martinez-Lavin, 2012). Beides kann zugleich bestehen.

Wie kann ich meinen Vagotonus messen?

Am einfachsten über die Herzratenvariabilität. Als Maß für den Vagus-Anteil gelten vor allem RMSSD und die Leistung im hohen Frequenzbereich. Messgeräte für zu Hause liefern unterschiedlich genaue Werte. Es gibt keinen Grenzwert, der einen zu niedrigen Vagotonus feststellt; sinnvoll ist der Vergleich mit dir selbst über Wochen, zur selben Uhrzeit und in derselben Haltung.

Hilft Atemtherapie bei Fibromyalgie-Schmerzen?

Langsames Atmen erreicht den Vagusnerv direkt und verstärkt das Mitschwingen des Herzens mit dem Atem (Mensch). Bei gesunden Freiwilligen hob entspanntes, langsames Atmen die Schmerzschwelle (Mensch; Busch et al., 2012). Für Fibromyalgie gibt es nur kleine Studien. Atmen ist darum kein sicheres Schmerzmittel, aber eine Möglichkeit, die du selbst beobachten kannst.

Kann man Fibromyalgie über das Nervensystem testen?

Nein. Fibromyalgie wird ärztlich anhand der Beschwerden und nach Ausschluss anderer Ursachen festgestellt; einen Bluttest oder Nerventest dafür gibt es nicht. HRV-Messung und Kreislauftests im Stehen beschreiben, wie dein vegetatives Nervensystem arbeitet. Sie können das Bild ergänzen, stellen aber keine Diagnose.

Gibt es bei Fibromyalgie ein Endstadium?

Nein. Fibromyalgie zerstört weder Gelenke noch Organe und schreitet nicht zu einem Endstadium fort (Mensch). Die Beschwerden schwanken, oft in Schüben, und können sich über die Jahre verändern, bei manchen Menschen werden sie leichter. Wie belastend sie sind, hängt auch davon ab, wie gut das Nervensystem wieder zur Ruhe findet.
Quellen (6)
  • Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
    Martinez-Lavin M. – Pain Research and Treatment (2012) DOI: 10.1155/2012/981565
  • The vagus nerve and the inflammatory reflex—linking immunity and metabolism
    Pavlov V.A., Tracey K.J. – Nature Reviews Endocrinology (2012) DOI: 10.1038/nrendo.2012.189
  • Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
    Woolf C.J. – Pain (2011) DOI: 10.1016/j.pain.2010.09.030
  • Altered microbiome composition in individuals with fibromyalgia
    Minerbi A., Gonzalez E., Brereton N.J.B. et al. – Pain (2019) DOI: 10.1097/j.pain.0000000000001640
  • The Effect of Deep and Slow Breathing on Pain Perception, Autonomic Activity, and Mood Processing—An Experimental Study
    Busch V., Magerl W., Kern U. et al. – Pain Medicine (2012) DOI: 10.1111/j.1526-4637.2011.01243.x
  • Toward a System for Chronic Health
    Keferstein, G.; Wesseling, C.; Höhfeld, D.; Sauren, J.; Walde, D.; Hoffmann, L.; Wilting, R.; Stenzel, J. – Preprints (2025) DOI: 10.20944/preprints202510.2117.v2
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