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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

Alpha-2-Agonist: Wirkung, Wirkstoffe und Nebenwirkungen

Auch: Alpha-2-Adrenozeptor-Agonist · Alpha2-Agonist · α2-Agonist · A2-Agonist · Antisympathotonikum
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Alpha-2-Agonisten aktivieren einen Fühler an Nervenzellen, der die Ausschüttung von Noradrenalin drosselt; Blutdruck, Puls und Wachheit sinken (Mensch; Giovannitti et al., 2015).
  • Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Mundtrockenheit, Schwindel und langsamer Puls; nach plötzlichem Absetzen von Clonidin kann der Blutdruck zurückspringen (Mensch).
  • Für Fibromyalgie ist kein Alpha-2-Agonist zugelassen, und eine kontrollierte Clonidin-Studie bei Fibromyalgie gibt es bisher nicht (Mensch, Studienlage).

„Was ist ein Alpha-2-Agonist, wie wirkt er, und welche Nebenwirkungen hat er?“

Du hast das Wort Alpha-2-Agonist auf einem Beipackzettel gelesen, in einem Arztbrief oder in einem Text über das vegetative Nervensystem. Vielleicht nimmst du Clonidin wegen des Blutdrucks, dein Kind bekommt Guanfacin, oder jemand hat dir erklärt, bei Fibromyalgie sei dein Sympathikus zu aktiv.

Die mechanische Sicht sagt: Ist der Sympathikus zu laut, dämpft man ihn mit einem Wirkstoff, der genau an seiner Bremse ansetzt. Blutdruck und Puls sinken messbar, und auf der Intensivstation, im Entzug oder bei gefährlich hohem Blutdruck ist das unverzichtbar. Und trotzdem: Wenn ein Mittel den Alarm dämpft, ist dann auch der Grund für den Alarm verschwunden?

Die energetische Sicht sagt: Ein unruhiges Nervensystem braucht keine Chemie, sondern Ruhe von innen, Atem, Rhythmus, Vertrauen. Sie spürt richtig, dass ein Nervensystem lernen kann, selbst zur Ruhe zu finden. Und trotzdem: Was tut man, wenn der Blutdruck gefährlich steigt oder ein Entzug den Körper überrollt?

Die biologische Sicht verbindet beides: Ein Alpha-2-Agonist erfindet keine neue Bremse. Er nutzt einen Fühler, den der Körper selbst hat.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ Eine Bremse von außen dämpft den Alarm, beendet aber nicht seinen Grund. Der Körper gewöhnt sich an sie, darum gehört das Absetzen in ärztliche Hände.

Was im Körper passiert

Stell dir eine Nervenzelle des Sympathikus wie einen Wasserhahn mit eingebautem Füllstandsmesser vor. Fließt Noradrenalin in den Spalt zur nächsten Zelle, misst der Alpha-2-Rezeptor den Pegel und dreht den Hahn zu, sobald genug da ist. So schützt sich der Körper davor, dass Alarm überschießt (Mensch und Tier; Lehrbuchwissen).

Ein Alpha-2-Agonist täuscht den Messer: Er meldet einen vollen Pegel, obwohl wenig da ist. Der Hahn bleibt fast zu, im Hirnstamm und an den Gefäßen. Darum sinken Blutdruck und Puls, und darum macht er müde (Mensch; Giovannitti et al., 2015).

Der Körper bleibt dabei nicht passiv. Hat er sich über Wochen auf den gedrosselten Hahn eingestellt und fällt die Täuschung plötzlich weg, dreht er auf, und der Blutdruck kann über den Ausgangswert springen (Mensch; Giovannitti et al., 2015). Das ist kein Defekt, sondern Anpassung: Der Körper hält seine Regelung im Gleichgewicht, auch dann, wenn von außen eine Bremse wirkt.

Alpha-2-Agonist: Wirkung, Wirkstoffe und Nebenwirkungen: Ein Alpha-2-Agonist ist ein Wirkstoff, der den Alpha-2-Rezeptor an Nervenzellen aktiviert. Dadurch schüttet der Sympathikus weniger Noradrenalin aus: Blutdruck und Puls sinken, der Körper wird ruhiger und oft müder.

Der Alpha-2-Rezeptor, genauer Alpha-2-Adrenozeptor, sitzt unter anderem an den Enden von Nervenzellen, die Noradrenalin ausschütten, den Botenstoff des Sympathikus. Er misst, wie viel Noradrenalin schon im Spalt zwischen den Zellen ist, und drosselt bei genug die weitere Ausschüttung. Noradrenalin bremst sich so selbst. Besonders dicht sind diese Rezeptoren im Locus coeruleus, einem kleinen Kern im Hirnstamm, von dem aus Wachheit und Alarm im Gehirn gesteuert werden (Mensch und Tier; Lehrbuchwissen). Ein Alpha-2-Agonist besetzt diesen Rezeptor und meldet der Zelle: Es ist genug da.

Welche Alpha-2-Agonisten gibt es?

Alle hier genannten Wirkstoffe sind verschreibungspflichtig. Clonidin ist der älteste Vertreter. Es wird zur Blutdrucksenkung eingesetzt, bei Entzugsbeschwerden, bei ADHS, zur Beruhigung vor Eingriffen und in der Schmerzmedizin. Guanfacin wird bei ADHS im Kindes- und Jugendalter eingesetzt. Dexmedetomidin dient zur Sedierung auf der Intensivstation und bei Eingriffen. Tizanidin wird bei Muskelspastik eingesetzt (Mensch; Giovannitti et al., 2015). Brimonidin und Apraclonidin sind Augentropfen, die bei erhöhtem Augeninnendruck die Bildung von Kammerwasser senken (Mensch; Lehrbuchwissen). In der Tiermedizin sind Xylazin und Medetomidin verbreitete Beruhigungsmittel.

Was heißt Alpha-2a-Agonist?

Vom Alpha-2-Rezeptor gibt es drei Untertypen: 2A, 2B und 2C. Der Untertyp 2A vermittelt vor allem die Blutdrucksenkung, die Müdigkeit und die Wirkung auf Aufmerksamkeit im Stirnhirn (Tier und Mensch; Lehrbuchwissen). Guanfacin bindet bevorzugt an diesen Untertyp und gilt darum als Alpha-2a-Agonist; Clonidin wirkt auf alle drei.

Wirkung und Nebenwirkungen

Die Wirkungen folgen aus dem Mechanismus: Blutdruck und Puls sinken, Unruhe und Angst lassen nach, die Schmerzweiterleitung im Rückenmark wird gedämpft, der Körper wird schläfrig. Dieselben Wirkungen erscheinen als Nebenwirkungen, wenn sie nicht das Ziel sind: Müdigkeit, Mundtrockenheit, Schwindel beim Aufstehen, niedriger Blutdruck, langsamer Puls und Verstopfung (Mensch; Giovannitti et al., 2015). Alkohol, Schlafmittel und Opioide können die Müdigkeit verstärken. Die Müdigkeit lässt bei längerer Einnahme oft nach, die Wirkung auf den Kreislauf weniger.

Absetzen: warum der Blutdruck zurückspringen kann

Nimmt jemand Clonidin über längere Zeit, stellt sich der Körper auf die Bremse von außen ein. Wird es plötzlich abgesetzt, kann der Blutdruck über den Ausgangswert steigen, bis zu etwa 20 Stunden danach (Mensch; Giovannitti et al., 2015). Das heißt Rebound-Hypertonie. Ob und wie ein solches Mittel beendet wird, plant darum deine Ärztin, in der Regel als schrittweises Ausschleichen.

Alpha-2-Agonisten und Fibromyalgie

Bei Fibromyalgie ist der Sympathikus oft aktiver als bei Gesunden, und Martinez-Lavin (2012) beschreibt Fibromyalgie als Schmerz bei einem dauerhaft angespannten vegetativen Nervensystem (Modell nach Martinez-Lavin). Daraus folgt die Frage, ob es hilft, den Sympathikus mit einem Alpha-2-Agonisten zu bremsen. Für Fibromyalgie ist kein Alpha-2-Agonist zugelassen, und eine kontrollierte Studie mit Clonidin bei Fibromyalgie findet sich in der Fachliteratur bisher nicht. Die größte Studie zu dieser Frage stammt aus einer verwandten Erkrankung, dem chronischen Erschöpfungssyndrom bei Jugendlichen: Clonidin senkte dort Noradrenalin, verbesserte aber die Aktivität nicht (Mensch; Sulheim et al., 2014). Was diese Studie genau zeigt und was nicht, steht im Forschungsupdate zu Clonidin.

zum Merken
Ein Alpha-2-Agonist leiht dem Körper eine Bremse. Sicher fühlen muss sich das Nervensystem trotzdem selbst.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du einen Alpha-2-Agonisten nimmst oder deine Ärztin ihn erwogen hat, kannst du drei Dinge für das Gespräch sammeln:

Wann spürst du Müdigkeit, Schwindel beim Aufstehen oder einen langsamen Puls, und wie stark stören sie deinen Alltag?

Wofür genau ist das Mittel gedacht, und woran würdest du merken, dass es dieses Ziel erreicht?

Was ist geplant, wenn du es irgendwann beenden möchtest? Das Absetzen plant deine Ärztin mit dir, weil der Blutdruck zurückspringen kann.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Wie Alpha-2-Agonisten wirken, ist gut verstanden und vielfach am Menschen gezeigt. Welcher Wirkstoff für wen passt, hängt von Erkrankung, Kreislauf und anderen Medikamenten ab und ist eine ärztliche Entscheidung. Bei Fibromyalgie gibt es keine kontrollierte Studie mit einem Alpha-2-Agonisten; die größte Studie zur Frage, ob das Dämpfen des Sympathikus hilft, untersuchte Jugendliche mit chronischem Erschöpfungssyndrom und lässt sich nur mit Vorbehalt übertragen. Ob der aktive Sympathikus bei Fibromyalgie Ursache, Folge oder Ausgleich ist, wissen wir nicht.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Ein Mittel, das den Sympathikus bremst: Alpha-2-Agonist, Antisympathotonikum
  • Der Botenstoff des Alarmsystems: Noradrenalin, Sympathikus
  • Der Blutdruck springt nach dem Absetzen hoch: Rebound-Hypertonie, Absetzphänomen
  • Mir wird beim Aufstehen schwindlig: orthostatische Hypotonie
  • Mein Puls ist sehr langsam: Bradykardie
  • Langsam weniger nehmen: Ausschleichen
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Welche Medikamente sind Alpha-2-Agonisten?

Die bekanntesten sind Clonidin (Blutdruck, Entzug, ADHS, Beruhigung vor Eingriffen), Guanfacin (ADHS), Dexmedetomidin (Sedierung auf der Intensivstation), Tizanidin (Muskelspastik) sowie Brimonidin und Apraclonidin als Augentropfen bei erhöhtem Augeninnendruck. Alle sind verschreibungspflichtig. Welches Mittel wofür eingesetzt wird, entscheidet die Ärztin.

Was ist ein Alpha-2a-Agonist?

Der Alpha-2-Rezeptor hat drei Untertypen: 2A, 2B und 2C. Ein Alpha-2a-Agonist bindet bevorzugt an den Untertyp 2A, der Blutdruck, Müdigkeit und Aufmerksamkeit vermittelt. Guanfacin gilt als solcher Wirkstoff; Clonidin wirkt auf alle drei Untertypen.

Was ist der Unterschied zwischen Alpha-1- und Alpha-2-Rezeptor?

Beide reagieren auf Noradrenalin, aber an verschiedenen Orten mit verschiedener Aufgabe. Alpha-1-Rezeptoren sitzen vor allem an den Muskeln der Gefäße und verengen sie, der Blutdruck steigt. Alpha-2-Rezeptoren drosseln vor allem die Ausschüttung von Noradrenalin selbst, der Blutdruck sinkt. Ein Alpha-Agonist ohne Zusatz kann also ganz Unterschiedliches bewirken.

Kann man Clonidin einfach absetzen?

Nach längerer Einnahme kann der Blutdruck nach plötzlichem Absetzen über den Ausgangswert steigen, bis zu etwa 20 Stunden danach (Giovannitti et al., 2015). Ob und wie du ein solches Mittel beendest, entscheidest du darum mit deiner Ärztin; meist wird es schrittweise ausgeschlichen.

Werden Alpha-2-Agonisten bei Fibromyalgie eingesetzt?

Für Fibromyalgie ist kein Alpha-2-Agonist zugelassen, und eine kontrollierte Studie mit Clonidin bei Fibromyalgie gibt es bisher nicht. In einer großen Studie mit Jugendlichen mit chronischem Erschöpfungssyndrom senkte Clonidin Noradrenalin, verbesserte aber die Aktivität nicht (Sulheim et al., 2014). Ob ein Medikament für dich in Frage kommt, klärt deine Ärztin.
Quellen (2)
  • Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
    Martinez-Lavin M. – Pain Research and Treatment (2012) DOI: 10.1155/2012/981565
  • The vagus nerve and the inflammatory reflex—linking immunity and metabolism
    Pavlov V.A., Tracey K.J. – Nature Reviews Endocrinology (2012) DOI: 10.1038/nrendo.2012.189

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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