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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

Zentrale Sensitivierung

Auch: Central Sensitization · Zentralisierter Schmerz · Centralized Pain
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Definition

Zentrale Sensitivierung Zentrale Sensitivierung ist eine erhöhte Erregbarkeit zentraler Neuronen im Rückenmark und Gehirn, die dazu führt, dass normalerweise nicht-schmerzhafte Reize als schmerzhaft empfunden werden (Allodynie) und schmerzhafte Reize verstärkt wahrgenommen werden (Hyperalgesie).

Im Detail

Woolf (2011) definierte zentrale Sensitivierung als „an amplification of neural signaling within the CNS that elicits pain hypersensitivity". Bei diesem Prozess werden die Wide-Dynamic-Range-Neuronen im Hinterhorn des Rückenmarks überempfindlich: Ihre Schwelle sinkt, ihr rezeptives Feld erweitert sich, und ihre Antwort auf Stimulation ist verstärkt und verlängert.

Der Mechanismus involviert NMDA-Rezeptoren, Substanz P, CGRP und Glutamat. Bei wiederholter nozizeptiver Stimulation werden NMDA-Rezeptoren durchlässiger für Kalzium, was die postsynaptische Erregbarkeit dauerhaft erhöht. Gleichzeitig schütten aktivierte Mikroglia im Rückenmark proinflammatorische Zytokine aus, die die neuronale Sensitivierung weiter verstärken.

Bei Fibromyalgie ist die zentrale Sensitivierung chronisch – sie persistiert ohne fortlaufenden peripheren Input. Clauw (2014) beschrieb dies als „centralized pain": Das Schmerzverarbeitungssystem selbst ist dysfunktional. Funktionelle Bildgebung zeigt verstärkte Aktivierung im anterioren cingulären Cortex, der Insula und dem somatosensorischen Cortex bei Fibromyalgie-Betroffenen. Gleichzeitig ist die descending inhibition – die Schmerzhemmung vom Hirnstamm zum Rückenmark über serotonerge und noradrenerge Bahnen – bei Fibromyalgie reduziert.

— Die MOJO Perspektive

Zentrale Sensitivierung ist kein isoliertes Phänomen – sie wird durch fehlenden Vagotonus (gestörter inflammatorischer Reflex), Neuroinflammation und pronozizeptive Stoffwechselprodukte (OxLAMs) unterhalten. In der Regenerationsmedizin adressieren wir nicht nur den Schmerz, sondern die Faktoren, die die Sensitivierung aufrechterhalten.

Das Wichtigste in Kürze

  • 1Erhöhte Erregbarkeit zentraler Neuronen – das Nervensystem verstärkt eingehende Signale (Woolf, 2011).
  • 2Allodynie und Hyperalgesie als klinische Manifestationen der zentralen Sensitivierung.
  • 3NMDA-Rezeptoren und Mikroglia-Aktivierung als neurobiologische Mechanismen.
  • 4Reduzierte descending inhibition – die natürliche Schmerzbremse funktioniert nicht ausreichend.
  • 5Der Schmerz ist real – aber er entsteht im Nervensystem, nicht an einer peripheren Schmerzquelle.

— Erkennen · Verstehen · Verändern

Erkennen

Du empfindest Berührungen als schmerzhaft, die andere Menschen kaum wahrnehmen? Leichter Druck, eine Umarmung oder das Bettlaken auf der Haut tun weh? Du reagierst verstärkt auf Reize aller Art – Licht, Lärm, Gerüche, Temperatur? Dann erlebst du möglicherweise die klinischen Manifestationen der zentralen Sensitivierung.

Verstehen

Dein Nervensystem hat die Lautstärke hochgedreht: Signale, die normalerweise leise wären, kommen bei dir laut an. Das passiert nicht in den Muskeln oder Gelenken – es passiert im Rückenmark und Gehirn. Die Neuronen, die Schmerzsignale verarbeiten, sind dauerhaft überempfindlich. Gleichzeitig ist die natürliche Schmerzbremse (descending inhibition) reduziert. Das Ergebnis: Mehr Schmerz bei weniger Ursache.

Verändern

Da die zentrale Sensitivierung im Nervensystem entsteht, muss sie auch dort adressiert werden. In der Forschung werden Ansätze diskutiert, die die zentrale Verarbeitung beeinflussen: Vagusnerv-Aktivierung (Atemtherapie, HRV-Biofeedback), achtsamkeitsbasierte Verfahren, Reduktion pronozizeptiver Fettsäure-Metabolite und moderates Bewegungstraining. Das Verständnis, dass der Schmerz real ist – aber zentral entsteht – verändert die Perspektive fundamental.

Quellen & Referenzen

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