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Forschungsupdate · Diagnosen & Krankheitsbilder

Clonidin bei chronischer Erschöpfung: Studie mit 120 Jugendlichen dämpft den Sympathikus, nicht die Beschwerden

Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Jugendliche mit CFS hatten mehr Noradrenalin im Blut, eine stärkere Pulsreaktion und ein leicht höheres CRP als Gesunde (Mensch; Sulheim et al., 2014).
  • Clonidin senkte Noradrenalin und CRP, verbesserte aber die Aktivität nicht; die Schritte pro Tag lagen eher niedriger (Mensch; Sulheim et al., 2014).
  • Im Liegen stieg die Herzratenvariabilität leicht, beim Aufrichten änderte sich nichts, und die Beschwerden im Stehen blieben (Mensch; Fagermoen et al., 2015).

Moderate Evidenz. Gute Hinweise aus Studien, aber noch nicht abschließend bestätigt.

„Hilft es bei Fibromyalgie, den Sympathikus mit einem Alpha-2-Agonisten wie Clonidin zu bremsen?“

Du hast Fibromyalgie, dein Puls rast beim Aufstehen, du schläfst flach und bist innerlich ständig angespannt. Jemand sagt dir: Dein Sympathikus ist überaktiv, den muss man bremsen. Vielleicht hast du nach Erfahrungen mit Medikamenten bei Fibromyalgie gesucht, oder der Name Clonidin ist gefallen.

Die mechanische Sicht sagt: Zu viel Gas, also Gas wegnehmen. Alpha-2-Agonisten wie Clonidin tun genau das, sie drosseln das Noradrenalin, und Blutdruck und Puls sinken messbar. Und trotzdem: Wenn der Alarm sinkt, warum geht es dann nicht besser?

Die energetische Sicht sagt: Dein Nervensystem steckt in Daueranspannung, es braucht Entspannung und Loslassen. Sie spürt richtig, dass sich ein angespanntes Nervensystem anders anfühlt als ein ruhiges. Und trotzdem: Was, wenn die Anspannung eine Aufgabe hat, die der Körper gerade braucht?

Die biologische Sicht verbindet beides, und eine norwegische Studie hat genau diese Frage geprüft.

Oft heißt es: „Gesund werden heißt, Symptome zu bekämpfen.“ Den Alarm zu senken heißt nicht, gesund zu werden. In der Studie sank das Stresshormon der Nerven, und die Jugendlichen bewegten sich trotzdem nicht mehr.

Was im Körper passiert

Stell dir vor, du schiebst ein Fahrrad mit halb leeren Reifen bergauf. Du strengst dich mehr an, dein Puls steigt, du schwitzt. Wer dir jetzt die Kraft nimmt, macht den Berg nicht flacher.

Der Sympathikus ist diese Kraft. Er hält beim Aufstehen den Blutdruck, macht wach und stellt Energie bereit (Mensch; Lehrbuchwissen). Jugendliche mit CFS hatten mehr Noradrenalin im Blut als Gesunde (Mensch; Sulheim et al., 2014). Unter Clonidin sank es, und mit ihm ein Zeichen leiser Entzündung. Die Jugendlichen gingen aber eher weniger Schritte, und die Beschwerden beim Stehen blieben (Mensch; Fagermoen et al., 2015).

Die Forschenden deuten den Alarm darum als Ausgleich (Modell nach Sulheim et al.). In der Sprache der Regenerationsmedizin passt das zum Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux): Der Körper misst Mangel oder Gefahr und antwortet mit Bereitschaft. Dein Körper ist nicht kaputt. Er schützt sich. Wer nur die Antwort dämpft, ändert nichts an dem, was er misst.

In einer doppelblinden, randomisierten Studie mit 120 Jugendlichen mit chronischem Erschöpfungssyndrom (CFS) senkte Clonidin über neun Wochen das Noradrenalin im Blut und das Entzündungszeichen CRP, die Jugendlichen gingen aber eher weniger Schritte als unter Placebo (Mensch; Sulheim et al., 2014). Die Autoren deuten den erhöhten Sympathikus darum als möglichen Ausgleich des Körpers, nicht als Fehler, den man abstellen sollte.

Studiendesign: Doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie mit vorgeschaltetem Querschnittsvergleich mit Gesunden (NorCAPITAL) · Jugendliche von 12 bis 18 Jahren mit CFS aus einem landesweit zuweisenden Zentrum in Oslo; 68 gesunde Jugendliche als Vergleich; Daten von 2010 bis 2012 · Stichprobe 176 Jugendliche geprüft, 120 aufgenommen (je 60 Clonidin und Placebo), 86 Mädchen und 34 Jungen, mittleres Alter 15,4 Jahre · Dauer 9 Wochen Behandlung mit Clonidin oder Placebo, Nachbeobachtung bis Woche 30

Hintergrund

Fibromyalgie und das chronische Erschöpfungssyndrom, kurz CFS, überschneiden sich stark, in den Beschwerden wie im vegetativen Nervensystem, also dem Teil, der Herz, Kreislauf und Verdauung ohne unser Zutun regelt. Eine systematische Übersicht über 16 Fall-Kontroll-Studien fand bei beiden Erkrankungen meist eine niedrigere Herzratenvariabilität und einen aktiveren Sympathikus als bei Gesunden (Mensch; Meeus et al., 2013). Martinez-Lavin (2012) beschreibt Fibromyalgie deshalb als Schmerz bei einem dauerhaft angespannten vegetativen Nervensystem (Modell nach Martinez-Lavin).

Daraus folgt eine naheliegende Frage: Wenn der Sympathikus die Beschwerden antreibt, müsste es helfen, ihn zu bremsen. Clonidin ist dafür der klassische Wirkstoff. Es aktiviert den Alpha-2-Rezeptor, einen Fühler, der die Ausschüttung von Noradrenalin drosselt; wie das genau funktioniert, erklärt der Eintrag Alpha-2-Agonist.

Bei Fibromyalgie wurde diese Frage nie in einer kontrollierten Studie geprüft; Clonidin taucht in der Fibromyalgie-Forschung, soweit sich die Literatur überblicken lässt, nur als Testsubstanz für Hormonmessungen auf. Geprüft wurde sie in Norwegen, bei Jugendlichen mit CFS, in der Studie NorCAPITAL. Wie eng Fibromyalgie und CFS verwandt sind, steht im Fachbeitrag Fibromyalgie und CFS.

Ergebnisse

Vor der Behandlung, im Vergleich mit Gesunden. Die Jugendlichen mit CFS gingen deutlich weniger Schritte pro Tag, schnitten beim Nachsprechen von Zahlenreihen rückwärts schlechter ab, einem Test des Arbeitsgedächtnisses, und schieden weniger Cortisol im Urin aus. Sie hatten mehr Noradrenalin im Blut, eine stärkere Pulsreaktion und ein leicht erhöhtes CRP, ein Zeichen leiser Entzündung. Bei der Suche nach häufigen Erregern im Blut fand sich kein Unterschied (Mensch; Sulheim et al., 2014).

Unter Clonidin im Vergleich mit Placebo. Das Hauptziel waren die Schritte pro Tag. Die Clonidin-Gruppe ging im Mittel 637 Schritte weniger; dieser Unterschied war statistisch nicht sicher (p = 0,07). Statistisch sicher waren zwei andere Befunde: weniger Noradrenalin im Blut (p = 0,01) und ein CRP, das um rund ein Drittel niedriger lag (p = 0,02). Die Autoren schließen, dass Clonidin bei CFS klinisch nicht nützlich ist (Mensch; Sulheim et al., 2014).

Herz und Kreislauf. Eine zweite Auswertung derselben Studie sah sich den Kreislauf genauer an. Nach acht Wochen waren Noradrenalin in Blut und Urin niedriger. Im Liegen war die Herzratenvariabilität etwas höher, beim Aufrichten auf dem Kipptisch unterschied sich kein Kreislaufwert, und die Beschwerden beim Stehen, die orthostatische Intoleranz, änderten sich nicht. Während der Behandlung schieden 14 Jugendliche aus, 5 in der Clonidin- und 9 in der Placebogruppe (Mensch; Fagermoen et al., 2015).

Was bedeutet das für dich

Die Studie hat genau die Frage gestellt, die viele Menschen mit Fibromyalgie kennen: Ist mein Sympathikus zu aktiv, und hilft es, ihn zu bremsen? Die Antwort bei Jugendlichen mit CFS: Das Bremsen gelingt, der Alltag wird davon nicht besser. Das Mittel tat, was es soll, Noradrenalin sank, sogar die leise Entzündung ging zurück. Die Jugendlichen bewegten sich trotzdem eher weniger.

Die Autoren ziehen daraus einen Schluss, der den Blick dreht: Der aktive Sympathikus und die leise Entzündung könnten Ausgleich sein, kein Fehler (Modell nach Sulheim et al.). Ein Körper, der mit wenig Reserve aufrecht bleiben und sich bewegen soll, mobilisiert mehr Alarm. Nimmt man ihm den Alarm, fehlt ihm ein Teil dessen, womit er sich aufrecht hält. Der Vagusnerv, die Bremse auf der anderen Seite, wurde dabei nicht messbar stärker: Beim Aufrichten blieb die Herzratenvariabilität gleich.

Was die Studie nicht zeigt: dass Clonidin bei Fibromyalgie wirkt oder nicht wirkt. Sie untersuchte Jugendliche mit einer verwandten Erkrankung, in niedriger Menge, über neun Wochen. Für Fibromyalgie ist sie ein begründeter Hinweis, kein Beleg. Und sie sagt nichts über den Einsatz von Clonidin bei Bluthochdruck, ADHS oder im Entzug, wo es zugelassen ist.

Wer Clonidin bereits nimmt, ändert daran nichts wegen dieser Studie. Ob du ein Medikament nimmst, änderst oder absetzt, entscheidest du nach dem Gespräch mit deiner Ärztin; bei Clonidin besonders, weil der Blutdruck nach plötzlichem Absetzen zurückspringen kann.

zum Merken
Ein gesenktes Symptom ist nicht dasselbe wie ein beendetes Programm.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, was dein Alarmsystem dir sagt, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:

Wann steigt die innere Anspannung: beim Aufstehen, nach Belastung, abends, nach schlechtem Schlaf?

Was gibt dir das Gefühl, sicher zu sein, und verändert sich dann etwas an Puls, Atem oder Schmerz?

Wenn du ein Medikament nimmst, das den Sympathikus dämpft: Welche Wirkung und welche Nebenwirkung bemerkst du? Das bringst du ins Gespräch mit deiner Ärztin mit, die über Änderungen entscheidet.

  • Studien richtig zuordnen: Wenn du über Clonidin und Fibromyalgie liest, lohnt der Blick auf die Studie dahinter: Die große kontrollierte Untersuchung stammt von Jugendlichen mit CFS. Für Fibromyalgie ist sie ein Hinweis. Erfahrungsberichte einzelner Menschen sagen noch weniger, weil Wirkung und Nebenwirkungen stark von der Person abhängen.
  • Wenn du Clonidin schon nimmst: Nimmst du Clonidin wegen Blutdruck, ADHS oder Entzugsbeschwerden, sagt diese Studie über diesen Einsatz nichts. Änderungen und ein Absetzen plant deine Ärztin, weil der Blutdruck nach plötzlichem Absetzen über den Ausgangswert steigen kann. Notiere bis zum Termin, wann Müdigkeit oder Schwindel auftreten.
  • Alarm als Information lesen: Herzrasen beim Aufstehen, innere Unruhe, flacher Schlaf: Notiere eine Woche lang, wann sie kommen, nach Belastung, nach schlechtem Schlaf, beim langen Stehen. Solche Beobachtungen helfen deiner Ärztin, Kreislauf und Herz einzuordnen, und dir, zu sehen, worauf dein Körper mit Alarm antwortet.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Studie untersuchte Jugendliche mit CFS, keine Erwachsenen und keine Menschen mit Fibromyalgie; eine Übertragung ist eine Annahme. Geprüft wurde nur eine niedrige, nach Körpergewicht gewählte Menge über neun Wochen; ob andere Mengen oder längere Zeiträume anders wirken, ist offen. Das Hauptziel, die Schritte pro Tag, zeigte nur einen Trend; die Befunde zu Noradrenalin, CRP und Herzratenvariabilität sind Nebenziele mit mehreren Vergleichen. Alle Jugendlichen kamen aus einem einzigen Zentrum. Dass der aktive Sympathikus ein Ausgleich ist, ist eine Deutung der Autoren, kein Nachweis.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Mein Alarmsystem ist ständig an: sympathische Aktivierung, Dysregulation des autonomen Nervensystems
  • Mein Puls rast beim Aufstehen: orthostatische Intoleranz, Kipptischuntersuchung
  • Das Stresshormon der Nerven im Blut: Plasma-Noradrenalin
  • Ein leises Entzündungszeichen: C-reaktives Protein (CRP)
  • Ein Mittel, das den Sympathikus bremst: Alpha-2-Agonist
  • Wie fein mein Herz den Takt anpasst: Herzratenvariabilität (HRV), SDNN
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (4)

Hilft Clonidin bei Fibromyalgie?

Das ist nicht untersucht. Eine kontrollierte Studie mit Clonidin bei Fibromyalgie gibt es bisher nicht, und für Fibromyalgie ist es nicht zugelassen. Bei Jugendlichen mit CFS senkte es den Sympathikus, verbesserte aber die Aktivität nicht (Sulheim et al., 2014). Ob ein Medikament für dich in Frage kommt, klärt deine Ärztin.

Was sind Alpha-2-Agonisten für Medikamente?

Wirkstoffe, die den Alpha-2-Rezeptor aktivieren und so die Ausschüttung von Noradrenalin drosseln. Dazu gehören Clonidin, Guanfacin, Dexmedetomidin, Tizanidin und als Augentropfen Brimonidin. Alle sind verschreibungspflichtig. Wirkung, Nebenwirkungen und das Absetzen erklärt der Eintrag Alpha-2-Agonist.

Was bedeutet Dysregulation des autonomen Nervensystems?

Das autonome oder vegetative Nervensystem regelt Herz, Kreislauf, Atmung und Verdauung ohne unser Zutun. Von Dysregulation spricht man, wenn diese Regelung messbar aus dem Gleichgewicht ist, etwa mit niedriger Herzratenvariabilität und aktivem Sympathikus. Bei Fibromyalgie und CFS ist das im Mittel häufig (Meeus et al., 2013). Ob es Ursache, Folge oder Ausgleich ist, ist offen.

Wenn Bremsen nicht hilft, warum habe ich dann Herzrasen?

Herzrasen kann zweierlei sein: mehr Gas über den Sympathikus und weniger Bremse über den Vagusnerv. Die Studie mit Jugendlichen deutet an, dass das Gas oft eine Aufgabe hat, etwa den Kreislauf im Stehen zu halten (Sulheim et al., 2014). Herzrasen, das nicht abklingt, Brustschmerz oder Ohnmacht klärst du ärztlich, bei Verschlechterung über den Notruf 112.
Quellen (3)
  • Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
    Martinez-Lavin M. – Pain Research and Treatment (2012) DOI: 10.1155/2012/981565
  • The vagus nerve and the inflammatory reflex—linking immunity and metabolism
    Pavlov V.A., Tracey K.J. – Nature Reviews Endocrinology (2012) DOI: 10.1038/nrendo.2012.189
  • Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
    Woolf C.J. – Pain (2011) DOI: 10.1016/j.pain.2010.09.030

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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