„Hilft es bei Fibromyalgie, den Sympathikus mit einem Alpha-2-Agonisten wie Clonidin zu bremsen?“
Du hast Fibromyalgie, dein Puls rast beim Aufstehen, du schläfst flach und bist innerlich ständig angespannt. Jemand sagt dir: Dein Sympathikus ist überaktiv, den muss man bremsen. Vielleicht hast du nach Erfahrungen mit Medikamenten bei Fibromyalgie gesucht, oder der Name Clonidin ist gefallen.
Die mechanische Sicht sagt: Zu viel Gas, also Gas wegnehmen. Alpha-2-Agonisten wie Clonidin tun genau das, sie drosseln das Noradrenalin, und Blutdruck und Puls sinken messbar. Und trotzdem: Wenn der Alarm sinkt, warum geht es dann nicht besser?
Die energetische Sicht sagt: Dein Nervensystem steckt in Daueranspannung, es braucht Entspannung und Loslassen. Sie spürt richtig, dass sich ein angespanntes Nervensystem anders anfühlt als ein ruhiges. Und trotzdem: Was, wenn die Anspannung eine Aufgabe hat, die der Körper gerade braucht?
Die biologische Sicht verbindet beides, und eine norwegische Studie hat genau diese Frage geprüft.
Oft heißt es: „Gesund werden heißt, Symptome zu bekämpfen.“ Den Alarm zu senken heißt nicht, gesund zu werden. In der Studie sank das Stresshormon der Nerven, und die Jugendlichen bewegten sich trotzdem nicht mehr.
Was im Körper passiert
Stell dir vor, du schiebst ein Fahrrad mit halb leeren Reifen bergauf. Du strengst dich mehr an, dein Puls steigt, du schwitzt. Wer dir jetzt die Kraft nimmt, macht den Berg nicht flacher.
Der Sympathikus ist diese Kraft. Er hält beim Aufstehen den Blutdruck, macht wach und stellt Energie bereit (Mensch; Lehrbuchwissen). Jugendliche mit CFS hatten mehr Noradrenalin im Blut als Gesunde (Mensch; Sulheim et al., 2014). Unter Clonidin sank es, und mit ihm ein Zeichen leiser Entzündung. Die Jugendlichen gingen aber eher weniger Schritte, und die Beschwerden beim Stehen blieben (Mensch; Fagermoen et al., 2015).
Die Forschenden deuten den Alarm darum als Ausgleich (Modell nach Sulheim et al.). In der Sprache der Regenerationsmedizin passt das zum Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux): Der Körper misst Mangel oder Gefahr und antwortet mit Bereitschaft. Dein Körper ist nicht kaputt. Er schützt sich. Wer nur die Antwort dämpft, ändert nichts an dem, was er misst.
In einer doppelblinden, randomisierten Studie mit 120 Jugendlichen mit chronischem Erschöpfungssyndrom (CFS) senkte Clonidin über neun Wochen das Noradrenalin im Blut und das Entzündungszeichen CRP, die Jugendlichen gingen aber eher weniger Schritte als unter Placebo (Mensch; Sulheim et al., 2014). Die Autoren deuten den erhöhten Sympathikus darum als möglichen Ausgleich des Körpers, nicht als Fehler, den man abstellen sollte.
Studiendesign: Doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie mit vorgeschaltetem Querschnittsvergleich mit Gesunden (NorCAPITAL) · Jugendliche von 12 bis 18 Jahren mit CFS aus einem landesweit zuweisenden Zentrum in Oslo; 68 gesunde Jugendliche als Vergleich; Daten von 2010 bis 2012 · Stichprobe 176 Jugendliche geprüft, 120 aufgenommen (je 60 Clonidin und Placebo), 86 Mädchen und 34 Jungen, mittleres Alter 15,4 Jahre · Dauer 9 Wochen Behandlung mit Clonidin oder Placebo, Nachbeobachtung bis Woche 30
Hintergrund
Fibromyalgie und das chronische Erschöpfungssyndrom, kurz CFS, überschneiden sich stark, in den Beschwerden wie im vegetativen Nervensystem, also dem Teil, der Herz, Kreislauf und Verdauung ohne unser Zutun regelt. Eine systematische Übersicht über 16 Fall-Kontroll-Studien fand bei beiden Erkrankungen meist eine niedrigere Herzratenvariabilität und einen aktiveren Sympathikus als bei Gesunden (Mensch; Meeus et al., 2013). Martinez-Lavin (2012) beschreibt Fibromyalgie deshalb als Schmerz bei einem dauerhaft angespannten vegetativen Nervensystem (Modell nach Martinez-Lavin).
Daraus folgt eine naheliegende Frage: Wenn der Sympathikus die Beschwerden antreibt, müsste es helfen, ihn zu bremsen. Clonidin ist dafür der klassische Wirkstoff. Es aktiviert den Alpha-2-Rezeptor, einen Fühler, der die Ausschüttung von Noradrenalin drosselt; wie das genau funktioniert, erklärt der Eintrag Alpha-2-Agonist.
Bei Fibromyalgie wurde diese Frage nie in einer kontrollierten Studie geprüft; Clonidin taucht in der Fibromyalgie-Forschung, soweit sich die Literatur überblicken lässt, nur als Testsubstanz für Hormonmessungen auf. Geprüft wurde sie in Norwegen, bei Jugendlichen mit CFS, in der Studie NorCAPITAL. Wie eng Fibromyalgie und CFS verwandt sind, steht im Fachbeitrag Fibromyalgie und CFS.
Ergebnisse
Vor der Behandlung, im Vergleich mit Gesunden. Die Jugendlichen mit CFS gingen deutlich weniger Schritte pro Tag, schnitten beim Nachsprechen von Zahlenreihen rückwärts schlechter ab, einem Test des Arbeitsgedächtnisses, und schieden weniger Cortisol im Urin aus. Sie hatten mehr Noradrenalin im Blut, eine stärkere Pulsreaktion und ein leicht erhöhtes CRP, ein Zeichen leiser Entzündung. Bei der Suche nach häufigen Erregern im Blut fand sich kein Unterschied (Mensch; Sulheim et al., 2014).
Unter Clonidin im Vergleich mit Placebo. Das Hauptziel waren die Schritte pro Tag. Die Clonidin-Gruppe ging im Mittel 637 Schritte weniger; dieser Unterschied war statistisch nicht sicher (p = 0,07). Statistisch sicher waren zwei andere Befunde: weniger Noradrenalin im Blut (p = 0,01) und ein CRP, das um rund ein Drittel niedriger lag (p = 0,02). Die Autoren schließen, dass Clonidin bei CFS klinisch nicht nützlich ist (Mensch; Sulheim et al., 2014).
Herz und Kreislauf. Eine zweite Auswertung derselben Studie sah sich den Kreislauf genauer an. Nach acht Wochen waren Noradrenalin in Blut und Urin niedriger. Im Liegen war die Herzratenvariabilität etwas höher, beim Aufrichten auf dem Kipptisch unterschied sich kein Kreislaufwert, und die Beschwerden beim Stehen, die orthostatische Intoleranz, änderten sich nicht. Während der Behandlung schieden 14 Jugendliche aus, 5 in der Clonidin- und 9 in der Placebogruppe (Mensch; Fagermoen et al., 2015).
Was bedeutet das für dich
Die Studie hat genau die Frage gestellt, die viele Menschen mit Fibromyalgie kennen: Ist mein Sympathikus zu aktiv, und hilft es, ihn zu bremsen? Die Antwort bei Jugendlichen mit CFS: Das Bremsen gelingt, der Alltag wird davon nicht besser. Das Mittel tat, was es soll, Noradrenalin sank, sogar die leise Entzündung ging zurück. Die Jugendlichen bewegten sich trotzdem eher weniger.
Die Autoren ziehen daraus einen Schluss, der den Blick dreht: Der aktive Sympathikus und die leise Entzündung könnten Ausgleich sein, kein Fehler (Modell nach Sulheim et al.). Ein Körper, der mit wenig Reserve aufrecht bleiben und sich bewegen soll, mobilisiert mehr Alarm. Nimmt man ihm den Alarm, fehlt ihm ein Teil dessen, womit er sich aufrecht hält. Der Vagusnerv, die Bremse auf der anderen Seite, wurde dabei nicht messbar stärker: Beim Aufrichten blieb die Herzratenvariabilität gleich.
Was die Studie nicht zeigt: dass Clonidin bei Fibromyalgie wirkt oder nicht wirkt. Sie untersuchte Jugendliche mit einer verwandten Erkrankung, in niedriger Menge, über neun Wochen. Für Fibromyalgie ist sie ein begründeter Hinweis, kein Beleg. Und sie sagt nichts über den Einsatz von Clonidin bei Bluthochdruck, ADHS oder im Entzug, wo es zugelassen ist.
Wer Clonidin bereits nimmt, ändert daran nichts wegen dieser Studie. Ob du ein Medikament nimmst, änderst oder absetzt, entscheidest du nach dem Gespräch mit deiner Ärztin; bei Clonidin besonders, weil der Blutdruck nach plötzlichem Absetzen zurückspringen kann.
Ein gesenktes Symptom ist nicht dasselbe wie ein beendetes Programm.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, was dein Alarmsystem dir sagt, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:
Wann steigt die innere Anspannung: beim Aufstehen, nach Belastung, abends, nach schlechtem Schlaf?
Was gibt dir das Gefühl, sicher zu sein, und verändert sich dann etwas an Puls, Atem oder Schmerz?
Wenn du ein Medikament nimmst, das den Sympathikus dämpft: Welche Wirkung und welche Nebenwirkung bemerkst du? Das bringst du ins Gespräch mit deiner Ärztin mit, die über Änderungen entscheidet.
- Studien richtig zuordnen: Wenn du über Clonidin und Fibromyalgie liest, lohnt der Blick auf die Studie dahinter: Die große kontrollierte Untersuchung stammt von Jugendlichen mit CFS. Für Fibromyalgie ist sie ein Hinweis. Erfahrungsberichte einzelner Menschen sagen noch weniger, weil Wirkung und Nebenwirkungen stark von der Person abhängen.
- Wenn du Clonidin schon nimmst: Nimmst du Clonidin wegen Blutdruck, ADHS oder Entzugsbeschwerden, sagt diese Studie über diesen Einsatz nichts. Änderungen und ein Absetzen plant deine Ärztin, weil der Blutdruck nach plötzlichem Absetzen über den Ausgangswert steigen kann. Notiere bis zum Termin, wann Müdigkeit oder Schwindel auftreten.
- Alarm als Information lesen: Herzrasen beim Aufstehen, innere Unruhe, flacher Schlaf: Notiere eine Woche lang, wann sie kommen, nach Belastung, nach schlechtem Schlaf, beim langen Stehen. Solche Beobachtungen helfen deiner Ärztin, Kreislauf und Herz einzuordnen, und dir, zu sehen, worauf dein Körper mit Alarm antwortet.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die Studie untersuchte Jugendliche mit CFS, keine Erwachsenen und keine Menschen mit Fibromyalgie; eine Übertragung ist eine Annahme. Geprüft wurde nur eine niedrige, nach Körpergewicht gewählte Menge über neun Wochen; ob andere Mengen oder längere Zeiträume anders wirken, ist offen. Das Hauptziel, die Schritte pro Tag, zeigte nur einen Trend; die Befunde zu Noradrenalin, CRP und Herzratenvariabilität sind Nebenziele mit mehreren Vergleichen. Alle Jugendlichen kamen aus einem einzigen Zentrum. Dass der aktive Sympathikus ein Ausgleich ist, ist eine Deutung der Autoren, kein Nachweis.