„Was bedeutet Vagotonus, und ist ein erhöhter oder ein niedriger Vagotonus ein Problem?“
Du hast das Wort Vagotonus in einem Befund gelesen, in einer App gesehen oder in einem Artikel über Fibromyalgie. Vielleicht hat dir jemand gesagt, dein Vagotonus sei erhöht, weil dein Puls so langsam ist. Oder du hast das Gefühl, dein Körper kommt nie zur Ruhe.
Die mechanische Sicht der Medizin betrachtet den Vagotonus vor allem am Herzen: Ein langsamer Puls bei Sportlern ist normal, bei Beschwerden prüft ein EKG, ob die Reizleitung gestört ist (Mensch). Das ist genau und schützt vor übersehenen Rhythmusstörungen. Und trotzdem: Warum erholen sich manche Menschen schnell und andere kaum, obwohl ihr EKG unauffällig ist?
Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde sieht im Vagusnerv den Nerv der Ruhe und Selbstheilung und arbeitet mit Atem, Summen und Kälte. Sie hat recht damit, dass Ruhe nichts Passives ist, sondern etwas, das der Körper tut. Und trotzdem: Was davon ist messbar, und was ist ein Bild?
Die biologische Sicht verbindet beides: Der Vagotonus ist eine messbare Eigenschaft der Regelung, nämlich wie stark und wie flexibel dein Körper bremsen kann.
Oft heißt es: „Resilienz ist Psychologie.“ Wie schnell du nach Belastung zur Ruhe findest, ist auch Biologie: Der Vagusnerv bremst mit, und diese Fähigkeit kann sich verändern.
Was im Körper passiert
Stell dir dein Herz als Pferd vor, das von sich aus schneller laufen würde, als dein Ruhepuls es zeigt. Der Vagusnerv hält die Zügel. Er bremst über den Botenstoff Acetylcholin am Taktgeber des Herzens (Mensch). Wie fest er die Zügel in Ruhe hält, ist der Vagotonus.
Beim Einatmen lockert er die Zügel ein wenig, beim Ausatmen zieht er sie an. Darum schwankt dein Herzschlag mit dem Atem, und an diesen Schwankungen lässt sich der Vagotonus über die HRV abschätzen (Mensch; Laborde et al., 2017). Entscheidend ist nicht ein möglichst hoher Wert, sondern Beweglichkeit: lockerlassen, wenn du gefordert bist, und wieder anziehen, wenn die Belastung vorbei ist.
Wozu lässt der Körper die Zügel los? Bei Gefahr braucht er Tempo. Meldet er lange Gefahr, etwa bei Dauerschmerz, bleiben die Zügel locker. Bei chronischen Schmerzen und besonders bei Fibromyalgie ist der Vagus-Anteil der HRV im Mittel verringert (Mensch; Tracy et al., 2016). Das ist Schutz, ein Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response genannt (Modell nach Naviaux). Und die Zügel tun noch mehr: Im Tierversuch dämpft der Vagusnerv über einen eigenen Reflex Entzündung (Tier; Pavlov und Tracey, 2012).
Vagotonus: Bedeutung, erhöhter und niedriger vagaler Tonus: Vagotonus, auch vagaler Tonus, ist die Grundaktivität des Vagusnervs: wie stark er in Ruhe vor allem das Herz bremst und den Körper auf Erholung stellt. Ein hoher Vagotonus zeigt sich etwa in einem langsamen Ruhepuls, ein niedriger in einem Nervensystem, das schwer zur Ruhe findet.
Der Vagusnerv ist der wichtigste Nerv des Parasympathikus, des Teils des vegetativen Nervensystems, der auf Erholung schaltet. Er verlangsamt das Herz über den Botenstoff Acetylcholin am Taktgeber des Herzens, er fördert die Verdauung und leitet laufend Meldungen aus den Organen zum Gehirn (Mensch). Der Vagotonus beschreibt, wie stark diese Bremse in Ruhe dauerhaft wirkt. Direkt messen lässt er sich nicht. Geschätzt wird er über die Herzratenvariabilität (HRV), vor allem über RMSSD, die Schwankung von Schlag zu Schlag, und über den hohen Frequenzbereich, der im Takt der Atmung schwingt (Mensch; Laborde et al., 2017).
Erhöhter Vagotonus: Bedeutung und Ursachen
Ein erhöhter Vagotonus ist meist kein Problem, sondern ein Zeichen guter Anpassung. Typisch ist er bei Menschen, die viel Ausdauersport treiben: Ihr Ruhepuls ist langsam, weil der Vagusnerv stärker bremst (Mensch). Auch Veranlagung, Schlaf und Tageszeit spielen mit; nachts ist der Vagotonus bei fast allen höher als tagsüber (Mensch).
Daneben gibt es kurze Vagus-Reaktionen: Beim Pressen, Würgen, bei starkem Schmerz, Schreck oder langem Stehen kann der Vagusnerv plötzlich stark bremsen. Puls und Blutdruck fallen, und es kann einem schwarz vor Augen werden bis zur Ohnmacht. Das heißt vasovagale Reaktion (Mensch). Das ältere Wort Vagotonie beschreibt Menschen, deren Körper eher auf Erholung gestellt ist: langsamer Puls, eher niedriger Blutdruck, Schwindel beim Aufstehen, kalte Hände. Ob solche Zeichen harmlos sind oder ein Herzrhythmus dahintersteckt, klärt deine Ärztin mit EKG und Kreislauftests.
Niedriger Vagotonus
Ein niedriger Vagotonus heißt: Die Bremse wirkt schwächer, der Körper bleibt eher in Bereitschaft. Die HRV ist dann im Vagus-Bereich niedriger. Das findet sich bei Dauerstress, wenig Schlaf, wenig Bewegung und bei vielen chronischen Erkrankungen (Mensch).
Vagotonus bei Fibromyalgie
Eine Meta-Analyse von Tracy et al. (2016) fand bei chronischen Schmerzen eine verringerte HRV im hohen Frequenzbereich, ein Zeichen geringerer Vagus-Aktivität; die Fibromyalgie-Studien prägten das Ergebnis besonders (Mensch). Martinez-Lavin (2012) beschreibt bei Fibromyalgie zugleich einen dauerhaft aktivierten Sympathikus (Modell nach Martinez-Lavin). Zu viel Gas und zu wenig Bremse schließen sich nicht aus; beide verschieben das Gleichgewicht Richtung Alarm.
Die Polyvagaltheorie nach Porges deutet den Vagotonus zusätzlich als Ausdruck von Sicherheit und Bindung. Sie ist ein verbreitetes, in der Fachwelt aber umstrittenes Modell; für diesen Begriff braucht es sie nicht.
Ein guter Vagotonus heißt nicht, immer ruhig zu sein. Er heißt, nach dem Sturm wieder zur Ruhe zu finden.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.
Du kannst eine Woche lang morgens nach dem Aufwachen deinen Puls fühlen und darauf achten, wie schnell er nach einer Treppe oder einem zügigen Weg wieder ruhiger wird. Vergleiche nur mit dir selbst; ein langsamer Puls allein ist kein Befund. Schwindel, Ohnmacht oder ein sehr langsamer Puls mit Beschwerden ordnet deine Ärztin mit EKG und Kreislauftests ein.
Du kannst ausprobieren, wie sich langsames Atmen mit langer Ausatmung anfühlt, ein paar Minuten in entspannter Haltung, und was danach mit Herzschlag und Anspannung passiert. Bei gesunden Freiwilligen hob entspanntes, langsames Atmen die Schmerzschwelle (Mensch; Busch et al., 2012).
Wenn du deine HRV mit einem Gerät misst, miss unter gleichen Bedingungen und schau auf den Verlauf über Wochen. Ein einzelner Wert ist kein Urteil über dich.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Der Vagotonus lässt sich nur indirekt über die HRV schätzen, und die HRV hängt stark von Atmung, Alter, Körperlage, Tageszeit, Medikamenten und Messgerät ab (Mensch; Laborde et al., 2017). Es gibt keinen Grenzwert, ab dem ein Vagotonus als zu hoch oder zu niedrig gilt, und die HRV stellt keine Diagnose. Was einzelne Kennzahlen genau abbilden, etwa das Verhältnis von niedrigem zu hohem Frequenzbereich, ist in der Fachwelt umstritten. Bei Fibromyalgie ist der Vagus-Anteil im Gruppenmittel verringert; ob das Ursache oder Folge der Beschwerden ist, ist offen. Dass langsames Atmen den Herzrhythmus kurzfristig verändert, ist gut gezeigt; ob es Beschwerden dauerhaft verändert, ist kaum untersucht. Die Polyvagaltheorie ist ein umstrittenes Modell.