„Auf Vitaminen steht oft „bioaktiv“. Was heißt das, und ist die aktive Form wirklich besser als die Vorstufe?“
Du kennst das vielleicht: Du isst bunt, viel Gemüse, Leinsamen und Vollkorn, und trotzdem fühlst du dich nicht gut versorgt. Im Drogeriemarkt stehen Dosen mit „bioaktiv“ neben solchen ohne, und du fragst dich, ob das einen Unterschied macht.
Die mechanische Sicht sagt: Nährstoff ist Nährstoff. Die Nährwerttabelle zählt Milligramm, und wer die Referenzwerte erreicht, ist versorgt. Das ist nüchtern und für die meisten Vitamine richtig, so arbeiten auch die Fachgesellschaften. Und trotzdem: Warum haben manche Menschen bei reichlich Karotten wenig Retinol im Blut?
Die energetische Sicht sagt: Natürliche Formen sind lebendig, synthetische tot; bioaktiv fühlt sich besser an. Darin steckt etwas Richtiges, denn dein Körper arbeitet tatsächlich mit bestimmten Formen und nicht mit anderen. Und trotzdem: Cyanocobalamin ist synthetisch und wird von den meisten Menschen gut umgebaut.
Die biologische Sicht verbindet beides. Sie fragt nach dem Weg: Welche Form liefert ein Lebensmittel, welche braucht die Zelle, und wie gut gelingt dein Umbau dazwischen?
Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Nicht die Menge auf dem Etikett entscheidet, sondern was nach dem Umbau in der Zelle ankommt. Und wo der Umbau gut gelingt, genügt auch die Vorstufe.
Was im Körper passiert
Stell dir eine Vorstufe als Rohling vor und die bioaktive Form als fertigen Schlüssel. Viele Vitamine sind Rohlinge: Erst ein Enzym feilt sie zu einem Coenzym zurecht, das in ein anderes Enzym passt und dort eine Reaktion möglich macht. Thiamin wird zu Thiamindiphosphat, Riboflavin zu FAD, Pantothensäure zu Coenzym A, und erst diese Formen arbeiten etwa in deinen Mitochondrien beim Abbau von Zucker und Fett (Lehrbuchwissen).
Meist ist das Feilen kein Problem. Zum Engpass wird es, wo das Enzym selbst knapp oder schwach ist. Beim Vitamin A spaltet BCO1 das Beta-Carotin; häufige Genvarianten senken seine Leistung, und Trägerinnen setzten in einer Studie deutlich weniger um (Mensch; Leung et al. 2009). Bei Omega-3 baut eine Kette von Enzymen ALA zu DHA aus, und nur ein kleiner Teil kommt am Ende an (Mensch; Burdge und Wootton 2002). Beim Eisen liegt der Engpass schon vor dem Umbau, an der Tür des Darms: Pflanzliches Eisen muss erst in die passende Ladung gebracht werden, und Begleitstoffe der Mahlzeit fangen es ab (Mensch; Hurrell und Egli 2010).
Der Körper regelt dabei mit. Bei leeren Eisenspeichern öffnet der Darm die Tür weiter. Bei Vitamin A bremst er die Spaltung, wenn genug Retinol da ist. Bioaktiv heißt darum nicht immer besser: Die fertige Form umgeht auch diese Bremse.
1. Vitamin A: Retinol und Beta-Carotin
Retinol ist die Form, die Zellen direkt nutzen, für das Sehen, die Schleimhäute und die Reifung von Immunzellen. Es steckt in Leber, Eigelb und Butter. Pflanzen liefern Beta-Carotin, eine Vorstufe, die das Enzym BCO1 im Darm erst spaltet. Leung et al. (2009) fanden bei Frauen zwei häufige Varianten im Gen dieses Enzyms; Trägerinnen setzten deutlich weniger Beta-Carotin um, bei beiden Varianten zusammen um 69 Prozent weniger (Mensch). Wer nur auf Beta-Carotin baut, hängt also stärker von seinen Genen ab. Mehr dazu unter Retinol und Beta-Carotin.
Tipp: Fachbegriff fürs Gespräch: Retinol im Serum, nicht Beta-Carotin.
2. Vitamin B12: Methyl-, Adenosyl- und Cyanocobalamin
Zwei Formen arbeiten in deinen Zellen als Coenzym: Methylcobalamin in der Methylierung, Adenosylcobalamin in den Mitochondrien, wo es bestimmte Fettsäuren für die Energiegewinnung aufbereitet. Tierische Lebensmittel liefern B12 als Hydroxo-, Adenosyl- und Methylcobalamin. Cyanocobalamin ist eine stabile Form, die der Körper in die beiden aktiven Formen umbaut; das gelingt den meisten Menschen gut (Lehrbuchwissen). Ob eine Form bei Gesunden besser versorgt als die andere, ist wenig untersucht. Der eigentliche Engpass bei B12 ist nicht die Form, sondern die Quelle: Pflanzen liefern es nicht verlässlich, und in einer Übersicht über 40 Studien war ein Mangel bei vegan lebenden Menschen häufiger als bei anderen Vegetariern (Mensch; Pawlak et al. 2014). Mehr unter Methylcobalamin.
Tipp: Fachbegriffe fürs Gespräch: Holotranscobalamin und Methylmalonsäure zeigen einen beginnenden Mangel genauer als das Gesamt-B12.
3. Folat: Folsäure und 5-Methyltetrahydrofolat
Die Form, die im Blut kreist und in der Methylierung arbeitet, ist 5-Methyltetrahydrofolat. Natürliches Folat aus Blattgemüse, Hülsenfrüchten und Leber liegt in verwandten Formen vor. Folsäure ist eine synthetische Form, die der Körper in mehreren Schritten umbaut; einer davon hängt am Enzym MTHFR, dessen Aktivität je nach Genvariante unterschiedlich ist (Lehrbuchwissen). Wie stark das bei einzelnen Menschen ins Gewicht fällt, ist offen; die gut belegten Studien zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten wurden mit Folsäure gemacht.
Tipp: Fachbegriffe fürs Gespräch: Folat im Serum oder in den roten Blutkörperchen, Homocystein.
4. B1, B2, B5 und B6: Vorstufen der Coenzyme
Die meisten B-Vitamine sind Vorstufen. Thiamin (B1) wird zu Thiamindiphosphat, Riboflavin (B2) zu FAD und FMN, Pantothensäure (B5) zu Coenzym A, Pyridoxin (B6) zu Pyridoxal-5-Phosphat. Erst diese Coenzyme arbeiten in den Enzymen, etwa in den Mitochondrien beim Abbau von Zucker und Fett (Lehrbuchwissen). Der Umbau gelingt bei Gesunden meist zuverlässig. Manche Labore messen die aktive Form direkt, etwa Pyridoxal-5-Phosphat; ob das über den Standardwert hinaus hilft, hängt von der Frage ab, die deine Ärztin klären will.
Tipp: Fachbegriffe fürs Gespräch: Thiamindiphosphat im Vollblut, Pyridoxal-5-Phosphat.
5. Vitamin D: D3 und D2
D3 (Cholecalciferol) bildet deine Haut unter UV-B-Licht, und es steckt in Fisch und Eigelb. D2 (Ergocalciferol) stammt aus Pilzen und Hefen. Beide sind Vorstufen, die Leber und Niere erst aktivieren. In einer Metaanalyse randomisierter Studien hob D3 den Blutwert 25(OH)D stärker an als D2, vor allem bei Gaben in großen Abständen; bei täglicher Gabe war der Unterschied nicht mehr deutlich (Mensch; Tripkovic et al. 2012). D3 gibt es auch aus nicht tierischen Quellen, aus Flechten. Mehr unter Vitamin D2 und D3.
Tipp: Fachbegriff fürs Gespräch: 25-Hydroxy-Vitamin-D, kurz 25(OH)D.
6. Vitamin K: K1 und K2
K1 (Phyllochinon) steckt in grünem Blattgemüse und arbeitet vor allem in der Leber an der Blutgerinnung. K2 (Menachinone) steckt als MK-4 in Fleisch, Eigelb und Milchfett und als MK-7 in fermentierten Lebensmitteln wie Natto. Beide aktivieren Eiweiße in Knochen und Gefäßwand, Osteocalcin und das Matrix-Gla-Protein. Der Körper kann K1 in einigen Geweben selbst zu MK-4 umbauen; welchen Anteil das an der Versorgung hat, ist offen (Lehrbuchwissen). Mehr unter Menachinon K2.
Tipp: Wer gerinnungshemmende Medikamente vom Typ Vitamin-K-Antagonist nimmt, ändert die Vitamin-K-Zufuhr nur mit der Ärztin.
7. Omega-3: EPA und DHA aus ALA
Kein Vitamin, aber derselbe Gedanke. Leinsamen, Walnüsse und Raps liefern Alpha-Linolensäure (ALA), die Vorstufe. Gehirn und Netzhaut brauchen DHA. In einer Studie mit markierten Fettsäuren bauten junge Frauen etwa 21 Prozent der ALA zu EPA und etwa 9 Prozent zu DHA um; die Autoren vermuten, dass Männer weniger umbauen (Mensch; Burdge und Wootton 2002). DHA bilden Mikroalgen, Fische haben es von ihnen. Mehr dazu unter Omega-3 aus Algenöl oder Fischöl.
Tipp: Fachbegriff fürs Gespräch: Omega-3-Index, der Anteil von EPA und DHA in den roten Blutkörperchen.
8. Eisen: Häm-Eisen und Nicht-Häm-Eisen
Kein Vitamin, aber das am besten untersuchte Beispiel für die Form. Häm-Eisen aus Fleisch und Fisch nimmt der Darm als Ganzes auf, kaum beeinflusst vom Rest der Mahlzeit. Nicht-Häm-Eisen aus Pflanzen liegt frei vor; Phytat aus Getreide und Hülsenfrüchten, Polyphenole aus Tee und Kaffee und Calcium bremsen seine Aufnahme, Vitamin C fördert sie. Hurrell und Egli (2010) schätzen die Aufnahme aus Mischkost auf 14 bis 18 Prozent und aus vegetarischer Kost auf 5 bis 12 Prozent, bei leeren Speichern (Mensch). Der Eisenstatus selbst hatte dabei meist mehr Einfluss als die Zusammensetzung der Mahlzeit: Wer wenig gespeichert hat, nimmt mehr auf. Mehr unter Häm-Eisen und Nicht-Häm-Eisen.
Tipp: Fachbegriffe fürs Gespräch: Ferritin zusammen mit CRP und Transferrinsättigung.
Bioaktiv ist kein Siegel, sondern ein Weg. Wo dein Körper gut umbaut, genügt die Vorstufe; wo er nicht kann, zählt die fertige Form.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Du kannst eine Woche lang notieren, aus welchen Lebensmitteln dein Vitamin A, dein Omega-3 und dein Eisen kommen, und ob das eher fertige Formen oder Vorstufen sind.
Du kannst in deinen Befunden nachsehen, welche Werte bestimmt wurden: der Wert der Vorstufe, der Wert der aktiven Form oder ein Wert, der die Wirkung zeigt, wie Homocystein oder Methylmalonsäure.
Und du kannst entscheiden, mit diesen Notizen nach der Form zu fragen, nicht nur nach der Menge. Was du daraus machst, entscheidest du.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Gut belegt sind die Unterschiede beim Eisen, bei der Umwandlung von ALA zu DHA und beim Vitamin D (Mensch, Isotopen- und randomisierte Studien). Die Studie zu den BCO1-Varianten war klein und nur mit Frauen. Ob bioaktive Formen von B12, Folat oder B6 Gesunde besser versorgen als die üblichen Formen, ist wenig untersucht; die Werbung dazu ist der Forschung voraus. Ob bei dir ein Mangel vorliegt und was daraus folgt, klärt deine Ärztin; ein Blutwert zeigt, wie dein Körper versorgt ist, eine Erkrankung kann er allein nicht feststellen. Nimmst du Medikamente, die mit Vitaminen zusammenwirken, etwa Gerinnungshemmer oder Methotrexat, gehört jede Änderung in dieses Gespräch.