„Was haben M1- und M2-Makrophagen mit meinen chronischen Gelenk- oder Muskelschmerzen zu tun?“
Du hast seit Monaten Schmerzen in Knie, Schulter oder Muskeln. Die Ärztin hat untersucht, vielleicht geröntgt, die Entzündungswerte sind unauffällig oder nur leicht erhöht, und Schmerzmittel helfen für ein paar Stunden. Dann liest du, M1-Makrophagen hielten Schmerz am Laufen und M2-Makrophagen beendeten ihn, und fragst dich, ob das bei dir so ist.
Die mechanische Sicht sagt: Knorpel nutzt sich ab, Gewebe ist gereizt, also wird der Schmerz gedämpft, das Gelenk entlastet und im Zweifel operiert. Sie hat recht, dass Untersuchung und Bildgebung Ernsthaftes erkennen und dass Schmerzmittel den Alltag schützen. Und trotzdem: Warum hat von zwei Menschen mit ähnlichem Röntgenbild der eine kaum Beschwerden und der andere jeden Tag Schmerzen?
Die energetische Sicht sagt: Der Körper ist aus dem Gleichgewicht, und der Schmerz ist eine Botschaft. Sie spürt richtig, dass Schmerz mehr ist als ein Defekt. Und trotzdem: Welche Zellen senden diese Botschaft, und warum verstummt sie bei manchen nicht?
Die biologische Sicht schaut auf die Zellen, die eine Entzündung beginnen und beenden, und darauf, was im Tierversuch über ihr Ende entscheidet.
Oft heißt es: „Gesund werden heißt, Symptome zu bekämpfen.“ Ein gedämpfter Schmerz ist nicht dasselbe wie eine abgeschlossene Entzündung. Im Tierversuch braucht das Abklingen von Entzündungsschmerz Fresszellen, die aufräumen.
Was im Körper passiert
Stell dir einen Rauchmelder vor, der nach dem Feuer weiter piept. Das Feuer ist aus, aber der Alarm hält das ganze Haus wach. Schmerz nach einer Entzündung kann so ein Alarm sein: Schmerzfühler, in der Medizin Nozizeptoren, sind empfindlicher geworden und melden weiter.
Angreifende Makrophagen bilden Botenstoffe wie Interleukin-1-beta und TNF-alpha und regen die Bildung von Prostaglandinen an, die Schmerzfühler empfindlicher machen (Lehrbuchwissen). Aufräumende Makrophagen bilden unter anderem Interleukin-10, das den Alarm leiser stellt. Willemen und Kollegen (2014) zeigten das an Mäusen: Ohne Monozyten und Makrophagen dauerte eine Schmerzüberempfindlichkeit nach einer Entzündung in der Pfote statt ein bis drei Tagen über eine Woche (Tier). Blockierten die Forschenden Interleukin-10 im Rückenmark, klang der Schmerz ebenfalls deutlich später ab.
Daraus folgt ein Perspektivwechsel: Das Ende eines Entzündungsschmerzes ist ein aktiver Vorgang, kein bloßes Nachlassen. Ob anhaltende Gelenk- oder Muskelschmerzen beim Menschen daran hängen, dass dieser Vorgang nicht abschließt, ist ein Modell, kein Befund. Dein Körper lernt, was er wiederholt erlebt, auch einen Alarm, der nicht mehr aufhört.
Lange galt Schmerz nach einer Verletzung als Begleiterscheinung, die von selbst vergeht, wenn die Entzündung nachlässt. Seit rund zwei Jahrzehnten zeigt die Forschung, dass das Ende einer Entzündung ein eigener, aktiver Vorgang ist, an dem Makrophagen beteiligt sind (Zelle, Tier; Serhan 2014). Daraus entstand die Frage, ob anhaltender Schmerz auch ein Problem des Endes sein kann und nicht nur des Anfangs.
Dieser Beitrag zeigt, was dazu bekannt ist, was aus Tierversuchen stammt und was beim Menschen offen ist. Was der Begriff selbst bedeutet und was M2-Makrophagen im Labor aktiviert, erklärt das Glossar Makrophagenpolarisierung.
M1 und M2 Makrophagen: zwei Enden eines Spektrums
Makrophagen sind große Fresszellen, die in fast jedem Gewebe sitzen, auch in der Gelenkinnenhaut und zwischen den Muskelfasern. Je nach Signal arbeiten sie anders. M1, auch klassisch aktiviert, steht für Angriff: Auslöser sind Bestandteile von Bakterien und Interferon-gamma, Produkte sind TNF-alpha, Interleukin-1-beta, Interleukin-6 und Stickstoffmonoxid. M2, auch alternativ aktiviert, steht für Aufräumen und Reparatur: Auslöser sind Interleukin-4, Interleukin-13, Interleukin-10 und Cortisol, Produkte sind Interleukin-10 und Wachstumsfaktoren für Gefäße und Bindegewebe (Zelle, Tier; Mosser und Edwards 2008).
Die Einteilung ist ein Modell. Mosser und Edwards (2008) beschrieben ein Spektrum mit vielen Zwischenstufen, und eine Gruppe von Fachleuten empfahl 2014, Makrophagen nach ihrem Auslöser zu benennen, weil „M2“ sehr verschiedene Zellen zusammenfasst (Murray et al. 2014). Im Gewebe eines Menschen liegen fast immer Mischformen vor. Die Grundbegriffe erklärt das Glossar Makrophagenpolarisierung.
Wie Makrophagen Schmerz anstoßen und beenden
In den ersten Stunden einer Entzündung locken angreifende Makrophagen weitere Abwehrzellen an. Ihre Botenstoffe machen die Schmerzfühler im Gewebe empfindlicher: Ein Reiz, der sonst nicht wehtut, schmerzt jetzt. Das ist sinnvoll, denn es schont das verletzte Gewebe (Lehrbuchwissen). Wie Prostaglandine dabei wirken, beschreibt das Glossar Prostaglandine.
Für das Ende des Schmerzes gibt es vor allem Daten aus Tierversuchen. Willemen und Kollegen (2014) lösten bei Mäusen mit Interleukin-1-beta oder dem Pflanzenstoff Carrageen eine Entzündung in der Pfote aus. Normalerweise war die Überempfindlichkeit nach ein bis drei Tagen vorbei. Entfernten die Forschenden vorher die Monozyten und Makrophagen aus dem Blut, hielt sie über eine Woche an. Ein Antikörper, der Interleukin-10 im Rückenmark abfängt, verlängerte den Schmerz ebenso, und zugeführtes Interleukin-10 verkürzte ihn (Tier). Makrophagen sind damit nicht nur Auslöser, sondern auch ein Teil des Schlusspunkts.
Beim Menschen ist dieser Weg nicht direkt untersucht. Ob ein Mensch mit anhaltendem Schmerz zu wenige aufräumende Makrophagen hat, lässt sich heute weder messen noch gezielt verändern.
M2-Makrophagen und Arthrose: was bekannt ist
Bei Arthrose ist die Gelenkinnenhaut oft leicht entzündet, und Makrophagen gehören zu den Zellen, die dort sitzen (Mensch, Lehrbuchwissen). Ob ein Übergewicht angreifender Makrophagen den Arthroseschmerz unterhält, wird vor allem in Tiermodellen untersucht. Studien, die beim Menschen eine Ursache zeigen, fehlen bisher.
Für den Knorpel selbst zählt neben den Signalen auch das Baumaterial. Knorpelzellen bildeten in der Zellkultur mehr Kollagen, wenn mehr Glycin zur Verfügung stand (Zelle; de Paz-Lugo et al. 2018). Ob das im Gelenk eines Menschen genauso gilt, ist offen. Mehr dazu im Beitrag Kollagensynthese und Geweberegeneration.
Omega-3, Resolvine und Makrophagen: was gezeigt ist
Aus den Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA bildet der Körper Resolvine, Protectine und Maresine. In Zell- und Tierversuchen bremsen sie den Einstrom weiterer Abwehrzellen und verstärken, dass Makrophagen abgestorbene Zellen aufnehmen und auf Aufräumen umstellen (Zelle, Tier; Serhan 2014). EPA konkurriert außerdem mit der Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure um dieselben Enzyme, sodass weniger stark entzündungsfördernde Botenstoffe entstehen (Zelle, Mensch; Calder 2006).
Beim Menschen ist der Schritt vom Teller zum Resolvin nicht sicher belegt. Eine kritische Übersicht fand keinen klaren Zusammenhang zwischen Omega-3-Gabe und gemessenen Resolvinspiegeln und bezweifelt, dass menschliche Abwehrzellen größere Mengen bilden (Mensch; Schebb et al. 2022). Was Studien zu Omega-3 bei Muskelkater und Gelenkschmerz zeigen, steht im Beitrag Omega-3 bei Muskelschmerzen, das Verhältnis der beiden Fettfamilien im Vergleich Omega-3 und Omega-6.
Warum chronischer Schmerz mehr ist als Makrophagen
Hält Schmerz über Monate an, verändert sich auch das Nervensystem: Rückenmark und Gehirn verstärken eingehende Signale, in der Medizin zentrale Sensibilisierung (Lehrbuchwissen). Schlaf, Stress, Bewegung und Erwartung prägen mit, wie laut ein Schmerz ankommt. Makrophagen sind ein Teil dieses Geschehens, nicht der ganze.
Darum führt die Frage „M1 oder M2?“ allein nicht weit. Hilfreicher ist die Frage, was in deinem Gewebe und deinem Nervensystem den Alarm wach hält. Wie das bei einer Schmerzerkrankung ohne sichtbare Entzündung aussieht, beschreibt der Beitrag Schmerzen bei Fibromyalgie.
Praxisrelevanz
Für dich heißt das: Entzündung ist ein Ablauf mit Anfang und Ende, und das Ende ist ein eigener Schritt. Ein Schmerz, der nach einer Belastung in Tagen abklingt, zeigt ein Programm, das abschließt. Ein Schmerz, der über Wochen gleich bleibt oder wiederkommt, ist ein Grund, genauer hinzuschauen.
Ob eine entzündliche Gelenkerkrankung dahintersteckt, klärt deine Ärztin; Morgensteifigkeit, die länger als eine halbe Stunde anhält, geschwollene oder warme Gelenke und Schmerzen in Ruhe gehören in dieses Gespräch. Ob und welche Schmerzmittel du nimmst, entscheidest du mit ihr; die Tierbefunde zum Abklingen lassen sich nicht auf deine Behandlung übertragen. Was du für Schlaf, Bewegung und Essen tust, läuft parallel weiter.
Ein gedämpfter Schmerz ist nicht dasselbe wie eine abgeschlossene Entzündung. Zum Ende gehören Zellen, die aufräumen.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten, nicht mit einem Mittel.
Du kannst eine Woche lang notieren, wann und wo der Schmerz kommt, wie lange er nach einer Belastung anhält und ob du morgens steif bist und wie lange.
Du kannst daneben festhalten, was ihn leiser oder lauter macht: Bewegung, Wärme, Schlaf, Stress.
Und du kannst schauen, welche Fette auf deinem Teller landen; der Vergleich Omega-3 und Omega-6 zeigt, was Studien dazu sagen. Mit diesen Notizen gehst du ins Gespräch mit deiner Ärztin.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die Einteilung in M1 und M2 ist ein vereinfachtes Modell; im Gewebe liegen Mischformen vor, und Marker aus dem Tierversuch passen beim Menschen nur bedingt (Murray et al. 2014). Die Befunde zum Ende des Entzündungsschmerzes stammen aus Mäusen mit kurzer, künstlich ausgelöster Entzündung (Willemen et al. 2014); ob chronische Gelenk- oder Muskelschmerzen beim Menschen so entstehen, ist nicht untersucht. Die Rolle der Resolvine beim Menschen ist umstritten (Schebb et al. 2022). Studien, die beim Menschen die Polarisierung der Makrophagen gezielt verändern und dabei Schmerz messen, gibt es nicht. Einen Bluttest für M1 oder M2 im Gelenk gibt es nicht.