MOJO LogoMOJO

Glossar · Regenerationsmedizin

Reaktive Sauerstoffspezies (ROS): Signal und Schaden

Auch: ROS · Reactive Oxygen Species · Sauerstoffradikale · Freie Radikale · Sauerstoffspezies
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • ROS entstehen vor allem dort, wo deine Zellen Sauerstoff verwerten: Ein kleiner Teil der Elektronen der Atmungskette springt vorzeitig auf Sauerstoff über und bildet Superoxid (Zelle; Kowaltowski et al., 2009).
  • Wasserstoffperoxid ist zugleich ein Botenstoff: Es schaltet Schutzprogramme wie Nrf2 an und regelt Wachstum, Stoffwechsel und Abwehr mit (Zelle; Sies & Jones, 2020).
  • Hohe Dosen Vitamin C und E dämpften in einer Studie mit jungen Männern die Wirkung von Ausdauertraining auf die Insulinempfindlichkeit und auf körpereigene Schutzenzyme (Mensch; Ristow et al., 2009).

„Was sind reaktive Sauerstoffspezies, schaden sie mir, und sollte ich sie mit Antioxidantien wegfangen?“

Du kennst das: Freie Radikale, oxidativer Stress, Zellalterung. Auf vielen Packungen steht „antioxidativ“, und irgendwann fragst du dich, ob in deinem Körper gerade etwas rostet und ob du dagegen etwas einnehmen solltest.

Die mechanische Sicht sagt: Reaktive Sauerstoffspezies sind Abfall der Zelle, eine Art Rost. Sie greifen Membranen, Eiweiße und Erbgut an, also gilt: je weniger, desto besser. Diese Sicht ist stark. Sie erklärt, warum sich in geschädigtem Gewebe oxidierte Fette und veränderte DNA-Bausteine finden, und sie hat messbare Spuren wie Malondialdehyd oder 8-OHdG. Und trotzdem: Warum dämpften hohe Dosen Vitamin C und E in einer Studie genau die Anpassung, die Training im Stoffwechsel auslöst (Ristow et al., 2009)?

Die energetische Sicht sagt: Alles braucht sein Maß, Belastung und Erholung müssen im Gleichgewicht sein, dann regelt der Körper sich selbst. Sie spürt richtig, dass die Dosis zählt und dass mehr Schutz nicht immer besser ist. Und trotzdem: Gleichgewicht allein sagt nicht, wo die Radikale entstehen, welche davon Signal sind und ab wann aus Signal Schaden wird.

Die biologische Sicht verbindet beides: ROS sind eine Sprache deiner Mitochondrien. In kleinen Mengen melden sie „mehr Belastung, baut mehr Schutz“. Erst wenn sie dauerhaft überhandnehmen, werden sie zum Schaden.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ Radikale muss man nicht ausschalten. In kleinen Mengen sind sie Signale, die Schutz aufbauen; es geht um Gleichgewicht, nicht um null.

Was im Körper passiert

Stell dir einen Rauchmelder vor. Ein wenig Rauch beim Kochen lässt ihn kurz piepen, und du öffnest das Fenster. Ohne Melder würdest du einen echten Brand zu spät bemerken. Reaktive Sauerstoffspezies sind für deine Zellen beides: der Rauch und das Signal.

Sie entstehen vor allem in den Mitochondrien. Dort reicht die Atmungskette Elektronen aus der Nahrung an den Sauerstoff weiter. Ein kleiner Teil springt vorher ab, vor allem an Komplex I und III, und macht aus Sauerstoff Superoxid (Zelle; Kowaltowski et al., 2009). Je stärker die Kette unter Druck steht, desto mehr Superoxid entsteht.

Die Zelle baut Superoxid sofort weiter um: Das Enzym Superoxiddismutase macht daraus Wasserstoffperoxid. Dieses Molekül ist vergleichsweise stabil und wandert durch Membranen. Genau deshalb taugt es als Botenstoff: Es verändert gezielt Schwefelgruppen an Eiweißen und schaltet damit Programme an, etwa Nrf2, den Hauptschalter für körpereigene Schutzenzyme (Zelle; Sies & Jones, 2020).

Daraus folgt ein Prinzip, das Mitohormesis heißt: Ein kurzer, moderater Anstieg von ROS, etwa bei Bewegung, Kälte oder Fasten, lässt die Zelle mehr Schutz und oft mehr Mitochondrien bilden. Sie wird belastbarer (Tier und Mensch; Ristow & Schmeisser, 2014). In einer Studie mit jungen Männern blieben diese Anpassungen an Training schwächer, wenn die Teilnehmer zugleich hohe Dosen Vitamin C und E nahmen (Mensch; Ristow et al., 2009).

Zum Schaden wird es, wenn ROS dauerhaft mehr werden, als die Zelle abbauen kann. Dann entstehen aggressivere Formen wie das Hydroxylradikal, und in den Membranen läuft eine Kettenreaktion an, die Lipidperoxidation. Mitochondrien sind dabei Sensor und Effektor zugleich: Sie lesen die Lage und stellen die Zelle auf Aufbau oder auf Schutz. Sie sind ein Ort, an dem viele Wege zusammenlaufen, nicht die eine Ursache.

Reaktive Sauerstoffspezies (ROS): Signal und Schaden: Reaktive Sauerstoffspezies (ROS) sind Formen des Sauerstoffs, die besonders leicht mit anderen Molekülen reagieren, etwa Superoxid, Wasserstoffperoxid, das Hydroxylradikal und das Peroxylradikal. Sie entstehen vor allem in deinen Mitochondrien. In kleinen Mengen sind sie Signale der Zelle, im Übermaß schädigen sie Fette, Eiweiße und Erbgut.

Welche reaktiven Sauerstoffspezies gibt es? Man unterscheidet Radikale und Nicht-Radikale. Radikale tragen ein ungepaartes Elektron und reagieren besonders schnell; sie heißen auch Sauerstoffradikale. Dazu gehören Superoxid (O₂⁻, auch Hyperoxid), das Hydroxylradikal (•OH), das Peroxylradikal (ROO•) und das Alkoxylradikal (RO•). Ohne ungepaartes Elektron, aber ebenfalls reaktiv sind Wasserstoffperoxid (H₂O₂), Singulett-Sauerstoff und Hypochlorit, das Abwehrzellen bilden.

ROS und Mitochondrien. Die wichtigste Quelle im Ruhezustand ist die Atmungskette. An Komplex I und III gehen einzelne Elektronen direkt auf Sauerstoff über, so entsteht Superoxid. Wie viel, hängt von der Spannung an der Membran, vom Angebot an Elektronen und vom Sauerstoff ab (Kowaltowski et al., 2009). Weitere Quellen sind Enzyme wie die NADPH-Oxidasen, mit denen Fresszellen Keime gezielt mit ROS angreifen, der sogenannte oxidative Burst (Sies & Jones, 2020).

Vom Superoxid zum Wasser. Die Superoxiddismutase wandelt Superoxid in Wasserstoffperoxid um. Katalase und Glutathionperoxidase machen daraus Wasser. Ist freies Eisen in der Nähe, kann Wasserstoffperoxid über die Fenton-Reaktion zum Hydroxylradikal werden. Gegen dieses Radikal gibt es kein Enzym; es reagiert mit dem, was gerade daneben liegt (Zelle; Kowaltowski et al., 2009).

Peroxylradikal und Lipidperoxidation. Trifft ein Radikal auf eine mehrfach ungesättigte Fettsäure in einer Membran, nimmt es ihr ein Wasserstoffatom ab. Die Fettsäure wird selbst zum Radikal, bindet Sauerstoff und wird zum Peroxylradikal. Dieses holt sich wieder ein Wasserstoffatom von der Nachbarfettsäure, und die Kette läuft weiter. Je mehr Doppelbindungen eine Fettsäure hat, desto leichter oxidiert sie. Vitamin E sitzt in der Membran und unterbricht diese Kette (Zelle, Lehrbuchwissen). Spuren dieses Vorgangs wie Malondialdehyd und Isoprostane werden im Labor als Hinweise auf oxidativen Stress gemessen.

Glutathion: der wichtigste Puffer. Glutathion ist ein kleines Molekül aus den drei Aminosäuren Glutamat, Cystein und Glycin und in Zellen in hoher Konzentration vorhanden. Es liefert der Glutathionperoxidase, die Selen enthält, die Elektronen, um Wasserstoffperoxid und Fettperoxide abzubauen, und bindet Fremdstoffe für die Ausscheidung. Danach wird es mit NADPH wieder aufgeladen. Das Verhältnis von reduziertem zu oxidiertem Glutathion (GSH/GSSG) zeigt, wie es um den Redoxhaushalt der Zelle steht. Wie viel Glutathion die Zelle bilden kann, begrenzt vor allem das Angebot an Cystein (Zelle und Tier; Wu et al., 2004). Abwehrzellen sind besonders darauf angewiesen: Lymphozyten brauchen ausreichend Glutathion, um sich zu teilen und zu arbeiten (Zelle und Mensch; Dröge & Breitkreutz, 2000).

ROS in der Medizin: Signal statt nur Schaden. Lange galten ROS nur als Schadstoffe. Heute zeigt die Forschung, dass vor allem Wasserstoffperoxid in kleinen Mengen ein Botenstoff ist, der Wachstum, Stoffwechsel, Abwehr und die Bildung neuer Mitochondrien mitsteuert (Sies & Jones, 2020). Dieser Teil der Biologie heißt Redox-Signalgebung. Was zählt, ist deshalb nicht null ROS, sondern ob die Zelle Menge, Ort und Dauer im Griff hat.

ROS im Labor. Gemessen werden meist Spuren, nicht die ROS selbst: Malondialdehyd und Isoprostane für oxidierte Fette, 8-OHdG für oxidierte DNA-Bausteine, dazu Glutathion oder die antioxidative Kapazität. Diese Werte sind Hinweise, keine Diagnose, und je nach Labor und Methode unterschiedlich.

zum Merken
Radikale sind nicht nur Rost. In kleinen Mengen sind sie die Stimme deiner Mitochondrien.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Neurometabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang darauf achten, wie du dich am Tag nach einer moderaten Belastung fühlst, etwa nach einem flotten Spaziergang: frischer oder erschöpfter? Das sagt mehr über deine Anpassung als ein einzelner Laborwert.

Du kannst die Packungen der Nahrungsergänzungen, die du nimmst, auf hoch dosierte Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E oder Mischpräparate durchsehen und die Liste mit deiner Ärztin besprechen.

Und wenn du schon Werte zu oxidativem Stress hast: Sie sind Hinweise, kein Urteil. Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass ROS in den Mitochondrien entstehen und als Signale wirken, ist an Zellen und Tieren gut belegt. Beim Menschen stützt sich die Aussage, dass hohe Dosen Antioxidantien den Trainingseffekt dämpfen, auf wenige Studien mit kleinen Gruppen; andere Studien fanden diesen Effekt nicht deutlich. Labormarker wie Malondialdehyd oder 8-OHdG zeigen Spuren, nicht die Lage in einem bestimmten Organ, und sind zwischen Laboren schwer vergleichbar. Ab welcher Menge aus Signal Schaden wird, lässt sich für einen einzelnen Menschen heute nicht messen. Ob Antioxidantien bei einem nachgewiesenen Mangel oder bestimmten Erkrankungen nützen, ist eine andere Frage als die nach dem Alltag.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Meine Zellen rosten: oxidativer Stress, Lipidperoxidation
  • Ich nehme viele Antioxidantien: Antioxidantien in hoher Dosis, Vitamin C und E
  • Gibt es einen Wert für Zellschäden?: Malondialdehyd, 8-OHdG, Isoprostane
  • Wie gut ist mein Schutzsystem?: Glutathion-Status, GSH/GSSG-Verhältnis
  • Nach Belastung bin ich lange erschöpft: Belastungsintoleranz, mitochondriale Dysfunktion
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Quellen (6)
  • Mitochondria and reactive oxygen species
    Kowaltowski A.J., de Souza-Pinto N.C., Castilho R.F., Vercesi A.E. – Free Radical Biology and Medicine (2009) DOI: 10.1016/j.freeradbiomed.2009.05.004
  • Reactive oxygen species (ROS) as pleiotropic physiological signalling agents
    Sies H., Jones D.P. – Nature Reviews Molecular Cell Biology (2020) DOI: 10.1038/s41580-020-0230-3
  • Mitohormesis: Promoting Health and Lifespan by Increased Levels of Reactive Oxygen Species (ROS)
    Ristow M., Schmeisser K. – Dose-Response (2014) DOI: 10.2203/dose-response.13-035.Ristow
  • Antioxidants prevent health-promoting effects of physical exercise in humans
    Ristow M., Zarse K., Oberbach A. et al. – Proceedings of the National Academy of Sciences (2009) DOI: 10.1073/pnas.0903485106
  • Glutathione Metabolism and Its Implications for Health
    Wu G., Fang Y.Z., Yang S., Lupton J.R., Turner N.D. – Journal of Nutrition (2004) DOI: 10.1093/jn/134.3.489
  • Glutathione and immune function
    Dröge W., Breitkreutz R. – Proceedings of the Nutrition Society (2000) DOI: 10.1017/S0029665100000847

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

“
Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
MOJO

Dein nächster Schritt

Verstehen, was dein Körper tut.

LEBENSENERGIE erklärt, wie Nervensystem, Immunsystem und Stoffwechsel deine Energie steuern: verständlich, alltagsnah, in deinem Tempo.

0 € für 14 Tage · danach 29 €/Mo · Kündigung mit einem Klick im Kursbereich

Nächster Mitmachabend: Kulturbad Rüngsdorf, 06. November 2026, 19:00 Uhr CET. Eintritt frei, einfach vorbeikommen.

Zum EventAlle Events

War das hilfreich?

Niemand hat die Wahrheit allein. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Schreib es in einen Kommentar. Wie wir arbeiten

KommentareAls Erste schreiben

0/2000

Dein Kommentar wird nach E-Mail-Bestätigung sichtbar.