„Was bedeutet Neuroplastizität, und kann sich mein Gehirn auch als Erwachsener noch verändern?“
Vielleicht kennst du den Satz: „Ab einem gewissen Alter ändert sich das Gehirn nicht mehr.“ Oder du sagst über dich selbst: „So bin ich eben.“ Und du fragst dich, ob dein Gehirn wirklich festgelegt ist.
Die mechanische Sicht der Medizin sah das Gehirn lange als festes Organ: Nervenzellen gehen verloren und werden nicht ersetzt, ein Schaden ist ein Verlust. Das stimmt zum Teil. Nervenzellen, die bei einem Schlaganfall absterben, kommen nicht zurück. Und trotzdem: Warum lernen Menschen nach einem Schlaganfall wieder sprechen und gehen, und warum verändern sich Gewohnheiten?
Die energetische Sicht der Selbsthilfe sagt: Du kannst dein Gehirn umprogrammieren, wenn du deine Gedanken änderst. Sie spürt richtig, dass Haltung, Aufmerksamkeit und Übung etwas im Kopf verändern. Und trotzdem: Ein Gedanke allein baut keine Synapse um. Der Umbau braucht Wiederholung, Schlaf, Energie und Zeit, und er geschieht auch dort, wo man ihn nicht will.
Die biologische Sicht verbindet beides. Dein Gehirn ist weder ein festes Bauteil noch ein Wunschprogramm. Es baut um, was es oft benutzt.
Oft heißt es: „Wir sind wie ein Auto, das sich abnutzt.“ Ein Auto nutzt sich ab. Ein Nervensystem baut um, was es oft benutzt, in Richtung Alarm genauso wie in Richtung Ruhe und Können.
Was im Körper passiert
Stell dir einen Pfad über eine Wiese vor. Wird er oft begangen, wird er breiter und fester. Wird er nicht mehr benutzt, wächst er langsam zu. So arbeiten Synapsen, die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen.
Werden zwei Nervenzellen wiederholt gemeinsam aktiv, öffnet sich an der Synapse ein besonderer Andockplatz für den Botenstoff Glutamat, der NMDA-Rezeptor. Er lässt Kalzium in die Zelle, und die Zelle baut mehr Empfänger in ihre Membran ein, die AMPA-Rezeptoren. Die Synapse antwortet danach stärker: Langzeitpotenzierung, kurz LTP. Bei schwacher oder unpassender Aktivität baut die Zelle Empfänger ab, die Synapse wird schwächer: Langzeitdepression, kurz LTD (Zelle und Tier; Malenka & Bear, 2004).
Bleibt eine Verbindung lange stark, wächst sie auch sichtbar: Es bilden sich neue Dornen an den Verzweigungen der Nervenzelle, an denen Synapsen sitzen. Der Wachstumsfaktor BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) unterstützt diesen Umbau.
Dieser Mechanismus fragt nicht, ob etwas gut für dich ist. Er stärkt, was oft geschieht. Unter Dauerstress werden darum Verbindungen der Wachsamkeit stärker und Verbindungen für Gedächtnis und Planung schwächer (Tier; McEwen, 2007). Genau deshalb kann sich das auch wieder ändern.
Neuroplastizität: wie sich dein Gehirn ein Leben lang umbaut: Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Nervensystems, sich durch Erfahrung umzubauen: Synapsen werden stärker oder schwächer, Nervenzellen verzweigen sich neu. So lernt dein Gehirn ein Leben lang, im Guten wie im Schlechten.
Synaptische Plastizität: LTP und LTD. Synapsen ändern ihre Stärke je nach Nutzung. Langzeitpotenzierung (LTP) und Langzeitdepression (LTD) sind die beiden am besten untersuchten Formen. Malenka und Bear (2004) zeigen, dass es nicht eine LTP gibt, sondern viele Varianten je nach Hirnregion und Synapse. Gemeinsam ist ihnen der Weg über Kalzium und den Ein- oder Ausbau von AMPA-Rezeptoren. Hält die Stärkung lange an, braucht die Zelle neue Eiweiße und damit das Ablesen von Genen.
Strukturelle Plastizität. Neben der Stärke ändert sich auch die Form: Dornen an den Verzweigungen wachsen oder bilden sich zurück, Verzweigungen werden länger oder kürzer. Besonders beweglich sind der Hippocampus, wichtig für Gedächtnis und Orientierung, und der präfrontale Kortex, wichtig für Planung und Impulskontrolle.
Neue Nervenzellen im Erwachsenenalter. Bei Tieren entstehen im Hippocampus lebenslang neue Nervenzellen. Ob und in welchem Umfang das beim erwachsenen Menschen geschieht, ist umstritten; Studien widersprechen sich.
Stress und Plastizität. McEwen (2007) fasst zusammen, dass anhaltender Stress mit erhöhten Glukokortikoiden bei Tieren Verzweigungen im Hippocampus und präfrontalen Kortex zurückbildet, während sie in der Amygdala wachsen. Das Gehirn wird wachsamer und weniger flexibel. McEwen und Gianaros (2010) beschreiben beim Menschen passende Befunde aus der Bildgebung, etwa Unterschiede je nach sozialer Lage.
Bewegung und Plastizität. Erickson et al. (2011) ließen 120 ältere Erwachsene ein Jahr lang entweder zügig gehen oder Dehnübungen machen. In der Gehgruppe wuchs der vordere Hippocampus um rund 2 Prozent. Eine größere Zunahme ging mit besserem räumlichem Gedächtnis und mit einem Anstieg von BDNF im Blut einher.
Wenn Plastizität schadet. Plastizität ist nicht immer erwünscht. Bei chronischem Schmerz kann das Nervensystem Schmerzsignale so verstärken, dass Schmerz bleibt, obwohl das Gewebe verheilt ist; man spricht von zentraler Sensibilisierung. Auch Angst lernt das Gehirn über dieselben Mechanismen. Umgekehrt beruhen Rehabilitation nach Schlaganfall und Psychotherapie darauf, dass neue Verbindungen entstehen können.
Schreibweise. Manchmal wird das Wort als Neoplastizität gesucht. Mit Neoplasie, also Gewebeneubildung, hat Neuroplastizität nichts zu tun.
Ein Auto wird durch Belastung schlechter. Dein Gehirn baut um, was du wiederholst, und du kannst besser werden.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten, wie du lernst.
Du kannst etwas Neues üben, ein paar Minuten am Tag, und notieren, wie es von Tag zu Tag leichter wird. So wird Plastizität für dich spürbar.
Du kannst beobachten, welche Reaktionen bei dir automatisch laufen, etwa Anspannung in bestimmten Situationen. Auch sie sind gelernt, und was gelernt ist, kann sich verändern.
Und du kannst darauf achten, wie Schlaf und Bewegung beeinflussen, was am nächsten Tag hängen bleibt. Wenn dein Gedächtnis dir Sorgen macht, gehört das zu deiner Ärztin. Was du daraus machst, entscheidest du.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: LTP und LTD sind an Zellen und Tieren genau untersucht, beim Menschen lassen sie sich nur indirekt messen. Der Umbau durch Stress stammt vor allem aus Tierstudien, beim Menschen gibt es passende Bildgebungsbefunde. Ob erwachsene Menschen im Hippocampus neue Nervenzellen bilden, ist umstritten. Die Studie zur Bewegung zeigt einen Effekt bei älteren Menschen über ein Jahr; was ein größerer Hippocampus für den Einzelnen bedeutet, ist offen. Einen Test für deine Neuroplastizität gibt es nicht, BDNF im Blut ist kein Alltagswert.