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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Angst bei Fibromyalgie: Panikattacken und innere Unruhe verstehen

Angst bei Fibromyalgie: warum Panikattacken, Angstzustände und innere Unruhe dasselbe Alarmsystem nutzen wie der Schmerz und wer dich begleitet.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Angst und gedrückte Stimmung kommen bei Fibromyalgie deutlich häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung (Mensch; Clauw, 2014).
  • Bei Fibromyalgie springt der Sympathikus dauerhaft stärker an, die Gegenregulation über den Vagusnerv ist schwächer (Mensch, Übersicht; Martinez-Lavin, 2012).
  • Die zentrale Sensitivierung verstärkt Signale im Nervensystem; dass sie auch Bedrohungssignale lauter macht, ist plausibel (Modell nach Woolf).

Moderate Evidenz. Gute Hinweise aus Studien, aber noch nicht abschließend bestätigt.

„Ich habe Fibromyalgie, dazu Panikattacken und eine ständige innere Unruhe. Gehört das zur Fibromyalgie, oder habe ich eine Angststörung?“

Du kennst das vielleicht: eine innere Unruhe, die nicht weggeht. Das Herz schlägt schneller, die Schultern sind hart, der Atem ist flach. Manchmal kommt eine Panikattacke aus dem Nichts, manchmal das Gefühl, gleich passiert etwas Schlimmes. An Tagen mit mehr Schmerz ist auch die Angst lauter. Und irgendwann sagt jemand: Das ist die Psyche.

Die mechanische Sicht der Medizin prüft zuerst, ob Herz, Schilddrüse oder andere Ursachen die Beschwerden erklären. Ist das geklärt, stehen für Angststörungen gut untersuchte Wege bereit: Psychotherapie, allen voran die kognitive Verhaltenstherapie, und wo nötig Medikamente (Mensch). Und trotzdem: Warum steigt deine Angst so oft mit dem Schmerz, mit schlechtem Schlaf und mit einem Körper, der nicht abschalten kann?

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde nimmt den Körper in der Angst ernst. Sie spricht von einem Nervensystem im Dauerstress und von fehlender Erdung, und sie hat recht damit, dass Angst sich im ganzen Körper zeigt und nicht nur im Kopf. Und trotzdem: Wo genau entsteht dieses Alarmgefühl, und warum gerade bei Fibromyalgie so häufig?

Die biologische Sicht verbindet beides: Angst ist immer zugleich körperlich und psychisch. Bei Fibromyalgie ist das Alarmsystem, über das Schmerz und Bedrohung laufen, empfindlicher eingestellt.

Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Psychisch heißt nicht körperlos: Angst und Schmerz laufen über dasselbe Alarmsystem, und beide Seiten verdienen Behandlung.

Was im Körper passiert

Stell dir dein Nervensystem als Rauchmelder vor, der zu empfindlich eingestellt ist. Er schlägt schon bei Toastgeruch an. Das ist kein Defekt, sondern eine Einstellung: Er hat gelernt, lieber einmal zu viel zu warnen als einmal zu wenig.

Bei Fibromyalgie betrifft diese Einstellung vor allem das autonome Nervensystem, den Teil, der ohne dein Zutun Herzschlag, Atmung und Muskelspannung steuert. Es hat zwei Gegenspieler: den Sympathikus, der für Kampf oder Flucht mobilisiert, und den Parasympathikus, dessen wichtigster Nerv der Vagusnerv ist und der zur Ruhe führt. Martinez-Lavin (2012) beschreibt bei Fibromyalgie einen Sympathikus, der dauerhaft stärker anspringt, bei schwächerer Gegenregulation (Mensch, Übersicht). Die Herzratenvariabilität, also die feine Schwankung zwischen zwei Herzschlägen, ist dabei oft niedriger: ein Zeichen, dass das System weniger flexibel zwischen Anspannung und Erholung wechselt.

Für dein Gehirn fühlt sich ein solcher Zustand an wie Gefahr. Schneller Herzschlag, flacher Atem und harte Muskeln sind genau die Signale, die es sonst bei Bedrohung bekommt. So kann Angst entstehen, ohne dass ein Gedanke sie anstößt (Modell). Hinzu kommt die zentrale Sensitivierung: Das Nervensystem verstärkt eingehende Signale, nicht nur Schmerz (Modell nach Woolf). Wozu das Ganze? Ein Körper, der wachsam ist, schützt sich. Bei Fibromyalgie bleibt diese Wachsamkeit länger eingeschaltet, als es nötig wäre. Deine Angst ist deshalb nicht eingebildet: Sie ist ein echtes Signal eines Systems im Schutzmodus.

Angst, innere Unruhe und Panikattacken gehören zu den häufigsten Begleitern der Fibromyalgie. Viele kennen das Bild: Abends im Bett kommt der Körper nicht zur Ruhe, das Herz klopft, die Muskeln bleiben angespannt, und manchmal kippt das in eine Panikattacke, ohne dass ein Anlass zu sehen ist. Clauw (2014) beschreibt in seiner Übersicht, dass Angst und gedrückte Stimmung bei Menschen mit Fibromyalgie deutlich häufiger vorkommen als in der Allgemeinbevölkerung (Mensch).

Schnell fällt dann der Satz: Das ist psychisch. Er greift zu kurz, in beide Richtungen. Eine Angststörung ist eine echte Erkrankung, die Behandlung verdient, mit oder ohne Fibromyalgie. Und zugleich laufen Schmerz und Angst über dasselbe Alarmsystem im Nervensystem. Wer Fibromyalgie hat, trägt ein Nervensystem, das Reize stärker meldet. Angststörung und Schmerzen im ganzen Körper hängen deshalb oft zusammen, ohne dass das eine das andere erklärt.

Für dich heißt das: Die Frage lautet selten „Fibromyalgie oder Angststörung?“. Häufiger ist es ein Sowohl-als-auch, und beides lässt sich gleichzeitig begleiten, ärztlich und psychotherapeutisch.

Wirkung und Mechanismus

Der Weg vom Körper zur Angst wird bei Fibromyalgie über drei Bahnen beschrieben.

Erstens das autonome Gleichgewicht. Martinez-Lavin (2012) fasst Befunde zusammen, nach denen der Sympathikus bei Fibromyalgie dauerhaft stärker anspringt und auf Belastung weniger flexibel antwortet (Mensch, Übersicht). Herzklopfen, flacher Atem und Muskelspannung entstehen dann auch ohne äußeren Anlass.

Zweitens die zentrale Sensitivierung. Woolf (2011) beschreibt, wie das zentrale Nervensystem eingehende Signale verstärkt, sodass schon normale Reize als stark erlebt werden (Modell nach Woolf, beim Menschen vielfach untersucht). Bei Fibromyalgie betrifft das vor allem den Schmerz; dass dieselbe Verstärkung auch Bedrohungssignale lauter macht, ist ein plausibles Modell.

Drittens die Wahrnehmung des eigenen Körpers, in der Fachsprache Interozeption. Wer Herzschlag, Atem und Spannung stärker spürt, deutet normale Schwankungen leichter als Gefahr. Ein kurzer Herzschlag-Anstieg kann so eine Panikattacke anstoßen, die den Herzschlag weiter hebt (Modell). Diese Schleife erklärt, warum Panikattacken bei Fibromyalgie so plötzlich kommen können.

Was sagt die Forschung

Gut belegt ist, dass Angst und Depression bei Fibromyalgie häufiger vorkommen als in der Allgemeinbevölkerung (Mensch; Clauw, 2014). Martinez-Lavin (2012) fasst in einer Übersicht Befunde zu sympathischer Überaktivität und verminderter Herzratenvariabilität bei Fibromyalgie zusammen (Mensch). Woolf (2011) beschreibt die zentrale Sensitivierung als Mechanismus, der Signale im Nervensystem verstärkt (Modell nach Woolf). Pavlov und Tracey (2012) zeigen, wie der Vagusnerv über den sogenannten entzündlichen Reflex Immunantwort und Stoffwechsel mitsteuert (Tier, Mensch); das unterstreicht, wie eng Nervensystem und Immunsystem verbunden sind. Busch et al. (2012) fanden an gesunden Freiwilligen, dass langsames, tiefes und entspanntes Atmen die Schmerzwahrnehmung und die sympathische Aktivität senken kann (Mensch, experimentell).

Dass die Angst bei Fibromyalgie über diese Wege mit entsteht, ist ein plausibles Modell, aber nicht direkt in Studien gezeigt. Kontrollierte Studien, die gezielt Angst bei Fibromyalgie über das autonome Nervensystem beeinflussen, sind selten und klein.

zum Merken
Schmerz und Angst laufen über dasselbe Alarmsystem. Bei Fibromyalgie ist es empfindlicher eingestellt, nicht kaputt.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten, und mit Begleitung.

Du kannst eine Woche lang notieren, wann Angst, innere Unruhe oder Panik kommen und was zur selben Zeit los ist: Schmerzstärke, Schlaf der Nacht davor, Belastung, Herzklopfen. So wird sichtbar, ob deine Angstzustände mit Schmerzschüben und schlechten Nächten zusammenfallen. Diese Notizen sind für deine Ärztin und deine Psychotherapeutin gleich wertvoll.

Du kannst beobachten, was dir in einer akuten Welle Halt gibt. Langsames Atmen mit einer Ausatmung, die länger ist als die Einatmung, verlangsamt den Herzschlag über den Vagusnerv (Mensch); viele erleben das als Anker, bis die Welle abklingt.

Angst verdient Behandlung wie jede andere Erkrankung. Ob Psychotherapie, Medikamente oder beides, klärst du mit deiner Psychotherapeutin und deiner Ärztin. Wenn beide von deiner Fibromyalgie und von deiner Angst wissen, können sie Körper und Psyche zusammen sehen.

Wenn die Angst so groß wird, dass du nicht mehr weiterweißt, oder Gedanken kommen, nicht mehr leben zu wollen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111.

  • Angst und Schmerz nebeneinander notieren: Uhrzeit, Stärke der Angst, Schmerzstärke und Schlaf auf einer Seite. Nach einer Woche zeigt sich oft ein Muster, das du mit deiner Ärztin und deiner Psychotherapeutin besprechen kannst.
  • Ein Anker für die akute Welle: Langsames Atmen mit langer Ausatmung, kaltes Wasser im Gesicht oder leises Summen sprechen den Vagusnerv an. Viele erleben das als Halt, bis eine Panikattacke abklingt. Busch et al. (2012) sahen bei gesunden Freiwilligen, dass entspanntes langsames Atmen die sympathische Aktivität senkt (Mensch).
  • Beide Seiten ins Boot holen: Psychotherapie hilft bei Angststörungen nachweislich, auch wenn der Körper mitspielt. Verfahren, die mit Körper und Nervensystem arbeiten, etwa Biofeedback oder körperorientierte Therapie, passen für viele besonders gut. Was zu dir passt, klärst du mit deiner Psychotherapeutin und deiner Ärztin.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Gut belegt ist, dass Angst und Fibromyalgie oft zusammen auftreten und dass das autonome Nervensystem bei Fibromyalgie anders reguliert (Mensch). Wie viel davon Ursache und wie viel Folge ist, weiß niemand genau; vermutlich verstärken sich beide gegenseitig. Dass die Angst über sympathische Überaktivität und zentrale Sensitivierung mit entsteht, ist ein Modell. Die Atemstudie wurde an gesunden Freiwilligen gemacht, nicht an Menschen mit Fibromyalgie. Einen Test, der Angst aus der Fibromyalgie und eine eigenständige Angststörung trennt, gibt es nicht; beides kann nebeneinander bestehen, und beides verdient Behandlung.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Eine Unruhe, die nicht weggeht: innere Unruhe, Hyperarousal
  • Panik aus dem Nichts: Panikattacke ohne äußeren Auslöser
  • Mein Körper steht ständig unter Strom: sympathische Überaktivität
  • Die Bremse im Nervensystem greift nicht: verminderter Vagotonus, niedrige Herzratenvariabilität
  • Ich spüre meinen Herzschlag viel zu deutlich: verstärkte Interozeption
  • Alles kommt lauter bei mir an: zentrale Sensitivierung
  • Meine Stimmung ist seit Wochen gedrückt: depressive Symptomatik
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Habe ich eine Angststörung, oder liegt das an der Fibromyalgie?

Oft ist es kein Entweder-oder. Angst, die mit Schmerzschüben, schlechtem Schlaf und körperlicher Unruhe steigt, passt zu einem Nervensystem, das bei Fibromyalgie empfindlicher eingestellt ist. Eine Angststörung kann trotzdem zugleich bestehen und verdient dann eigene Behandlung. Einen Test, der beides trennt, gibt es nicht; deine Ärztin und deine Psychotherapeutin sehen das Bild am besten gemeinsam.

Sind Panikattacken bei Fibromyalgie normal?

Panikattacken kommen bei Fibromyalgie häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung (Mensch). Normal im Sinn von „hinnehmen“ heißt das nicht: Panikattacken lassen sich gut behandeln, etwa mit Psychotherapie. Wichtig ist, dass Herz und andere körperliche Ursachen einmal ärztlich geklärt sind.

Warum helfen gut gemeinte Ratschläge wie „Beruhige dich“ so wenig?

Weil die Angst bei Fibromyalgie oft auch aus dem Körper kommt: aus einem Herzschlag, einem Atem und einer Muskelspannung, die Gefahr melden. Fachleute sprechen von Ansätzen „von unten nach oben“, die am Körper beginnen, und „von oben nach unten“, die beim Denken beginnen. Beides ergänzt sich; viele Psychotherapien verbinden heute beide Wege.

Was hat der Vagusnerv mit Angst zu tun?

Der Vagusnerv ist der wichtigste Nerv des Parasympathikus, also des Teils des Nervensystems, der zur Ruhe führt. Er verlangsamt den Herzschlag und meldet dem Gehirn laufend, wie es dem Körper geht. Bei Fibromyalgie ist diese Gegenregulation oft schwächer (Mensch; Martinez-Lavin, 2012). Langsames Ausatmen spricht ihn direkt an.

Was hilft bei Panikattacken bei Fibromyalgie?

Gut belegt bei Panikattacken ist Psychotherapie, besonders die kognitive Verhaltenstherapie (Mensch); auch Medikamente können Teil der Behandlung sein, das entscheidest du mit deiner Ärztin. Viele erleben langsames Atmen mit langer Ausatmung als Anker in der akuten Welle. Ob das auch die Fibromyalgie selbst beeinflusst, ist nicht untersucht.
Quellen (3)
  • Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
    Martinez-Lavin M. – Pain Research and Treatment (2012) DOI: 10.1155/2012/981565
  • The vagus nerve and the inflammatory reflex—linking immunity and metabolism
    Pavlov V.A., Tracey K.J. – Nature Reviews Endocrinology (2012) DOI: 10.1038/nrendo.2012.189
  • Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
    Woolf C.J. – Pain (2011) DOI: 10.1016/j.pain.2010.09.030
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