Tender Points
Tender Points — Tender Points sind 18 definierte anatomische Punkte (9 symmetrische Paare), an denen bei Fibromyalgie-Betroffenen Druckschmerz bei ca. 4 kg/cm² Druck ausgelöst werden konnte – historisch das Hauptdiagnosekriterium (ACR 1990).
Die American College of Rheumatology (ACR) definierte 1990 Fibromyalgie über zwei Kriterien: weit verbreiteter Schmerz seit mindestens 3 Monaten plus Druckschmerzhaftigkeit an mindestens 11 von 18 definierten Tender Points. Diese Punkte lagen symmetrisch an Nacken, Schultern, Brust, Ellbogen, Gesäß und Knien.
Das Konzept hatte erhebliche methodische Schwächen: Der Druckschmerz war abhängig vom Untersucher (wie viel Druck wurde aufgebracht?), nicht reproduzierbar zwischen verschiedenen Untersuchern, und es bevorzugte Frauen systematisch (Frauen haben generell niedrigere Druckschmerzschwellen). Männer mit Fibromyalgie erreichten die 11-von-18-Schwelle seltener und wurden daher unterdiagnostiziert.
Wolfe et al. (2010) veröffentlichten die revidierten ACR-2010-Kriterien, die Tender Points vollständig durch den Widespread Pain Index (WPI, 0–19 Körperregionen) und den Symptom Severity Score (SSS, 0–12) ersetzten. Die neuen Kriterien erfassen Schmerz, Fatigue, Schlafstörungen und kognitive Symptome – ein deutlich umfassenderes Bild der Erkrankung.
Tender Points sind wissenschaftshistorisch relevant, weil sie zeigen, wie sich das Verständnis der Fibromyalgie gewandelt hat: Von einer peripheren Schmerzerkrankung (Druck auf Muskelpunkte) zu einer zentralen Sensitivierungsstörung (veränderte Schmerzverarbeitung im Nervensystem). Der Druckschmerz an Tender Points ist ein Symptom der zentralen Sensitivierung – nicht ihre Ursache.
— Die MOJO Perspektive
Tender Points zeigen den Paradigmenwechsel in der Fibromyalgie-Forschung: Weg von „wo tut es weh?" hin zu „warum verarbeitet das Nervensystem Signale anders?" Die Diagnose muss das gesamte System erfassen – nicht einzelne Schmerzpunkte.
Das Wichtigste in Kürze
- 118 definierte anatomische Druckschmerzpunkte – 1990 von der ACR als Diagnosekriterium etabliert.
- 2Methodisch problematisch: untersucherabhängig, nicht reproduzierbar, systematische Unterdiagnostik bei Männern.
- 3Seit 2010 durch Widespread Pain Index (WPI) und Symptom Severity Score (SSS) ersetzt (Wolfe et al., 2010).
- 4Tender-Point-Schmerz ist ein Ausdruck der zentralen Sensitivierung, nicht ihre Ursache.
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Quellen & Referenzen
- The American College of Rheumatology Preliminary Diagnostic Criteria for Fibromyalgia and Measurement of Symptom SeverityWolfe F., Clauw D.J., Fitzcharles M.-A. et al. – Arthritis Care & Research (2010) DOI: 10.1002/acr.20140
- Fibromyalgia: A Clinical Review
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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