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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

Tender Points: was die 18 Druckpunkte bei Fibromyalgie bedeuten

Auch: Tenderpoints · Druckschmerzpunkte · Fibromyalgie-Druckpunkte · Tender-Point-Untersuchung
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Die ACR-Kriterien von 1990 verlangten ausgebreiteten Schmerz und Druckschmerz an mindestens 11 von 18 Tender Points bei etwa 4 kg Druck (Mensch, Kriterienstudie).
  • Seit 2010 stützt sich die Diagnose auf Schmerzverteilung im WPI und Beschwerdeschwere in der SS-Skala, ohne Zählung von Druckpunkten (Mensch, Kriterienstudie).
  • Die Revision 2016 verlangt Schmerz in mindestens vier von fünf Körperregionen und lässt die Diagnose neben anderen Erkrankungen zu (Mensch, Kriterienstudie).

„Was sind Tender Points, und braucht man sie heute noch für die Diagnose Fibromyalgie?“

Du kennst das vielleicht: Die Ärztin drückt mit dem Daumen auf Stellen an Nacken, Schultern, Ellenbogen, Hüfte und Knien, und du zuckst zusammen, obwohl der Druck für sie ganz normal ist. Vielleicht hast du danach gelesen, dass man diese Punkte zählt, und fragst dich: Ist das der Fibromyalgie-Test?

Die mechanische Sicht sagt: Wo es auf Druck wehtut, muss im Gewebe etwas sein, eine Verhärtung, eine Entzündung, ein Knötchen. Deshalb hieß Fibromyalgie früher Fibrositis. Diese Sicht hat den Tastbefund ernst genommen und Fibromyalgie überhaupt erst untersuchbar gemacht. Und trotzdem: Warum fand man an den Punkten keine Entzündung, und warum tut auch Druck an anderen Stellen weh?

Die energetische Sicht sagt: An diesen Punkten sammelt sich, was der Körper an Spannung und Belastung festhält. Sie spürt etwas Richtiges, denn die schmerzhaften Stellen verändern sich mit Stress, Schlaf und Tagesform. Und trotzdem: Wie erklärt sie, dass derselbe Druck bei dir wehtut und bei anderen nicht?

Die biologische Sicht verbindet beides: Die Punkte zeigen nicht den Ort eines Schadens, sondern wie laut dein Nervensystem Druck meldet.

Oft heißt es: „Wir sind wie ein Auto, das sich abnutzt.“ Der Druckschmerz sitzt nicht in verschlissenem Gewebe. Das Nervensystem meldet Druck lauter, und das lässt sich ändern.

Was im Körper passiert

Stell dir eine Türklingel vor, deren Lautstärke jemand hochgedreht hat. Ein leichtes Antippen klingt wie Sturmläuten. So ähnlich arbeitet die Schmerzverarbeitung bei Fibromyalgie: Rückenmark und Gehirn verstärken eingehende Signale, die hemmenden Bahnen dämpfen weniger (Clauw 2014, Mensch). Fachleute nennen das zentrale Sensitivierung. Ein Druck, der bei anderen nur Druck ist, kommt als Schmerz an.

Die Tender Points sind dafür nur ein Messfenster. An ihnen sind Sehnen, Knochenvorsprünge und Muskelansätze dicht unter der Haut, dort ist fast jeder etwas empfindlicher. Bei Fibromyalgie liegt die Schmerzschwelle am ganzen Körper niedriger (Mensch). Darum ersetzte man das Zählen der Punkte durch Fragen nach der Ausbreitung des Schmerzes und nach Müdigkeit, Schlaf und Denken (Wolfe und Kollegen 2010).

Wozu tut der Körper das? Ein Nervensystem, das Gefahr erwartet, stellt seine Melder empfindlicher. Das schützt in einer echten Bedrohung. Bleibt es dauerhaft in diesem Modus, wird der Schutz selbst zur Last (Modell).

Tender Points: was die 18 Druckpunkte bei Fibromyalgie bedeuten: Tender Points (englisch tender: druckempfindlich) sind 18 festgelegte Stellen am Körper, an denen ein Fingerdruck von etwa 4 kg Schmerz auslöst. Die ACR-Kriterien von 1990 verlangten Schmerz an mindestens 11 davon; seit 2010 sind sie für die Diagnose nicht mehr nötig.

Lange hieß Fibromyalgie Fibrositis, weil man eine Entzündung im Bindegewebe der Muskeln vermutete. 1990 legte das American College of Rheumatology (ACR) erstmals gemeinsame Kriterien fest (Wolfe und Kollegen 1990). Sie verlangten zwei Dinge: ausgebreiteten Schmerz seit mindestens drei Monaten, links und rechts, oberhalb und unterhalb der Taille und an der Wirbelsäule, und Schmerz bei Fingerdruck an mindestens 11 von 18 Tender Points. Der Druck sollte etwa 4 kg betragen, so viel, dass das Nagelbett des drückenden Fingers weiß wird.

Die 18 Punkte sind neun Paare, je eines links und rechts: am Hinterkopf am Ansatz der Nackenmuskeln, vorn an der unteren Halswirbelsäule, in der Mitte des oberen Rands des Trapezmuskels, über dem Schulterblatt am Ansatz des Obergrätenmuskels, an der zweiten Rippe neben dem Brustbein, etwa 2 cm unterhalb des äußeren Ellenbogenknochens, im oberen äußeren Viertel des Gesäßes, hinter dem großen Rollhügel an der Hüfte und an der Innenseite des Knies oberhalb des Gelenkspalts.

Gedacht waren die Kriterien von 1990 vor allem, um Patientengruppen für Studien einheitlich zu beschreiben. In der Praxis wurden sie zum Fibromyalgie-Test. Dabei zeigten sich Schwächen: Wie fest gedrückt wird, schwankt von Untersucher zu Untersucher, und die Zahl schmerzhafter Punkte schwankt von Tag zu Tag. Müdigkeit, unerholsamer Schlaf und Konzentrationsprobleme, für viele Betroffene ebenso belastend wie der Schmerz, kamen in den Kriterien nicht vor. Für den Alltag in Hausarztpraxen war die Untersuchung wenig praktikabel, und rund ein Viertel der Menschen mit der Diagnose Fibromyalgie erfüllte die Kriterien von 1990 zum Zeitpunkt einer Untersuchung nicht (Wolfe und Kollegen 2010). Und weil Frauen im Mittel druckempfindlicher sind, wird diskutiert, ob die Zählung den hohen Frauenanteil bei der Diagnose mit erklärt.

Wolfe und Kollegen (2010) ersetzten die Tender Points deshalb durch zwei Fragebogen-Werte: den Widespread Pain Index (WPI), der zählt, in wie vielen von 19 Körperregionen in der letzten Woche Schmerz war, und die Symptom Severity Scale (SS-Skala, 0 bis 12), die Müdigkeit, unerholsamen Schlaf, Denk- und Gedächtnisprobleme und weitere Beschwerden erfasst. Die Revision von 2016 verlangt zusätzlich, dass der Schmerz in mindestens vier von fünf Körperregionen auftritt, und stellt klar: Die Diagnose Fibromyalgie gilt unabhängig von anderen Diagnosen, sie schließt keine andere Erkrankung aus (Wolfe und Kollegen 2016).

Was bleibt von den Tender Points? Menschen mit Fibromyalgie sind nicht nur an den 18 Stellen druckempfindlicher, sondern am ganzen Körper (Clauw 2014). Die Punkte sind Stellen, an denen fast jeder etwas empfindlicher ist; bei Fibromyalgie liegt die Schwelle überall niedriger. Darum gelten sie heute als Fenster auf die Schmerzverarbeitung, nicht als Ort des Problems.

zum Merken
Tender Points zeigen nicht, wo ein Schaden sitzt. Sie zeigen, wie laut dein Nervensystem Druck meldet.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du dich auf ein Gespräch über die Diagnose vorbereiten möchtest, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:

In welchen Körperregionen hattest du Schmerzen: Schultern, Arme, Hüfte, Beine, Kiefer, Brust, Bauch, Rücken, Nacken?

Wie ging es dir mit Müdigkeit, Schlaf, der dich nicht erholt, und Konzentration?

Seit wann bestehen die Beschwerden ungefähr, und schwanken sie mit Schlaf, Stress oder Wetter?

Diese Notizen sind keine Selbstdiagnose. Sie geben deiner Ärztin genau die Angaben, nach denen die heutigen Kriterien fragen. Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Kriterien von 1990, 2010 und 2016 sind Vereinbarungen von Fachleuten, die eine Diagnose einheitlich machen. Sie messen keine Ursache. Einen Bluttest oder ein Bild, das Fibromyalgie beweist, gibt es nicht. Wie stark Druckschmerz und Beschwerden sind, schwankt von Tag zu Tag, und welche Rolle andere Befunde wie eine Beteiligung der kleinen Nervenfasern spielen, wird noch erforscht.

Ob deine Beschwerden zu Fibromyalgie passen, und ob daneben etwas anderes vorliegt, zum Beispiel ein entzündliches Rheuma oder eine Schilddrüsenerkrankung, klärt deine Ärztin. Seit 2016 gilt: Fibromyalgie kann neben anderen Erkrankungen bestehen.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Die Ärztin drückt auf bestimmte Punkte: Tender-Point-Untersuchung (ACR 1990)
  • Druck tut weh, wo er nicht wehtun sollte: erniedrigte Druckschmerzschwelle, Allodynie
  • Schmerz an vielen Stellen: Widespread Pain Index (WPI)
  • Müdigkeit, schlechter Schlaf, Konzentration: Symptom Severity Scale (SS-Skala)
  • Mein Nervensystem stellt Schmerz lauter: zentrale Sensitivierung
  • Eine verhärtete Stelle, die ausstrahlt: myofasziale Triggerpunkte
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Werden Tender Points heute noch zur Diagnose verwendet?

Für die Diagnose sind sie seit den ACR-Kriterien von 2010 nicht mehr nötig. Manche Ärztinnen tasten die Punkte noch als Teil der körperlichen Untersuchung ab. Entscheidend sind heute die Ausbreitung des Schmerzes, die Schwere von Müdigkeit, Schlaf- und Denkproblemen und die Dauer der Beschwerden (Wolfe und Kollegen 2010, 2016).

Gibt es einen Test für Fibromyalgie?

Einen Bluttest oder ein Bild, das Fibromyalgie nachweist, gibt es nicht. Die Diagnose stellt die Ärztin aus Gespräch, Fragebogen nach den heutigen Kriterien und körperlicher Untersuchung. Blutwerte dienen dazu, andere Ursachen zu erkennen, etwa Entzündungen oder Schilddrüsenerkrankungen.

Was ist der Unterschied zwischen Tender Points und Triggerpunkten?

Tender Points sind festgelegte Stellen, die auf Druck örtlich schmerzen. Myofasziale Triggerpunkte sind tastbare, verhärtete Stränge im Muskel, deren Schmerz bei Druck in andere Regionen ausstrahlt. Beide Begriffe werden oft verwechselt, beschreiben aber Verschiedenes.

Warum hat man Tender Points aufgegeben?

Weil das Ergebnis vom Untersucher abhing, von Tag zu Tag schwankte und nur Schmerz erfasste, nicht Müdigkeit, Schlaf und Denken. Außerdem sind Menschen mit Fibromyalgie am ganzen Körper druckempfindlicher, nicht nur an den 18 Punkten (Clauw 2014).

Was zeigen Tender Points eigentlich?

Sie zeigen eine erniedrigte Druckschmerzschwelle. Derselbe Druck, den andere als Druck spüren, kommt bei Fibromyalgie als Schmerz an. Das entsteht vor allem in der Schmerzverarbeitung des Nervensystems, nicht im Muskel an dieser Stelle.
Quellen (1)
  • The American College of Rheumatology Preliminary Diagnostic Criteria for Fibromyalgia and Measurement of Symptom Severity
    Wolfe F., Clauw D.J., Fitzcharles M.-A. et al. – Arthritis Care & Research (2010) DOI: 10.1002/acr.20140
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