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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Atemtherapie bei Fibromyalgie: Atemnot, Atembeschwerden, Studien

Atembeschwerden bei Fibromyalgie sind häufig. Was Blutgas- und Atemstudien über flaches Atmen zeigen und was Atemtherapie bei Fibromyalgie bisher belegt.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Bei einem Teil der Frauen mit Fibromyalgie ist das Kohlendioxid im Blut erniedrigt, passend zu leichter, dauerhafter Überatmung (Mensch; Jonsson et al., 2024).
  • Zwölf Wochen Atemübungen verbesserten in einer kleinen Studie mit 35 Frauen Druckschmerzschwellen und Alltagsfunktion (Mensch; Tomas-Carus et al., 2018).
  • Langsames Atmen senkte Schmerz bei Fibromyalgie weniger verlässlich als bei Gesunden; Anleitung scheint zu zählen (Mensch; Zautra et al., 2010).

Vorläufige Evidenz. Vielversprechende frühe Ergebnisse, größere Studien stehen aus.

„Warum bekomme ich bei Fibromyalgie schlecht Luft, und kann Atemtherapie dabei helfen?“

Du kennst das: Die Brust fühlt sich eng an, du seufzt oft, gähnst, hast das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können. Manchmal kribbeln Finger oder Lippen, und mit dem Schmerz steigt die Unruhe. Herz und Lunge sind untersucht, alles unauffällig. Und trotzdem bleibt der Lufthunger.

Die mechanische Sicht sagt: Atemnot kommt von Herz, Lunge oder Blut. Asthma, eine Herzschwäche, Blutarmut oder ein Gerinnsel in der Lunge müssen gefunden werden, und genau das leisten Abhören, Lungenfunktion, EKG und Blutbild. Das ist richtig und gehört an den Anfang. Und trotzdem: Was ist, wenn alle Befunde unauffällig sind und das Gefühl bleibt?

Die energetische Sicht sagt: Der Atem ist Lebenskraft, mit ihm löst sich, was festhält, und Atemyoga öffnet den Brustkorb. Sie spürt richtig, dass sich mit dem Atem im ganzen Körper etwas verändert. Und trotzdem: Warum fühlt sich tiefes Durchatmen bei manchen nicht befreiend an, sondern verstärkt den Lufthunger noch?

Die biologische Sicht verbindet beides: Atmung regelt nicht nur, wie viel Sauerstoff hereinkommt, sondern vor allem, wie viel Kohlendioxid im Blut bleibt, und darüber spricht sie mit dem Nervensystem.

Oft heißt es: „Atmen ist eine Entspannungstechnik.“ Atmen ist keine Entspannungstechnik, sondern Regelung. Wer lange zu viel atmet, verliert Kohlendioxid, und das fühlt sich paradoxerweise an wie zu wenig Luft.

Was im Körper passiert

Stell dir Kohlendioxid nicht als Abgas vor, sondern als Messwert. Dein Atemzentrum im Hirnstamm steuert die Atmung vor allem danach, wie viel Kohlendioxid im Blut ist, weniger nach dem Sauerstoff (Mensch; Lehrbuchwissen). Atmest du schneller oder flacher, als du brauchst, atmest du mehr Kohlendioxid ab. Dann verengen sich Gefäße im Gehirn, Nerven werden erregbarer, und es kommt zu Kribbeln, Schwindel und dem Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen (Mensch; Lehrbuchwissen). Zu viel Atmen fühlt sich an wie zu wenig Luft, und der Impuls, noch tiefer durchzuatmen, verstärkt den Kreis.

Hält dieser Zustand an, gleichen die Nieren ihn aus, indem sie Bikarbonat, einen Puffer im Blut, ausscheiden. So passen sich Blut und Atemzentrum an den niedrigen Wert an, und aus einem Zustand wird eine Gewohnheit. Genau dieses ausgeglichene Muster fanden die schwedischen Forschenden bei einem Teil der Frauen mit Fibromyalgie (Mensch; Jonsson et al., 2024).

Wozu tut der Körper das? Ein Nervensystem im Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux), atmet so, als stünde gleich eine Anstrengung bevor. Darum ist es keine Frage von richtig oder falsch atmen. Der Atem kann aber auch die andere Richtung melden: Langsames, entspanntes Ausatmen gibt dem Vagusnerv Zeit, das Herz zu bremsen, und bei Gesunden hob das die Schmerzschwelle (Mensch; Busch et al., 2012). Dein Körper lernt, was du wiederholst.

Atembeschwerden bei Fibromyalgie werden oft als Begleiterscheinung abgetan, als Teil der vegetativen Beschwerden neben Herzrasen und Unruhe. Inzwischen lässt sich messen, was dahinter stecken kann. In einer schwedischen Studie wurde bei 36 Frauen mit Fibromyalgie und 36 gesunden Frauen gleichen Alters Blut aus der Arterie am Handgelenk untersucht. Bei Fibromyalgie war das Kohlendioxid im Mittel niedriger und das Laktat etwas höher, der Sauerstoff war gleich. Bei 11 von 36 Frauen mit Fibromyalgie passten die Werte zu einer leichten, dauerhaften Überatmung, bei den Gesunden bei 4 von 36 (Mensch; Jonsson et al., 2024).

Das heißt nicht, dass die Lunge krank ist. Es heißt, dass bei einem Teil der Betroffenen die Atmung etwas mehr Luft bewegt, als der Stoffwechsel braucht. Das passt zu einem Nervensystem, das bei Fibromyalgie oft auf Alarm steht (Modell nach Martinez-Lavin).

Atemnot gehört trotzdem zuerst zu deiner Ärztin: Herz, Lunge, Blutarmut und andere Ursachen klärt sie. Plötzliche Atemnot, Brustschmerz oder Ohnmacht sind ein Notfall, dann gilt 112. Wenn die Abklärung nichts findet, beginnt die Frage, wie du atmest, und dort setzt Atemtherapie an.

Wirkung und Mechanismus

Atemtherapie kann bei Fibromyalgie auf drei Wegen ansetzen.

Kohlendioxid im Gleichgewicht. Ruhige, kleinere Atemzüge durch die Nase mit langer Ausatmung atmen weniger Kohlendioxid ab als tiefes, schnelles Durchatmen. Bei leichter Dauer-Überatmung ist das der Ansatz der Atemtherapie (Modell). Ob sich dadurch die Blutwerte bei Fibromyalgie verändern, ist nicht untersucht.

Die Bremse am Herzen. Beim Ausatmen bremst der Vagusnerv das Herz. Bei Gesunden galt: Je stärker diese Bremswirkung während langsamer Atmung, desto geringer der empfundene Schmerz; das Atemtempo allein machte keinen Unterschied (Mensch; Zunhammer et al., 2013).

Brustkorb und Nacken. Wer dauerhaft in den oberen Brustkorb atmet, beansprucht Hilfsmuskeln an Hals, Schultern und Brustbein, an denen bei Fibromyalgie oft Druckschmerz sitzt. Nach zwölf Wochen Atemübungen waren in einer kleinen Studie gerade die Druckschmerzschwellen in der oberen Körperhälfte besser (Mensch; Tomas-Carus et al., 2018).

Was sagt die Forschung

Zur Atmung bei Fibromyalgie gibt es wenige und kleine Studien. In einer Pilotstudie aus Portugal wurden 35 Frauen mit Fibromyalgie zufällig auf zwei Gruppen verteilt: 18 machten zwölf Wochen lang Atemübungen, 17 bildeten die Kontrollgruppe. In der Übungsgruppe verbesserten sich die Druckschmerzschwellen an den Tender Points der oberen Körperhälfte, die Alltagsfunktion, Schmerz und Erschöpfung (Mensch; Tomas-Carus et al., 2018). Die Studie war klein und ohne Scheinübung.

In einem Laborversuch mit 27 Frauen mit Fibromyalgie und 25 gesunden Frauen senkte Atmen in halbem Tempo die Bewertung von Hitzeschmerz, bei Fibromyalgie aber weniger verlässlich als bei Gesunden (Mensch; Zautra et al., 2010). Die Forschenden schließen, dass Menschen mit chronischem Schmerz mehr Anleitung brauchen. In der bisher größten kontrollierten Studie aus Oslo schnitt eine Atemmeditation mit sechs Atemzügen pro Minute nach zwei Wochen nicht besser ab als ruhiges Atmen im normalen Tempo; mehr dazu im Forschungsupdate zur Vagusnervstimulation.

Die Versuche zu langsamem Atmen und Schmerz bei Gesunden sind klein und kurz, etwa 16 Personen bei Busch et al. (2012), und auch Zunhammer et al. (2013) untersuchten Gesunde. Der Befund zum Kohlendioxid stammt aus einer Querschnittsstudie; er zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache (Jonsson et al., 2024).

zum Merken
Lufthunger heißt nicht immer zu wenig Luft. Oft atmet der Körper zu viel und hält sich damit im Alarm.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, wie dein Atem bei dir arbeitet, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:

Wann kommt der Lufthunger: in Ruhe, beim Sprechen, bei Stress, mit dem Schmerz? Wie oft seufzt oder gähnst du?

Wie fühlt sich für einige Minuten ein ruhiger, kleiner Atemzug durch die Nase mit langer Ausatmung an, im Vergleich zu tiefem Durchatmen?

Treten Kribbeln, Schwindel oder Unruhe auf, ist das eine Information, kein Versagen. Eine Atemtherapeutin oder Physiotherapeutin kann dich beim Einstieg begleiten; neue oder zunehmende Atemnot klärt deine Ärztin.

  • Erst klären, dann üben: Atemnot, die neu ist oder zunimmt, klärt deine Ärztin, mit Abhören, Lungenfunktion, EKG und Blutbild. Plötzliche Atemnot, Brustschmerz oder Ohnmacht sind ein Notfall: 112. Ist alles abgeklärt, lohnt der Blick darauf, wie du atmest.
  • Leiser statt tiefer: Bei Lufthunger liegt der Impuls nahe, tief durchzuatmen. Wenn eher zu viel geatmet wird, beginnen viele Atemtherapeutinnen umgekehrt: kleinere, ruhige Atemzüge durch die Nase, die Ausatmung länger als die Einatmung. Welche Übungen es gibt und was Studien dazu sagen, steht in den Atemübungen bei Fibromyalgie.
  • Mit Begleitung beginnen: Bei Fibromyalgie wirkte langsames Atmen weniger verlässlich als bei Gesunden, und die Forschenden vermuten, dass Anleitung den Unterschied macht (Zautra et al., 2010). Eine Atemtherapeutin oder Physiotherapeutin sieht, ob du in den Brustkorb atmest, und passt das Tempo an.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Studien zur Atmung bei Fibromyalgie sind klein, kurz und meist ohne Scheinübung. Der niedrigere Kohlendioxidwert ist in einer Querschnittsstudie mit 36 Frauen gezeigt; ob die Überatmung Beschwerden mit verursacht oder ihre Folge ist, wissen wir nicht, und für Männer gibt es keine Daten. Ob Atemtherapie die Blutwerte verändert, ist nicht untersucht. Die meisten Versuche zu langsamem Atmen und Schmerz stammen von Gesunden und aus einer einzigen Sitzung. Für einzelne Techniken wie Atemyoga, Box-Breathing oder 4-7-8 fehlen Studien bei Fibromyalgie.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Ich bekomme nicht richtig Luft: Dyspnoe (Atemnot)
  • Lufthunger, obwohl Herz und Lunge gesund sind: dysfunktionale Atmung
  • Ich atme mehr, als ich brauche: Hyperventilation, Hypokapnie
  • Der Kohlendioxidwert im Blut: arterieller CO2-Partialdruck (pCO2), Blutgasanalyse
  • Kribbeln in Fingern und Lippen: Parästhesien
  • Die Brust fühlt sich eng an: thorakales Engegefühl, eingeschränkte Thoraxbeweglichkeit
  • Atmen mit dem Bauch: diaphragmatische Atmung (Zwerchfellatmung)
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (4)

Kann Fibromyalgie Atemnot verursachen?

Fibromyalgie schädigt die Lunge nicht. Viele Betroffene erleben aber Atembeschwerden, oft als Engegefühl oder Lufthunger. Bei einem Teil der Frauen mit Fibromyalgie fanden Forschende im Blut ein erniedrigtes Kohlendioxid, passend zu leichter Dauer-Überatmung (Jonsson et al., 2024). Neue oder zunehmende Atemnot klärt trotzdem zuerst deine Ärztin.

Was hilft bei Atembeschwerden bei Fibromyalgie?

Zuerst die Abklärung von Herz, Lunge und Blut. Danach setzen viele bei der Atmung selbst an: ruhig, durch die Nase, mit langer Ausatmung. In einer kleinen Studie verbesserten zwölf Wochen Atemübungen Druckschmerz und Alltagsfunktion bei Frauen mit Fibromyalgie (Tomas-Carus et al., 2018). Belastbare große Studien fehlen.

Ist Atemyoga bei Fibromyalgie sinnvoll?

Atemyoga verbindet langsames Atmen mit sanfter Bewegung und Aufmerksamkeit für den Körper. Studien speziell zu Atemyoga bei Fibromyalgie sind uns nicht bekannt. Ob es dir guttut, merkst du daran, ob dein Atem dabei ruhiger wird oder ob Übungen mit tiefem Atmen und Atemhalten den Lufthunger verstärken.

Warum kribbeln meine Finger, wenn ich schlecht Luft bekomme?

Wer mehr atmet, als der Körper braucht, atmet Kohlendioxid ab. Dadurch werden Nerven erregbarer, und es kribbelt in Fingern oder um die Lippen, oft mit Schwindel (Lehrbuchwissen). Das ist ein Zeichen für Überatmung, nicht für Sauerstoffmangel. Neue Beschwerden dieser Art klärt deine Ärztin.
Quellen (3)
  • The Effect of Deep and Slow Breathing on Pain Perception, Autonomic Activity, and Mood Processing—An Experimental Study
    Busch V., Magerl W., Kern U. et al. – Pain Medicine (2012) DOI: 10.1111/j.1526-4637.2011.01243.x
  • Do Cardiorespiratory Variables Predict the Antinociceptive Effects of Deep and Slow Breathing?
    Zunhammer M., Eichhammer P., Busch V. – Pain Medicine (2013) DOI: 10.1111/pme.12085
  • The vagus nerve and the inflammatory reflex—linking immunity and metabolism
    Pavlov V.A., Tracey K.J. – Nature Reviews Endocrinology (2012) DOI: 10.1038/nrendo.2012.189

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