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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

Wind-up-Phänomen

Auch: Temporale Summation · Wind-up · Spinale Summation
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Definition

Wind-up-Phänomen Das Wind-up-Phänomen ist eine progressive Verstärkung der Schmerzantwort spinaler Neuronen bei repetitiver C-Faser-Stimulation – das Rückenmark „lernt" Schmerz.

Im Detail

Wind-up (temporale Summation) beschreibt einen Prozess, bei dem wiederholte identische Stimulation derselben C-Faser (unmyelinisierte Schmerzfaser) zu einer progressiv ansteigenden Antwort der Wide-Dynamic-Range-Neuronen im Hinterhorn des Rückenmarks führt. Der dritte oder vierte Reiz wird als schmerzhafter empfunden als der erste – obwohl die Intensität identisch ist.

Staud et al. (2001) zeigten, dass Fibromyalgie-Betroffene ein verstärktes Wind-up aufweisen: Die temporale Summation ist bei Fibromyalgie größer und länger anhaltend als bei gesunden Kontrollen. Das bedeutet: Das Rückenmark sensitiviert sich bei Fibromyalgie schneller und stärker.

Der neurobiologische Mechanismus: C-Faser-Stimulation setzt Glutamat und Substanz P im Hinterhorn frei. Bei einzelnen Stimuli wird Glutamat über AMPA-Rezeptoren verarbeitet – eine schnelle, proportionale Antwort. Bei repetitiver Stimulation wird zusätzlich der NMDA-Rezeptor aktiviert: Der Magnesium-Block wird aufgehoben, Kalzium strömt ein, und die postsynaptische Erregbarkeit steigt dauerhaft an. Substanz P verstärkt diesen Prozess durch Aktivierung von NK1-Rezeptoren.

Wind-up ist der spinale Mechanismus, der zur zentralen Sensitivierung beiträgt. Es ist ein Normalprozess – auch gesunde Menschen zeigen Wind-up. Bei Fibromyalgie ist es jedoch verstärkt und chronifiziert, was zur Allodynie und Hyperalgesie beiträgt.

— Die MOJO Perspektive

Wind-up zeigt: Schmerz ist ein dynamischer Prozess, nicht ein statischer Zustand. Das Nervensystem lernt Schmerz – und was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden. Die neuroplastische Perspektive eröffnet Interventionsmöglichkeiten, die über reine Analgesie hinausgehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • 1Progressive Schmerzverstärkung bei repetitiver C-Faser-Stimulation – das Rückenmark wird empfindlicher.
  • 2Bei Fibromyalgie verstärkt und chronifiziert (Staud et al., 2001).
  • 3NMDA-Rezeptoren und Substanz P als zentrale Mediatoren.
  • 4Trägt zur zentralen Sensitivierung bei – der Übergang von akutem zu chronischem Schmerz.

— Erkennen · Verstehen · Verändern

Erkennen

Wenn eine leichte Berührung beim ersten Mal kaum schmerzt, aber beim dritten oder vierten Mal an derselben Stelle deutlich schmerzhafter wird – dann erlebst du möglicherweise Wind-up. Fibromyalgie-Betroffene beschreiben häufig, dass wiederholte Reize „immer schlimmer werden".

Verstehen

Dein Rückenmark hat einen Verstärkungsmechanismus: Bei wiederholter Stimulation werden die Neuronen empfindlicher – sie „lernen" Schmerz. Bei gesunden Menschen ist das ein vorübergehender Effekt. Bei Fibromyalgie ist dieser Mechanismus verstärkt und chronifiziert: Das Rückenmark bleibt in einem Zustand erhöhter Erregbarkeit.

Verändern

Wind-up wird über NMDA-Rezeptoren vermittelt, was erklärt, warum bestimmte Substanzen (die in der Schmerzforschung an NMDA-Rezeptoren ansetzen) in Studien untersucht werden. Im klinischen Alltag ist das Verständnis von Wind-up relevant für die Schmerzedukation: Wiederholte Schmerzreize können den Schmerz tatsächlich verstärken – das ist keine Einbildung, sondern ein neurophysiologischer Prozess.

Quellen & Referenzen

  • Abnormal sensitization and temporal summation of second pain (wind-up) in patients with fibromyalgia syndrome
    Staud R., Vierck C.J., Cannon R.L. et al.Pain (2001) DOI: 10.1016/s0304-3959(00)00432-2
  • Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
    Woolf C.J.Pain (2011) DOI: 10.1016/j.pain.2010.09.030

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