„Was ist das Wind-up-Phänomen, und warum tut derselbe Reiz beim dritten Mal mehr weh als beim ersten?“
Du kennst das vielleicht: Jemand streicht dir mehrmals über dieselbe Stelle am Arm. Beim ersten Mal ist es nur Berührung, beim dritten Mal brennt es, beim fünften willst du den Arm wegziehen. Oder die Ärztin drückt wiederholt auf denselben Punkt, und es wird jedes Mal schlimmer.
Die mechanische Sicht sagt: Wenn es zunehmend wehtut, wird das Gewebe gereizt oder verletzt. Bei einer wunden Stelle stimmt das, und deshalb schaut man zuerst, ob dort etwas entzündet ist. Und trotzdem: Warum wächst der Schmerz auch, wenn an der Stelle nichts zu finden ist?
Die energetische Sicht sagt: Dein System ist überreizt, jede Wiederholung ist ein Reiz zu viel. Sie spürt richtig, dass sich Reize bei dir aufsummieren. Und trotzdem: Wo genau summiert sich das?
Die biologische Sicht verbindet beides: Die Summe entsteht im Rückenmark, in Nervenzellen, die jeden weiteren Reiz stärker beantworten.
Oft heißt es: „Wir sind wie ein Auto, das sich abnutzt.“ Wiederholter Schmerz heißt nicht wachsender Schaden. Das Rückenmark summiert Reize auf, und diese Antwort ist nicht fest eingestellt.
Was im Körper passiert
Stell dir eine Schaukel vor, die du immer im richtigen Moment anschubst. Jeder Stoß ist gleich stark, doch sie schwingt immer höher. So ähnlich arbeitet eine Nervenzelle im Rückenmark beim Wind-up: Kommt der nächste Reiz, bevor die Erregung vom letzten abgeklungen ist, baut sich die Antwort auf (Tier; Mendell, 1966).
Das ist zunächst ein normaler Vorgang, auch gesunde Menschen zeigen ihn. Bei Fibromyalgie schaukelt er sich stärker auf, und der Schmerz klingt nach der Reizserie länger nach (Mensch; Staud et al., 2001). Das passt zu einem Nervensystem, das insgesamt lauter gestellt ist.
Wozu? Ein Nervensystem, das auf wiederholte Reize stärker antwortet, bemerkt anhaltende Gefahr schneller. Bei Fibromyalgie bleibt diese Wachsamkeit eingeschaltet, auch wenn keine Gefahr da ist.
Wind-up-Phänomen: warum wiederholter Schmerz stärker wird: Das Wind-up-Phänomen ist das Aufschaukeln der Schmerzantwort im Rückenmark bei einer Serie gleich starker Reize: Jeder weitere Reiz löst mehr aus als der vorige. Beim Menschen heißt das Gegenstück temporale Summation; bei Fibromyalgie ist sie stärker ausgeprägt.
Der Name kommt vom englischen to wind up, aufziehen wie eine Spieluhr. Mendell (1966) beschrieb an Nervenzellen im Rückenmark der Katze, dass ihre Antwort auf eine Serie gleich starker Reize über dünne, marklose C-Fasern von Reiz zu Reiz länger wurde (Tier). C-Fasern leiten den langsamen, brennenden Schmerz, der nach dem ersten scharfen Stich kommt, den sogenannten zweiten Schmerz.
Was in der Nervenzelle passiert: Jeder Reiz setzt im Hinterhorn des Rückenmarks die Botenstoffe Glutamat und Substanz P frei. Folgen die Reize rasch aufeinander, etwa einmal pro Sekunde, bleibt die Zelle zwischen den Reizen teilweise erregt. Dann öffnet sich der NMDA-Rezeptor, der in Ruhe durch Magnesium verschlossen ist, und die Antwort wächst mit jedem Reiz (Tier, Zelle). Endet die Reizserie, klingt Wind-up nach kurzer Zeit ab.
Beim Menschen misst man Wind-up nicht an einzelnen Nervenzellen, sondern an der Empfindung: Eine Serie gleich starker Reize wird zunehmend schmerzhafter. Das heißt temporale Summation. Staud et al. (2001) fanden sie bei Menschen mit Fibromyalgie stärker ausgeprägt als bei Gesunden, und der Schmerz klang nach der Serie länger nach (Mensch). In der quantitativen sensorischen Testung gibt es dafür einen Wind-up-Test: Ein einzelner Nadelreiz wird mit einer Serie gleicher Reize verglichen.
Wind-up und zentrale Sensitivierung. Beide hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Wind-up ist eine kurze Aufschaukelung während der Reizserie. Zentrale Sensitivierung hält über den Reiz hinaus an und erfasst auch Signale aus der Nachbarschaft (Woolf, 2011). Ein verstärktes Wind-up gilt beim Menschen als ein Fenster, durch das sich eine zentrale Sensitivierung zeigen kann.
Beim Wind-up wird nicht der Reiz stärker, sondern die Antwort. Dein Rückenmark rechnet Wiederholungen zusammen.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, wie sich Reize bei dir aufsummieren, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:
Bei welchen wiederholten Reizen wird es schlimmer: Massage, enge Kleidung, Tippen, Kämmen, Treppensteigen?
Macht es einen Unterschied, wenn zwischen den Wiederholungen mehr Pause liegt?
Wie lange klingt der Schmerz danach nach, Minuten oder Stunden?
Diese Beobachtungen sind keine Diagnose. Sie geben deiner Ärztin oder Physiotherapeutin Anhaltspunkte, wie Belastung für dich gestaltet sein kann. Was du daraus machst, entscheidest du.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Wind-up an einzelnen Nervenzellen ist im Tierversuch gut beschrieben. Beim Menschen misst man nur die Empfindung, und temporale Summation ist nicht ganz dasselbe wie das Wind-up einer Zelle. Bei Fibromyalgie ist sie im Gruppenmittel verstärkt, beim Einzelnen schwankt sie. Ein Wind-up-Test stellt keine Diagnose, er zeigt nur einen Teil der Schmerzverarbeitung.