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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Fibromyalgie bei Hashimoto: was Schilddrüse und Schmerz verbindet

Fibromyalgie und Hashimoto treten oft gemeinsam auf. Wie Autoimmunität, Schilddrüsenhormon und Schmerzverarbeitung zusammenhängen und was Studien zeigen.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto sind die häufigsten Autoimmunerkrankungen, und Fibromyalgie tritt dabei häufiger auf (Mensch; Ahmad und Tagoe, 2014).
  • Diskutierte Wege sind Entzündungsbotenstoffe, eine Schädigung feiner Nervenfasern und zentrale Sensitivierung (Mensch, Modell; Ahmad und Tagoe, 2014).
  • Zentrale Sensitivierung, also ein empfindlicher gestelltes Schmerzsystem, gilt als Kern der Fibromyalgie (Mensch; Clauw, 2014).

Begrenzte Evidenz. Wenige Studien oder methodische Einschränkungen, aber mechanistisch plausibel.

„Meine Schilddrüse ist eingestellt, und trotzdem tut mir alles weh. Hängen Hashimoto und Fibromyalgie zusammen?“

Du kennst das vielleicht: Die Schilddrüse ist eingestellt, die Werte liegen im Normbereich, und trotzdem schmerzen Muskeln und Gelenke, der Schlaf erholt nicht, und die Kälte sitzt in Händen und Füßen. Oder es ist umgekehrt: Du hast Fibromyalgie, und irgendwann findet jemand Schilddrüsenantikörper. Dann fällt oft der Satz: „Ihre Schilddrüse ist gut eingestellt, die Schmerzen kommen nicht von dort.“

Die mechanische Sicht der Medizin trennt sauber: Die Endokrinologin misst die Schilddrüse und gleicht fehlendes Hormon aus, die Rheumatologin schließt entzündliche Gelenkerkrankungen aus. Diese Trennung schützt vor Fehlern, und eine Unterfunktion zu erkennen und auszugleichen ist gut belegte Medizin (Mensch). Und trotzdem: Warum bleiben bei manchen Menschen die Schmerzen, obwohl die Werte stimmen?

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde sieht den ganzen Menschen: einen Körper, der erschöpft ist und keine Kraft mehr zum Regulieren hat. Sie hat recht damit, dass Schilddrüse, Schmerz und Erschöpfung zusammengehören und nicht in getrennte Schubladen. Und trotzdem: Was genau verbindet eine kleine Drüse am Hals mit Schmerzen im ganzen Körper?

Die biologische Sicht verbindet beides: Schilddrüsenhormon setzt das Energietempo jeder Zelle, und eine Autoimmunentzündung sendet Gefahrsignale an das Nervensystem. Beides kann die Schmerzverarbeitung verändern.

Oft heißt es: „Die Ärztin müsste das lösen.“ Endokrinologin und Rheumatologin sehen je ein Organ. Die Verbindung über Immunsystem und Nervensystem liegt dazwischen, und dort wirkst du selbst mit.

Was im Körper passiert

Stell dir vor, jede Zelle hätte einen Taktgeber, der festlegt, wie schnell sie Energie umsetzt. Diese Rolle spielt das Schilddrüsenhormon. Seine aktive Form T3 gelangt in die Zelle, bindet an Rezeptoren im Zellkern und schaltet Gene an, die den Energieumsatz und den Bau neuer Mitochondrien steuern (Zelle, Tier). Mitochondrien sind die Orte in der Zelle, an denen aus Nahrung nutzbare Energie wird. Zugleich lesen sie, ob die Zelle in Sicherheit ist oder in Gefahr.

Bei Hashimoto kommt ein zweites Signal dazu. Das Immunsystem greift die Schilddrüse an, und Botenstoffe der Entzündung erreichen auch Nerven und Muskeln. Für die Zellen ist das eine Meldung: Gefahr. Sie stellen dann Wachsamkeit vor Aufbau. Diesen Schutzmodus nennt die Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux). Im Nervensystem zeigt er sich als empfindlicher gestellte Schmerzverarbeitung, als zentrale Sensitivierung (Mensch, Tier; Woolf, 2011).

Das erklärt, warum Schmerzen bleiben können, obwohl der Hormonspiegel ausgeglichen ist: Das fehlende Hormon ist ersetzt, das Gefahrsignal läuft weiter (Modell). Dein Körper ist dabei nicht kaputt. Er schützt sich, und ein Schutzprogramm kann abschließen, wenn die Gefahr nachlässt.

Fibromyalgie und Hashimoto treten auffällig häufig gemeinsam auf. Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen, zu denen Hashimoto gehört, sind die häufigsten Autoimmunerkrankungen überhaupt. Eine Übersicht von Ahmad und Tagoe (2014) beschreibt etwa 10 % Betroffene in der Bevölkerung und nennt Fibromyalgie und chronische Schmerzen im ganzen Körper als bekannte Begleiter. Muskelschmerzen bei Hashimoto sind deshalb kein Nebenbefund, den man übergehen sollte.

Die Überlappung macht die Unterscheidung schwer: Müdigkeit, Muskelschmerzen, Brain Fog, Kälteempfindlichkeit und unruhiger Schlaf kommen bei beiden vor. Die Frage „Kommt das von der Schilddrüse oder von der Fibromyalgie?“ lässt sich oft nicht sauber beantworten, weil beide Systeme sich gegenseitig beeinflussen.

Ist Fibromyalgie eine Autoimmunerkrankung? Nach heutigem Stand wird sie nicht so eingeordnet. Clauw (2014) beschreibt als Kern eine veränderte Schmerzverarbeitung im Nervensystem. Ein Tierversuch aus Liverpool und Stockholm hat 2021 die Frage neu geöffnet: Antikörper aus dem Blut von Menschen mit Fibromyalgie machten Mäuse schmerzempfindlicher (Tier). Ob das beim Menschen eine Rolle spielt, wird erforscht.

Wirkung und Mechanismus

Für die Verbindung zwischen Hashimoto und Fibromyalgie werden mehrere Wege beschrieben. Ahmad und Tagoe (2014) nennen drei: Entzündungsbotenstoffe, eine Schädigung feiner Nervenfasern und zentrale Sensitivierung.

Entzündung als Brücke. Bei Hashimoto greift das Immunsystem die Schilddrüse an. Botenstoffe der Entzündung wirken nicht nur dort, sie erreichen auch das Nervensystem und können die Schmerzverarbeitung empfindlicher stellen. Woolf (2011) beschreibt diese zentrale Sensitivierung: Das Nervensystem verstärkt Signale, die sonst kaum auffallen würden (Mensch, Tier).

Feine Nervenfasern. Manche Menschen mit Autoimmunthyreoiditis haben Veränderungen an den kleinsten Nervenfasern der Haut, eine Small-Fiber-Neuropathie. Sie zeigt sich als Brennen, Kribbeln oder Stechen, oft in Händen und Füßen (Mensch; Ahmad und Tagoe, 2014).

Schilddrüsenhormon und Energie. Die aktive Form des Schilddrüsenhormons, T3, steuert in jeder Zelle den Energieumsatz und den Bau neuer Mitochondrien (Zelle, Tier). Bei einer Unterfunktion ermüden Muskeln schneller, werden steif und können schmerzen; das ist beim Menschen gut beschrieben (Mensch).

Das vegetative Nervensystem. Martinez-Lavin (2012) beschreibt bei Fibromyalgie Zeichen eines dauerhaft aktivierten Sympathikus, des Teils des Nervensystems, der auf Leistung und Abwehr schaltet. Er sieht darin einen Weg, wie Belastung zu Schmerz wird (Modell nach Martinez-Lavin). Eine chronische Autoimmunentzündung ist eine solche Dauerbelastung (Modell).

Was sagt die Forschung

Ahmad und Tagoe (2014) fassen in einer Übersicht zusammen, dass chronische Schmerzsyndrome und Fibromyalgie bei autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen häufiger vorkommen, und ordnen die möglichen Wege ein: Entzündungsbotenstoffe, Small-Fiber-Neuropathie und zentrale Sensitivierung (Mensch, Übersicht). Clauw (2014) beschreibt in einer klinischen Übersicht die veränderte Schmerzverarbeitung als Kern der Fibromyalgie (Mensch). Woolf (2011) fasst zusammen, wie zentrale Sensitivierung entsteht (Mensch, Tier). Martinez-Lavin (2012) beschreibt Fibromyalgie als stressbezogene Störung mit Zeichen eines überaktiven Sympathikus (Mensch, Tier, Modell). Eine Tierstudie im Journal of Clinical Investigation (2021) zeigte, dass Antikörper aus dem Blut von Menschen mit Fibromyalgie bei Mäusen Schmerzüberempfindlichkeit auslösten (Tier).

Was fehlt: Studien, die bei Menschen mit beiden Diagnosen prüfen, welche Wege bei wem überwiegen und was die Schmerzen verändert. Die Verbindung ist gut beobachtet, ihre Ursache nicht geklärt.

zum Merken
Ein ausgeglichener Hormonwert ist nicht dasselbe wie ein beruhigtes Nervensystem.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang notieren, wann Schmerzen, Erschöpfung und Kälte stärker oder schwächer sind, und was zur selben Zeit passiert: Schlaf, Stress, Infekte, eine neue Einstellung der Schilddrüse. So wird sichtbar, ob deine Beschwerden einem Muster folgen. Diese Notizen helfen deiner Ärztin, Werte und Erleben nebeneinander zu sehen.

Du kannst darauf achten, an welchen Tagen sich dein Körper sicherer anfühlt: nach gutem Schlaf, mit Wärme, mit ruhigen Mahlzeiten, mit sanfter Bewegung. Ob der Schmerz an solchen Tagen anders ist, gehört zu deinem Bild dazu.

Und du kannst entscheiden, ob du deine Ärztinnen bittest, beide Diagnosen gemeinsam zu betrachten. Wie die Schilddrüse eingestellt wird, bleibt ärztliche Aufgabe. Welche Beschwerden du dabei erlebst, weißt nur du.

  • Schmerz und Schilddrüse nebeneinander notieren: Schmerzstärke, Erschöpfung, Kälte und Schlaf auf einer Seite, dazu Termine, an denen deine Schilddrüse neu eingestellt wurde. Nach einer Woche zeigt sich oft, ob die Beschwerden mit der Einstellung schwanken oder eigene Wege gehen.
  • Beide Fachrichtungen ins Bild holen: Wenn deine Endokrinologin von der Fibromyalgie weiß und deine Hausärztin oder Rheumatologin von Hashimoto, kann jede ihre Befunde im Licht der anderen lesen. Oft liegt die Verbindung genau zwischen zwei Sprechstunden.
  • Brennen und Kribbeln beschreiben: Brennende, kribbelnde oder stechende Schmerzen in Händen und Füßen können auf feine Nervenfasern hinweisen. Wenn du sie genau beschreibst, wann und wo sie auftreten, kann deine Ärztin entscheiden, ob eine Abklärung sinnvoll ist.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass Fibromyalgie und chronische Schmerzen bei autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen häufiger vorkommen, ist beobachtet (Mensch; Ahmad und Tagoe, 2014). Ob Hashimoto Fibromyalgie auslöst, ob beide auf einem gemeinsamen Boden entstehen oder ob sie nur zusammen auffallen, ist nicht geklärt. Die Wege über Schilddrüsenhormon, Entzündungsbotenstoffe und zentrale Sensitivierung stammen aus Zell-, Tier- und Mechanismusstudien. Studien, die bei Menschen mit beiden Diagnosen prüfen, was die Schmerzen verändert, fehlen. Ob Fibromyalgie selbst eine Autoimmunkomponente hat, ist offen; der stärkste Hinweis stammt bisher aus einem Tierversuch (Tier, 2021).

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Meine Schilddrüse ist entzündet: Hashimoto-Thyreoiditis, Autoimmunthyreoiditis
  • Schmerzen am ganzen Körper: chronischer generalisierter Schmerz (Chronic Widespread Pain)
  • Meine Muskeln sind steif und tun weh: Myalgie, Myopathie bei Hypothyreose
  • Mein Körper verstärkt Schmerz: zentrale Sensitivierung
  • Brennen und Kribbeln in Händen und Füßen: Small-Fiber-Neuropathie
  • Meine Werte sind normal, ich bin trotzdem erschöpft: euthyreote Autoimmunthyreoiditis
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (4)

Ist Fibromyalgie eine Autoimmunerkrankung?

Nach heutigem Stand nicht. Fibromyalgie gilt als Störung der Schmerzverarbeitung im Nervensystem (Clauw, 2014). Ein Tierversuch hat die Frage aber neu geöffnet: Antikörper aus dem Blut von Menschen mit Fibromyalgie machten Mäuse schmerzempfindlicher (Tier, 2021). Ob das beim Menschen eine Rolle spielt, wird erforscht. Hashimoto dagegen ist eine Autoimmunerkrankung, und beide treten oft gemeinsam auf.

Kann Hashimoto Fibromyalgie auslösen?

Bewiesen ist das nicht. Beobachtet ist, dass Fibromyalgie und chronische Schmerzen bei autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen häufiger vorkommen (Mensch; Ahmad und Tagoe, 2014). Plausible Wege sind Entzündungsbotenstoffe, die das Nervensystem empfindlicher stellen, und Veränderungen an feinen Nervenfasern. Ob Hashimoto der Auslöser ist oder beide auf einem gemeinsamen Boden entstehen, ist offen.

Woher kommen Muskelschmerzen bei Hashimoto?

Bei einer Unterfunktion fehlt Schilddrüsenhormon, das den Energieumsatz der Muskelzellen steuert; Muskeln ermüden dann schneller, werden steif und können schmerzen (Mensch). Dazu kommen Entzündungsbotenstoffe, die die Schmerzverarbeitung verändern können. Bleiben Muskelschmerzen trotz ausgeglichener Werte, kann eine Fibromyalgie dahinterstehen; das klärt deine Ärztin.

Wird die Fibromyalgie besser, wenn Hashimoto behandelt wird?

Beschwerden, die von der Unterfunktion selbst kommen, etwa Muskelsteifigkeit, Kälte und Müdigkeit, können nachlassen, wenn fehlendes Hormon ausgeglichen wird (Mensch). Die veränderte Schmerzverarbeitung der Fibromyalgie ändert sich dadurch nicht zwangsläufig. Studien, die das bei Menschen mit beiden Diagnosen gezielt untersuchen, gibt es kaum.
Quellen (2)
  • Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
    Woolf C.J. – Pain (2011) DOI: 10.1016/j.pain.2010.09.030
  • Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
    Martinez-Lavin M. – Pain Research and Treatment (2012) DOI: 10.1155/2012/981565
“
Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
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