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FAQ · Diagnosen & Krankheitsbilder

Wie wird CFS/ME diagnostiziert?

Die Diagnoseverzögerung bei CFS/ME beträgt häufig mehrere Jahre. Viele Betroffene durchlaufen dutzende Arztbesuche, bevor die Diagnose gestellt wird. Ein Hauptgrund: CFS/ME ist eine Ausschlussdiagnose, und viele Ärzte kennen die diagnostischen Kriterien nicht.

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Kurzantwort

CFS/ME wird klinisch diagnostiziert, da es keinen spezifischen Biomarker gibt. Die Diagnose basiert auf den Kanadischen Konsenskriterien oder den Fukuda-Kriterien: Post-Exertional Malaise, nicht-erholsamer Schlaf, kognitive Störungen und autonome Dysfunktion müssen mindestens 6 Monate bestehen. Andere Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden.

Antwort

Die Diagnose von CFS/ME ist eine klinische Diagnose – sie basiert auf der Erhebung von Symptomen, der Krankengeschichte und dem Ausschluss anderer Erkrankungen. Es gibt keinen einzelnen Bluttest, kein MRT und kein Röntgenbild, das CFS/ME beweist.

Die etabliertesten Diagnosekriterien sind:

Kanadische Konsenskriterien (2003): Diese gelten als die spezifischsten Kriterien. Pflichtkriterien sind: (1) Post-Exertional Malaise (Verschlechterung nach Belastung), (2) Fatigue (mind. 6 Monate, nicht durch andere Erkrankungen erklärt), (3) Schlafstörung (nicht-erholsamer Schlaf), (4) Schmerzen (Muskel- und/oder Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen). Zusätzlich müssen mindestens zwei neurologische/kognitive Symptome und mindestens ein autonomes, neuroendokrines oder immunologisches Symptom vorliegen.

Fukuda-Kriterien (1994): Die am längsten etablierten und am häufigsten in Studien verwendeten Kriterien. Sie verlangen: unerklärte Fatigue über 6 Monate plus mindestens 4 von 8 Nebensymptomen (kognitive Einschränkung, Halsschmerzen, empfindliche Lymphknoten, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, nicht-erholsamer Schlaf, PEM).

IOM/NAM-Kriterien (2015): Die neuesten Kriterien fordern drei Kernsymptome: (1) substanzielle Reduktion des Funktionsniveaus über 6 Monate, (2) PEM, (3) nicht-erholsamer Schlaf – plus kognitive Störungen und/oder orthostatische Intoleranz.

Der Bell CFS Disability Scale (0–100) ist kein Diagnoseinstrument, aber ein praktisches Werkzeug, um das Funktionsniveau zu quantifizieren – von 0 (bettlägerig, pflegebedürftig) bis 100 (normal funktionsfähig).

Im Detail

Die Labordiagnostik bei CFS/ME dient primär dem Ausschluss anderer Erkrankungen. Empfohlene Basisdiagnostik umfasst: großes Blutbild, CRP/BSG, Schilddrüsenwerte (TSH, fT3, fT4), Leber- und Nierenwerte, Eisenstatus (Ferritin), Vitamin D, Cortisol, Blutzucker/HbA1c. Immunologische Marker (ANA, RF, Immunglobuline) werden bei Verdacht auf Autoimmunerkrankungen ergänzt.

Maclachlan et al. (2017) zeigten, dass die verschiedenen Diagnosekriterien unterschiedliche Patientenpopulationen identifizieren können – die Kanadischen Kriterien selektieren eine kränkere, biologisch homogenere Gruppe als die Fukuda-Kriterien. Dies hat Auswirkungen auf Forschungsergebnisse und Therapieentscheidungen.

In der Forschung werden zunehmend objektive Biomarker untersucht: NK-Zell-Funktion, Zytokinprofile, Metabolomik-Muster, Hand-Grip-Stärke-Verlauf nach Belastung und Kipptisch-Tests für orthostatische Intoleranz. Ein durchbruchartiger diagnostischer Biomarker steht jedoch noch aus.

— Die MOJO Perspektive

Die Diagnose ist der erste Schritt – aber nicht der letzte. In der Regenerationsmedizin geht es nicht nur darum, ob du CFS/ME hast, sondern darum, welche Systeme bei dir am meisten betroffen sind: Nervensystem, Immunsystem oder Stoffwechsel? Der Bell Score und ein individuelles Symptom-Profil helfen dabei, nicht nur die Diagnose zu stellen, sondern auch den Regulationsansatz zu personalisieren. Denn nicht jeder CFS/ME-Verlauf ist gleich.

Das Wichtigste in Kürze

  • 1CFS/ME ist eine klinische Diagnose – es gibt keinen einzelnen Labortest.
  • 2Kanadische Konsenskriterien gelten als die spezifischsten Diagnosekriterien.
  • 3Post-Exertional Malaise ist das wichtigste Diagnosekriterium und unterscheidet CFS/ME von anderen Erschöpfungszuständen.
  • 4Der Bell Score (0–100) quantifiziert das Funktionsniveau und eignet sich für die Verlaufskontrolle.
  • 5Die Diagnoseverzögerung beträgt häufig mehrere Jahre – frühe Diagnose verbessert die Prognose.

Verwandte Fragen

Welche Blutwerte sollte man bei Verdacht auf CFS/ME untersuchen?
Die Basisdiagnostik umfasst: großes Blutbild, CRP, BSG, TSH, fT3, fT4, Ferritin, Vitamin D, Cortisol, HbA1c, Leber- und Nierenwerte. Bei entsprechendem Verdacht werden ANA, Immunglobuline und NK-Zell-Funktion ergänzt. Diese Werte dienen primär dem Ausschluss anderer Ursachen.
Was ist der Unterschied zwischen Fukuda- und Kanadischen Kriterien?
Die Fukuda-Kriterien (1994) sind breiter gefasst und werden in den meisten Studien verwendet. Die Kanadischen Konsenskriterien (2003) sind spezifischer: sie fordern PEM als Pflichtkriterium und schließen neurologische und autonome Symptome ein. Studien zeigen, dass die Kanadischen Kriterien eine kränkere, biologisch homogenere Patientengruppe identifizieren.
Kann man CFS/ME im MRT sehen?
Standard-MRT-Untersuchungen zeigen bei CFS/ME in der Regel keine Auffälligkeiten. Forschungs-MRT mit speziellen Sequenzen hat jedoch Hinweise auf Neuroinflammation und veränderte Hirnkonnektivität gezeigt. Diese Methoden sind allerdings noch nicht in der klinischen Routinediagnostik angekommen.

Quellen & Referenzen

  • The Chronic Fatigue Syndrome: A Comprehensive Approach to Its Definition and Study
    Fukuda K., Straus S.E., Hickie I. et al.Annals of Internal Medicine (1994) DOI: 10.7326/0003-4819-121-12-199412150-00009
  • Are current chronic fatigue syndrome criteria diagnosing different disease phenotypes?
    Maclachlan L., Watson S., Gallagher P. et al.PLoS ONE (2017) DOI: 10.1371/journal.pone.0186885
  • ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
    Komaroff A.L., Lipkin W.I.Frontiers in Medicine (2023) DOI: 10.3389/fmed.2023.1187163

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