Aus Sicht der Regenerationsmedizin führt die Frage „Ist es psychisch?“ nicht weiter. Hilfreicher ist die Frage, wie dein Körper auf Belastung antwortet. Bei ME/CFS reagieren Zellen, Immunsystem und Energiestoffwechsel auf Anstrengung wie auf eine Gefahr, ein Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux). Bei einer Depression zieht sich das Nervensystem zurück, Antrieb und Freude werden gedämpft. Von den sechs Ärzten der Regeneration plus Dr. Pharma ist Dr. Bewegung gefragt, bei Depression mit dosierter Aktivität, bei ME/CFS mit Pacing. Deine ärztliche und psychotherapeutische Behandlung läuft weiter.
Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ ME/CFS ist nicht psychisch überlagert, und eine Depression ist keine Schwäche. Der Unterschied liegt darin, was Belastung mit dir macht.
Beide machen tief erschöpft, stören Schlaf und Konzentration und ziehen dich aus dem Leben. Drei Fragen helfen dir, deine Erschöpfung einzuordnen, bevor du mit deiner Ärztin sprichst.
1. Was passiert nach Belastung? Bei ME/CFS nehmen alle Beschwerden nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung zu, oft erst nach Stunden bis Tagen, und der Einbruch hält Tage bis Wochen an. Fachleute nennen das Post-Exertional Malaise, kurz PEM, und machen es zum Kernmerkmal (Mensch; Carruthers et al., 2011). Bei einer Depression gibt es diese verzögerte Verschlechterung nicht; kleine Aktivitäten heben bei vielen eher die Stimmung, auch wenn der Anfang schwerfällt.
2. Willst du und kannst nicht, oder fehlt die Lust selbst? Bei ME/CFS bleibt der Wunsch, aktiv zu sein, meist erhalten, der Körper kommt nicht mit. Bei einer Depression ist der Antrieb selbst vermindert, und Freude an Dingen, die früher wichtig waren, geht verloren.
3. Wie hat es angefangen? ME/CFS beginnt oft recht plötzlich, häufig nach einem Infekt. Eine Depression entwickelt sich meist schleichend über Wochen, oft nach Belastungen oder Verlusten.
Zwei Sichten, die viele kennen. Die mechanische Sicht findet keine Befunde und schließt auf die Psyche. Das ist folgerichtig, denn eine Depression ist häufig und gut behandelbar, und sie zu übersehen, wäre ein Schaden. Und trotzdem: Warum legt dich ein Spaziergang zwei Tage flach, obwohl du eigentlich willst? Die energetische Sicht sagt, Körper und Seele seien eins und Ruhe bringe die Kraft zurück. Sie hat recht, dass beides zusammengehört. Und trotzdem: Warum kommt die Kraft trotz Ruhe und Zuversicht nicht zurück?
Die biologische Sicht fragt nicht „Körper oder Psyche?“, sondern wie dein Körper auf Belastung antwortet. Die ausführliche Gegenüberstellung findest du im Vergleich ME/CFS oder Depression.
Im Detail
Warum Belastung bei ME/CFS verschlechtert. Stell dir zwei Menschen vor, die zu Hause bleiben. Der eine sieht keinen Sinn darin hinauszugehen. Der andere war gestern kurz draußen und liegt heute mit Gliederschmerzen und Benommenheit im Bett. Von außen sehen beide gleich aus. Den Unterschied zeigt ein Belastungstest an zwei Tagen hintereinander: Gesunde erreichen am zweiten Tag dieselbe Leistung, Menschen mit ME/CFS nehmen deutlich weniger Sauerstoff auf (Mensch; Keller et al., 2014). Der Körper erholt sich nicht nur langsamer, er arbeitet nach der Belastung schlechter. Das ist keine Frage der Motivation.
Gibt es einen Test? Einen Labortest, der ME/CFS von einer Depression trennt, gibt es nicht. Fragebögen für Depression zählen Müdigkeit, Schlaf- und Konzentrationsprobleme mit, die bei ME/CFS aus anderem Grund bestehen, und können so in die Irre führen. Der Belastungstest an zwei Tagen ist aussagekräftig, aber selbst eine Belastung und nicht überall verfügbar. Am meisten hilft eine Ärztin, die gezielt nach der Verschlechterung nach Belastung fragt.
Nicht psychisch, und trotzdem nicht getrennt. ME/CFS ist keine psychische Erkrankung. Die Grenze verläuft aber auch nicht sauber zwischen Körper und Seele: Maes und Kollegen (2011) beschreiben bei beiden Erkrankungen Zeichen von Entzündung und oxidativem Stress (Mensch, Übersicht). Und wer mit ME/CFS lebt, verliert oft Arbeit, Kontakte und Pläne. Daraus kann eine Depression entstehen, die eigene Hilfe verdient, etwa von einer Psychotherapeutin. Sie macht ME/CFS nicht zu einer psychischen Erkrankung.
Deine Entscheidung. Wenn du deine Erschöpfung für das Gespräch mit deiner Ärztin sortieren möchtest, kannst du eine Woche lang notieren, was du an einem Tag getan hast und wie es dir am Tag danach und am übernächsten ging. Schreib dazu, ob dir eher die Kraft fehlt oder eher die Lust, und ob es einen Infekt oder einen klaren Tag gab, ab dem es anders wurde. Solange offen ist, ob PEM vorliegt, ist es klug, nicht über die eigene Grenze zu gehen. Was du daraus machst, entscheidest du.
Bei Depression fehlt oft die Lust. Bei ME/CFS ist sie da, aber der Körper zahlt für jede Überschreitung der Grenze mit Tagen.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Neurometabolismus).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die Unterscheidung beruht auf Kriterien und Verlauf, nicht auf einem Labortest. Für ME/CFS konkurrieren mehrere Kriteriensätze, und wie oft eine Depression zusätzlich auftritt, schwankt je nach Studie stark. Der Belastungstest an zwei Tagen wurde in kleinen Gruppen untersucht und ist nicht überall verfügbar. Die drei Fragen helfen beim Sortieren, ersetzen aber keine Diagnose.
Anhaltende Erschöpfung klärt deine Ärztin, auch um Blutarmut, Schilddrüse oder Schlafapnoe zu erkennen. Für die seelische Seite ist eine Psychotherapeutin die richtige Ansprechpartnerin, bei Depression ebenso wie bei ME/CFS. Wenn alles zu viel wird oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111.