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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

POTS (Posturales orthostatisches Tachykardie-Syndrom)

Auch: Posturales Tachykardie-Syndrom · Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom · Orthostatische Intoleranz
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Definition

POTS (Posturales orthostatisches Tachykardie-Syndrom) POTS (Posturales orthostatisches Tachykardie-Syndrom) ist eine autonome Dysfunktion, bei der die Herzfrequenz beim Wechsel von liegender in aufrechte Position um mindestens 30 Schläge pro Minute ansteigt (oder auf über 120 bpm), ohne dass der Blutdruck signifikant abfällt. 20–30 % der Long-COVID-Patienten zeigen POTS-ähnliche Symptome.

Im Detail

POTS gehört zu den Dysautonomien – Störungen des autonomen (vegetativen) Nervensystems. Bei POTS reagiert der Körper inadäquat auf die Lageveränderung vom Liegen zum Stehen:

Normaler Orthostase-Reflex: Beim Aufstehen versacken 300–800 ml Blut in die Beine. Das Baroreflexsystem kompensiert: Herzfrequenz steigt leicht, Gefäße verengen sich, Blutdruck bleibt stabil.

Bei POTS: Die Kompensation ist gestört. Das Blut versackt, der Baroreflex reagiert überschießend mit massivem Herzfrequenzanstieg (≥ 30 bpm in 10 Minuten), aber die Gefäßverengung ist inadäquat. Symptome: Schwindel, Benommenheit, Herzrasen, Schwäche, Sehstörungen, Übelkeit, manchmal Synkopen.

POTS und Long COVID: Autonome Dysfunktion ist einer der häufigsten und am besten objektivierbaren Befunde bei Long COVID. Die Mechanismen umfassen: Autoantikörper gegen adrenerge und muskarinerge Rezeptoren, Vagus-Dysfunktion, Hypovolämie, Small Fiber Neuropathie und Neuroinflammation. Der Kipptisch-Test ist der diagnostische Goldstandard.

Subtypen:

  • Neuropathisches POTS (häufigster Subtyp bei Long COVID): Denervierung der peripheren Gefäße
  • Hyperadrenerges POTS: Exzessive Noradrenalin-Ausschüttung
  • Hypovolämisches POTS: Reduziertes Blutvolumen

— Die MOJO Perspektive

POTS bei Long COVID zeigt exemplarisch, was passiert, wenn das autonome Nervensystem die Fähigkeit zur adäquaten Regulation verliert. In der Regenerationsmedizin adressieren wir POTS nicht nur symptomatisch (Flüssigkeit, Salz, Kompressionsstrümpfe), sondern suchen den zugrundeliegenden Mechanismus: Ist es eine Autoantikörper-vermittelte Störung? Eine Small Fiber Neuropathie? Eine Vagus-Dysfunktion? Die Antwort bestimmt die Strategie.

Das Wichtigste in Kürze

  • 1Diagnostisches Kriterium: Herzfrequenzanstieg ≥ 30 bpm beim Aufstehen innerhalb von 10 Minuten.
  • 220–30 % der Long-COVID-Patienten zeigen POTS-ähnliche Symptome.
  • 3Der Kipptisch-Test ist der diagnostische Goldstandard.
  • 4POTS bei Long COVID kann durch Autoantikörper, Vagus-Dysfunktion oder Small Fiber Neuropathie bedingt sein.

— Erkennen · Verstehen · Verändern

Erkennen

Dein Herz rast, sobald du aufstehst? Dir wird schwindelig beim Stehen, aber im Liegen geht es dir besser? Du verträgst langes Stehen nicht mehr – Warteschlangen, Kochen, Duschen werden zur Tortur? Das sind klassische POTS-Symptome.

Verstehen

Bei POTS kann dein Kreislauf die Schwerkraft nicht mehr adäquat kompensieren. Wenn du aufstehst, versackt Blut in deine Beine, und dein Herz versucht mit massivem Frequenzanstieg gegenzusteuern – aber die Gefäße verengen sich nicht ausreichend. Das Ergebnis: Zu wenig Blut im Oberkörper und Gehirn, obwohl dein Herz wie verrückt arbeitet.

Verändern

Ein Kipptisch-Test beim Kardiologen oder Neurologen kann POTS diagnostisch sichern. Viele Betroffene berichten, dass erhöhte Flüssigkeits- und Salzzufuhr, Kompressionsstrümpfe und langsames Aufstehen die Symptome lindern. Autonomes Training (langsame Lagenwechsel, Beinübungen im Liegen vor dem Aufstehen) wird häufig empfohlen.

Quellen & Referenzen

  • Long COVID: major findings, mechanisms and recommendations
    Davis H.E., McCorkell L., Vogel J.M. et al.Nature Reviews Microbiology (2023) DOI: 10.1038/s41579-022-00846-2
  • High-dimensional characterization of post-acute sequelae of COVID-19
    Al-Aly Z., Xie Y., Bowe B.Nature (2021) DOI: 10.1038/s41586-021-03553-9

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