3 Min. Lesezeit
FAQ · Diagnosen & Krankheitsbilder

Was ist CFS/ME (Chronisches Fatigue-Syndrom)?

CFS/ME betrifft weltweit schätzungsweise 17–24 Millionen Menschen und wurde lange als psychosomatisch abgetan. Die WHO klassifiziert ME/CFS seit 1969 als neurologische Erkrankung (ICD-10: G93.3). Seit der COVID-19-Pandemie hat die Erkrankung durch die Überlappung mit Long COVID massiv an Aufmerksamkeit gewonnen.

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Kurzantwort

CFS/ME (Chronisches Fatigue-Syndrom / Myalgische Enzephalomyelitis) ist eine schwere, chronische neuroimmunologische Erkrankung, deren Kernsymptom eine tiefgreifende Erschöpfung ist, die durch Ruhe nicht besser wird und sich nach Belastung dramatisch verschlechtert (Post-Exertional Malaise). Nervensystem, Immunsystem und Zellstoffwechsel sind gleichermaßen betroffen.

Antwort

CFS/ME – die Abkürzung steht für Chronisches Fatigue-Syndrom / Myalgische Enzephalomyelitis – ist eine komplexe, chronische Erkrankung, die weit über normale Müdigkeit hinausgeht. Die Erschöpfung bei CFS/ME ist nicht die Folge von zu wenig Schlaf oder Überarbeitung. Sie ist das Resultat einer tiefgreifenden Störung an der Schnittstelle von Nervensystem, Immunsystem und Zellstoffwechsel.

Das Kardinalsymptom ist die Post-Exertional Malaise (PEM): Eine unverhältnismäßige Verschlechterung aller Symptome nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung – oft mit einer Verzögerung von 12–72 Stunden. Diese Belastungsintoleranz unterscheidet CFS/ME fundamental von Depression, Burnout oder normaler Erschöpfung.

Weitere Kernsymptome umfassen: nicht-erholsamer Schlaf (du wachst auf, als hättest du gar nicht geschlafen), kognitive Einschränkungen (Brain Fog – Konzentrations- und Wortfindungsstörungen), orthostatische Intoleranz (Schwindel, Herzrasen beim Aufstehen), Schmerzen in Muskeln und Gelenken, Halsschmerzen, empfindliche Lymphknoten und Reizüberempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm und chemischen Substanzen.

Die Ursachen sind multifaktoriell. Aktuelle Forschung zeigt biologische Auffälligkeiten auf mehreren Ebenen: immunologische Dysregulation (erhöhte proinflammatorische Zytokine, NK-Zell-Dysfunktion), mitochondriale Dysfunktion (gestörte Energieproduktion auf Zellebene), autonome Dysfunktion (gestörte Regulation des vegetativen Nervensystems) und Veränderungen im Darmmikrobiom (Giloteaux et al., 2016). CFS/ME wird häufig durch Infektionen (z. B. EBV, Influenza, SARS-CoV-2), aber auch durch Traumata, Operationen oder anhaltenden Stress getriggert.

Die Diagnose ist klinisch: Es gibt keinen einzelnen Labortest. Die Kanadischen Konsenskriterien (2003) und die Fukuda-Kriterien (Fukuda et al., 1994) sind die etablierten diagnostischen Rahmenwerke. Der Bell CFS Disability Scale (0–100) dient der Quantifizierung des Funktionsniveaus.

Im Detail

Die Pathophysiologie von CFS/ME ist Gegenstand intensiver Forschung. Naviaux et al. (2016) identifizierten ein charakteristisches Stoffwechselmuster bei CFS/ME-Patienten: eine metabolische Hypometabolie, die die Autoren als zelluläre Stressreaktion interpretierten – der Zellstoffwechsel scheint heruntergefahren zu sein. Fluge et al. (2016) fanden Hinweise auf eine gestörte Pyruvatdehydrogenase-Funktion, die die mitochondriale Energieproduktion beeinträchtigt.

Komaroff und Lipkin (2023) fassten in einem umfassenden Review zusammen, dass CFS/ME und Long COVID bemerkenswerte biologische Ähnlichkeiten aufweisen: beide zeigen Neuroinflammation, autonome Dysfunktion, mitochondriale Beeinträchtigung und Immunaktivierung. Die Schwere der Erkrankung variiert erheblich: etwa 25 % der Betroffenen sind housebound oder bettlägerig.

Die Prävalenz liegt bei schätzungsweise 0,2–0,4 % der Bevölkerung. Frauen sind 2–4-mal häufiger betroffen. Der Erkrankungsgipfel liegt im jungen Erwachsenenalter und um die Menopause. Die Diagnoseverzögerung beträgt häufig mehrere Jahre.

— Die MOJO Perspektive

In der Regenerationsmedizin betrachten wir CFS/ME als systemische Regulationsstörung – nicht als einzelne defekte Komponente, für die es eine Magic Bullet gibt. Nervensystem, Immunsystem und Zellstoffwechsel sind gleichzeitig betroffen und beeinflussen sich gegenseitig. Der Vagusnerv als zentrale Schnittstelle zwischen Gehirn und Körper ist bei CFS/ME häufig in seiner Funktion beeinträchtigt. Es geht nicht darum, sich in immer kleineren Details zu verlieren, sondern das große Bild zu sehen: Es geht um Energie – und um die Regulation der drei Systeme, die Energie produzieren, verteilen und schützen.

Das Wichtigste in Kürze

  • 1CFS/ME ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung – keine psychosomatische Störung.
  • 2Post-Exertional Malaise (PEM) ist das Kardinalsymptom: Verschlechterung nach Belastung mit 12–72h Verzögerung.
  • 3Nervensystem, Immunsystem und Zellstoffwechsel sind gleichzeitig betroffen und interagieren.
  • 4Biologische Auffälligkeiten: Metabolische Hypometabolie (Naviaux 2016), gestörte Mitochondrienfunktion (Fluge 2016), Immunaktivierung, Mikrobiom-Veränderungen.
  • 5Die Diagnose erfolgt klinisch über Kanadische Konsenskriterien oder Fukuda-Kriterien – es gibt keinen einzelnen Labortest.

Verwandte Fragen

Ist CFS/ME dasselbe wie Burnout?
Nein. Burnout ist ein Erschöpfungszustand durch chronische Arbeitsüberlastung, der sich durch Erholung und Veränderung der Lebensumstände in der Regel bessert. CFS/ME hat eine biologische Grundlage mit messbaren Veränderungen in Immunsystem, Nervensystem und Zellstoffwechsel. Das Kardinalsymptom PEM – die Verschlechterung nach Belastung – existiert bei Burnout nicht.
Wie viele Menschen sind von CFS/ME betroffen?
Schätzungen zufolge sind weltweit 17–24 Millionen Menschen betroffen (genaue Zahlen sind aufgrund der hohen Dunkelziffer unsicher). In Deutschland geht man von mehreren Hunderttausend Betroffenen aus. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, da die Diagnoseverzögerung häufig mehrere Jahre beträgt und viele Betroffene nie eine korrekte Diagnose erhalten.
Was löst CFS/ME aus?
CFS/ME wird häufig durch Infektionen getriggert – EBV, Influenza und seit 2020 vermehrt SARS-CoV-2. Aber auch Traumata, Operationen, anhaltender psychosozialer Stress und Umweltfaktoren können Auslöser sein. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass bei genetisch prädisponierten Menschen ein Trigger eine Kaskade auslöst, die Nervensystem, Immunsystem und Stoffwechsel in einen Zustand chronischer Dysregulation versetzt.

Quellen & Referenzen

  • Metabolic features of chronic fatigue syndrome
    Naviaux R.K., Naviaux J.C., Li K. et al.Proceedings of the National Academy of Sciences (2016) DOI: 10.1073/pnas.1607571113
  • ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
    Komaroff A.L., Lipkin W.I.Frontiers in Medicine (2023) DOI: 10.3389/fmed.2023.1187163
  • Reduced diversity and altered composition of the gut microbiome in individuals with myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome
    Giloteaux L., Goodrich J.K., Walters W.A. et al.Microbiome (2016) DOI: 10.1186/s40168-016-0171-4
  • The Chronic Fatigue Syndrome: A Comprehensive Approach to Its Definition and Study
    Fukuda K., Straus S.E., Hickie I. et al.Annals of Internal Medicine (1994) DOI: 10.7326/0003-4819-121-12-199412150-00009

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