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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

ME/CFS und MCAS: was Mastzellen mit der Erschöpfung zu tun haben

ME/CFS und MCAS treten oft gemeinsam auf. Was Mastzellen und Histamin mit Erschöpfung und Herzrasen im Stehen zu tun haben, und was davon gesichert ist.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • In einer österreichischen Untersuchung erfüllten im Verlauf bis zu ein Viertel der Menschen mit ME/CFS die Kriterien einer klinisch relevanten Mastzellaktivierung (Mensch, Beobachtungsdaten; Rohrhofer und Kollegen 2025).
  • Mit Mastzellbeteiligung kamen Beschwerden im Stehen, vor allem POTS, deutlich häufiger vor (Mensch, Beobachtungsdaten).
  • Dass Botenstoffe der Mastzellen Energie für den Schutz binden und so die Erschöpfung verstärken, ist ein Modell, keine bei ME/CFS gemessene Tatsache (Modell nach Naviaux).

Begrenzte Evidenz. Wenige Studien oder methodische Einschränkungen, aber mechanistisch plausibel.

„Ich habe ME/CFS und reagiere auf Essen, Gerüche und Wärme. Kann das MCAS sein, und hängt beides zusammen?“

Du kennst das vielleicht: Du lebst mit ME/CFS, und dazu kommen Dinge, die nicht ins Bild passen. Nach manchen Mahlzeiten wird dir heiß, die Haut rötet sich, Gerüche oder Wärme lösen Herzrasen aus, der Bauch krampft, und an solchen Tagen ist die Erschöpfung noch tiefer als sonst.

Die mechanische Sicht trennt sauber: ME/CFS hier, ein Mastzellaktivierungssyndrom dort, jedes mit eigenen Kriterien, Tryptase im Blut, andere Ursachen ausschließen. Das ist richtig, denn klare Kriterien schützen vor Fehldiagnosen und davor, eine Mastozytose oder eine Allergie zu übersehen. Und trotzdem: Oft ist die Tryptase normal, die Beschwerden bleiben, und niemand schaut auf beides zusammen.

Die energetische Sicht sagt: Dein ganzes System ist überreizt und braucht Schutz und Ruhe vor Reizen. Sie spürt richtig, dass dein Körper gerade mehr bekommt, als er verarbeiten kann. Und trotzdem: Reize zu meiden beantwortet nicht, warum die Schwelle so tief liegt und warum sie bei manchen Menschen mit ME/CFS im Verlauf sinkt.

Die biologische Sicht schaut auf die Wächterzellen deines Immunsystems: Mastzellen, die zu früh Alarm geben, in einem Körper, der seine Energie ohnehin knapp verteilt.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ Mastzellen sind Wächter, keine Feinde. Bei ME/CFS mit MCAS melden sie zu früh Gefahr. Sie zu dämpfen kann entlasten; die Frage bleibt, was sie alarmiert und wie viel Reiz dein System gerade verkraften kann.

Was im Körper passiert

Stell dir einen Rauchmelder vor, der schon beim Toasten anschlägt, und jedes Mal wird das ganze Haus geräumt. Das Haus brennt nicht, aber die Räumung kostet Kraft, und an ruhiges Wohnen ist nicht zu denken.

Mastzellen sind solche Melder. Sie sitzen dort, wo dein Körper die Welt berührt: in Haut, Darm und Atemwegen, rund um Blutgefäße und Nerven. Bei Gefahr schütten sie Histamin und andere Botenstoffe aus. Bei einem Mastzellaktivierungssyndrom liegt ihre Schwelle zu tief, sie reagieren auf Essen, Wärme, Druck oder Gerüche (Mensch; Molderings und Kollegen 2011). Histamin weitet Blutgefäße und macht sie durchlässiger. Im Stehen sackt dann mehr Blut in die Beine, und das Herz schlägt schneller, um gegenzuhalten (Mensch).

Dazu kommt ein zweites Signal. Die Botenstoffe der Mastzellen melden umliegenden Zellen Gefahr. Zellen, die Gefahr melden, schalten auf Schutz und binden Energie für die Abwehr, ein Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux). In einem Körper mit ME/CFS, in dem jede Überschreitung der Belastungsgrenze ohnehin Tage kostet, kommt dieser Alarm obendrauf.

Dein Körper ist nicht überempfindlich aus Schwäche. Seine Wächter melden zu früh Gefahr.

Wer mit ME/CFS lebt und zusätzlich auf Essen, Gerüche, Wärme oder Medikamente reagiert, stößt früher oder später auf das Mastzellaktivierungssyndrom, kurz MCAS. Die Verbindung ist mehr als ein Gefühl aus Foren. In einer österreichischen Untersuchung mit zwei Datensätzen, 687 Fragebögen und den Akten von 383 Menschen mit ME/CFS, erfüllten im Verlauf der Erkrankung bis zu ein Viertel die Kriterien einer klinisch relevanten Mastzellaktivierung, und der Anteil stieg mit der Zeit (Mensch, Beobachtungsdaten; Rohrhofer und Kollegen 2025).

Die Beschwerden überlappen stark: Erschöpfung, Brain Fog, schlechter Schlaf, Herzrasen und Schwindel im Stehen, Magen-Darm-Beschwerden. Unterscheiden lassen sie sich am ehesten über den zeitlichen Ablauf. Kennzeichen von ME/CFS ist die Verschlechterung nach Belastung, oft verzögert um Stunden bis Tage (Carruthers und Kollegen 2011). Typisch für Mastzellreaktionen sind dagegen Flush, also anfallsartige Hautrötung mit Hitzegefühl, Quaddeln, Juckreiz, Bauchkrämpfe oder Durchfall, meist innerhalb von Minuten bis Stunden nach einem Auslöser (Molderings und Kollegen 2011).

Auffällig ist der Kreislauf. In beiden österreichischen Datensätzen kam orthostatische Intoleranz, also Beschwerden beim Stehen bis hin zum posturalen Tachykardiesyndrom POTS, bei Menschen mit Mastzellbeteiligung deutlich häufiger vor (Mensch, Beobachtungsdaten). Mehr zu diesen Beschwerden im Artikel Herzrasen bei ME/CFS.

Wirkung und Mechanismus

Wächter an den Grenzflächen. Mastzellen gehören zum angeborenen Immunsystem. In ihren Körnchen lagern Histamin und Tryptase, bei Bedarf bilden sie neu Prostaglandine, Leukotriene und Entzündungsbotenstoffe wie TNF-α und IL-6 (Zelle). Werden sie aktiviert, geben sie diese Stoffe ab, beim Mastzellaktivierungssyndrom schon bei Reizen, die für andere harmlos sind (Mensch; Molderings und Kollegen 2011).

Histamin und Kreislauf. Histamin weitet Blutgefäße und macht ihre Wände durchlässiger (Mensch). Im Liegen fällt das kaum auf. Im Stehen sammelt sich dann mehr Blut in Beinen und Bauch, weniger kommt zum Herzen zurück, und das Herz schlägt schneller, um den Blutdruck zu halten. So lässt sich erklären, warum Herzrasen im Stehen bei Menschen mit ME/CFS und Mastzellbeteiligung häufiger ist; bewiesen ist dieser Weg bei ME/CFS nicht (Modell).

Nerven und Mastzellen im Gespräch. Mastzellen sitzen dicht an Nervenenden und tauschen mit ihnen Signale aus. Tracey (2002) beschrieb, wie der Vagusnerv Entzündungsreaktionen über einen Reflex dämpfen kann (Tier). Ob ein veränderter Vagustonus bei ME/CFS die Mastzellen weniger bremst, ist nicht untersucht.

Energie für den Schutz. Botenstoffe der Mastzellen melden umliegenden Zellen Gefahr. Naviaux (2014) beschreibt, wie Zellen und ihre Mitochondrien auf solche Signale mit einem Schutzprogramm antworten, in der Forschung Cell Danger Response: weniger Energie für den Alltag, mehr für Abwehr und Abdichtung (Modell nach Naviaux). Bei ME/CFS, wo Belastung ohnehin zum Einbruch führen kann, wäre jede Mastzellreaktion damit eine zusätzliche Last.

Was sagt die Forschung

Die wichtigste Studie zur Verbindung stammt aus Österreich. Rohrhofer und Kollegen (2025) werteten einen Online-Fragebogen mit 687 Antworten aus und prüften die Ergebnisse an den Daten von 383 Menschen mit ME/CFS. Im Verlauf erfüllten bis zu 25,3 Prozent die Kriterien einer klinisch relevanten Mastzellaktivierung. Orthostatische Intoleranz, vor allem POTS, war bei Mastzellbeteiligung in beiden Datensätzen deutlich häufiger. Menschen mit ME/CFS, MCAS und Beschwerden im Stehen berichteten nach einer auf Mastzellen gerichteten Behandlung häufiger von Linderung als Menschen ohne MCAS (Mensch, Selbstauskunft, rückblickend).

Die Studie hat klare Grenzen: Selbstauskunft, rückblickende Auswertung, ein Land, keine Vergleichsgruppe ohne ME/CFS. Sie spricht bewusst von Mastzellaktivierung, einem weiteren Begriff als dem streng definierten MCAS. Kontrollierte Behandlungsstudien bei ME/CFS mit Mastzellbeteiligung gibt es nicht.

Dass das Immunsystem bei ME/CFS in vielen Studien auffällig ist, fassen Komaroff und Lipkin (2023) zusammen (Mensch, Übersichtsarbeit); Mastzellen stehen dort nicht im Mittelpunkt. Morris und Maes (2014) beschreiben bei ME/CFS Entzündungswege und oxidativen Stress, an denen auch Botenstoffe von Mastzellen beteiligt sein können (Mensch, Übersichtsarbeit). Der Schutzmodus als Brücke zur Erschöpfung ist ein Modell (Naviaux 2014).

zum Merken
Mastzellen sind Wächter. Melden sie zu früh Gefahr, geht die knappe Energie bei ME/CFS in den Schutz statt in den Alltag.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du für dich klären möchtest, ob Mastzellen bei deinem ME/CFS mitspielen, kannst du eine Woche lang drei Dinge beobachten:

Gibt es Reaktionen, die schnell nach einem Auslöser kommen, etwa Rötung, Juckreiz, Bauchkrämpfe oder Herzrasen nach Essen, Wärme oder Gerüchen?

Wie verhalten sich diese Tage zu deiner Belastung: Kommt der Einbruch verzögert nach Anstrengung, schnell nach einem Auslöser oder beides?

Wie geht es dir im Stehen, und ändert sich das an Tagen mit vielen Auslösern?

Mit diesen Notizen kannst du mit deiner Ärztin besprechen, ob eine Abklärung auf Mastzellaktivierung für dich sinnvoll ist. Was du daraus machst, entscheidest du.

  • Belastung und Auslöser getrennt notieren: Die Verschlechterung nach Belastung kommt oft erst nach Stunden bis Tagen, Mastzellreaktionen meist innerhalb von Minuten bis Stunden nach Essen, Wärme, Gerüchen oder Druck. Wer beides in getrennten Spalten notiert, sieht oft, welcher Einbruch woher kommt.
  • Beschwerden im Stehen festhalten: Herzrasen, Schwindel oder Benommenheit beim Aufstehen und längeren Stehen sind eine wichtige Information für die Ärztin. Ob dahinter eine orthostatische Intoleranz oder POTS steckt, klärt ein Stehtest in der Praxis.
  • Beim Essen nicht zu streng werden: Manche Menschen probieren für kurze Zeit histaminärmeres Essen, um ein Muster zu erkennen. Bei ME/CFS ist das Essen oft ohnehin eingeschränkt, und zu strenges Weglassen kann zu Mangel führen. Eine Ernährungsfachkraft hilft, Muster zu sehen, ohne den Speiseplan auszudünnen.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Verbindung von ME/CFS und Mastzellaktivierung stützt sich vor allem auf Beobachtungsdaten mit Selbstauskunft. Wie häufig ein streng definiertes MCAS bei ME/CFS wirklich ist, ob Mastzellen Ursache, Verstärker oder Folge sind und ob eine auf Mastzellen gerichtete Behandlung den Verlauf von ME/CFS ändert, ist nicht in kontrollierten Studien geprüft. Die Wege über Kreislauf und Schutzmodus sind Modelle.

Ob ein MCAS vorliegt, klärt eine Ärztin mit Erfahrung in Allergologie oder Immunologie, etwa über Tryptase im Blut zu Ausgangswert und nach einer Reaktion. Beschwerden im Stehen und Herzrasen gehören ebenfalls zu ihr. Bei Brustschmerz, Atemnot, Ohnmacht oder einer Schwellung von Gesicht und Hals ist die 112 der richtige Weg. Medikamente beginnt, ändert oder beendet man nur mit der Ärztin.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Nach Anstrengung breche ich Tage später ein: Post-Exertional Malaise (PEM)
  • Meine Mastzellen reagieren zu schnell: Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)
  • Nach dem Essen wird mir heiß und rot: Flush, Mastzellmediatoren
  • Im Stehen rast mein Herz: orthostatische Intoleranz, POTS
  • Ein Blutwert für Mastzellen: Tryptase, Ausgangswert und Anstieg nach Reaktion
  • Ich teile meine Kraft ein: Pacing
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (4)

Kann MCAS ME/CFS verschlechtern?

Möglich, aber nicht bewiesen. In österreichischen Daten hatten Menschen mit ME/CFS und Mastzellbeteiligung häufiger Beschwerden im Stehen, und wer MCAS hatte, berichtete nach einer auf Mastzellen gerichteten Behandlung häufiger von Linderung (Rohrhofer und Kollegen 2025). Das sind Beobachtungen aus Selbstauskunft. Biologisch plausibel ist, dass jede Mastzellreaktion zusätzlich Energie bindet (Modell nach Naviaux).

Welche Beschwerden gehören eher zu ME/CFS, welche eher zu MCAS?

Die Verschlechterung nach Belastung, oft verzögert um Stunden bis Tage, ist das Kennzeichen von ME/CFS. Flush, Quaddeln, Juckreiz, Bauchkrämpfe und wechselnde Unverträglichkeiten, meist kurz nach einem Auslöser, sind typischer für MCAS. Erschöpfung, Brain Fog und Herzrasen im Stehen kommen bei beiden vor. Ein Tagebuch, das Belastung und Auslöser getrennt festhält, macht die Muster sichtbar.

Spielt Histamin bei ME/CFS eine Rolle?

Bei einem Teil der Menschen mit ME/CFS wahrscheinlich, vor allem wenn Mastzellen beteiligt sind. Histamin weitet Gefäße, kann Herzrasen im Stehen begünstigen und hält im Gehirn wach, was den Schlaf stört. Bei ME/CFS allgemein ist Histamin aber nicht als Ursache belegt. Ob es bei dir eine Rolle spielt, zeigen eher die Muster deiner Beschwerden als ein einzelner Wert.

Gibt es einen gemeinsamen Auslöser für ME/CFS und MCAS?

Viele Menschen berichten, dass beides nach einem Infekt begann oder sich danach verschlechterte. In den österreichischen Daten nahm die Mastzellaktivierung im Verlauf von ME/CFS zu. Ob ein gemeinsamer Auslöser beides anstößt oder ob das eine das andere begünstigt, ist offen.
Quellen (3)
  • ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
    Komaroff A.L., Lipkin W.I. – Frontiers in Medicine (2023) DOI: 10.3389/fmed.2023.1187163
  • The inflammatory reflex
    Tracey K.J. – Nature (2002) DOI: 10.1038/nature01321
  • Oxidative and nitrosative stress and immune-inflammatory pathways in patients with myalgic encephalomyelitis (ME)/chronic fatigue syndrome (CFS)
    Morris G., Maes M. – Current Neuropharmacology (2014) DOI: 10.2174/1570159x11666131120224653

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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