„Was ist Gluconeogenese, und woher kommt mein Blutzucker, wenn ich kaum Kohlenhydrate esse?“
Du kennst die Frage vielleicht aus jeder Diskussion über Low Carb oder Keto: „Woher kommt der Zucker fürs Gehirn, wenn du keine Kohlenhydrate isst?“ Oder du misst morgens deinen Nüchternzucker und wunderst dich, dass er nicht niedriger ist, obwohl du seit dem Abendessen nichts gegessen hast. Die Antwort heißt in beiden Fällen Gluconeogenese.
Die mechanische Sicht sagt: Der Körper braucht Kohlenhydrate, ohne sie baut er Muskeln ab, um Zucker zu machen. Darum gehören Kohlenhydrate auf jeden Teller. Diese Sicht ist vorsichtig und kennt den Muskelabbau im Hunger. Und trotzdem: Warum bleibt der Blutzucker bei gesunden Menschen auch nach Tagen ohne Essen stabil, und warum sinkt der Eiweißabbau beim langen Fasten sogar wieder?
Die energetische Sicht sagt: Der Körper weiß selbst, was er braucht, und versorgt sich aus eigener Kraft. Sie spürt richtig, dass da eine Fähigkeit zur Selbstversorgung ist. Und trotzdem: Wie genau macht er das, und wo hat diese Fähigkeit Grenzen, etwa bei Alkohol oder bei Diabetesmedikamenten?
Die biologische Sicht verbindet beides: Leber und Niere stellen Zucker nach Bedarf her, aus Resten des Stoffwechsels, und das ist ein normaler Weg, den der Körper jede Nacht nutzt.
Oft heißt es: „Zucker ist der Übeltäter.“ Zucker ist nicht der Übeltäter, aber auch kein Muss auf jedem Teller: Dein Körper stellt den Zucker, den er braucht, selbst her, nach Bedarf.
Was im Körper passiert
Stell dir die Leber als Bäckerei vor, die nicht nur verkauft, was geliefert wurde, sondern bei Bedarf selbst Brot backt, aus dem, was im Lager liegt. Im Lager liegen drei Rohstoffe: Laktat, das Muskeln und rote Blutkörperchen abgeben, Glycerin aus dem Fettabbau und bestimmte Aminosäuren, vor allem Alanin aus den Muskeln (Mensch; Petersen und Kollegen 2017).
Die Gluconeogenese ist kein einfacher Rückwärtslauf des Zuckerabbaus. An drei Stellen ist der Abbau eine Einbahnstraße; die Leber nimmt dort Umgehungen mit eigenen Enzymen, und das kostet Energie, für ein Molekül Glukose so viel wie sechs Moleküle ATP (Lehrbuchwissen). Diese Energie liefern die Mitochondrien der Leberzellen, die dafür Fettsäuren verbrennen. Der erste Schritt, vom Pyruvat zum Oxalacetat, läuft sogar in den Mitochondrien selbst.
Gesteuert wird die Bäckerei von Hormonen: Glukagon, Cortisol und Adrenalin treiben sie an, Insulin bremst sie (Mensch; Petersen und Kollegen 2017). Am frühen Morgen steigt das Cortisol; das ist ein Grund, warum der Nüchternzucker morgens manchmal höher liegt als erwartet.
Wozu tut der Körper das? Einige Zellen leben nur von Zucker, allen voran die roten Blutkörperchen, die keine Mitochondrien haben. Beim langen Fasten deckt das Gehirn einen wachsenden Teil seines Bedarfs aus Ketonkörpern. Dadurch braucht der Körper weniger neuen Zucker und schont sein Muskeleiweiß (Mensch; Cahill 2006).
Gluconeogenese: wie dein Körper Zucker selbst herstellt: Gluconeogenese, auch Glukoneogenese, heißt Zuckerneubildung: Leber und Niere stellen Glukose aus Bausteinen her, die selbst kein Zucker sind, vor allem aus Laktat, Glycerin und Aminosäuren. So bleibt dein Blutzucker stabil, wenn du nachts nichts isst, fastest oder kaum Kohlenhydrate zu dir nimmst.
Wo und woraus. Gluconeogenese läuft vor allem in der Leber, bei längerem Fasten zunehmend auch in der Niere (Mensch; Petersen und Kollegen 2017). Die Ausgangsstoffe sind Laktat, das im Cori-Zyklus von Muskeln und roten Blutkörperchen zur Leber zurückkommt, Glycerin aus dem Abbau von Fett und Aminosäuren wie Alanin und Glutamin. Fettsäuren selbst kann der Mensch nicht in Zucker umbauen; sie liefern aber die Energie, die die Leber für den Umbau braucht.
Nicht verwechseln. Glykogenese heißt der Aufbau von Glykogen, der Speicherform des Zuckers in Leber und Muskeln. Glykogenolyse ist der Abbau dieses Speichers, Glykolyse der Abbau von Zucker zur Energiegewinnung. Wer nach „Glycogenogenese“ oder „Glucogenese“ sucht, meint meist eines davon oder die Gluconeogenese, die Neubildung von Zucker aus anderen Stoffen.
Eiweiß und Blutzucker. Ein häufiger Satz lautet: Zu viel Eiweiß wird über die Gluconeogenese zu Zucker und treibt den Blutzucker hoch. Fromentin und Kollegen (2013) gaben Gesunden nach einer Nacht ohne Essen markiertes Eiweiß aus Eiern und verfolgten, wie viel davon zu Blutzucker wurde. Es war nur ein kleiner Teil, und der Blutzucker blieb stabil (Mensch). Die Leber backt also nach Bedarf, nicht nach Angebot. Bei Diabetes kann das anders aussehen.
Bei kohlenhydratarmer Ernährung. Bei ketogener oder karnivorer Kost teilen sich zwei Wege die Versorgung: Die Gluconeogenese liefert den Zucker, den einige Zellen zwingend brauchen, und die Leber bildet Ketonkörper wie Beta-Hydroxybutyrat für Gehirn, Herz und Muskeln. Was dabei im Ganzen passiert, erklärt der Überblick ketogene Ernährung.
Wenn die Bremse nicht greift. Bei Typ-2-Diabetes gibt die Leber oft mehr Zucker ab, als gebraucht wird, weil Insulin sie schlechter bremst; das ist mitverantwortlich für den hohen Nüchternzucker (Mensch; Petersen und Kollegen 2017). Metformin, ein häufiges Diabetesmittel, senkt unter anderem diese Zuckerabgabe der Leber.
Alkohol und Unterzucker. Alkohol bremst die Gluconeogenese (Lehrbuchwissen). Zusammen mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen und nach langem Nichtessen kann der Blutzucker dadurch gefährlich sinken, besonders nachts. Wer solche Mittel nimmt, stellt die Ernährung nur mit der Ärztin um.
Dein Körper backt seinen Zucker selbst. Er macht so viel, wie er braucht, nicht so viel, wie du Eiweiß isst.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, wie deine Leber deinen Zucker führt, kannst du drei Dinge beobachten:
Wie fühlst du dich am Morgen nach einer langen Essenspause im Vergleich zu einem Morgen nach einem späten Abendessen?
Wenn du ohnehin misst: Wie verhält sich dein Nüchternzucker nach einer Nacht mit gutem und nach einer mit schlechtem Schlaf?
Wie geht es dir nach einem eiweißreichen Abendessen im Vergleich zu einem kohlenhydratreichen?
Mit diesen Notizen und den Begriffen unten wird das Gespräch mit deiner Ärztin konkreter. Wer Insulin oder andere blutzuckersenkende Mittel nimmt, stellt die Ernährung nur mit ihr um. Was du daraus machst, entscheidest du.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die Grundzüge der Gluconeogenese sind Lehrbuchwissen und gut belegt. Wie viel Zucker sie bei einer dauerhaft sehr kohlenhydratarmen Kost liefert und was das über Jahre bedeutet, ist beim Menschen wenig untersucht. Die Studie zu Eiweiß und Blutzucker war klein und lief mit gesunden Menschen nach einer Nacht ohne Essen; bei Diabetes oder nach langer Ketose kann es anders sein. Den Anteil von Leber und Niere geben Studien unterschiedlich an.