Was ist der Unterschied zwischen Long COVID und ME/CFS?
ME/CFS existiert seit Jahrzehnten, ausgelöst durch verschiedene Infektionen (EBV, Influenza, Enteroviren). Die Pandemie hat das Thema postinfektiöser Syndrome in den Fokus gerückt – und damit auch ME/CFS mehr Aufmerksamkeit verschafft.
Long COVID und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) teilen dieselben biologischen Abnormitäten: Neuroinflammation, autonome Dysfunktion, mitochondriale Dysfunktion, Autoantikörper. Viele Long-COVID-Patienten erfüllen die ME/CFS-Kriterien. Der Hauptunterschied ist der identifizierte Trigger (SARS-CoV-2), nicht die Pathobiologie.
Die kurze Antwort: Der Unterschied ist kleiner als gedacht.
Komaroff & Lipkin (2023, Frontiers in Medicine) analysierten in einem umfassenden Review die biologischen Gemeinsamkeiten:
Gleiche Mechanismen bei Long COVID und ME/CFS:
- Neuroinflammation (Mikroglia-Aktivierung, erhöhte Zytokine im ZNS)
- Autonome Dysfunktion (POTS, reduzierte HRV, Sympathikus-Dominanz)
- Mitochondriale Dysfunktion (reduzierte ATP-Produktion, oxidativer Stress)
- Autoantikörper (Anti-GPCR, Anti-β2-adrenerge Rezeptoren)
- Reaktivierung latenter Viren (EBV, HHV-6)
- Gestörte Darm-Hirn-Achse
- Post-Exertional Malaise (PEM) als Leitsymptom
Was unterscheidet sie?
- Trigger: Bei Long COVID ist SARS-CoV-2 identifiziert; bei ME/CFS können verschiedene Infektionen (EBV, Influenza, Enteroviren) oder andere Stressoren der Auslöser sein
- Zeitrahmen: Long COVID wird zeitlich der SARS-CoV-2-Infektion zugeordnet; ME/CFS-Diagnosen werden oft erst Jahre nach Beginn gestellt
- Spike-Protein-spezifische Mechanismen: Mikrothromben und Spike-Persistenz sind spezifisch für SARS-CoV-2
Die unbequeme Frage: Ist Long COVID tatsächlich eine neue Erkrankung – oder ist es die bekannteste Manifestation eines seit Jahrzehnten bekannten, aber systematisch ignorierten postinfektiösen Syndroms? Die Evidenz deutet auf Letzteres hin.
Im Detail
ME/CFS ist seit den 1980er Jahren als eigenständige Erkrankung beschrieben. Schätzungen gehen von 17–24 Millionen Betroffenen weltweit aus (vor der Pandemie). Die Erkrankung wird nach wie vor massiv unterdiagnostiziert und unterfinanziert.
Die Pandemie hat zwei Dinge bewirkt:
- Sichtbarkeit: Long COVID hat postinfektiöse Syndrome in den Mainstream gebracht und damit auch ME/CFS mehr Aufmerksamkeit verschafft
- Forschungsmittel: Die Long-COVID-Forschung wird erheblich besser finanziert als die ME/CFS-Forschung – was bei der ME/CFS-Community verständlicherweise gemischte Gefühle auslöst
Diagnostische Überlappung: Studien zeigen, dass 30–50 % der Long-COVID-Patienten die diagnostischen Kriterien für ME/CFS erfüllen (nach den Canadischen Konsensus-Kriterien oder den IOM-Kriterien). Das Leitsymptom PEM (Post-Exertional Malaise) – die Verschlechterung aller Symptome nach Anstrengung – ist bei beiden Zuständen zentral.
Prävalenz-Debatte: Die Behauptung, Long COVID sei „häufiger" als ME/CFS, muss kritisch hinterfragt werden. ME/CFS wurde jahrzehntelang systematisch unterdiagnostiziert. Die scheinbar höhere Prävalenz von Long COVID könnte teilweise die erstmalige Sichtbarmachung eines immer schon häufigen Phänomens sein – nicht eine tatsächliche Zunahme postinfektiöser Syndrome.
— Die MOJO Perspektive
Für die Regenerationsmedizin ist die Unterscheidung zwischen Long COVID und ME/CFS weniger relevant als die gemeinsame Pathobiologie. Die Frage ist nicht „Hast du Long COVID oder ME/CFS?", sondern „Welche Systeme sind dysreguliert?" – Immunsystem, Nervensystem, Stoffwechsel. Die Therapie richtet sich nach der systemischen Dysregulation, nicht nach dem Label.
Das Wichtigste in Kürze
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Verwandte Fragen
Was ist Post-Exertional Malaise (PEM)?
Quellen & Referenzen
- ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
- Long COVID: major findings, mechanisms and recommendationsDavis H.E., McCorkell L., Vogel J.M. et al. – Nature Reviews Microbiology (2023) DOI: 10.1038/s41579-022-00846-2
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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