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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Hashimoto bei ME/CFS: wenn die Erschöpfung trotz guter Werte bleibt

Hashimoto und Erschöpfung, die nach Belastung zum Crash wird: woran du ME/CFS von Hashimoto-Fatigue unterscheidest und warum Pacing dann zählt.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Das Kennzeichen von ME/CFS ist die Verschlechterung nach Belastung, oft mit Verzögerung; reine Hashimoto-Müdigkeit folgt eher den Schilddrüsenwerten (Mensch; Carruthers et al., 2011).
  • Bei ME/CFS haben Menschen im Mittel weniger T3 bei normalem TSH, ein Muster, das als Energiesparschaltung gedeutet wird (Mensch; Ruiz-Núñez et al., 2018).
  • Bei ME/CFS rät die britische Leitlinie von festen Trainingssteigerungen ab und setzt auf Pacing, also Aktivität unter der eigenen Grenze (Mensch; Kingdon et al., 2022).

Begrenzte Evidenz. Wenige Studien oder methodische Einschränkungen, aber mechanistisch plausibel.

„Ich habe Hashimoto, meine Werte sind gut eingestellt, und trotzdem bin ich erschöpft. Kann auch ME/CFS dahinterstecken?“

Du kennst das vielleicht: Deine Schilddrüsenwerte sind gut eingestellt, die Ärztin ist zufrieden, und trotzdem bist du erschöpft. Nicht müde wie nach einem langen Tag, sondern leer. Ein Einkauf, ein Treffen mit Freundinnen, und am nächsten oder übernächsten Tag liegst du flach, mit Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Watte im Kopf. Du fragst dich, ob das noch Hashimoto ist.

Die mechanische Sicht sagt: Bei Hashimoto fehlt Hormon, und wenn die Werte stimmen, ist die Schilddrüse versorgt. Was bleibt, muss eine andere Ursache haben, die man suchen und benennen kann. Das ist klar und schützt davor, alles der Schilddrüse zuzuschreiben. Und trotzdem: Was, wenn die gesuchte Ursache keinen Laborwert hat?

Die energetische Sicht sagt: Dein Körper hat keine Kraft mehr, er braucht Ruhe und Aufbau. Sie spürt richtig, dass hier etwas Grundsätzliches erschöpft ist. Und trotzdem: Warum kommt die Kraft mit Ruhe allein nicht zurück, und warum macht Aufbautraining manches schlimmer?

Die biologische Sicht verbindet beides: Bei Hashimoto kann Hormon fehlen. Bei ME/CFS drosselt der Körper seinen Energieverbrauch selbst, als Schutz. Beides kann zugleich da sein, und beides braucht einen anderen Umgang.

Oft heißt es: „Bewegung schadet bei Erschöpfung, also Training oder nichts.“ Bei einem Crash nach Belastung ist weder Training noch völliger Stillstand der Weg, sondern Aktivität, die unter der eigenen Grenze bleibt.

Was im Körper passiert

Stell dir vor, deine Zellen haben einen Energiesparschalter. Bei großer Belastung, nach einer schweren Krankheit oder Operation, regelt der Körper das aktive Schilddrüsenhormon T3 herunter, obwohl die Schilddrüse selbst gesund ist. Fachleute nennen das Low-T3-Syndrom oder Non-Thyroidal Illness Syndrome. Es spart Energie, solange der Körper Gefahr meldet.

Bei ME/CFS findet sich ein ähnliches Muster in milder Form: weniger T3, normales TSH, normales T4 (Mensch; Ruiz-Núñez et al., 2018). Der Schalter steht auf Sparen, und Belastung, die über das Budget geht, beantwortet der Körper mit einem Crash. Im Modell nach Naviaux ist das ein Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response: Die Zellen drosseln ihren Stoffwechsel, bis sie wieder Sicherheit lesen (Modell nach Naviaux).

Hier liegt der Unterschied zu Hashimoto. Fehlt Hormon, weil die Schilddrüse zu wenig bildet, hilft der Ausgleich. Steht der Schalter auf Sparen, ändert mehr Hormon an der Drosselung wenig, und Belastung über die Grenze hält den Schutzmodus wach. Wozu tut der Körper das? Damit er nicht weiter verbraucht, was er für Reparatur braucht.

Erschöpfung gehört zu den häufigsten Beschwerden bei Hashimoto. Fehlt Schilddrüsenhormon, laufen viele Zellen langsamer, und die Müdigkeit bessert sich oft, wenn die Ärztin das Hormon ausgleicht (Mensch; Chaker et al., 2017). Ein Teil der Menschen bleibt aber erschöpft, obwohl TSH und die freien Hormone im Zielbereich liegen. Eine randomisierte Studie zeigt, dass die Autoimmunreaktion selbst Müdigkeit und Lebensqualität mitprägen kann (Mensch; Guldvog et al., 2019).

Manchmal steckt noch etwas anderes dahinter: ME/CFS, die Myalgische Enzephalomyelitis oder das Chronische Fatigue-Syndrom. Sein Kennzeichen ist nicht die Müdigkeit allein, sondern die Verschlechterung nach Belastung, in der Fachsprache Post-Exertional Malaise oder kurz PEM. Schon kleine Anstrengungen, ein Einkauf, ein Gespräch, eine Stunde am Bildschirm, können Stunden bis Tage später einen Crash auslösen, der lange anhält (Mensch; Carruthers et al., 2011).

Hashimoto-Fatigue und ME/CFS fühlen sich ähnlich an, folgen aber unterschiedlichen Regeln. Darum lohnt es sich, sie auseinanderzuhalten: Was bei der einen Erschöpfung hilft, kann bei der anderen schaden.

Wirkung und Mechanismus

Stell dir dein Energiebudget wie ein Konto vor. Bei Hashimoto mit Unterfunktion fehlt Einkommen: Die Schilddrüse liefert weniger T3, das Hormon, das in fast jeder Zelle das Tempo des Stoffwechsels einstellt, auch die Arbeit der Mitochondrien (Mensch, Zelle; Chaker et al., 2017). Kommt das Hormon zurück, steigt meist auch die Energie.

Bei ME/CFS sieht das Konto anders aus. Messungen des Stoffwechsels zeigen ein Muster, das einer geordneten Drosselung gleicht, nicht einem Defekt (Mensch, Stoffwechselprofil; Naviaux et al., 2016). Wir nennen einen solchen länger anhaltenden Zustand Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux). Dazu passt, dass Menschen mit ME/CFS im Mittel weniger T3 im Blut haben, obwohl TSH und T4 normal sind. Das Forschungsteam deutet das als milde Form des Low-T3-Syndroms, einer Herunterregelung, die der Körper auch bei anderen schweren Belastungen zeigt (Mensch, Fall-Kontroll-Studie; Ruiz-Núñez et al., 2018).

Treffen beide zusammen, addieren sie sich: Hashimoto kann Einkommen kosten, ME/CFS hält das Konto aktiv knapp. Hormon gleicht das fehlende Einkommen aus, die Drosselung löst es nicht. Ob ME/CFS selbst teilweise eine Autoimmunerkrankung ist, wird diskutiert; manche Befunde sprechen bei einem Teil der Betroffenen dafür (Übersicht; Sotzny et al., 2018). Gesichert ist das nicht.

Was sagt die Forschung

Dass PEM das Kennzeichen von ME/CFS ist, beschreiben die Internationalen Konsenskriterien (Carruthers et al., 2011). Messbar wird das im Belastungstest an zwei aufeinanderfolgenden Tagen: Menschen mit ME/CFS erreichen am zweiten Tag deutlich weniger Leistung, Gesunde nicht (Mensch; Keller et al., 2014).

In einer Fall-Kontroll-Studie mit 98 Menschen mit CFS und 99 Gesunden hatten 16 Prozent der Erkrankten ein freies T3 unter dem Referenzbereich, bei den Gesunden 7 Prozent; TSH und freies T4 unterschieden sich nicht (Mensch; Ruiz-Núñez et al., 2018). Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Eine Stoffwechselstudie fand bei ME/CFS ein Muster, das einer Drosselung des Stoffwechsels ähnelt (Mensch; Naviaux et al., 2016).

Für Hashimoto zeigt eine randomisierte Studie aus Norwegen, dass Beschwerden trotz guter Werte mit der Autoimmunreaktion zusammenhängen können (Mensch; Guldvog et al., 2019). Studien, die gezielt Menschen mit Hashimoto und ME/CFS zugleich untersuchen, gibt es kaum. Die Verbindung beider beruht darum auf Befunden aus getrennten Studien.

zum Merken
Bei Hashimoto fehlt manchmal Hormon. Bei ME/CFS drosselt der Körper selbst. Mehr Hormon oder mehr Training löst keine Schutzbremse.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du für dich klären möchtest, wohin deine Erschöpfung eher passt, kannst du eine Woche lang drei Dinge notieren:

Was hast du an einem Tag getan, körperlich, geistig und emotional, und wie ging es dir am Tag danach und am übernächsten?

Wie verlief deine Erschöpfung, als deine Schilddrüse neu eingestellt wurde: Wurde sie mit besseren Werten leichter, oder blieb sie gleich?

Gab es einen Infekt oder einen klaren Tag, ab dem es anders wurde?

Mit diesen Notizen kannst du mit deiner Ärztin besprechen, ob PEM vorliegt. Solange das offen ist, ist es klug, nicht über die eigene Grenze zu gehen. Was du daraus machst, entscheidest du.

  • Den Tag danach mitschreiben: Bei ME/CFS kommt der Crash oft mit Verzögerung, Stunden bis Tage nach der Belastung (Carruthers et al., 2011). Wer nur notiert, wie es am selben Abend geht, sieht das Muster nicht.
  • Werte und Erschöpfung nebeneinanderlegen: Leg deine letzten Schilddrüsenwerte neben deine Notizen zur Erschöpfung. Folgt die Erschöpfung den Werten, ist das ein anderes Bild, als wenn sie unabhängig davon bleibt. Die Einordnung übernimmt deine Ärztin.
  • Unter der Grenze bleiben, wenn Crashs vorkommen: Pacing heißt, Aktivität so einzuteilen, dass kein Crash folgt. Die britische Leitlinie rät bei ME/CFS von festen Trainingsplänen mit stetiger Steigerung ab (Kingdon et al., 2022). Pacing ist kein Stillstand, sondern Bewegung innerhalb des eigenen Budgets.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Unterscheidung beruht auf Kriterien und Verlauf, nicht auf einem einzelnen Laborwert. Für ME/CFS konkurrieren mehrere Kriteriensätze, und der Belastungstest an zwei Tagen ist aussagekräftig, aber selbst eine Belastung und kaum verfügbar. Wie häufig Hashimoto und ME/CFS zusammen vorkommen, ist nicht gut untersucht. Dass ME/CFS teilweise autoimmun ist, ist eine Hypothese, und die Deutung als Schutzmodus ist ein Modell. Eine Behandlung, die ME/CFS zuverlässig beendet, gibt es nicht. Anhaltende Erschöpfung klärt deine Ärztin, auch um Blutarmut, Eisen- oder B12-Mangel, Schlafapnoe, eine Depression oder eine noch nicht passende Einstellung der Schilddrüse zu erkennen. Für die seelische Last ist eine Psychotherapeutin eine gute Ansprechpartnerin. Wenn alles zu viel wird oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Am Tag nach Anstrengung geht es mir viel schlechter: Post-Exertional Malaise (PEM)
  • Ich teile meine Kraft so ein, dass kein Crash kommt: Pacing, Energiemanagement
  • Im Stehen wird mir schwindlig, das Herz rast: orthostatische Intoleranz
  • Mein Körper drosselt das aktive Hormon: Low-T3-Syndrom, Non-Thyroidal Illness Syndrome
  • Die Erschöpfung bleibt trotz guter Schilddrüsenwerte: persistierende Fatigue bei Euthyreose
  • Belastungstest an zwei Tagen hintereinander: 2-Tages-Spiroergometrie (CPET)
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Woran merke ich, ob meine Erschöpfung von Hashimoto oder von ME/CFS kommt?

Achte auf den Tag nach einer Anstrengung: Bei ME/CFS kommt der Crash oft verzögert und hält lange an (Carruthers et al., 2011). Hashimoto-Müdigkeit folgt eher den Schilddrüsenwerten. Sicher unterscheiden lässt sich das nur mit der Ärztin, über Verlauf, Kriterien und den Ausschluss anderer Ursachen.

Kann Hashimoto ME/CFS auslösen?

Das ist nicht geklärt. Diskutiert wird, ob ME/CFS bei einem Teil der Betroffenen autoimmun ist (Sotzny et al., 2018), was eine gemeinsame Neigung nahelegen könnte. Ob Hashimoto ein Auslöser ist oder beide auf gemeinsame Bedingungen zurückgehen, zeigen die Studien bisher nicht.

Wird ME/CFS besser, wenn Hashimoto gut eingestellt ist?

Der Teil der Erschöpfung, der vom Hormonmangel kommt, bessert sich oft mit der Einstellung. Der Crash nach Anstrengung bei ME/CFS hängt nicht am Hormonmangel und bleibt meist bestehen. Darum kann es sein, dass du dich mit guten Werten etwas besser fühlst, aber nicht wieder belastbar wirst.

Was hilft bei Hashimoto-Erschöpfung, um mehr Energie zu bekommen?

Zuerst die Frage, woher sie kommt: Hormonmangel, Eisen- oder B12-Mangel, Schlaf, Stimmung oder ME/CFS. Das klärt deine Ärztin. Folgt auf Anstrengung ein Crash, ist mehr Aktivität nicht der Weg zu mehr Energie; dann geht es darum, unter der eigenen Grenze zu bleiben (Kingdon et al., 2022).

Was ist ein Hashimoto-Crash?

Mit Crash beschreiben viele einen plötzlichen Einbruch der Kraft. Kommt er nach einer Belastung, verzögert und für Tage, passt das zu PEM bei ME/CFS (Carruthers et al., 2011). Kommt er mit Herzrasen und Unruhe, kann auch eine vorübergehende Überfunktion dahinterstecken. Beides gehört ins Arztgespräch.
Quellen (1)
  • Metabolic features of chronic fatigue syndrome
    Naviaux R.K., Naviaux J.C., Li K. et al. – Proceedings of the National Academy of Sciences (2016) DOI: 10.1073/pnas.1607571113

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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