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Glossar · Regenerationsmedizin

Cell Danger Response (CDR): Schutzmodus der Zellen nach Naviaux

Auch: Zellgefahrenantwort · Zelluläre Gefahrenantwort · Schutzmodus der Zelle · CDR · Naviaux-Modell · Heilungszyklus nach Naviaux
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Bei Gefahr stellen Zellen ihren Stoffwechsel von Aufbau auf Verteidigung um und senden ATP als Alarmsignal an ihre Nachbarn (Zelle; Naviaux, 2014).
  • Heilung läuft in drei Phasen: Abwehr, Reparatur, Wiedereingliederung; bleibt der Zyklus in einer Phase stecken, werden Beschwerden chronisch (Modell nach Naviaux, 2019).
  • Bei 45 Menschen mit ME/CFS waren 20 Stoffwechselwege verändert, die meisten auffälligen Stoffwechselprodukte erniedrigt (Mensch; Naviaux et al., 2016).

„Was bedeutet Cell Danger Response, und erklärt das Modell, warum ich nach einer Infektion nicht mehr richtig gesund werde?“

Du hattest eine Infektion, eine schwere Zeit oder eine Verletzung. Das ist längst vorbei, aber dein Körper verhält sich, als wäre es das nicht: Erschöpfung, die nach Belastung zurückschlägt, Nebel im Kopf, Reize, die zu laut sind. Und irgendwo bist du auf den Begriff Cell Danger Response gestoßen.

Die mechanische Sicht sucht den Defekt: einen Erreger, der noch da ist, einen Wert außerhalb der Norm, ein Organ, das versagt. Das ist ihre Stärke, denn so werden behandelbare Ursachen gefunden, und keine darf übersehen werden. Und trotzdem: Was ist, wenn alle Befunde unauffällig sind und es dir weiter schlecht geht?

Die energetische Sicht sagt: Deine Lebenskraft ist erschöpft, der Körper braucht Ruhe und Vertrauen, um sich selbst zu heilen. Sie spürt etwas Richtiges, denn Erholung braucht tatsächlich Sicherheit. Und trotzdem: Was genau ist in den Zellen erschöpft, und warum kommt die Kraft nicht von allein zurück?

Die biologische Sicht verbindet beides: Deine Zellen können in einem Schutzmodus bleiben, in der Forschung Cell Danger Response, der einmal sinnvoll war und nicht abgeschlossen hat.

Oft heißt es: „Wir sind wie ein Auto, das sich abnutzt.“ Anhaltende Beschwerden sind oft kein Verschleiß wie bei einem Auto, sondern im Modell nach Naviaux ein Schutzprogramm, das nicht abschließen konnte.

Was im Körper passiert

Stell dir einen Rauchmelder vor, der weiter piept, obwohl das Feuer längst gelöscht ist. Nicht das Feuer schadet dann, sondern der Alarm, der alle im Haus wach hält.

So beschreibt das Modell nach Naviaux den Schutzmodus der Zellen. Erkennt eine Zelle Gefahr, drosseln ihre Mitochondrien die Energiegewinnung mit Sauerstoff und geben ATP nach außen ab. Dort ist ATP kein Brennstoff, sondern ein Alarmsignal, das Nachbarzellen und Immunzellen über eigene Rezeptoren hören (Zelle; Naviaux, 2014). Die Abwehr läuft, Wachstum und Aufbau warten.

Wozu tut der Körper das? Eine Zelle unter Angriff soll nicht wachsen, sondern sich und ihre Nachbarn schützen. Ist die Gefahr vorbei, lassen die Alarmsignale nach, und der Heilungszyklus geht weiter: erst Reparatur, dann Wiedereingliederung, bis die Zelle wieder voll mitarbeitet (Modell nach Naviaux, 2019).

Chronisch wird es nach diesem Modell, wenn die Signale nicht abklingen, etwa weil ein Auslöser bleibt oder weil der Alarm sich selbst nährt. Dein Körper ist dann nicht kaputt. Er schützt sich, länger als nötig. Was ihn regenerieren lässt, ist weniger ein Kampf als ein Abschluss: weniger Gefahr, mehr Sicherheit, genug Ressourcen.

Cell Danger Response (CDR): Schutzmodus der Zellen nach Naviaux: Die Cell Danger Response (CDR), deutsch Zellgefahrenantwort, ist der Schutzmodus deiner Zellen: Erkennen sie Gefahr, stellen sie ihren Stoffwechsel von Aufbau auf Verteidigung um. Robert Naviaux hat das Modell 2014 beschrieben. Es erklärt, warum ein Schutzprogramm abschließen muss, damit Heilung gelingt.

Was in der Zelle passiert. Gefahr ist für eine Zelle alles, was ihre Fähigkeit übersteigt, im Gleichgewicht zu bleiben: Erreger, Gifte, Verletzung, anhaltender Stress. Die Mitochondrien drosseln dann die Energiegewinnung mit Sauerstoff, verändern Membranen und Stoffwechsel und geben Alarmsignale ab. Das wichtigste Signal ist ATP, das die Zelle nach außen abgibt. Außerhalb der Zelle ist ATP kein Energieträger, sondern eine Warnung, die Nachbarzellen und Immunzellen über eigene Rezeptoren hören. Fachleute nennen das purinerge Signalgebung (Zelle; Naviaux, 2014).

Drei Phasen nach Naviaux. Im Modell des Heilungszyklus folgen drei Phasen aufeinander. CDR1 ist die Abwehr mit Entzündung. CDR2 ist die Reparatur, in der verlorene Zellen ersetzt werden. CDR3 ist die Wiedereingliederung: Die neuen Zellen spezialisieren sich, und die Energiegewinnung mit Sauerstoff kehrt zurück. Jeder Übergang setzt voraus, dass die Gefahrensignale der vorigen Phase nachlassen (Modell nach Naviaux, 2019).

Wenn das Programm nicht abschließt. Naviaux ordnet mehr als 100 chronische Erkrankungen danach, in welcher Phase der Zyklus stecken bleibt (Modell nach Naviaux, 2019). Nicht der ursprüngliche Auslöser hält dann die Beschwerden aufrecht, sondern die Signale, die das Programm weiterlaufen lassen. Das ist eine Deutung, kein Befund für jede einzelne Erkrankung.

Was beim Menschen gemessen ist. Bei 45 Menschen mit ME/CFS fand die Gruppe um Naviaux im Blut Abweichungen in 20 Stoffwechselwegen. Rund 80 % der auffälligen Stoffwechselprodukte waren erniedrigt, das Muster eines gedrosselten Stoffwechsels (Mensch; Naviaux et al., 2016). In einer kleinen Studie mit zehn Jungen mit Autismus wurde eine einzelne Infusion Suramin geprüft, ein altes Mittel zur Behandlung der Schlafkrankheit, das purinerge Signale blockiert (Mensch; Naviaux et al., 2017). Die Werte im Beobachtungsbogen für Autismus besserten sich in der Suramin-Gruppe. Für Autismus ist Suramin nicht zugelassen, und die Studie war zu klein, um eine Wirkung zu belegen.

Schutzmodus und Hormesis. Kurz, dosiert und abgeschlossen hinterlässt dieselbe Antwort mehr Reserve als vorher. Die Zelle merkt sich die Begegnung im Bestand ihrer Mitochondrien und Moleküle; Naviaux nennt das mitozelluläre Hormesis (Modell nach Naviaux, 2014). Erst dauerhaft und ohne Abschluss wird der Schutzmodus zur Last.

zum Merken
Dein Körper ist nicht kaputt. Er schützt sich. Heilung beginnt, wenn das Schutzprogramm abschließen darf.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel, im Austausch mit dem Nervensystem (Neurometabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten, nicht mit einem Programm.

Du kannst eine Woche lang notieren, wie dein Körper auf Belastung antwortet: sofort oder verzögert, am nächsten oder übernächsten Tag. Eine verzögerte Verschlechterung nach Anstrengung ist ein Muster, das deine Ärztin kennen sollte.

Du kannst beobachten, wann du dich sicher fühlst, mit welchen Menschen, an welchen Orten, bei welchen Tätigkeiten, und ob sich deine Beschwerden dann anders anfühlen.

Und du kannst die Begriffe unten nutzen, um mit deiner Ärztin über das zu sprechen, was du erlebst, auch wenn die Befunde unauffällig sind.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Zellgefahrenantwort ist ein Modell, das viele Einzelbefunde aus Zellbiologie und Stoffwechselforschung verbindet. Dass Zellen bei Gefahr ATP als Alarmsignal abgeben, ist in Zellversuchen gut belegt. Dass bestimmte chronische Erkrankungen ein Steckenbleiben in einer Phase sind, ist eine Deutung, gestützt vor allem auf kleine Stoffwechselstudien (Naviaux et al., 2016). Einen Test, der bestimmt, in welcher Phase du bist, gibt es nicht. Studien, die zeigen, wie sich das Programm gezielt abschließen lässt, fehlen; die einzige Interventionsstudie hatte zehn Teilnehmer (Naviaux et al., 2017).

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Seit der Infektion werde ich nicht mehr richtig fit: postinfektiöse Fatigue
  • Nach Anstrengung kommt der Absturz verzögert: Post-Exertionelle Malaise (PEM)
  • Meine Zellen bleiben im Schutzmodus: Cell Danger Response, Modell nach Naviaux
  • ATP als Alarmsignal zwischen Zellen: purinerge Signalgebung, extrazelluläres ATP
  • Mein Stoffwechsel läuft auf Sparflamme: hypometaboler Zustand
  • Erschöpfung, Nebel im Kopf und Rückzug wie bei einem Infekt: Krankheitsverhalten (Sickness Behavior)
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (3)

Was heißt Cell Danger Response auf Deutsch?

Auf Deutsch heißt sie Zellgefahrenantwort, in der Medizin oft kurz CDR. Gemeint ist der Schutzmodus, in den Zellen bei Gefahr wechseln: Abwehr vor Aufbau. Der Begriff stammt von Robert Naviaux von der University of California in San Diego (Naviaux, 2014).

Was hat die Cell Danger Response mit ME/CFS zu tun?

Naviaux deutet ME/CFS als Zustand, in dem der Stoffwechsel nach einer Gefahr gedrosselt bleibt. Gestützt wird das durch eine Stoffwechselstudie mit 45 Betroffenen, bei der die meisten auffälligen Stoffwechselprodukte erniedrigt waren (Mensch; Naviaux et al., 2016). Für ME/CFS ist das Modell eine Erklärung, kein Diagnoseweg.

Gibt es eine Behandlung, die den Schutzmodus der Zellen beendet?

Eine zugelassene Behandlung dafür gibt es nicht. Suramin, das purinerge Signale blockiert, wurde in einer Studie mit zehn Jungen mit Autismus geprüft und ist dafür nicht zugelassen (Naviaux et al., 2017). Im Modell hilft alles, was Gefahr senkt und Sicherheit sendet; gemessen ist das für die Zellgefahrenantwort selbst nicht.
Quellen (4)
  • Metabolic features of the cell danger response
    Naviaux R.K. – Mitochondrion (2014) DOI: 10.1016/j.mito.2013.08.006
  • Metabolic features and regulation of the healing cycle, A new model for chronic disease pathogenesis and treatment
    Naviaux R.K. – Mitochondrion (2019) DOI: 10.1016/j.mito.2018.08.001
  • Metabolic features of chronic fatigue syndrome
    Naviaux R.K., Naviaux J.C., Li K. et al. – Proceedings of the National Academy of Sciences (2016) DOI: 10.1073/pnas.1607571113
  • Low‐dose suramin in autism spectrum disorder: a small, phase I/II, randomized clinical trial
    Naviaux R.K., Curtis B., Li K. et al. – Annals of Clinical and Translational Neurology (2017) DOI: 10.1002/acn3.424

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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