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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

Immuntoleranz: zentrale und periphere Toleranz einfach erklärt

Auch: Selbsttoleranz · Immunologische Toleranz · Self-Tolerance · Immune Tolerance
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Zentrale Toleranz: Im Thymus werden T-Zellen aussortiert, die eigene Eiweiße zu stark erkennen (klonale Deletion); das Eiweiß AIRE sorgt dafür, dass dort auch Eiweiße aus Schilddrüse, Bauchspeicheldrüse und anderen Organen gezeigt werden (Mensch und Tier; Klein et al., 2014).
  • Periphere Toleranz: Regulatorische T-Zellen bremsen Abwehrzellen, die der Auslese entkommen sind; fehlen sie, entstehen bei Mäusen viele Autoimmunerkrankungen, und Mutationen im FOXP3-Gen lösen beim Menschen das schwere IPEX-Syndrom aus (Tier und Mensch; Sakaguchi et al., 1995; Bennett et al., 2001).
  • Eine Autoimmunerkrankung entsteht meist erst, wenn erbliche Veranlagung, ein Auslöser wie eine Infektion und eine nachlassende Regulation zusammenkommen (Mensch und Tier; Modell der mehrstufigen Toleranz).

„Was bedeutet Immuntoleranz, und warum greift mein Immunsystem bei einer Autoimmunerkrankung plötzlich mein eigenes Gewebe an?“

Vielleicht hast du den Satz gehört: „Ihr Immunsystem richtet sich gegen Ihren eigenen Körper.“ Und du fragst dich, wie das sein kann. Jahrzehntelang hat dein Körper dich geschützt, und plötzlich soll er der Gegner sein.

Die mechanische Sicht der Akutmedizin sieht ein überaktives Immunsystem, das eigenes Gewebe zerstört, und bremst es mit Medikamenten. Das ist im Schub oft nötig und schützt Organe. Und trotzdem: Bremsen erklärt nicht, warum die Abwehr so lange zwischen fremd und eigen unterscheiden konnte und warum sie es jetzt nicht mehr tut.

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde will die Selbstheilungskräfte und das Immunsystem stärken. Sie spürt richtig, dass der Körper eine eigene Ordnung hat, die mehr kann als jedes Medikament. Und trotzdem: Ein stärkeres Immunsystem ist bei Autoimmunität nicht das Ziel. Stärke ist nicht dasselbe wie Regulation.

Die biologische Sicht verbindet beides. Toleranz ist kein Wegsehen, sondern eine aktive Leistung, die dein Körper jeden Tag neu erbringt. Bei Autoimmunität ist diese Leistung an einer oder mehreren Stellen ins Wanken geraten.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ Toleranz ist keine Schwäche der Abwehr, sondern ihre aktive Leistung. Neben dem Bremsen zählt, was die Regulation wieder stützt.

Was im Körper passiert

Stell dir dein Immunsystem als Sicherheitsdienst vor. Neue Mitarbeitende durchlaufen eine Ausbildung mit strenger Abschlussprüfung. Wer im Dienst trotzdem überreagiert, wird von erfahrenen Kolleginnen gebremst.

Die Ausbildung ist die zentrale Toleranz. T-Zellen reifen im Thymus, einer Drüse hinter dem Brustbein. Dort bekommen sie körpereigene Eiweiße gezeigt, auch solche, die sonst nur in Schilddrüse, Bauchspeicheldrüse oder Nervengewebe vorkommen. Dafür sorgt das Eiweiß AIRE. T-Zellen, die eigene Eiweiße zu stark erkennen, sterben ab, das nennt man klonale Deletion. Die große Mehrheit der reifenden Zellen besteht die Auslese nicht (Mensch und Tier; Klein et al., 2014). B-Zellen durchlaufen eine ähnliche Prüfung im Knochenmark.

Die Aufsicht ist die periphere Toleranz. Keine Prüfung ist perfekt, einige autoreaktive Zellen gelangen ins Blut. Dort halten sie mehrere Sicherungen in Schach. Die wichtigste sind regulatorische T-Zellen. Sakaguchi und Kollegen zeigten 1995, dass Mäuse ohne diese Zellen viele Autoimmunerkrankungen zugleich entwickeln (Tier; Sakaguchi et al., 1995). Beim Menschen löst ein Fehler im Gen FOXP3, das diese Zellen steuert, schon im Säuglingsalter das IPEX-Syndrom mit schwerer Autoimmunität aus (Mensch; Bennett et al., 2001). Für diese Entdeckungen erhielten Shimon Sakaguchi, Mary Brunkow und Fred Ramsdell 2025 den Nobelpreis für Medizin.

Die Ordnung kippt meist nicht an einer Stelle allein. Eine Veranlagung, ein Auslöser wie eine Infektion mit molekularer Mimikry und eine Entzündung, die die Aufsicht schwächt, kommen zusammen. Mehr zum Zusammenspiel im Überblick Immunsystem.

Immuntoleranz: zentrale und periphere Toleranz einfach erklärt: Immuntoleranz ist die Fähigkeit des Immunsystems, körpereigenes Gewebe, Nahrung, nützliche Darmbakterien und in der Schwangerschaft das Kind zu verschonen. Sie entsteht in zwei Stufen: zentral bei der Reifung der Abwehrzellen in Thymus und Knochenmark, peripher im ganzen Körper. Lässt sie nach, kann eine Autoimmunerkrankung entstehen.

Was Toleranz umfasst. Selbsttoleranz verschont körpereigenes Gewebe. Dazu kommt die Toleranz gegenüber harmlosen Fremdstoffen: Nahrung, nützliche Darmbakterien und in der Schwangerschaft das Kind, das zur Hälfte fremde Merkmale trägt. Fehlt diese Fremdtoleranz, entstehen Allergien oder Unverträglichkeiten. Fehlt die Selbsttoleranz, entstehen Autoimmunerkrankungen.

Zentrale Toleranz: die Auslese im Thymus. Unreife T-Zellen durchlaufen zwei Prüfungen. Bei der positiven Selektion überleben nur Zellen, die die Erkennungsmoleküle des Körpers (MHC) überhaupt lesen können. Bei der negativen Selektion sterben Zellen, die eigene Eiweiße zu stark erkennen (klonale Deletion). Ein Teil der Zellen, die eigene Eiweiße mittelstark erkennen, wird nicht getötet, sondern zu regulatorischen T-Zellen umgeschult (Mensch und Tier; Klein et al., 2014). Das Eiweiß AIRE bringt Thymuszellen dazu, Eiweiße aus vielen Organen herzustellen, etwa Insulin oder Thyreoglobulin aus der Schilddrüse. Fehlt AIRE durch eine seltene Mutation, entsteht das Autoimmun-Polyendokrinopathie-Syndrom Typ 1 (APS-1) mit Autoimmunität an mehreren Drüsen. Im Knochenmark werden stark autoreaktive B-Zellen ebenfalls aussortiert oder bauen ihren Rezeptor um (Rezeptor-Editing).

Periphere Toleranz: die Aufsicht im Körper.

  • Regulatorische T-Zellen (Tregs) bremsen andere Abwehrzellen über Botenstoffe wie Interleukin-10 und TGF-beta, über das Oberflächeneiweiß CTLA-4 und indem sie den Wachstumsfaktor Interleukin-2 abfangen.
  • Anergie: Erkennt eine T-Zelle ihr Ziel ohne ein zweites Alarmsignal, wird sie stillgelegt statt aktiviert.
  • Ignoranz: Manche Eiweiße liegen sequestriert, also abgeschirmt, in Auge, Hoden oder Gehirn und kommen mit Abwehrzellen kaum in Kontakt.
  • Aktivierungsinduzierter Zelltod: Zellen, die immer wieder ohne Bremssignal aktiviert werden, schalten sich selbst ab.
  • Tolerogene dendritische Zellen zeigen eigene Eiweiße in ruhigem Umfeld und fördern dadurch Anergie oder neue Tregs.

Der Nobelpreis 2025. Sakaguchi beschrieb 1995 die regulatorischen T-Zellen bei Mäusen. Brunkow und Ramsdell fanden 2001 das Gen Foxp3 bei der Mausmutante scurfy, im selben Jahr zeigten Arbeitsgruppen um Bennett und um Wildin, dass Mutationen in FOXP3 beim Menschen das IPEX-Syndrom verursachen (Mensch; Bennett et al., 2001). Seither gilt die periphere Toleranz als eigene, aktive Schutzschicht.

Wenn Toleranz ins Wanken gerät. Bei häufigen Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, rheumatoider Arthritis oder Multipler Sklerose wirken viele kleine Faktoren zusammen. Erbliche Gewebemerkmale wie bestimmte HLA-Typen und Varianten in Regulatorgenen wie CTLA-4 erhöhen das Risiko. Infektionen können über molekulare Mimikry oder über starke Entzündung autoreaktive Zellen wecken. Gewebeschaden kann sequestrierte Eiweiße freilegen. In Tierstudien fördern kurzkettige Fettsäuren aus Darmbakterien regulatorische T-Zellen im Darm, beim Menschen ist der Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen noch nicht geklärt (Tier). Dauerstress kann die Reaktion der Abwehrzellen auf Cortisol abschwächen, so dass eine natürliche Bremse weniger greift (Modell).

Forschung: Toleranz wiederherstellen. Heutige Therapien bremsen die Abwehr breit oder gezielt, und das ist im Schub oft der richtige Weg. Die Forschung sucht zusätzlich nach Wegen, die Toleranz selbst zu stärken: niedrig dosiertes Interleukin-2, das bevorzugt Tregs vermehrt, Zelltherapien mit eigenen Tregs und Verfahren, die nur gegen ein bestimmtes Eiweiß Toleranz erzeugen sollen. Diese Ansätze stehen in frühen klinischen Studien (Mensch, frühe Studien).

zum Merken
Toleranz ist kein Wegsehen, sondern tägliche Arbeit. Bei Autoimmunität ist die Abwehr nicht zu stark, sondern zu wenig reguliert.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst festhalten, wann deine Beschwerden zunehmen: nach Infekten, in Stressphasen, nach kurzen Nächten oder bestimmten Mahlzeiten. Muster über ein paar Wochen zeigen, was deine Regulation belastet.

Du kannst in deiner Familie nachfragen, ob Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, Zöliakie, Typ-1-Diabetes oder Rheuma vorkommen. Das hilft deiner Ärztin beim Einordnen.

Und du kannst im Gespräch klären, was deine Therapie bremsen soll und was du daneben für Schlaf, Bewegung und Erholung tun kannst. Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Grundlagen der zentralen und peripheren Toleranz sind an Mäusen und an seltenen erblichen Erkrankungen des Menschen wie IPEX und APS-1 gut belegt. Bei häufigen Autoimmunerkrankungen ist meist offen, welcher Schritt bei wem versagt. Anzahl oder Funktion regulatorischer T-Zellen im Blut sind kein Routinewert mit klarer Aussage für den Einzelnen. Ansätze, die Toleranz gezielt wiederherzustellen, stehen am Anfang, und die Rolle von Darm und Stress beruht vor allem auf Tierstudien und Beobachtungen.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Meine Abwehr greift mich selbst an: Verlust der Selbsttoleranz, Autoimmunität
  • Die Bremse im Immunsystem: regulatorische T-Zellen (Tregs)
  • Die Schule der Abwehrzellen: Thymus, zentrale Toleranz
  • Ich habe mehrere Autoimmunerkrankungen: Polyautoimmunität
  • Bei uns in der Familie häuft es sich: familiäre Häufung, HLA-Assoziation
  • Die Abwehr bremsen: Immunsuppression, Immunmodulation
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Quellen (3)
  • Immunologic self-tolerance maintained by activated T cells expressing IL-2 receptor α-chains (CD25). Breakdown of a single mechanism of self-tolerance causes various autoimmune diseases
    Sakaguchi S, Sakaguchi N, Asano M, Itoh M, Toda M – The Journal of Immunology (1995) DOI: 10.4049/jimmunol.155.3.1151
  • Positive and negative selection of the T cell repertoire: what thymocytes see (and don't see)
    Klein L, Kyewski B, Allen PM, Hogquist KA – Nature Reviews Immunology (2014) DOI: 10.1038/nri3667
  • The immune dysregulation, polyendocrinopathy, enteropathy, X-linked syndrome (IPEX) is caused by mutations of FOXP3
    Bennett CL, Christie J, Ramsdell F, Brunkow ME, Ferguson PJ, Whitesell L, et al. – Nature Genetics (2001) DOI: 10.1038/83713

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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