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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

Prostaglandin D2 (PGD2): Wirkung, Rezeptoren und Rolle bei MCAS

Auch: PGD2 · Prostaglandin D2 · Prostaglandin D · PGD₂
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Prostaglandin D2 ist das mengenmäßig wichtigste Prostaglandin aktivierter Mastzellen und wird erst nach der Aktivierung neu gebildet (Mensch; Roberts et al., 1980).
  • Über den Rezeptor DP1 weitet PGD2 Gefäße und fördert Schlaf, über DP2 (CRTH2) lockt es Th2-Zellen, Eosinophile und Basophile an (Zelle und Tier; Urade und Hayaishi, 2011).
  • Erhöhte PGD2-Abbauprodukte im Urin, etwa 11β-Prostaglandin F2α, gehören zu den Befunden, die eine Mastzellaktivierung stützen können (Mensch; Valent et al., 2012).

„Was ist Prostaglandin D2, und kann PGD2 meinen Flush und die plötzliche Müdigkeit bei MCAS erklären?“

Du kennst das vielleicht: Nach dem Essen, bei Wärme oder Aufregung schießt dir die Röte ins Gesicht, der Kreislauf sackt ab, und danach bist du so müde, dass du dich hinlegen musst. Antihistaminika helfen, aber nur zum Teil.

Die mechanische Sicht sucht den Botenstoff, der zu viel ist, und bremst ihn. Das hat seine Berechtigung: Die Abbauprodukte von PGD2 lassen sich im Urin messen, und manche Medikamente bremsen seine Bildung. Und trotzdem: Warum bildet der Körper einen Stoff, der zugleich Gefäße weitet, Schlaf fördert und Entzündung später wieder dämpft?

Die energetische Sicht sagt: Der Flush ist ein Ventil, der Körper lässt Hitze und Spannung ab, und die Müdigkeit danach ist Rückzug zur Erholung. Sie spürt richtig, dass dieses Muster einen Sinn hat. Und trotzdem: Welcher Botenstoff macht aus einem Signal in der Haut eine Müdigkeit im ganzen Körper?

Die biologische Sicht verbindet beides: PGD2 ist ein Signal mit zwei Adressen, und welche Wirkung es hat, bestimmt der Rezeptor im jeweiligen Gewebe.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ PGD2 ist kein Feind, den man nur blockieren muss: Derselbe Botenstoff rötet die Haut, fördert Schlaf und wird zu einem Stoff umgebaut, der Entzündung bremst.

Was im Körper passiert

Stell dir PGD2 als Brief vor, den die Mastzelle verschickt. Was darin steht, liest jede Zelle anders, je nachdem, welchen Briefkasten sie hat.

Der erste Briefkasten heißt DP1. Er sitzt an Gefäßwänden und Schleimhäuten. Dort öffnet PGD2 die Gefäße, die Haut wird rot und warm, der Blutdruck kann sinken (Mensch). Im Gehirn sitzt derselbe Briefkasten an den Hirnhäuten nahe einer Region, die den Schlaf steuert; dort ist PGD2 einer der stärksten körpereigenen Schlafbotenstoffe (Tier; Urade und Hayaishi, 2011).

Der zweite Briefkasten heißt DP2 oder CRTH2. Er sitzt auf Abwehrzellen der allergischen Entzündung, den Th2-Zellen und den eosinophilen und basophilen Granulozyten. PGD2 lockt sie an den Ort des Geschehens (Zelle). So kann aus einem kurzen Signal eine Entzündung werden, die Stunden dauert.

Wozu das Ganze? Wenn die Mastzelle Gefahr meldet, öffnet PGD2 die Wege für die Abwehr und drängt den Körper zur Ruhe (Modell). Danach wird es umgebaut, unter anderem zu 15d-PGJ2, einem Stoff, der in Zellversuchen Entzündung bremst (Zelle). Der Körper schreibt das Ende der Reaktion gleich mit in den Brief.

Prostaglandin D2 (PGD2): Wirkung, Rezeptoren und Rolle bei MCAS: Prostaglandin D2, kurz PGD2, ist ein Botenstoff aus Fettsäuren, den vor allem aktivierte Mastzellen bilden. Er weitet Gefäße, verengt Atemwege, lockt Abwehrzellen an und fördert im Gehirn den Schlaf. Bei MCAS gilt er neben Histamin als wichtiger Auslöser von Flush und Kreislaufschwäche.

Wie PGD2 entsteht. PGD2 wird nicht auf Vorrat gelagert wie Histamin. Die Mastzelle bildet es erst nach ihrer Aktivierung neu, aus Arachidonsäure, einer Fettsäure der Zellmembran. Zuerst arbeitet das Enzym Cyclooxygenase (COX-1 oder COX-2), danach eine Prostaglandin-D-Synthase. In Mastzellen ist das die Form aus den blutbildenden Zellen (H-PGDS), im Gehirn die Lipocalin-Form (L-PGDS). Unter den Prostaglandinen aktivierter Mastzellen ist PGD2 das mengenmäßig wichtigste (Mensch; Roberts et al., 1980).

DP1: Gefäße, Schleimhäute, Schlaf. Der Rezeptor DP1 sitzt an Gefäßwänden, Schleimhäuten, Blutplättchen und im Gehirn. Über ihn weitet PGD2 die Gefäße: Die Haut wird rot und warm, der Blutdruck kann sinken. Er hemmt außerdem das Verklumpen der Blutplättchen. Im Gehirn vermittelt DP1 die schlaffördernde Wirkung von PGD2, einem der stärksten körpereigenen Schlafbotenstoffe (Tier; Urade und Hayaishi, 2011).

DP2 (CRTH2): Abwehrzellen der allergischen Entzündung. Der zweite Rezeptor heißt DP2 oder CRTH2. Er sitzt auf Th2-Zellen, eosinophilen und basophilen Granulozyten und auf angeborenen Lymphzellen vom Typ 2. Über ihn lockt PGD2 diese Zellen an und verstärkt die Typ-2-Entzündung mit den Botenstoffen IL-4, IL-5 und IL-13 (Zelle). In den Atemwegen ist PGD2 an der Verengung der Bronchien beteiligt, vor allem bei Asthma (Mensch).

Was nach der Reaktion passiert. PGD2 wird rasch umgebaut. Ein Weg führt zu 11β-Prostaglandin F2α, das im Urin gemessen werden kann. Ein anderer führt über PGJ2 zu 15-Desoxy-Δ12,14-PGJ2, kurz 15d-PGJ2. Dieser Stoff bindet an den Kernrezeptor PPARγ und bremst in Zellversuchen Entzündung (Zelle). Derselbe Botenstoff, der eine Reaktion anstößt, liefert also auch einen Baustein für ihr Ende.

Bedeutung für die Diagnostik. Erhöhte Abbauprodukte von PGD2 im Urin gehören zu den Mediatorbefunden, die eine Mastzellaktivierung stützen können (Mensch; Valent et al., 2012). Bei systemischer Mastozytose sind sie oft deutlich erhöht (Mensch; Roberts et al., 1980). Bei MCAS schwanken die Werte stark, deshalb zählt der Zeitpunkt der Probe.

zum Merken
PGD2 ist kein Feind, sondern ein Brief mit zwei Adressen: Gefäße und Schlaf auf der einen, Abwehrzellen auf der anderen Seite.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang notieren, wann ein Flush kommt, wie lange er dauert und ob danach Müdigkeit, Schwindel oder ein Engegefühl in der Brust folgen. Rötung, Kreislaufschwäche und Schlafdruck passen eher zu PGD2, Juckreiz und Quaddeln eher zu Histamin; oft kommt beides zusammen.

Wenn deine Ärztin PGD2-Abbauprodukte im Urin bestimmen möchte, hilft dir dieses Wissen: Am aussagekräftigsten sind Proben aus der Zeit eines Schubs (Mensch; Valent et al., 2012). Wann und wie gesammelt wird, klärt ihr gemeinsam.

Und du kannst festhalten, wie du auf Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen reagierst. Sie greifen in die Bildung der Prostaglandine ein; manche Menschen mit Mastzellerkrankungen vertragen sie gut, andere reagieren mit einem Schub. Diese Erfahrung gehört ins Gespräch mit deiner Ärztin.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass Mastzellen große Mengen PGD2 bilden, ist beim Menschen gut belegt, vor allem bei systemischer Mastozytose (Mensch; Roberts et al., 1980). Bei MCAS ist die Datenlage dünner: Ein erhöhter Abbauwert im Urin passt zu einer Mastzellaktivierung, ein normaler schließt sie nicht aus, und die Werte schwanken mit dem Zeitpunkt der Probe. Die Schlafwirkung ist vor allem im Tier gezeigt. Ob PGD2 aus Mastzellen zur Müdigkeit nach einem Schub beiträgt, ist ein Modell, nicht belegt. Die bremsende Wirkung von 15d-PGJ2 stammt aus Zellversuchen.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Die Röte, die mir ins Gesicht schießt: Flush, Vasodilatation
  • Ein Botenstoff der Mastzellen, nicht Histamin: Prostaglandin D2 (PGD2)
  • Der Abbauwert im Urin: 11β-Prostaglandin F2α im Urin
  • Die Andockstelle für die Abwehrzellen: DP2-Rezeptor (CRTH2)
  • Bei Schmerzmitteln bekomme ich einen Schub: NSAR-Unverträglichkeit
  • Nach dem Schub bin ich bleiern müde: Fatigue nach Mediatorfreisetzung
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Quellen (4)
  • Increased Production of Prostaglandin D2 in Patients with Systemic Mastocytosis
    Roberts LJ, Sweetman BJ, Lewis RA, Austen KF, Oates JA – New England Journal of Medicine (1980) DOI: 10.1056/NEJM198012113032405
  • Prostaglandin D2 and sleep/wake regulation
    Urade Y, Hayaishi O – Sleep Medicine Reviews (2011) DOI: 10.1016/j.smrv.2011.08.003
  • Definitions, Criteria and Global Classification of Mast Cell Disorders with Special Reference to Mast Cell Activation Syndromes: A Consensus Proposal
    Valent P, Akin C, Arock M, Brockow K, et al. – International Archives of Allergy and Immunology (2012) DOI: 10.1159/000328760
  • Prostaglandin D2(PGD2); prostaglandin D2 receptor (CRTH2; GPR44; CD294); prostaglandin D2 synthase (PTGDS)
    Science-Business eXchange (2012) DOI: 10.1038/scibx.2012.368
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