„Kann Histamin bei MCAS Angst und Panikattacken auslösen, oder ist das bei mir psychisch?“
Du kennst das vielleicht: Die Angst kommt aus dem Nichts. Herzrasen, Hitze im Gesicht, Enge in der Brust, Schwindel und ein Gefühl von Bedrohung, das sich mit keinem Gedanken auflösen lässt. Manchmal kommt sie nach dem Essen, manchmal nachts, oft an Tagen, an denen auch Haut und Bauch unruhig sind. Und irgendwann fällt der Satz: Das ist psychisch.
Die mechanische Sicht der Medizin prüft zuerst, ob Herz, Schilddrüse oder Blutzucker die Beschwerden erklären. Ist das geklärt, stehen mit Psychotherapie und, wo nötig, Medikamenten gut untersuchte Wege bereit; die kognitive Verhaltenstherapie gehört bei Panikstörungen zu den am besten belegten Behandlungen (Mensch). Und trotzdem: Warum hängt deine Angst so oft mit Flush, Bauchkrämpfen oder bestimmten Lebensmitteln zusammen?
Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde nimmt den Körper in der Angst ernst. Sie spricht von einem Nervensystem im Dauerstress und von fehlender Erdung, und sie hat recht damit, dass Angst sich im ganzen Körper zeigt und nicht nur im Kopf. Und trotzdem: Wo im Körper entsteht dieses Alarmgefühl, und warum gerade bei MCAS so oft?
Die biologische Sicht verbindet beides: Angst ist immer zugleich körperlich und psychisch. Bei MCAS kommen Botenstoffe aus Mastzellen hinzu, die dieselben Alarmbahnen anstoßen, über die auch Gedanken und Erlebnisse laufen.
Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Psychisch heißt nicht körperlos: Angst läuft über dieselben Bahnen wie Histamin, Herzschlag und Atem, und beide Seiten verdienen Behandlung.
Was im Körper passiert
Stell dir dein Nervensystem als Rauchmelder vor. Normalerweise schlägt er an, wenn es brennt. Mastzellen sind Wächterzellen des Immunsystems, die in Haut, Darm und Atemwegen dicht neben Nervenfasern sitzen. Wenn sie Botenstoffe ausschütten, ist das, als würde jemand Rauch direkt unter den Melder blasen: Er schlägt an, obwohl kein Feuer zu sehen ist.
Drei Wege führen vom Körper ins Alarmsystem. Histamin ist im Gehirn ein erregender Botenstoff, der Wachheit und in Tierversuchen auch Angstverhalten beeinflusst (Tier; Haas und Panula, 2003). Der Vagusnerv meldet laufend Signale aus dem Bauchraum ans Gehirn, auch aus gereiztem Gewebe (Tier; Forsythe et al., 2014). Und das Stresssignal CRH aktiviert Mastzellen, die selbst CRH freisetzen können, eine Schleife, die sich schnell aufschaukeln kann (Zelle, Tier; Theoharides et al., 2004).
Der Weg läuft in beide Richtungen. Beim Menschen ist gezeigt, dass seelischer Stress über CRH und Mastzellen bis in den Darm wirkt (Mensch; Vanuytsel et al., 2014). Wozu das Ganze? Ein Körper, der Gefahr meldet, macht dich wachsam. Das ist Schutz. Bei MCAS meldet der Wächter auch dann, wenn draußen keine Gefahr ist. Deine Angst ist deshalb nicht eingebildet: Sie ist ein echtes Signal, nur liegt der Auslöser nicht immer dort, wo du ihn suchst.
Angst und Panikattacken gehören zu den belastendsten Beschwerden bei MCAS, dem Mastzellaktivierungssyndrom, und zu den am häufigsten missverstandenen. Betroffene beschreiben plötzliche Angst ohne erkennbaren Anlass, Panikattacken mit Herzrasen und Hitze, innere Unruhe und eine diffuse Bedrohung. Afrin et al. (2017) beschreiben MCAS als Erkrankung mit Beschwerden in vielen Organsystemen; psychische Beschwerden wie Angst, gedrückte Stimmung oder Depression werden in der klinischen Literatur zu MCAS häufig genannt.
Weil Befunde oft unauffällig sind, landen solche Beschwerden schnell beim Satz „psychisch überlagert“. Das greift zu kurz, in beide Richtungen. Eine Angststörung ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die Behandlung verdient, mit oder ohne MCAS. Und zugleich können Botenstoffe aus Mastzellen in dieselben Alarmbahnen eingreifen, über die Angst entsteht. Histamin und Panikattacken, Mastzellen und Psyche: Beides gehört zusammen gedacht, nicht gegeneinander.
Für dich heißt das: Die Frage ist selten „MCAS oder Angststörung?“. Häufiger ist es ein Sowohl-als-auch, und beides lässt sich gleichzeitig begleiten.
Wirkung und Mechanismus
Der Weg vom Mastzell-Alarm zur Angst wird über drei Bahnen beschrieben.
Erstens Histamin im Gehirn. Histamin ist dort ein erregender Botenstoff und hält wach; in Tierversuchen beeinflusst es Erregung und Angstverhalten (Tier; Haas und Panula, 2003). Im Gehirn gibt es auch eigene Mastzellen, bei Nagetieren vor allem im Thalamus und Hypothalamus (Tier). Histamin aus dem Blut gelangt dagegen nur schlecht ins Gehirn.
Zweitens der Vagusnerv. Er leitet Informationen aus dem Bauchraum zum Hirnstamm, und von dort laufen Verbindungen zu den Regionen, die Bedrohung bewerten (Tier; Forsythe et al., 2014). Gereiztes Gewebe im Darm kann so als innere Gefahr ankommen, auch ohne äußeren Anlass (Modell).
Drittens die Stressachse. CRH, das Startsignal der Stressachse, aktiviert Mastzellen über eigene Rezeptoren, und aktivierte Mastzellen können CRH freisetzen (Zelle, Tier; Theoharides et al., 2004). Beim Menschen ist gezeigt, dass seelischer Stress über CRH und Mastzellen den Darm durchlässiger macht (Mensch; Vanuytsel et al., 2014). Diese Schleife kann erklären, warum Panikattacken bei MCAS so plötzlich und heftig sein können (Modell).
Was sagt die Forschung
Die Verbindung zwischen Mastzellen und Angst stützt sich auf mehrere Forschungslinien, überwiegend aus Zell- und Tierstudien. Theoharides et al. (2004) beschreiben, wie CRH Mastzellen aktiviert und Mastzellen selbst CRH bilden (Zelle, Tier). Haas und Panula (2003) fassen die Rolle von Histamin für Wachheit und Erregung im Gehirn zusammen (Tier, Mensch). Forsythe et al. (2014) beschreiben, wie der Vagusnerv Signale aus dem Darm zum Gehirn leitet (Tier). Vanuytsel et al. (2014) zeigten an 23 gesunden Freiwilligen, dass seelischer Stress den Dünndarm durchlässiger macht; das Stresssignal CRH tat dasselbe, und ein Mastzellstabilisator verhinderte es (Mensch).
Afrin et al. (2017) beschreiben MCAS als Erkrankung mit Beschwerden in vielen Organsystemen. Kontrollierte Studien, die Angst bei MCAS gezielt untersuchen oder Behandlungen vergleichen, fehlen. Berichte, dass Angst nachlässt, wenn die Mastzellaktivität ärztlich behandelt wird, stammen aus der klinischen Erfahrung, nicht aus Studien.
Deine Angst ist nicht eingebildet. Manchmal meldet ein Wächter im Körper Gefahr, bevor dein Kopf einen Grund findet.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten, und mit Begleitung.
Du kannst eine Woche lang notieren, wann Angst oder Panik kommen und was zur selben Zeit im Körper passiert: Flush, Herzrasen, Bauch, Haut, Essen, Schlaf, Stress. So wird sichtbar, ob deine Angst mit anderen Mastzell-Zeichen zusammenfällt. Diese Notizen sind für deine Ärztin und deine Psychotherapeutin gleich wertvoll.
Du kannst beobachten, was dir in einer akuten Welle Halt gibt. Langsames Atmen mit einer Ausatmung, die länger ist als die Einatmung, verlangsamt den Herzschlag über den Vagusnerv (Mensch); viele erleben das als Anker, bis die Welle abklingt.
Angst verdient Behandlung wie jede andere Erkrankung. Ob Psychotherapie, Medikamente oder beides, klärst du mit deiner Psychotherapeutin und deiner Ärztin. Wenn beide von deiner MCAS-Diagnose und von deiner Angst wissen, können sie Körper und Psyche zusammen sehen.
Wenn die Angst so groß wird, dass du nicht mehr weiterweißt, oder Gedanken kommen, nicht mehr leben zu wollen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111.
- Angst und Mastzell-Zeichen nebeneinander notieren: Uhrzeit, Stärke der Angst und Begleitzeichen wie Flush, Herzrasen oder Bauchbeschwerden auf einer Seite. Nach einer Woche zeigt sich oft ein Muster, das du mit deiner Ärztin und deiner Psychotherapeutin besprechen kannst.
- Ein Anker für die akute Welle: Langsames Atmen mit langer Ausatmung, kaltes Wasser im Gesicht oder Summen sprechen den Vagusnerv an. Viele erleben das als Halt, bis eine Welle abklingt. Ob es auch die Mastzellen selbst beruhigt, ist beim Menschen nicht untersucht.
- Beide Seiten ins Boot holen: Psychotherapie hilft bei Angst nachweislich, auch wenn der Körper mitspielt. Wenn deine Psychotherapeutin von der MCAS-Diagnose weiß und deine Ärztin von der Angst, können beide ihre Behandlung aufeinander abstimmen.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Gut belegt ist, dass Histamin im Gehirn Wachheit und Erregung steuert und dass Stress über CRH auf Mastzellen wirkt, beim Menschen bisher für den Darm gezeigt (Mensch). Dass Mastzellen bei MCAS Angst und Panikattacken mit auslösen, ist ein plausibles Modell aus Zell- und Tierstudien; kontrollierte Studien bei Menschen mit MCAS fehlen. Wie groß der Anteil der Mastzellen an deiner Angst ist, lässt sich heute mit keinem Test bestimmen. Angststörung, Depression und MCAS können nebeneinander bestehen, und jede verdient ihre eigene Behandlung.