MOJO LogoMOJO

Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Herzrasen bei Long COVID – POTS und autonome Dysregulation

Herzrasen bei Long COVID ist häufig kein Herzproblem – es ist eine autonome Dysregulation. POTS, Sympathikus-Dominanz und gestörte Vagus-Funktion erklären, warum dein Herz rast.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • 20–30 % der Long-COVID-Betroffenen zeigen POTS-ähnliche Symptome: Herzfrequenzanstieg ≥ 30 bpm beim Aufstehen (Davis et al., 2023).
  • Das Herz ist meist strukturell gesund – das Problem liegt in der autonomen Regulation (Sympathikus/Vagus-Dysbalance).
  • EKG und Echokardiographie sind oft unauffällig; erst Kipptisch-Test oder NASA Lean Test decken POTS auf.

Dein Herz rast, sobald du aufstehst? Du wirst schwindelig beim Duschen, beim Treppensteigen, manchmal sogar beim Umdrehen im Bett? Dein Ruhepuls ist deutlich höher als früher? EKG und Herzecho sind „unauffällig", aber du spürst, dass etwas nicht stimmt? Dann erlebst du möglicherweise POTS – eine autonome Dysfunktion, die bei Long COVID häufig ist.

Was im Körper passiert

Dein vegetatives Nervensystem – der Autopilot deines Körpers – steuert deinen Herzschlag. Bei Long COVID ist dieser Autopilot aus dem Gleichgewicht: Der Sympathikus (Gas) ist dauerhaft aktiv, der Vagus (Bremse) funktioniert nicht richtig. Wenn du aufstehst, versackt Blut in deinen Beinen, und dein Herz muss kompensieren, indem es schneller schlägt. Das ist kein Herzproblem – es ist ein Regulationsproblem.

Long-COVID gehört vor allem zum Immunsystem: Infekt und Entzündung.

Herzrasen (Tachykardie) gehört zu den alarmierendsten Symptomen bei Long COVID. 20–30 % der Betroffenen berichten über episodisches oder dauerhaftes Herzrasen – beim Aufstehen, bei minimaler Anstrengung oder sogar in Ruhe (Davis et al., 2023). Die erste Reaktion ist oft Panik: „Stimmt etwas mit meinem Herzen nicht?"

In den meisten Fällen lautet die Antwort: Nein – dein Herz ist strukturell gesund. Das Problem liegt im vegetativen Nervensystem, das die Herzfrequenz reguliert. Bei Long COVID ist dieses System aus dem Gleichgewicht: Der Sympathikus (Aktivierung, „Fight-or-Flight") ist überaktiv, der Parasympathikus (Erholung, Vagus) ist unteraktiv. Das Ergebnis ist POTS – Posturales orthostatisches Tachykardie-Syndrom: Die Herzfrequenz steigt beim Aufstehen um ≥ 30 Schläge pro Minute.

Die diagnostische Herausforderung: EKG und Echokardiographie zeigen oft Normalbefunde. Erst der Kipptisch-Test oder NASA Lean Test deckt die autonome Dysfunktion auf. Viele Betroffene werden jahrelang nicht diagnostiziert – oder erhalten die Fehldiagnose „Panikstörung".

Wirkung und Mechanismus

Der Mechanismus des Long-COVID-Herzrasens betrifft die autonome Regulation auf mehreren Ebenen.

Sympathikus-Dominanz: Bei Long COVID ist der sympathische Ast des vegetativen Nervensystems chronisch überaktiviert. Dies kann durch Neuroinflammation, Spike-Protein-Persistenz und Autoantikörper gegen adrenerge Rezeptoren verursacht werden. Die Konsequenz: Erhöhte Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, die den Herzschlag beschleunigen – auch ohne körperliche Anstrengung.

Vagus-Dysfunktion: Der Vagusnerv ist der wichtigste Bremser der Herzfrequenz. Bei Long COVID ist seine Funktion häufig reduziert – messbar an der verminderten Herzfrequenzvariabilität (HRV). Ohne diese parasympathische Bremse reagiert das Herz überschießend auf jeden Stimulus.

POTS-Mechanismus: Beim Aufstehen sollte das autonome Nervensystem die Blutgefäße in den Beinen verengen, um den Blutfluss zum Gehirn aufrechtzuerhalten. Bei POTS funktioniert diese Regulation nicht: Blut versackt in den Beinen, das Herz kompensiert durch Frequenzsteigerung. Klein et al. (2023) identifizierten Autoantikörper und Cortisol-Dysregulation als mögliche Ursachen dieser autonomen Fehlfunktion.

Was sagt die Forschung

Die autonome Dysfunktion bei Long COVID ist gut dokumentiert. Davis et al. (2023) berichten über POTS als eine der häufigsten autonomen Manifestationen. Klein et al. (2023) identifizierten in Nature immunologische Merkmale, die mit autonomer Dysfunktion korrelieren – einschließlich Autoantikörper und reduziertem Cortisol. Al-Aly et al. (2021) dokumentierten kardiovaskuläre Langzeitfolgen von COVID-19, einschließlich Herzrhythmusstörungen und autonomer Dysfunktion, in einer großen Kohortenstudie in Nature.

Zum Nachschlagen

Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (3)

Ist POTS bei Long COVID gefährlich?

POTS ist in der Regel nicht lebensbedrohlich, aber sehr belastend. Die Herzfrequenzsteigerung ist eine Kompensationsreaktion des Körpers, kein Zeichen einer Herzerkrankung. Dennoch sollte eine kardiologische Abklärung erfolgen, um strukturelle Herzerkrankungen auszuschließen.

Kann POTS bei Long COVID wieder verschwinden?

Viele Betroffene berichten über schrittweise Besserung über Monate bis Jahre. Die autonome Regulation kann sich erholen – das vegetative Nervensystem ist plastisch. Basismaßnahmen (Flüssigkeit, Salz, Kompression) und Nervensystem-Retraining können den Erholungsprozess unterstützen.

Wie unterscheide ich Herzrasen von einer Panikattacke?

Bei POTS tritt das Herzrasen typischerweise beim Aufstehen auf und bessert sich im Liegen. Bei Panikattacken ist es lageunabhängig und wird von intensiver Angst begleitet. Beides kann gleichzeitig vorkommen. Ein NASA Lean Test kann POTS objektivieren.
Quellen (3)
  • Long COVID: major findings, mechanisms and recommendations
    Davis H.E., McCorkell L., Vogel J.M. et al. – Nature Reviews Microbiology (2023) DOI: 10.1038/s41579-022-00846-2
  • Distinguishing features of long COVID identified through immune profiling
    Klein J., Wood J., Jaycox J.R. et al. – Nature (2023) DOI: 10.1038/s41586-023-06651-y
  • High-dimensional characterization of post-acute sequelae of COVID-19
    Al-Aly Z., Xie Y., Bowe B. – Nature (2021) DOI: 10.1038/s41586-021-03553-9
“
Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
MOJO

War das hilfreich?

Niemand hat die Wahrheit allein. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Schreib es in einen Kommentar. Wie wir arbeiten

KommentareAls Erste schreiben

0/2000

Dein Kommentar wird nach E-Mail-Bestätigung sichtbar.