Was ist zentrale Sensitivierung?
Zentrale Sensitivierung ist ein Zustand, bei dem das zentrale Nervensystem (Rückenmark und Gehirn) Schmerzsignale verstärkt verarbeitet. Die 'Schmerzschwelle' sinkt – Reize, die normalerweise harmlos wären, werden als schmerzhaft empfunden. Gleichzeitig ist die absteigende Schmerzhemmung reduziert. Es ist der zentrale Mechanismus hinter Fibromyalgie.
Zentrale Sensitivierung – ein Begriff, der maßgeblich von Clifford Woolf geprägt wurde (Woolf, 2011) – beschreibt eine erhöhte Erregbarkeit der Nervenzellen im zentralen Nervensystem. Vereinfacht: Dein Rückenmark und Gehirn haben die 'Lautstärke' der Schmerzverarbeitung hochgedreht.
Normalerweise senden Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) in deiner Haut, deinen Muskeln und Organen ein Signal ans Rückenmark, wenn tatsächlich ein schädlicher Reiz vorliegt. Das Rückenmark filtert und moduliert dieses Signal, bevor es ans Gehirn weitergeleitet wird. Bei zentraler Sensitivierung ist dieser Filter gestört: Die Nervenzellen im Rückenmark werden überempfindlich. Sie reagieren auf Signale, die eigentlich harmlos sind, als wären sie gefährlich.
Das führt zu zwei charakteristischen Phänomenen: Allodynie – Schmerz durch Reize, die normalerweise nicht schmerzhaft sind (z. B. leichte Berührung, Kleidung auf der Haut). Und Hyperalgesie – verstärkte Schmerzempfindung bei Reizen, die normalerweise nur leicht schmerzhaft wären.
Staud et al. (2001) zeigten, dass Fibromyalgie-Patienten eine verstärkte temporale Summation (Wind-up) aufweisen: Wenn derselbe schmerzhafte Reiz wiederholt angewendet wird, empfinden gesunde Probanden ihn gleichbleibend – Fibromyalgie-Patienten empfinden ihn zunehmend stärker. Die Nervenzellen im Rückenmark 'lernen' den Schmerz und verstärken ihn mit jeder Wiederholung.
Zentrale Sensitivierung erklärt, warum bei Fibromyalgie keine Gewebeschäden gefunden werden: Der Schmerz entsteht nicht in der Peripherie, sondern in der Verarbeitung. Das macht ihn nicht weniger real – im Gegenteil.
Im Detail
Woolf (2011) unterschied verschiedene Formen der zentralen Sensitivierung. Aktivitätsabhängige zentrale Sensitivierung wird durch wiederholte nozizeptive Signale aus der Peripherie ausgelöst und ist reversibel. Transkriptionsabhängige zentrale Sensitivierung beinhaltet Veränderungen der Genexpression in den Rückenmarksneuronen und kann langfristig bestehen bleiben. Bei Fibromyalgie scheint eine Kombination beider Mechanismen vorzuliegen.
Auf molekularer Ebene sind NMDA-Rezeptoren (N-Methyl-D-Aspartat) zentral beteiligt: Ihre Aktivierung durch Glutamat führt zu einer Kalzium-Einströmung in die Nervenzellen, die deren Erregbarkeit dauerhaft erhöht. Substanz P – ein Schmerz-Neurotransmitter – ist im Liquor von Fibromyalgie-Patienten erhöht. Gleichzeitig sind Serotonin und Noradrenalin – Neurotransmitter, die an der absteigenden Schmerzhemmung beteiligt sind – reduziert.
Clauw (2014) betonte, dass zentrale Sensitivierung nicht auf Fibromyalgie beschränkt ist. Sie findet sich auch bei Reizdarmsyndrom, Spannungskopfschmerzen, Kiefergelenkstörungen und chronischem Beckenschmerz – Erkrankungen, die häufig als Komorbiditäten der Fibromyalgie auftreten. Das legt nahe, dass es sich um einen gemeinsamen zentralen Mechanismus handelt.
— Die MOJO Perspektive
Zentrale Sensitivierung ist der neurobiologische Kern der Fibromyalgie – und gleichzeitig der Ansatzpunkt für die Regulation. Wenn das Nervensystem gelernt hat, Schmerz zu verstärken, kann es auch lernen, ihn wieder zu modulieren. Die Regenerationsmedizin setzt hier auf drei Ebenen an: Vagusnerv-Aktivierung (die absteigende Schmerzhemmung wieder hochregulieren), Immunmodulation (Neuroinflammation reduzieren) und Stoffwechsel (die neurochemische Balance wiederherstellen). Das Nervensystem ist plastisch – es kann sich verändern, in beide Richtungen.
Das Wichtigste in Kürze
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Quellen & Referenzen
- Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
- Abnormal sensitization and temporal summation of second pain (wind-up) in patients with fibromyalgia syndrome
- Fibromyalgia: A Clinical Review
- Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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