Reizüberflutung bei Fibromyalgie – Wenn alles zu laut, zu hell, zu viel ist
Sensorische Überempfindlichkeit bei Fibromyalgie ist ein Zeichen der zentralen Sensitivierung – dein Nervensystem filtert Reize nicht mehr ausreichend. Du erfährst, warum Licht, Geräusche und Berührungen überwältigend werden.
Gute Hinweise aus Studien, aber noch nicht abschließend bestätigt.
Licht wird blendend, Geräusche unerträglich, Gerüche überwältigend, Berührungen schmerzhaft – die sensorische Überempfindlichkeit bei Fibromyalgie geht weit über die Schmerzempfindlichkeit hinaus. Viele Betroffene berichten, dass ein Einkaufszentrum, ein lautes Restaurant oder eine helle Büroumgebung zu einer Tortur werden – nicht wegen der Schmerzen, sondern wegen der Reizüberflutung.
Diese polymodale Hypersensitivität – die gesteigerte Empfindlichkeit für Reize verschiedener Sinnesmodalitäten – ist ein zentrales Merkmal der Fibromyalgie und ein direkter Ausdruck der zentralen Sensitivierung. Woolf (2011) beschrieb, dass die zentrale Sensitivierung nicht nur die Schmerzverarbeitung betrifft, sondern alle sensorischen Eingänge: Das gesamte Nervensystem operiert auf einem zu hohen Erregbarkeitsniveau.
Clauw (2014) betonte in seiner JAMA-Übersicht, dass die multisensorische Hypersensitivität bei Fibromyalgie ein Hinweis auf eine generalisierte Störung der zentralen Reizverarbeitung ist – nicht auf individuelle Organprobleme (Augen, Ohren, Nase). Das Filterproblem liegt im Gehirn, nicht in den Sinnesorganen.
— Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin betrachten wir die sensorische Überempfindlichkeit als Ausdruck eines Nervensystems, das den „Lautstärkeregler" für alle Sinneskanäle nicht mehr herunterdrehen kann. Das Problem ist nicht die Empfindlichkeit selbst – sondern das Fehlen des parasympathischen Bremseffekts. Der Ansatz setzt an der Wiederherstellung des vagalen Tonus und der sensorischen Filterkapazität an: nicht die Welt leiser machen, sondern das Nervensystem wieder in die Lage versetzen, Reize zu filtern.
Wirkung & Mechanismus
Die sensorische Überempfindlichkeit bei Fibromyalgie hat zwei Kernmechanismen. Erstens: Gestörte sensorische Filterung (Gating). Das Gehirn verfügt normalerweise über Filtermechanismen (sensorisches Gating), die irrelevante Reize ausblenden. Der Thalamus – die zentrale „Relaisstation" – entscheidet, welche sensorischen Informationen den Kortex erreichen und welche unterdrückt werden. Bei Fibromyalgie ist dieses Gating beeinträchtigt: Zu viele Reize passieren ungefiltert – das Gehirn wird mit Informationen überflutet, die es normalerweise ignorieren würde. Woolf (2011) beschrieb den Mechanismus der zentralen Hypererregbarkeit, der nicht nur nozizeptive, sondern alle sensorischen Bahnen betrifft.
Zweitens: Fehlende parasympathische Gegenregulation. Der Vagusnerv spielt eine Schlüsselrolle bei der Regulation des Arousal-Levels – der allgemeinen Erregbarkeit des Nervensystems. Pavlov und Tracey (2012) beschrieben, wie der vagale Tonus das „Thermostat" des Nervensystems reguliert. Bei Fibromyalgie ist dieser Tonus reduziert (Martinez-Lavin, 2012) – das Nervensystem hat keinen wirksamen Mechanismus, um die Erregbarkeit herunterzuregulieren. Jeder zusätzliche Reiz addiert sich auf ein ohnehin überlastetes System.
Das Zusammenspiel aus gestörter Filterung und fehlender Gegenregulation erklärt, warum Betroffene nach reizintensiven Situationen „abstürzen" – der sensorische „Overflow" erschöpft die ohnehin begrenzten Energieressourcen des Nervensystems.
Was sagt die Forschung
Woolf (2011) beschrieb in Pain die zentrale Sensitivierung als Mechanismus, der nicht nur die Schmerzverarbeitung, sondern die gesamte sensorische Verarbeitung betrifft – die theoretische Grundlage für die polymodale Hypersensitivität. Clauw (2014) bestätigte in JAMA die multisensorische Überempfindlichkeit als Kernmerkmal der Fibromyalgie. Martinez-Lavin (2012) verband die sensorische Hypersensitivität mit der autonomen Dysregulation – insbesondere dem fehlenden vagalen Tonus. Pavlov und Tracey (2012) lieferten die neurobiologische Basis für die Rolle des Vagus bei der Regulation der Erregbarkeit.
Das Wichtigste in Kürze
- 1Die sensorische Überempfindlichkeit bei Fibromyalgie betrifft alle Sinne – Licht, Geräusche, Gerüche, Berührungen – und reflektiert eine generalisierte zentrale Sensitivierung (Clauw, 2014).
- 2Das sensorische Gating im Thalamus ist gestört – zu viele Reize erreichen ungefiltert den Kortex (Woolf, 2011).
- 3Der fehlende vagale Tonus verhindert die Herunterregulation der Erregbarkeit (Martinez-Lavin, 2012).
- 4Sensorische „Crashes" nach Reizüberflutung sind eine Folge der Erschöpfung des bereits überlasteten Nervensystems.
Konkret umsetzen
— Erkennen · Verstehen · Verändern
Erkennen
Verstehen
Verändern
Häufige Fragen
Ist sensorische Überempfindlichkeit bei Fibromyalgie normal?
Warum bin ich nach dem Einkaufen völlig fertig?
Ist das dasselbe wie bei Autismus?
Quellen & Referenzen
- Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
- Fibromyalgia: A Clinical Review
- Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
- The vagus nerve and the inflammatory reflex—linking immunity and metabolism
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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