Fibromyalgie und Long COVID – Wenn das Virus die Schmerzverarbeitung verändert
SARS-CoV-2 kann die zentrale Sensitivierung auslösen oder verstärken – viele Long-COVID-Betroffene entwickeln Fibromyalgie-typische Schmerzmuster.
Gute Hinweise aus Studien, aber noch nicht abschließend bestätigt.
Die Pandemie hat einen unerwarteten Effekt auf die Fibromyalgie-Epidemiologie: Eine steigende Zahl von Long-COVID-Betroffenen entwickelt chronische, weit verbreitete Schmerzen, die die diagnostischen Kriterien der Fibromyalgie erfüllen. Gleichzeitig berichten Fibromyalgie-Betroffene über eine deutliche Symptomverschlechterung nach SARS-CoV-2-Infektion.
Die biologische Verbindung ist plausibel: SARS-CoV-2 induziert Neuroinflammation, autonome Dysfunktion und Immunaktivierung – dieselben Mechanismen, die bei Fibromyalgie die zentrale Sensitivierung aufrechterhalten (Clauw, 2014). Das Virus kann als Trigger fungieren, der bei prädisponierten Personen die Schwelle zur chronischen Schmerzverarbeitung überschreiten lässt.
Martinez-Lavin (2012) beschrieb Fibromyalgie als Störung der autonomen Regulation – genau diese Regulation ist bei Long COVID massiv beeinträchtigt. Die Kombination aus viraler Immunaktivierung und autonomer Dysfunktion schafft ideale Bedingungen für die Entwicklung einer Fibromyalgie.
— Die MOJO Perspektive
Post-COVID-Fibromyalgie zeigt eindrücklich, wie ein einzelner Trigger – in diesem Fall ein Virus – das gesamte neuroimmunologische System so destabilisieren kann, dass chronischer Schmerz entsteht. In der Regenerationsmedizin adressieren wir nicht das Virus (das ist vorbei), sondern die Nachwirkungen: Neuroinflammation, autonome Dysfunktion und die daraus resultierende zentrale Sensitivierung.
Wirkung & Mechanismus
Die Mechanismen der Long-COVID-Fibromyalgie-Verbindung:
1. Neuroinflammation als Trigger der zentralen Sensitivierung: SARS-CoV-2 kann Mikroglia im ZNS aktivieren – über Spike-Protein-Exposition, Zytokin-Signale oder direkte Invasion über die Riechschleimhaut. Aktivierte Mikroglia setzen proinflammatorische Mediatoren frei, die die synaptische Übertragung im Rückenmark und Thalamus verändern. Woolf (2011) beschrieb diesen Mechanismus als „central sensitization" – die Grundlage der Fibromyalgie.
2. Autonome Dysfunktion: Long COVID ist mit massiver autonomer Dysregulation assoziiert – POTS, reduzierte HRV, Sympathikus-Dominanz. Martinez-Lavin (2012) argumentierte, dass genau diese autonome Dysfunktion der Motor der Fibromyalgie ist: Noradrenalin aus sympathischen Nervenfasern sensibilisiert Nozizeptoren und erhöht die Schmerzempfindlichkeit.
3. Autoantikörper: Long COVID geht häufig mit Autoantikörpern einher – Anti-GPCR-Autoantikörper, Anti-ACE2-Antikörper. Ob diese Autoantikörper direkt zur Schmerzverarbeitung beitragen, ist Gegenstand aktiver Forschung.
4. Mitochondriale Dysfunktion: Beide Erkrankungen zeigen Hinweise auf gestörte zelluläre Energieproduktion. Die resultierende ATP-Unterversorgung der Nervenzellen kann die neuronale Erregbarkeit verändern und zur Sensitivierung beitragen (Keferstein, 2025).
Was sagt die Forschung
Clauw (2014, JAMA) beschrieb zentrale Sensitivierung als Kernmechanismus der Fibromyalgie. Martinez-Lavin (2012) dokumentierte die autonome Dysfunktion als zentrales Merkmal. Woolf (2011) definierte die neurobiologischen Grundlagen der zentralen Sensitivierung. Keferstein (2025) beschrieb den Zusammenhang zwischen zellulärer Energiekapazität und neuroimmunologischer Dysregulation. Spezifische Studien zur Post-COVID-Fibromyalgie nehmen zu, sind aber noch begrenzt.
Das Wichtigste in Kürze
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Konkret umsetzen
Schmerzcharakter nach COVID dokumentieren
Wenn du nach einer COVID-Infektion neue, weit verbreitete Schmerzen entwickelt hast (nicht nur Muskelkater, sondern persistierende Druckempfindlichkeit, Schmerzwanderung, Allodynie), dokumentiere Art, Lokalisation und Intensität über mindestens 4 Wochen. Bei Persistenz: Fibromyalgie-Diagnostik ansprechen.
Autonome Balance prüfen
HRV-Monitoring kann zeigen, ob die autonome Dysfunktion – die bei Long COVID und Fibromyalgie zentral ist – vorliegt. Ein niedriger RMSSD deutet auf reduzierte Vagus-Aktivität hin. Der Verlauf über Wochen ist aussagekräftiger als Einzelmessungen.
— Erkennen · Verstehen · Verändern
Erkennen
Verstehen
Verändern
Häufige Fragen
Kann COVID Fibromyalgie auslösen?
Geht Post-COVID-Fibromyalgie wieder weg?
Quellen & Referenzen
- Fibromyalgia: A Clinical Review
- Fibromyalgia: When Distress Becomes (Un)sympathetic Pain
- Central sensitization: Implications for the diagnosis and treatment of pain
- Regenerative Medicine: A System for Chronic HealthKeferstein G, Wesseling C, Höhfeld D et al. – Preprints.org (2025) DOI: 10.20944/preprints202510.2117.v1
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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