„Ich habe ME/CFS und dazu Panikattacken und eine ständige Unruhe. Ist das psychisch, oder gehört das zur Erkrankung?“
Du kennst das vielleicht: Das Herz rast, obwohl du nur aufgestanden bist. Eine Unruhe sitzt im Brustkorb, die nicht weggeht. Manchmal kommt eine Panikattacke aus dem Nichts, und dazu die Sorge, ob der nächste Crash schon wartet. Und irgendwann sagt jemand: Vielleicht ist das alles die Psyche.
Die mechanische Sicht der Medizin prüft zuerst, ob Herz, Schilddrüse oder andere Ursachen die Beschwerden erklären. Ist das geklärt, stehen für Angststörungen gut untersuchte Wege bereit: Psychotherapie, allen voran die kognitive Verhaltenstherapie, und wo nötig Medikamente (Mensch). Und trotzdem: Warum kommt deine Angst so oft im Stehen, nach Belastung oder im Crash, wenn der Körper ohnehin am Limit ist?
Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde spricht von einem Nervensystem im Dauerstress, das keine Ruhe mehr findet. Sie hat recht damit, dass sich Angst im ganzen Körper zeigt und nicht nur im Kopf. Und trotzdem: Wo genau entsteht dieses Alarmgefühl, und warum gerade bei ME/CFS so häufig?
Die biologische Sicht verbindet beides: Angst ist immer zugleich körperlich und psychisch. Bei ME/CFS meldet ein Nervensystem, das aus dem Gleichgewicht ist, oft Gefahr, wo keine ist.
Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Psychisch heißt nicht körperlos. Angst bei ME/CFS kommt oft aus einem Nervensystem im Alarm, und eine Angststörung verdient trotzdem eigene Behandlung.
Was im Körper passiert
Stell dir dein autonomes Nervensystem als Alarmanlage vor, die zu empfindlich eingestellt ist. Sie schlägt schon an, wenn jemand die Tür öffnet. Das ist kein Defekt, sondern eine Einstellung: Lieber einmal zu viel warnen als einmal zu wenig.
Das autonome Nervensystem hat zwei Gegenspieler: den Sympathikus, der für Kampf oder Flucht mobilisiert, und den Parasympathikus, dessen wichtigster Nerv der Vagusnerv ist und der zur Ruhe führt. Bei ME/CFS ist dieses Gleichgewicht häufig gestört: Beim Aufstehen schlägt das Herz schneller, der Kreislauf kommt schlecht nach, der Körper schüttet Stresshormone aus, um das Blut nach oben zu bringen (Mensch; Newton et al., 2007). Für dein Gehirn fühlt sich das an wie Gefahr: schneller Herzschlag, flacher Atem, Zittern sind genau die Signale, die es sonst bei Bedrohung bekommt. So kann Angst entstehen, ohne dass ein Gedanke sie anstößt (Modell).
Wozu tut der Körper das? Ein Organismus im Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response, ist wachsam. Er spart Energie und hält zugleich den Alarm bereit. Bei ME/CFS bleibt diese Wachsamkeit länger eingeschaltet, als es nötig wäre (Modell). Deine Angst ist deshalb nicht eingebildet: Sie ist ein echtes Signal eines Systems im Alarm.
ME/CFS gehört vor allem zum Nervensystem: Atmung, Bewegung, Verbindung.
Innere Unruhe, Herzrasen ohne Anlass und Panikattacken gehören für viele Menschen mit ME/CFS zum Alltag. Dazu kommt eine Angst, die jeder nachvollziehen kann: die Angst vor dem nächsten Crash, vor dem Verlust der Arbeit, davor, nicht ernst genommen zu werden.
Schnell fällt dann der Satz: Das ist psychisch. Er greift zu kurz, in beide Richtungen. ME/CFS ist keine psychische Erkrankung; die Weltgesundheitsorganisation ordnet sie den Erkrankungen des Nervensystems zu. Zugleich ist Angst immer körperlich und psychisch. Bei ME/CFS ist das autonome Nervensystem, das Herzschlag, Atmung und Blutdruck ohne dein Zutun steuert, häufig aus dem Gleichgewicht (Mensch; Newton et al., 2007). Ein Körper, der ständig Alarm meldet, fühlt sich für das Gehirn an wie Gefahr.
Für dich heißt das: Die Frage lautet selten „ME/CFS oder Angststörung?“. Angst kann aus dem Körper kommen, aus deiner Lage oder aus beidem, und eine Angststörung kann zusätzlich bestehen. Alles davon verdient Begleitung, ärztlich und psychotherapeutisch, ohne dass die Erkrankung dabei umgedeutet wird.
Wirkung und Mechanismus
Der Weg vom Körper zur Angst wird bei ME/CFS über drei Bahnen beschrieben.
Erstens das autonome Gleichgewicht. Newton et al. (2007) fanden bei Menschen mit ME/CFS deutlich mehr Beschwerden des autonomen Nervensystems als bei Gesunden, etwa Herzklopfen, Schwindel im Stehen und Schwitzen (Mensch). Komaroff und Lipkin (2023) fassen Befunde zu Herzrasen im Stehen und anderen Zeichen einer gestörten autonomen Regulation zusammen (Mensch, Übersicht). Herzklopfen, flacher Atem und Zittern entstehen dann auch ohne äußeren Anlass.
Zweitens Entzündungsbotenstoffe. Dantzer et al. (2008) beschreiben, wie Botenstoffe des Immunsystems das Gehirn erreichen und Stimmung, Antrieb und Wachsamkeit verändern, in der Forschung Krankheitsverhalten (Tier, Mensch). Bei ME/CFS sind Zeichen einer anhaltenden Immunaktivierung beschrieben (Mensch, Übersicht; Komaroff und Lipkin, 2023). Dass dieser Weg zur Angst bei ME/CFS beiträgt, ist plausibel, aber nicht direkt gezeigt.
Drittens der Vagusnerv, der dem Gehirn laufend meldet, wie es dem Körper geht. VanElzakker (2013) stellte die Hypothese auf, dass Entzündungssignale am Vagusnerv bei ME/CFS Krankheitsgefühl und neurologische Beschwerden auslösen (Modell nach VanElzakker). Belegt ist diese Hypothese nicht; sie erklärt aber, warum sich ein Körpersignal wie eine Bedrohung anfühlen kann.
Was sagt die Forschung
Gut belegt ist, dass Beschwerden des autonomen Nervensystems bei ME/CFS häufig sind (Mensch; Newton et al., 2007; Komaroff und Lipkin, 2023). Dass Entzündungsbotenstoffe Stimmung und Verhalten verändern, ist in Tier und Mensch gut untersucht (Dantzer et al., 2008). Die Vagus-Hypothese ist ein Modell (VanElzakker, 2013).
Zur Angst vor ME/CFS nach einem Infekt: In einer australischen Kohorte hatten sechs Monate nach drei verschiedenen akuten Infektionen etwa 12 Prozent ein anhaltendes Erschöpfungssyndrom, die meisten anderen hatten sich erholt. Vorhergesagt wurde der Verlauf vor allem von der Schwere der akuten Erkrankung, nicht von psychischen Faktoren (Mensch; Hickie et al., 2006). Studien, die gezielt Angst bei ME/CFS über das autonome Nervensystem beeinflussen, fehlen weitgehend.
Angst bei ME/CFS kommt oft aus einem Körper, der Alarm meldet. Sie ist echt, und sie ist kein Beweis, dass ME/CFS psychisch wäre.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten und mit Begleitung.
Du kannst eine Woche lang notieren, wann Angst, innere Unruhe oder Panik kommen und was zur selben Zeit los ist: Stehen oder Liegen, Belastung am Vortag, Schlaf, Puls. So wird sichtbar, ob deine Angst mit dem Kreislauf, mit Crashs oder mit Sorgen zusammenhängt. Diese Notizen sind für deine Ärztin und deine Psychotherapeutin gleich wertvoll. Ob Herzrasen im Stehen eine orthostatische Intoleranz ist, kann deine Ärztin mit einem Stehtest klären; mehr dazu bei Herzrasen bei ME/CFS.
Du kannst beobachten, was dir in einer akuten Welle Halt gibt. Langsames Atmen mit einer Ausatmung, die länger ist als die Einatmung, spricht den Vagusnerv an; viele erleben das als Anker, bis die Welle abklingt. Wenn Herzrasen beim Aufstehen kommt, hilft vielen, sich hinzusetzen oder hinzulegen.
Angst verdient Behandlung wie jede andere Erkrankung. Ob Psychotherapie, Medikamente oder beides, klärst du mit deiner Psychotherapeutin und deiner Ärztin. Psychotherapie kann helfen, mit Angst und der Last der Erkrankung umzugehen; sie behandelt nicht die Ursache von ME/CFS. Hilfreich ist, wenn beide von deiner ME/CFS und von PEM wissen, damit Termine und Übungen deine Grenze achten.
Wenn die Angst so groß wird, dass du nicht mehr weiterweißt, oder Gedanken kommen, nicht mehr leben zu wollen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111.
- Angst, Puls und Lage nebeneinander notieren: Uhrzeit, Stärke der Angst, ob du gestanden, gesessen oder gelegen hast, Puls und Belastung am Vortag. Nach einer Woche zeigt sich oft, ob die Angst dem Kreislauf, dem Crash oder den Sorgen folgt.
- Ein Anker für die akute Welle: Hinsetzen oder hinlegen, langsam ausatmen, kaltes Wasser im Gesicht oder leises Summen sprechen den Vagusnerv an. Viele erleben das als Halt, bis eine Panikattacke abklingt.
- Begleitung, die ME/CFS kennt: Psychotherapie hilft bei Angststörungen nachweislich. Bei ME/CFS passt sie am besten, wenn die Psychotherapeutin PEM kennt, kurze Termine möglich sind und die Erkrankung nicht umgedeutet wird. Was zu dir passt, klärst du mit ihr und deiner Ärztin.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Gut belegt ist, dass das autonome Nervensystem bei ME/CFS häufig anders reguliert (Mensch). Wie oft eine eigenständige Angststörung dazukommt und wie viel der Angst aus dem Körper stammt, weiß niemand genau; vermutlich verstärken sich beide gegenseitig. Dass Entzündungsbotenstoffe und der Vagusnerv die Angst bei ME/CFS mit erzeugen, ist ein Modell. Einen Test, der körperlich getriebene Angst von einer Angststörung trennt, gibt es nicht. Die Zahlen zur Erholung nach Infekten stammen aus einer Kohorte und lassen sich nicht auf jeden Menschen übertragen.
Herzrasen und Engegefühl in der Brust gehören einmal ärztlich geklärt, bevor man sie der Angst zuordnet. Bei Brustschmerz, Atemnot oder Ohnmacht gilt der Notruf 112.