„Mein Puls schießt beim Aufstehen hoch und mir wird schwindelig. Hat das mit meinem ME/CFS zu tun?“
Du kennst das vielleicht: Morgens beim Aufstehen springt der Puls auf 120, unter der warmen Dusche wird dir schwarz vor Augen, und langes Sitzen am Tisch strengt mehr an als ein kurzer Weg. Im Liegen beruhigt sich alles.
Die mechanische Sicht sagt: Herzrasen ist Sache des Herzens. EKG, Langzeit-EKG und Ultraschall suchen nach Rhythmusstörungen und Herzerkrankungen, und Medikamente können den Puls senken. Diese Abklärung ist wichtig und schützt. Und trotzdem: Warum rast ein gesundes Herz gerade dann, wenn du aufstehst?
Die energetische Sicht sagt: Dir fehlt die Kraft, und der Körper zeigt dir, dass er Ruhe braucht. Sie spürt richtig, dass Liegen hilft und dass Herzrasen und Erschöpfung zusammengehören. Und trotzdem: Was genau fehlt im Stehen, das im Liegen da ist?
Die biologische Sicht verbindet beides: Im Stehen muss der Körper Blut gegen die Schwerkraft zum Gehirn bringen. Gelingt das nicht gut genug, springt das Nervensystem ein und treibt den Puls.
Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Kreislaufprobleme bei ME/CFS sind weder Angst noch fehlende Fitness. Im Stehen kommt messbar weniger Blut im Gehirn an, und das Nervensystem gleicht mit dem Puls aus.
Was im Körper passiert
Stell dir einen Wasserturm vor, der ein Haus auf einem Hügel versorgt. Ist zu wenig Wasser im System oder geben die Leitungen nach, muss die Pumpe schneller arbeiten, damit oben noch etwas ankommt.
Beim Aufstehen sackt ein Teil des Blutes in Beine und Bauch. Normalerweise ziehen sich die Gefäße innerhalb von Sekunden zusammen, gesteuert vom autonomen Nervensystem, und der Puls steigt nur leicht (Mensch, Lehrbuchwissen der Physiologie). Bei vielen Menschen mit ME/CFS reicht diese Anpassung nicht. Van Campen und Kollegen (2020) haben die Durchblutung des Gehirns im Kipptischtest gemessen: Bei Menschen mit ME/CFS sank sie deutlich stärker als bei Gesunden, auch bei denen, deren Puls und Blutdruck unauffällig blieben (Mensch).
Das erklärt zweierlei. Erstens das Herzrasen: Kommt oben zu wenig an, lässt das Nervensystem die Bremse des Vagusnervs los und gibt über den Sympathikus Gas. Der schnelle Puls ist dann kein Fehler des Herzens, sondern ein Ausgleich. Zweitens, warum manche ohne Herzrasen trotzdem nicht lange stehen können: Das Gehirn bekommt zu wenig Blut, auch wenn die Zahlen am Handgelenk normal wirken.
Wozu? Der Körper versorgt zuerst das Gehirn, und ein höherer Puls ist sein schnellstes Mittel dafür. Dass die Bremse bei ME/CFS oft schwächer greift, zeigt auch eine niedrigere Herzratenvariabilität, also weniger feine Unterschiede zwischen zwei Herzschlägen (Mensch, Übersicht von Meeus und Kollegen 2013).
ME/CFS gehört vor allem zum Nervensystem: Atmung, Bewegung, Verbindung.
Du stehst in der Schlange an der Kasse, und nach ein paar Minuten wird dir flau. Das Herz klopft, die Beine werden schwer, der Kopf leer. Im Liegen geht es besser. Die Ärztin hat ein EKG gemacht: unauffällig.
Bei ME/CFS sind solche Kreislaufprobleme häufig. Fachleute sprechen von orthostatischer Intoleranz: Beschwerden, die im Stehen oder aufrechten Sitzen entstehen und sich im Liegen bessern. Dazu gehören Herzrasen, ein hoher Puls, Schwindel, Benommenheit, Sehstörungen, Übelkeit, Kopfschmerz und eine Erschöpfung, die schon nach kurzem Stehen einsetzt. Das US-amerikanische Institute of Medicine hat die orthostatische Intoleranz 2015 als eines von zwei Zusatzkriterien in die Diagnose aufgenommen, und Bateman und Kollegen (2021) empfehlen, sie bei jedem Verdacht auf ME/CFS zu prüfen. Eine Form davon ist das posturale Tachykardiesyndrom, kurz POTS, bei dem der Puls im Stehen stark ansteigt.
Das Missverständnis liegt im Satz „Das Herz ist gesund, also ist es nichts.“ Das Herz ist meist tatsächlich gesund. Was nicht stimmt, ist die Steuerung des Kreislaufs.
Wirkung und Mechanismus
Orthostatische Intoleranz zeigt sich bei ME/CFS in verschiedenen Formen.
Posturales Tachykardiesyndrom (POTS). Der Puls steigt innerhalb von zehn Minuten nach dem Aufrichten um 30 Schläge pro Minute oder mehr, ohne dass der Blutdruck deutlich fällt, und die Beschwerden bestehen seit Monaten (Mensch, Sheldon und Kollegen 2015). Mehr dazu im Artikel über POTS.
Orthostatische Hypotonie. Der Blutdruck fällt im Stehen deutlich ab, manchmal verzögert erst nach einigen Minuten. Dann sind Schwindel und Schwarzwerden vor Augen oft stärker als das Herzrasen.
Orthostatische Intoleranz ohne auffällige Werte. Puls und Blutdruck bleiben im Rahmen, und trotzdem kommen die Beschwerden. Hier zeigt die Messung der Hirndurchblutung, dass das Gehirn im Stehen weniger Blut bekommt (van Campen und Kollegen 2020). Diese Form wird leicht übersehen, weil ein normaler Stehtest beruhigend wirkt.
Wie es geprüft wird. Ein einfacher Weg ist der aktive Stehtest: Puls und Blutdruck im Liegen, dann mehrmals während zehn Minuten Stehen. Bateman und Kollegen (2021) beschreiben eine Variante, bei der man mit den Schultern locker an der Wand lehnt. Ein Kipptischtest in einer Fachambulanz misst genauer. Für manche Menschen mit ME/CFS ist schon der Test eine Belastung, die nachwirkt; das plant die Ärztin am besten mit ein.
Was den Puls zusätzlich treibt. Wärme, eine heiße Dusche, große Mahlzeiten, Alkohol, langes Sitzen mit hängenden Beinen, zu wenig Flüssigkeit und die Tage nach einer Überlastung. Herzrasen kann bei ME/CFS auch Teil der Verschlechterung nach Belastung sein.
Was sagt die Forschung
Bateman und Kollegen (2021) fassen als Gruppe erfahrener Fachleute zusammen, wie ME/CFS erkannt und begleitet wird. Orthostatische Intoleranz gehört dort zu den Beschwerden, die bei jedem Verdacht geprüft werden sollen. Es ist ein Konsens, keine Studie.
Van Campen und Kollegen (2020) untersuchten in den Niederlanden mehrere hundert Menschen mit ME/CFS und eine kleinere Gruppe Gesunder im Kipptischtest. Die Hirndurchblutung sank bei den Betroffenen im Mittel deutlich stärker, unabhängig davon, ob Puls oder Blutdruck auffällig waren. Die Daten stammen aus einem einzigen Zentrum und wurden mit Ultraschall am Hals gemessen; Wiederholungen durch andere Gruppen sind noch selten.
Sheldon und Kollegen (2015) legen im Konsenspapier der Heart Rhythm Society die Kriterien für POTS fest und nennen Flüssigkeit, Salz, Kompression und im Einzelfall Medikamente als Bausteine der Behandlung. Das Papier gilt für POTS allgemein, eigene Studien bei ME/CFS gibt es dazu kaum.
Meeus und Kollegen (2013) fanden in einer systematischen Übersicht bei ME/CFS häufig eine niedrigere Herzratenvariabilität als bei Gesunden, also eine schwächere Bremse durch den Vagusnerv. Komaroff und Lipkin (2023) ordnen Störungen des autonomen Nervensystems in ihrer Literaturübersicht als wiederkehrenden Befund bei ME/CFS ein.
Bei ME/CFS rast das Herz im Stehen meist nicht, weil es krank ist, sondern weil es das Gehirn versorgen will.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, was deinen Kreislauf fordert, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:
In welchen Lagen kommen die Beschwerden: beim Aufstehen, nach einigen Minuten Stehen, beim Sitzen mit hängenden Beinen, unter der Dusche, nach dem Essen?
Was ändert sich, wenn du dich hinlegst oder die Beine hochlegst, und wie schnell?
Wie hängen Tage mit viel Herzrasen mit der Belastung an den Tagen davor zusammen?
Wer eine Pulsuhr hat, kann den Puls im Liegen und nach einigen Minuten Stehen notieren. Das ersetzt keinen ärztlichen Stehtest, macht das Gespräch mit deiner Ärztin aber konkreter. Was du daraus machst, entscheidest du.
- Den Stehtest ansprechen: Ein aktiver Stehtest über zehn Minuten lässt sich in der Hausarztpraxis machen: Puls und Blutdruck im Liegen und mehrmals im Stehen. Er zeigt, ob ein POTS oder ein Blutdruckabfall dahintersteckt. Ein unauffälliges Ergebnis schließt eine orthostatische Intoleranz nicht aus.
- Muster im Alltag erkennen: Viele Betroffene merken, dass Wärme, große Mahlzeiten und langes Stehen den Puls treiben und Liegen ihn beruhigt. In der POTS-Forschung werden ausreichendes Trinken, Kompression und Aufstehen in Etappen beschrieben (Sheldon und Kollegen 2015); was davon zu dir passt, besprichst du mit deiner Ärztin.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Dass orthostatische Intoleranz bei ME/CFS häufig ist, beschreiben Fachkonsens und Studien übereinstimmend. Wie häufig, schwankt je nach Test und Gruppe stark, und warum die Kreislaufsteuerung bei ME/CFS nicht greift, ist nicht geklärt. Diskutiert werden ein geringeres Blutvolumen, Veränderungen an den Gefäßen und am autonomen Nervensystem sowie Antikörper gegen Andockstellen des Kreislaufs. Die Messung der Hirndurchblutung im Kipptisch stammt vor allem aus einer Arbeitsgruppe. Für Flüssigkeit, Salz oder Kompression gibt es bei ME/CFS kaum eigene Studien; die Empfehlungen kommen aus der POTS-Forschung, und das dort empfohlene Ausdauertraining passt bei ME/CFS wegen der Verschlechterung nach Belastung nicht ohne Weiteres. Ob mehr Salz für dich in Frage kommt, klärst du mit deiner Ärztin, besonders bei Bluthochdruck, Herz- oder Nierenerkrankung oder wenn du Medikamente für Blutdruck oder zur Entwässerung nimmst.
Herzrasen durch ME/CFS ist eine Erklärung, wenn andere Ursachen geklärt sind. Rhythmusstörungen, eine Herzerkrankung, eine Überfunktion der Schilddrüse, Blutarmut, Flüssigkeitsmangel oder Medikamente klärt deine Ärztin, oft mit EKG, Langzeit-EKG und Blutwerten. Wenn Herzrasen mit Brustschmerz, Atemnot oder Ohnmacht einhergeht, ist der Rettungsdienst unter 112 der richtige Weg.