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Fachbeitrag · Therapien & Interventionen

LDN (Low Dose Naltrexon): Wirkung, Dosierung und Studienlage

Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 4 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • LDN steht für Low Dose Naltrexon: Naltrexon in einem kleinen Bruchteil der Dosis, die zur Suchtbehandlung zugelassen ist, ohne Zulassung für eine andere Erkrankung (Mensch).
  • Als Wirkprinzip gelten eine Bremse am Gefahrensensor TLR4 auf Immunzellen im Nervensystem und ein Endorphin-Rückprall nach kurzer Blockade (Zelle, Tier; Modell nach Bihari).
  • Bei Fibromyalgie fand eine kleine Studie weniger Schmerz als unter Placebo, eine neuere keinen deutlichen Unterschied; die Datenlage ist klein und offen (Mensch; Younger 2013, Bested 2023).

„Was ist LDN, wie soll Low Dose Naltrexon wirken, und was zeigen Studien wirklich?“

Du kennst das vielleicht: Schmerzen, Erschöpfung oder ein Schub, und die übliche Behandlung reicht nicht. Irgendwann taucht das Wort LDN auf, und du fragst dich, ob das etwas für dich sein könnte.

Die mechanische Sicht sagt: Naltrexon ist ein Opioid-Blocker. Ohne Zulassung und ohne große Studien ist es keine Therapie, sondern ein Versuch. Das schützt vor Hoffnungen, die sich nicht erfüllen können. Und trotzdem: Warum berichten dann placebokontrollierte Studien bei Fibromyalgie, MS und Morbus Crohn über messbare Unterschiede?

Die energetische Sicht sagt: LDN regt die Selbstregulation an, statt sie zu unterdrücken. Sie spürt richtig, dass ein kleiner Reiz manchmal mehr bewegt als ein großer Eingriff. Und trotzdem: Auch ein kleiner Reiz ist ein Arzneimittel, mit Wechselwirkungen, mit Menschen, bei denen er nicht wirkt, und mit Studien, die keinen Effekt fanden.

Die biologische Sicht verbindet beides: LDN wird als kurzer Reiz an Nervensystem und Immunsystem untersucht. Ob und bei wem er etwas verändert, ist am Menschen erst in kleinen Studien geprüft.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ LDN wird nicht als Blocker untersucht, der etwas abschaltet. Untersucht wird ein kurzer Reiz, auf den Nervensystem und Immunsystem selbst antworten.

Was im Körper passiert

Stell dir einen Rauchmelder vor, der bei jeder Kerze Alarm schlägt. In der Forschung zu Fibromyalgie und ME/CFS gelten die Mikroglia als ein solcher Melder: Immunzellen im Gehirn und Rückenmark, die Gefahr wahrnehmen und Entzündungsbotenstoffe ausschütten. Bleiben sie dauerhaft wach, kann das Nervensystem Schmerz und Erschöpfung verstärken. Das ist ein Modell, gestützt auf Zell-, Tier- und erste Bilddaten am Menschen.

Für LDN werden zwei Wege diskutiert. Der erste: Naltrexon bremst in Zell- und Tierversuchen einen Gefahrensensor auf diesen Immunzellen, den Toll-like-Rezeptor 4, kurz TLR4 (Zelle, Tier; zusammengefasst bei Toljan und Vrooman 2018). Der zweite: Die niedrige Dosis blockiert die Opioidrezeptoren nur wenige Stunden. Danach, so die Annahme, bildet der Körper mehr eigene Endorphine und mehr Rezeptoren, ein Rückpralleffekt (Modell nach Bihari und Zagon). Am Menschen direkt gemessen ist keiner der beiden Wege.

Das Besondere daran: LDN schaltet nichts dauerhaft ab. Es setzt einen kurzen Reiz, und die eigentliche Antwort kommt vom Körper. Darum ist auch verständlich, warum die Ergebnisse so unterschiedlich ausfallen: Ein Reiz wirkt nur dort, wo ein System darauf antworten kann.

Wer „LDN“ sucht, kommt meist aus einem Forum oder einer Selbsthilfegruppe. Dort klingt LDN oft wie ein Geheimtipp: billig, gut verträglich, wirksam bei vielem. In der Sprechstunde hört man dagegen häufig: „Dazu gibt es keine Studien.“ Beides stimmt nur halb.

Naltrexon ist ein alter Wirkstoff. In hoher Dosis blockiert es Opioidrezeptoren, die Andockstellen für Morphin und für die körpereigenen Endorphine, und ist so zur Behandlung von Alkohol- und Opioidabhängigkeit zugelassen. In den 1980er Jahren beobachtete der New Yorker Arzt Bernard Bihari, dass ein kleiner Bruchteil dieser Dosis ganz andere Effekte haben könnte. Seitdem wird LDN untersucht, aber langsam: Der Wirkstoff ist nicht mehr patentgeschützt, und große Studien finanziert kaum jemand.

LDN: Was die Abkürzung bedeutet

LDN steht für Low Dose Naltrexon, auf Englisch Low Dose Naltrexone. Gemeint ist der Wirkstoff Naltrexon in sehr niedriger Dosis. In der hohen Dosis ist Naltrexon ein zugelassenes Medikament zur Behandlung von Alkohol- und Opioidabhängigkeit. In der niedrigen Dosis ist es für keine Erkrankung zugelassen. Verordnet eine Ärztin es trotzdem, geschieht das außerhalb der Zulassung, also off-label, und als individuell hergestellte Rezeptur, weil es kein Fertigarzneimittel in dieser Stärke gibt.

LDN Wirkung: der kurze Reiz und der Rückprall

Die Idee hinter LDN ist paradox: Ein Blocker in kleiner Dosis soll das System stärken, das er blockiert. Die niedrige Dosis besetzt die Opioidrezeptoren nur für einige Stunden. Danach, so das Modell nach Bihari und Zagon, reagiert der Körper mit mehr Endorphinen und mehr Rezeptoren. Endorphine wirken nicht nur auf den Schmerz, sie sprechen auch mit Immunzellen (Modell).

Der zweite Weg betrifft die Mikroglia, die Immunzellen von Gehirn und Rückenmark. Auf ihnen sitzt der Toll-like-Rezeptor 4, ein Sensor für Gefahrensignale. In Zell- und Tierversuchen bremsen Naltrexon und verwandte Stoffe diesen Sensor und damit die Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen (Zelle, Tier; Toljan und Vrooman 2018). Ob das bei den niedrigen Dosen im Menschen in gleicher Weise geschieht, ist nicht gemessen.

Mehr über die Mikroglia und die Abwehr findest du auf der Seite Immunsystem: dein innerer Arzt.

LDN Dosierung: was Studien nutzten und wer sie festlegt

Nach der Dosierung von LDN wird viel gesucht. Die ehrliche Antwort: Die Dosis legt die Ärztin fest. Die Studien nutzten niedrige Dosen, einen kleinen Bruchteil der Dosis aus der Suchtbehandlung. Ein Schema, das aus Studien für eine bestimmte Erkrankung belegt wäre, gibt es nicht. Wie hoch begonnen wird, ob und wie schnell gesteigert wird und zu welcher Uhrzeit, wurde in den Studien unterschiedlich gehandhabt.

Darum nennen wir hier keine Zahlen. Sie würden wie eine Anleitung wirken, und genau die kann es bei einem verschreibungspflichtigen Wirkstoff ohne Zulassung für diese Anwendung nicht geben. Was die Ärztin für die Entscheidung braucht, sind deine Medikamente, deine Vorerkrankungen und eine genaue Beschreibung deiner Beschwerden.

Studienlage: was am Menschen gemessen ist

Fibromyalgie. Younger und Kollegen (2013) untersuchten 31 Frauen in einer doppelblinden Crossover-Studie: Jede bekam einmal LDN und einmal Placebo. Unter LDN sank der Schmerz um 28,8 Prozent, unter Placebo um 18,0 Prozent; Lebenszufriedenheit und Stimmung besserten sich, Müdigkeit und Schlaf nicht (Mensch). Bested und Kollegen (2023) prüften dasselbe Prinzip bei 58 Menschen über je drei Wochen und fanden keinen deutlichen Unterschied zu Placebo (Mensch). Mehr dazu unter LDN bei Fibromyalgie.

Multiple Sklerose. Kleine Pilotstudien fanden teils eine leicht bessere seelische Lebensqualität unter LDN, teils keinen Unterschied zu Placebo; viele Abbrüche schwächen die Aussagen (Mensch; zusammengefasst bei Toljan und Vrooman 2018).

Morbus Crohn. Smith und Kollegen (2011) gaben 40 Menschen mit aktivem Morbus Crohn zwölf Wochen Naltrexon oder Placebo. Unter Naltrexon zeigte die Darmspiegelung häufiger eine Heilung der Schleimhaut (Mensch).

ME/CFS. Polo und Kollegen (2019) werteten die Akten von 218 Menschen mit ME/CFS aus Finnland aus, die LDN bekommen hatten. Rund drei Viertel berichteten eine Besserung, eine Vergleichsgruppe gab es nicht (Mensch). Mehr dazu unter LDN bei ME/CFS.

Zu Hashimoto, Long COVID und MCAS gibt es Fallberichte und offene Beobachtungen, aber keine abgeschlossenen placebokontrollierten Studien.

LDN Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

In den Studien wurde LDN meist gut vertragen. Bei Younger und Kollegen (2013) bewerteten die Teilnehmerinnen es als ebenso verträglich wie Placebo (Mensch). Übersichten nennen vor allem lebhafte Träume, Schlafstörungen und Kopfschmerzen, meist zu Beginn (Toljan und Vrooman 2018).

Die wichtigste Wechselwirkung ergibt sich aus dem Wirkprinzip: Naltrexon blockiert Opioide. Wer opioidhaltige Schmerzmittel nimmt, bei dem kann es deren Wirkung aufheben und Entzugszeichen auslösen. Darum wird LDN nicht mit Opioiden kombiniert, und vor einer geplanten Operation gehört es in das Gespräch mit dem Narkosearzt. Bei Lebererkrankungen und bei Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, etwa nach einer Organtransplantation, wägt die Ärztin besonders ab. Wer Schilddrüsenhormone nimmt, bespricht mit ihr die Kontrolle der Werte.

Warum die Studien so klein sind

Naltrexon ist seit Jahrzehnten ohne Patentschutz. Für einen Hersteller lohnt sich eine teure Zulassungsstudie mit Hunderten Menschen kaum. Die vorhandenen Studien stammen deshalb meist von Universitäten, mit wenigen Teilnehmenden und kurzer Dauer. Das erklärt die dünne Datenlage, macht sie aber nicht stärker: Was eine kleine Studie zeigt, kann die nächste nicht bestätigen, wie bei der Fibromyalgie geschehen.

Praxisrelevanz

Für dich heißt das: LDN ist weder Geheimtipp noch Unsinn. Es ist ein Wirkstoff mit einem plausiblen Prinzip, einzelnen positiven und einzelnen negativen Studien und einem bisher guten Verträglichkeitsprofil in kleinen Gruppen. Ob eine LDN-Therapie in deiner Situation sinnvoll ist, hängt von deiner Erkrankung, deinen anderen Medikamenten und davon ab, was schon versucht wurde. Diese Abwägung trifft die Ärztin mit dir.

Was du mitbringen kannst, ist eine klare Beschreibung: Welche Beschwerden stehen im Vordergrund, wie verlaufen sie über eine Woche, und was hat bisher wie gewirkt. Daran lässt sich später auch ablesen, ob sich unter einer Behandlung etwas verändert.

zum Merken
LDN blockiert nur kurz. Untersucht wird, was dein Körper danach selbst tut.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du wissen möchtest, ob LDN in deiner Situation ein Thema ist, kannst du drei Dinge klären, bevor du mit deiner Ärztin sprichst:

Nimmst du opioidhaltige Schmerzmittel, Schilddrüsenhormone oder Medikamente, die das Immunsystem dämpfen? Diese Liste braucht die Ärztin als Erstes.

Welche Beschwerde steht im Vordergrund: Schmerz, Erschöpfung, Schlaf oder Schübe? Eine Woche Notizen zeigt mehr als ein einzelner Tag.

Was wurde schon versucht, und was hat es verändert?

Ob ein Medikament wie LDN in Frage kommt, ist eine ärztliche Entscheidung. Deine ärztliche Behandlung läuft weiter. Was du aus diesem Wissen machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Studien zu LDN sind klein, oft kurz und meist an einzelnen Zentren gemacht. Bei Fibromyalgie widersprechen sich die placebokontrollierten Ergebnisse, bei ME/CFS gibt es bisher nur Auswertungen ohne Vergleichsgruppe. Die beiden Wirkwege, TLR4 und Endorphin-Rückprall, stammen aus Zell- und Tierversuchen und aus Modellen; am Menschen sind sie nicht direkt gemessen. Wir wissen nicht, wer auf LDN anspricht, welche Dosis für welche Erkrankung passt und wie es über Jahre wirkt.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Mein Schmerzsystem ist überempfindlich: zentrale Sensibilisierung
  • Entzündung im Nervensystem: Neuroinflammation, Mikroglia-Aktivierung
  • Ein Medikament außerhalb der Zulassung: Off-Label-Use
  • Meine Schmerzmittel mit Opioiden: Opioid-Analgetika
  • Meine Leberwerte: Transaminasen (GOT, GPT)
  • Meine Schilddrüsenwerte: TSH, fT3, fT4
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (4)

Was bedeutet die Abkürzung LDN?

LDN steht für Low Dose Naltrexon, also Naltrexon in sehr niedriger Dosis. In hoher Dosis ist Naltrexon zur Behandlung von Alkohol- und Opioidabhängigkeit zugelassen, in niedriger Dosis für keine Erkrankung.

Wie wird LDN dosiert?

Die Dosis legt die Ärztin fest. Die Studien nutzten niedrige Dosen, einen kleinen Bruchteil der Dosis aus der Suchtbehandlung, und gingen beim Beginn und bei der Steigerung unterschiedlich vor. Ein durch Studien belegtes Schema für eine bestimmte Erkrankung gibt es nicht.

Welche Nebenwirkungen hat LDN?

In den kleinen Studien wurde LDN meist gut vertragen, bei Younger und Kollegen (2013) ebenso gut wie Placebo. Übersichten nennen vor allem lebhafte Träume, Schlafstörungen und Kopfschmerzen, meist zu Beginn (Toljan und Vrooman 2018). Mit opioidhaltigen Schmerzmitteln wird LDN nicht kombiniert.

Ist LDN bei Fibromyalgie wirksam?

Das ist offen. Younger und Kollegen (2013) fanden bei 31 Frauen weniger Schmerz als unter Placebo, Bested und Kollegen (2023) bei 58 Menschen keinen deutlichen Unterschied. Beide Studien waren klein und kurz.
Quellen (5)
  • Low-dose naltrexone for the treatment of fibromyalgia: Findings of a small, randomized, double-blind, placebo-controlled, counterbalanced, crossover trial assessing daily pain levels
    Younger J., Noor N., McCue R., Mackey S. – Arthritis & Rheumatism (2013) DOI: 10.1002/art.37734
  • Low-dose naltrexone for treatment of pain in patients with fibromyalgia: a randomized, double-blind, placebo-controlled, crossover study
    Bested K., Jensen L.M., Andresen T., Tarp G., Skovbjerg L., Johansen T.S.D., Schmedes A.V., Storgaard I.K. et al. – PAIN Reports (2023) DOI: 10.1097/pr9.0000000000001080
  • Therapy with the Opioid Antagonist Naltrexone Promotes Mucosal Healing in Active Crohn's Disease: A Randomized Placebo-Controlled Trial
    Smith J.P., Bingaman S.I., Ruggiero F., Mauger D.T., Mukherjee A., McGovern C.O., Zagon I.S. – Digestive Diseases and Sciences (2011) DOI: 10.1007/s10620-011-1653-7
  • Low-dose naltrexone in the treatment of myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS)
    Polo O., Pesonen P., Tuominen E. – Fatigue: Biomedicine, Health & Behavior (2019) DOI: 10.1080/21641846.2019.1692770
  • Low-Dose Naltrexone (LDN), Review of Therapeutic Utilization
    Toljan K., Vrooman B. – Medical Sciences (2018) DOI: 10.3390/medsci6040082
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