Ist rotes Fleisch krebserregend?
Die Evidenz für eine kausale Verbindung zwischen rotem Fleisch und Krebs ist deutlich schwächer als öffentlich wahrgenommen. Lescinsky et al. (2022) bewerteten in Nature Medicine die Beweislage nach der 'Burden of Proof'-Methodik als schwach. NutriRECS (2019) kam zu dem Schluss, dass die Evidenzsicherheit für eine Empfehlung zur Reduktion von rotem Fleisch sehr niedrig ist.
2015 stufte die International Agency for Research on Cancer (IARC) der WHO rotes Fleisch als 'wahrscheinlich krebserregend' (Gruppe 2A) ein. Diese Klassifikation löste weltweit Schlagzeilen aus und verunsicherte Millionen Menschen. Aber was steckt dahinter?
Lescinsky et al. (2022) publizierten in Nature Medicine eine systematische Neubewertung der Evidenz nach der 'Burden of Proof'-Methodik des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME). Diese Methodik bewertet nicht nur, OB ein Zusammenhang existiert, sondern wie STARK die Evidenz dafür ist. Das Ergebnis: Die Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen rotem Fleisch und Darmkrebs wurde als 'weak evidence' eingestuft – auf einer Fünf-Stufen-Skala die zweitniedrigste Kategorie.
NutriRECS (2019) – eine internationale Gruppe unabhängiger Forscher – veröffentlichte in den Annals of Internal Medicine systematische Reviews und Leitlinien-Empfehlungen zu rotem und verarbeitetem Fleisch. Ihr Fazit: Die Evidenz für negative Gesundheitseffekte von rotem Fleisch ist von 'very low' bis 'low certainty'. Die Arbeitsgruppe empfahl, dass Erwachsene ihren aktuellen Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch beibehalten können – eine Empfehlung, die für erhebliche Kontroverse sorgte.
Ein zentrales Problem der zugrunde liegenden Studien: Die meisten sind Beobachtungsstudien (epidemiologisch), die Korrelation, nicht Kausalität zeigen. Konfundierende Faktoren sind massiv: Menschen, die in westlichen Ländern viel rotes Fleisch essen, rauchen häufiger, bewegen sich weniger, essen mehr verarbeitete Lebensmittel und haben andere Lebensstilmuster. Diese Confounder lassen sich in Beobachtungsstudien nie vollständig kontrollieren. Zudem wird in vielen Studien nicht zwischen unverarbeitetem rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch (Wurst, Schinken, Hot Dogs) unterschieden – obwohl die Verarbeitungsschritte (Pökeln, Räuchern, Nitritgehalt) die relevanten Risikofaktoren sein könnten.
Im Detail
Die IARC-Klassifikation verdient eine genauere Betrachtung. 'Gruppe 2A – wahrscheinlich krebserregend' ist eine Hazard-Klassifikation, keine Risiko-Klassifikation. Sie sagt: Es gibt Evidenz, dass die Substanz KANN krebserregend sein – nicht WIE SEHR sie das Risiko erhöht. Zum Vergleich: Tabakrauchen (Gruppe 1) und Sonnenlicht (Gruppe 1) sind in derselben Systematik eingestuft – obwohl ihr tatsächliches Risiko um Größenordnungen unterschiedlich ist.
Lescinsky et al. (2022) quantifizierten das Risiko: Selbst bei Akzeptanz der beobachteten Korrelation wäre die absolute Risikoerhöhung pro 100 g rotem Fleisch täglich minimal – einige wenige zusätzliche Fälle pro 100.000 Personen-Jahre. Die Autoren stellten dieses Risiko in den Kontext: Es liegt weit unter dem Risiko von Tabak, Alkohol oder Luftverschmutzung.
NutriRECS (2019) führte neben der Evidenzanalyse auch eine Befragung zu den 'values and preferences' der Bevölkerung durch: Die meisten Menschen, die regelmäßig rotes Fleisch essen, bewerten den Geschmack und die Nährstoffdichte höher als ein hypothetisches Minimalkrebsrisiko. Die Arbeitsgruppe berücksichtigte dies in ihrer Empfehlung – ein Ansatz, der kontrovers diskutiert, aber methodisch transparent war.
Der Elefant im Raum: Die Fleischqualität. Ein Weidefleisch-Steak und eine industriell verarbeitete Hot Dog werden in vielen epidemiologischen Studien gleich kategorisiert. Die Verarbeitungsschritte – Nitritzusatz, Räuchern bei hohen Temperaturen, Konservierungsstoffe – sind mechanistisch plausiblere Karzinogene als das Fleisch selbst. N-Nitrosoverbindungen, die bei der Verarbeitung entstehen, sind tatsächlich genotoxisch. Unverarbeitetes rotes Fleisch enthält diese Substanzen nicht in relevanten Mengen.
— Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin differenzieren wir zwischen Nahrungsmittelqualität und Nahrungsmittelkategorie. 'Rotes Fleisch' ist keine einheitliche Substanz – Weidefleisch aus regenerativer Landwirtschaft hat ein anderes Nährstoff- und Fettsäureprofil als Fleisch aus industrieller Massentierhaltung. Die drei Systeme (Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel) benötigen hochwertige Baustoffe: hämbindbares Eisen, vollständige Aminosäuren, fettlösliche Vitamine und Kreatin. Diese Nährstoffe sind in rotem Fleisch in hoher Bioverfügbarkeit vorhanden. Die Frage ist nicht 'Fleisch ja oder nein', sondern 'welches Fleisch unter welchen Bedingungen'.
Das Wichtigste in Kürze
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Quellen & Referenzen
- Health effects associated with consumption of unprocessed red meat: a Burden of Proof studyLescinsky H., Afshin A., Ashbaugh C. et al. – Nature Medicine (2022) DOI: 10.1038/s41591-022-01968-z
- Unprocessed Red Meat and Processed Meat Consumption: Dietary Guideline Recommendations From the Nutritional Recommendations (NutriRECS) ConsortiumJohnston B.C., Zeraatkar D., Han M.A. et al. – Annals of Internal Medicine (2019) DOI: 10.7326/M19-1621
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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