Ist pflanzliches Protein so gut wie tierisches?
Nicht gleichwertig, wenn man die Proteinqualität biochemisch betrachtet. Mathai et al. (2017) zeigten, dass der DIAAS (Digestible Indispensable Amino Acid Score) – der modernste Standard zur Bewertung von Proteinqualität – für pflanzliche Proteine systematisch niedriger liegt als für tierische. Van Vliet et al. (2015) beschrieben in ihrem Review, dass pflanzliche Proteine eine geringere anabole Wirkung auf die Skelettmuskulatur haben – aufgrund niedrigerer Leucin-Gehalte und limitierender Aminosäuren.
Die Frage 'Protein ist Protein' ignoriert einen zentralen biologischen Unterschied: Aminosäureprofil und Verdaulichkeit.
Mathai et al. (2017) verglichen die DIAAS-Werte verschiedener Proteinquellen. Der DIAAS ist der von der FAO empfohlene Nachfolger des älteren PDCAAS-Scores und berücksichtigt die ileale (nicht fäkale) Verdaulichkeit einzelner Aminosäuren. Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Milchprotein (DIAAS ~120), Ei (DIAAS ~113), Rindfleisch (DIAAS ~100) vs. Erbsenprotein (DIAAS ~62), Reis (DIAAS ~37–59), Weizen (DIAAS ~20–45). Die limitierende Aminosäure bei den meisten pflanzlichen Proteinen ist Lysin (bei Getreide) oder Methionin (bei Hülsenfrüchten).
Van Vliet et al. (2015) analysierten in ihrem Review im Journal of Nutrition, warum pflanzliche Proteine eine geringere anabole Wirkung haben. Der Hauptgrund: die Leucin-Schwelle. Für eine optimale Stimulation der Muskelproteinsynthese (über mTOR-Signaling) werden ca. 2,5 g Leucin pro Mahlzeit benötigt. Tierische Proteine liefern dies in einer typischen Portion (25–30 g Protein), pflanzliche Proteine erfordern deutlich größere Mengen oder strategische Kombination.
Young & Pellett (1994) zeigten allerdings, dass die Kombination verschiedener pflanzlicher Proteinquellen das Aminosäureprofil verbessern kann – die klassische 'Komplementierung' (z.B. Reis + Bohnen). Die Herausforderung: Dies erfordert Planung und größere Gesamtmengen.
Im Detail
Die Debatte über Proteinqualität hat sich in den letzten Jahren durch den DIAAS (Digestible Indispensable Amino Acid Score) verändert. Der ältere PDCAAS-Score hatte eine Obergrenze von 100 und konnte Unterschiede bei hochwertigen Proteinen nicht abbilden. Der DIAAS korrigiert zwei weitere Schwächen: Er misst die Verdaulichkeit am Ileum (nicht im Stuhl, wo bakterielle Synthese das Ergebnis verfälscht) und er bewertet einzelne Aminosäuren statt des Gesamtproteins.
Mathai et al. (2017) analysierten in ihrer Studie im British Journal of Nutrition die DIAAS-Werte verschiedener Proteinquellen – sowohl roh als auch zubereitet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Proteinqualitätslücke zwischen pflanzlich und tierisch real und quantifizierbar ist.
Der biologische Mechanismus hinter der Proteinqualität ist die Leucin-abhängige Aktivierung von mTORC1 (Efeyan et al. 2015, Nature). mTOR (mechanistic target of rapamycin) ist der zentrale Nährstoffsensor der Zelle und reguliert die Proteinsynthese. Leucin ist der potenteste Aktivator von mTOR unter den Aminosäuren – und tierische Proteine haben systematisch höhere Leucin-Anteile.
Wilkinson et al. (2007) verglichen direkt: Nach Krafttraining stimulierte Milchprotein die Muskelproteinsynthese signifikant stärker als ein isonitrogenöses Sojaprotein. Der Unterschied war nicht auf die Proteinmenge zurückzuführen, sondern auf das Aminosäureprofil und die Verdauungskinetik.
Young & Pellett (1994) zeigten in ihrem klassischen Review, dass pflanzliche Proteine in Kombination ein adäquates Aminosäureprofil liefern können. Die Komplementierung muss nicht einmal in derselben Mahlzeit stattfinden – der Aminosäurepool im Körper ermöglicht eine gewisse zeitliche Flexibilität. Allerdings betonen van Vliet et al. (2015), dass die anabole Wirkung pro Gramm Protein bei pflanzlichen Quellen geringer bleibt – auch bei Kombination.
Gilani et al. (2005) ergänzten einen weiteren Aspekt: Antinährstoffe in pflanzlichen Proteinquellen (Phytate, Tannine, Trypsininhibitoren) können die Proteinverdaulichkeit um 20–50 % reduzieren. Kochen und Fermentierung verringern diesen Effekt teilweise, eliminieren ihn aber nicht vollständig.
— Die MOJO Perspektive
Die Regenerationsmedizin betrachtet Proteinqualität nicht nur durch die Muskel-Linse, sondern systemisch. Aminosäuren sind Bausteine für Neurotransmitter (Tryptophan → Serotonin, Tyrosin → Dopamin), Immunproteine (Glutathion aus Glycin, Cystein, Glutamat) und mitochondriale Enzyme. Die Frage ist nicht nur 'Baut mein Muskel?', sondern: 'Bekommt mein Nervensystem, mein Immunsystem und mein Stoffwechsel die Aminosäuren, die sie brauchen?' Keferstein et al. (2025) beschreiben im Foundational Paper die Ernährung als eines der primären Signale, die die Anpassungsfähigkeit der drei Regulationssysteme modulieren.
Das Wichtigste in Kürze
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Quellen & Referenzen
- Values for digestible indispensable amino acid scores (DIAAS) for some dairy and plant proteins may better describe protein quality than values calculated using the concept for protein digestibility-corrected amino acid scores (PDCAAS)Mathai J.K., Liu Y., Stein H.H. – British Journal of Nutrition (2017) DOI: 10.1017/S0007114517000125
- The Skeletal Muscle Anabolic Response to Plant- versus Animal-Based Protein Consumptionvan Vliet S., Burd N.A., van Loon L.J.C. – The Journal of Nutrition (2015) DOI: 10.3945/jn.114.204305
- Plant proteins in relation to human protein and amino acid nutritionYoung V.R., Pellett P.L. – The American Journal of Clinical Nutrition (1994) DOI: 10.1093/ajcn/59.5.1203s
- Effects of Antinutritional Factors on Protein Digestibility and Amino Acid Availability in FoodsGilani G.S., Cockell K.A., Sepehr E. – Journal of AOAC International (2005) DOI: 10.1093/jaoac/88.3.967
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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