„Was bedeutet der DIAAS-Wert eines Proteins, und wie lese ich eine DIAAS-Tabelle richtig?“
Du stehst vor einer DIAAS-Tabelle und siehst Zahlen wie 117, 91 oder 48. Vielleicht isst du pflanzlich und fragst dich, ob dein Eiweiß schlechter ist, oder du willst einfach wissen, was der Wert bedeutet.
Die mechanische Sicht vergleicht Nährwerte: 20 g Eiweiß sind 20 g Eiweiß, ob aus Linsen oder aus Quark. Für die Energie stimmt das, denn jedes Gramm Eiweiß liefert etwa gleich viele Kalorien. Und trotzdem: Warum kann der Körper aus gleich viel Eiweiß unterschiedlich viel aufbauen?
Die energetische Sicht sagt: Nicht jede Nahrung nährt gleich, es kommt darauf an, was der Körper aufnehmen und annehmen kann. Sie spürt richtig, dass zwischen Teller und Zelle etwas geschieht. Und trotzdem: Was genau geht auf diesem Weg verloren?
Die biologische Sicht verbindet beides: Dein Körper braucht neun bestimmte Aminosäuren in einem festen Verhältnis. Der DIAAS misst, wie viel davon im Dünndarm ankommt, und die knappste bestimmt, wie viel vom Rest nutzbar ist.
Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Gutes Eiweiß auf dem Teller ist noch keine Versorgung: Der DIAAS fragt, was im Dünndarm ankommt, und die knappste Aminosäure bestimmt, wie viel der Körper davon nutzen kann.
Was im Körper passiert
Stell dir ein Fass aus neun Brettern vor, jedes Brett eine unentbehrliche Aminosäure. Wie voll das Fass werden kann, bestimmt das kürzeste Brett. Genau so rechnet der DIAAS: Ist in einem Eiweiß eine Aminosäure knapp, kann der Körper auch die übrigen nur bis zu dieser Grenze verbauen.
Entscheidend ist dabei der Ort der Messung. Aminosäuren werden im Dünndarm aufgenommen. Was bis zu seinem Ende nicht angekommen ist, landet im Dickdarm, wo Bakterien es abbauen; für den Eiweißaufbau ist es dann verloren (Lehrbuchwissen). Deshalb misst der DIAAS am Ende des Dünndarms und nicht im Stuhl (Tier und Mensch; Moughan und Lim 2024).
Wozu ist das wichtig? Der Körper kann Aminosäuren kaum auf Vorrat legen. Was er nicht verbauen kann, verbrennt er oder scheidet den Stickstoff als Harnstoff aus (Lehrbuchwissen). Ein Eiweiß mit hohem DIAAS liefert also mehr verwertbare Bausteine je Gramm, eines mit niedrigem DIAAS braucht eine Ergänzung oder eine größere Menge.
DIAAS-Score: was der Wert über Proteinqualität sagt, mit Tabelle: Der DIAAS (Digestible Indispensable Amino Acid Score) zeigt, wie gut ein Eiweiß deinen Bedarf an unentbehrlichen Aminosäuren deckt. Er misst, wie viel jeder dieser Aminosäuren im Dünndarm aufgenommen wird, und richtet sich nach der knappsten.
Was ist der DIAAS?
Dein Körper braucht für jedes Eiweiß, das er baut, 20 Aminosäuren. Neun davon kann er nicht selbst herstellen, sie heißen unentbehrlich oder essenziell. Der DIAAS beantwortet die Frage, wie gut ein Lebensmittel diese neun liefert, und zwar in der Menge, die tatsächlich bis zum Ende des Dünndarms aufgenommen wird. Ein Expertenbericht der Welternährungsorganisation FAO schlug ihn 2013 als Nachfolger des PDCAAS vor (Expertenkonsens; zusammengefasst bei Moughan und Lim 2024).
Wie wird der DIAAS-Score berechnet?
Für jede unentbehrliche Aminosäure wird verglichen, wie viel davon verdaulich in einem Gramm des Eiweißes steckt und wie viel ein Gramm eines Referenzeiweißes enthalten sollte. Die Aminosäure mit dem niedrigsten Verhältnis bestimmt den Wert, mal 100. Das Referenzmuster gibt es für drei Altersgruppen: Säuglinge bis sechs Monate, Kinder von sechs Monaten bis drei Jahren und alle Älteren. Darum hat dasselbe Eiweiß je nach Muster einen anderen DIAAS.
Die Verdaulichkeit wird am Ende des Dünndarms gemessen. Weil das beim Menschen aufwendig ist, dient meist das wachsende Schwein als Modell; seit einigen Jahren gibt es zudem eine Methode mit zwei markierten Eiweißen, die direkt am Menschen misst (Tier und Mensch; Moughan und Lim 2024).
DIAAS-Werte: was 75 und 100 bedeuten
Der FAO-Bericht schlug drei Stufen vor: unter 75 keine Aussage zur Proteinqualität, 75 bis 99 hohe Qualität, ab 100 ausgezeichnete Qualität (Herreman et al. 2020). Moughan und Lim (2024) betonen, dass diese Grenzen als Beispiele gedacht waren und weiter geprüft werden müssen. Anders als beim PDCAAS werden Werte über 100 bei einzelnen Lebensmitteln nicht gekappt: Ein Wert über 100 heißt, dass das Eiweiß jede unentbehrliche Aminosäure reichlicher liefert als das Referenzmuster.
DIAAS-Tabelle: Werte typischer Eiweiße
Herreman und Kollegen (2020) haben veröffentlichte Daten zu 17 Eiweißen zusammengerechnet. Die Tabelle zeigt ihre Mittelwerte für das Referenzmuster von Kindern zwischen sechs Monaten und drei Jahren (Analyse veröffentlichter Daten, meist am Tier gemessen):
| Eiweiß | DIAAS (Mittel) | knappste Aminosäure |
|---|---|---|
| Kasein (Milch) | 117 | keine unter 100 |
| Schweinefleisch | 117 | keine unter 100 |
| Ei | 101 | keine unter 100 |
| Kartoffeleiweiß | 100 | keine unter 100 |
| Soja | 91 | Methionin und Cystein |
| Molke | 85 | Histidin |
| Erbse | 70 | Methionin und Cystein |
| Lupine | 68 | Methionin und Cystein |
| Hafer | 57 | Lysin |
| Ackerbohne | 55 | Methionin und Cystein |
| Hanf | 54 | Lysin |
| Weizen | 48 | Lysin |
| Reis | 47 | Lysin |
| Mais | 36 | Lysin |
| Gelatine | 2 | Tryptophan |
So liest du die Tabelle richtig: Gemessen wurden meist isolierte Eiweiße und Konzentrate, keine ganzen Lebensmittel. Innerhalb derselben Quelle schwankten die Werte je Datensatz deutlich. Für das Muster der Älteren fallen die Werte meist höher aus, weil der Bedarf je Gramm Eiweiß dort niedriger angesetzt ist. Und die Autoren arbeiten für einen Hersteller von Kartoffeleiweiß; die Daten selbst stammen aus veröffentlichten Studien.
DIAAS und PDCAAS: der Unterschied
Der ältere PDCAAS (Protein Digestibility Corrected Amino Acid Score) nimmt die Verdaulichkeit des Gesamteiweißes, gemessen im Stuhl, und wird bei 100 gekappt. Das Problem: Bakterien im Dickdarm bauen Eiweiß ab, das dem Körper nichts mehr nützt, und im Stuhl sieht es dann so aus, als sei es verdaut. Mathai und Kollegen (2017) haben beide Rechenwege am Schwein verglichen. Für Magermilchpulver, Erbsen- und Soja-Eiweiß, Sojamehl und Weizen lagen die PDCAAS-artigen Werte über dem DIAAS (Tier, Schwein als Modell; Mathai et al. 2017).
Mischen hebt den Wert
Weil Getreide meist an Lysin und Hülsenfrüchte an Methionin und Cystein knapp sind, ergänzen sie sich. Herreman und Kollegen (2020) rechneten vor, dass Kartoffel-, Soja- und Erbseneiweiß viele andere Pflanzeneiweiße so ergänzen, dass Mischungen in bestimmten Verhältnissen einen deutlich höheren DIAAS erreichen. Warum neben der Qualität auch Leucin zählt und wie die Zelle es misst, erklärt der Fachbeitrag Leucin und mTOR.
Der DIAAS zählt nicht, was auf dem Teller liegt, sondern was im Dünndarm ankommt. Die knappste Aminosäure setzt die Grenze.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Der DIAAS ist ein Werkzeug zum Verstehen, kein Urteil über dein Essen.
Du kannst prüfen, aus welchen Quellen dein Eiweiß an einem typischen Tag kommt und ob Getreide und Hülsenfrüchte darin zusammenkommen.
Du kannst beim Lesen einer Tabelle auf drei Dinge achten: welches Referenzmuster gilt, ob ein Isolat oder ein ganzes Lebensmittel gemessen wurde und wer die Werte erhoben hat.
Wenn du wissen willst, wie es um deine Versorgung steht, kannst du mit deiner Ärztin besprechen, ob Albumin, Gesamteiweiß und Nierenwerte bei dir sinnvoll sind.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Moughan und Lim (2024) nennen den DIAAS das derzeit genaueste Routine-Maß für einzelne Eiweiße. Er hat aber Grenzen: Die Werte stammen meist aus dem Schweinemodell, schwanken mit Sorte, Verarbeitung und Erhitzen, und das Referenzmuster beruht auf Schätzungen des Bedarfs. Für ganze Mahlzeiten und gemischte Kost ist er nur eine Näherung. Ob ein höherer DIAAS der eigenen Kost über Jahre mehr Kraft oder Gesundheit bedeutet, ist nicht direkt untersucht.
Hast du eine Nierenerkrankung, gehören Eiweißmenge und Quellen in das Gespräch mit deiner Ärztin.