In der Regenerationsmedizin steht neben der Frage „Kann das Gehirn sich regenerieren?“ eine zweite: Was braucht ein Gehirn, damit es seine Verbindungen pflegen kann? Im Bild der sechs Ärzte der Regeneration plus Dr. Pharma sind das vor allem Dr. Bewegung, Dr. Verbindung mit Beziehung und Austausch und Dr. Story für die Frage, was dich neugierig hält. Deine ärztliche Behandlung läuft weiter.
Oft heißt es: „Wir sind wie ein Auto, das sich abnutzt.“ Das Gehirn nutzt sich nicht einfach ab wie ein Motor. Es baut seine Verbindungen ein Leben lang um, auch wenn es verlorene Nervenzellen kaum ersetzt.
Teilweise, und anders, als viele denken. Das Gehirn ersetzt verlorene Nervenzellen kaum, aber es baut ständig um. Die Verbindungen zwischen Nervenzellen, die Synapsen, werden stärker, wenn sie genutzt werden, und schwächer, wenn nicht; Verzweigungen wachsen oder bilden sich zurück. Diese Neuroplastizität ist an Zellen und Tieren genau beschrieben (Zelle und Tier; Malenka und Bear 2004), und sie zeigt sich auch bei älteren Menschen. In einer Studie mit 120 älteren Erwachsenen wuchs der vordere Hippocampus nach einem Jahr zügigem Gehen um rund 2 Prozent, in der Vergleichsgruppe mit Dehnübungen schrumpfte er leicht (Mensch, randomisierte Studie; Erickson und Kollegen 2011).
Der Hippocampus: Funktion und neue Nervenzellen. Der Hippocampus liegt paarig tief im Schläfenlappen und gehört zum limbischen System. Seine wichtigste Funktion: Er macht aus Erlebtem Erinnerung, verknüpft sie mit Ort und Gefühl und hilft bei der Orientierung. Was du dir gerade merkst, braucht ihn, bevor es ins Langzeitgedächtnis wandert. Er ist außerdem der Ort, an dem bei Tieren lebenslang neue Nervenzellen entstehen, die adulte Neurogenese. Beim Menschen ist das umstritten. Spalding und Kollegen (2013) schlossen aus dem Gehalt an Kohlenstoff-14 in der Erbsubstanz Verstorbener, dass in jedem Hippocampus Erwachsener täglich rund 700 neue Nervenzellen hinzukommen (Mensch, Gewebe). Sorrells und Kollegen (2018) fanden dagegen in Gewebeproben nach der Kindheit kaum noch junge Nervenzellen (Mensch, Gewebe). Wie viele es beim Erwachsenen sind und was sie leisten, ist offen.
Was das Gehirn nicht kann. Bei Alzheimer, Parkinson oder nach einem Schlaganfall gehen Nervenzellen verloren, und das Gehirn baut sie nach heutigem Wissen nicht in nennenswerter Zahl nach. Was es kann: die verbliebenen Netze neu verschalten und Aufgaben auf andere Regionen verlagern. Darauf beruht die Rehabilitation nach einem Schlaganfall.
Zwei Sichten, die viele kennen. Die mechanische Sicht der Medizin sieht das Gehirn als Organ mit festem Bestand: Was zerstört ist, bleibt zerstört. Im MRT, im Gedächtnistest und unter dem Mikroskop hat sie dafür starke Belege, und für verlorene Nervenzellen bei Demenz stimmt das. Und trotzdem: Warum lernen auch 80-Jährige noch Neues, und warum gewinnen Menschen nach einem Schlaganfall Fähigkeiten zurück?
Die energetische Sicht sagt: Das Gehirn kann sich selbst heilen, man muss es nur lassen. Sie spürt richtig, dass das Gehirn lebendig ist und auf Schlaf, Bewegung und Beziehung antwortet. Und trotzdem: Warum schreitet eine Demenz manchmal auch bei gesunder Lebensweise fort?
Die biologische Sicht verbindet beides: Das Gehirn hat einen Bestand an Nervenzellen, den es kaum erneuert, und ein Netz aus Verbindungen, das es lebenslang umbaut. Regeneration heißt im Gehirn vor allem Umbau, nicht Ersatz.
Im Detail
Was im Gehirn passiert. Stell dir dein Gehirn als Wegenetz in einem Wald vor. Pfade, die du oft gehst, werden breiter und fester. Pfade, die niemand mehr nutzt, wachsen zu. Neue Bäume pflanzt der Wald kaum, aber das Wegenetz ändert sich jeden Tag. Auf der Ebene der Zellen heißt das: Wird eine Synapse wiederholt gemeinsam aktiv, baut die Zelle mehr Rezeptoren ein und die Verbindung wird dauerhaft stärker, die Langzeitpotenzierung (Zelle und Tier; Malenka und Bear 2004).
Dieselbe Formbarkeit gilt in beide Richtungen. Bei Tieren unter Dauerstress bildeten sich Verzweigungen von Nervenzellen im Hippocampus zurück, und nach Ende der Belastung wuchs ein großer Teil davon wieder nach (Tier; McEwen und Gianaros 2010). Dein Gehirn lernt, was du wiederholst, Wachsamkeit genauso wie Ruhe. Krankheit kann chronisch werden. Gesundheit auch.
Was über Programme zur Umkehr bekannt ist. Viel gesucht ist der Ansatz des Neurologen Dale Bredesen, der bei Alzheimer viele Faktoren gleichzeitig angeht. Seine erste Veröffentlichung beschrieb zehn Menschen, von denen sich neun nach eigener oder ärztlicher Einschätzung verbesserten, ohne Vergleichsgruppe (Mensch, Fallserie; Bredesen 2014). Eine solche Fallserie zeigt, dass etwas möglich sein könnte, nicht, dass es wirkt. Die Einordnung neuerer Studien steht unter Bredesen-Protokoll.
Wer klärt was. Lassen Gedächtnis, Orientierung oder Wortfindung über Wochen nach, ist deine Hausärztin die erste Adresse, für eine genauere Untersuchung eine Gedächtnissprechstunde. Viele Ursachen, etwa Schlafmangel, Depression, ein Vitamin-B12-Mangel, die Schilddrüse oder Medikamente, lassen sich dort finden. Was Neurodegeneration ist und welche Risikofaktoren zählen, zeigt der Überblick Neurodegeneration.
Deine Entscheidung. Wenn du dein Gedächtnis besser verstehen möchtest, kannst du eine Woche lang beobachten:
Wann dir Wörter oder Namen fehlen, und ob das mit Schlaf, Stress oder Tageszeit schwankt.
Wie du dich nach einem Tag mit viel Bewegung fühlst, verglichen mit einem Tag im Sitzen.
Was dir leichtfällt zu lernen, wenn es dich interessiert, und was nicht.
Mit diesen Notizen wird das Gespräch mit deiner Ärztin konkreter. Was du daraus machst, entscheidest du.
Regeneration heißt im Gehirn vor allem Umbau, nicht Ersatz. Dein Gehirn lernt, was du wiederholst.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Langzeitpotenzierung und Umbau durch Stress sind vor allem an Zellen und Tieren untersucht, beim Menschen nur indirekt. Ob erwachsene Menschen im Hippocampus neue Nervenzellen bilden und was diese leisten, ist offen, die Studien widersprechen sich. Die Studie zum Ausdauertraining zeigt einen Effekt bei älteren Menschen über ein Jahr; ob ein größerer Hippocampus eine Demenz verhindert, ist nicht belegt. Programme, die eine Umkehr bei Alzheimer versprechen, stützen sich bisher auf Fallserien und eine noch nicht begutachtete Studie. Eine Behandlung, die verlorene Nervenzellen ersetzt, gibt es nicht.