„Kann Vagusnervstimulation meine Mastzellen beruhigen, und gibt es dazu klinische Studien bei MCAS?“
Du kennst das vielleicht: In stressigen Wochen kommen die Schübe häufiger, Hautrötung, Bauchkrämpfe, Herzklopfen, und an ruhigen Tagen im Urlaub ist plötzlich vieles leichter. Überall liest du, der Vagusnerv sei der Schlüssel, und du fragst dich, ob es dazu klinische Studien gibt.
Die mechanische Sicht sieht MCAS als Überreaktion der Mastzellen und setzt an den Botenstoffen an, mit Antihistaminika und Mastzellstabilisatoren. Das ist ihre Stärke, denn vielen bringt das spürbare Erleichterung. Und trotzdem: Warum hängt die Stärke deiner Schübe so oft davon ab, wie angespannt du bist?
Die energetische Sicht sagt: Dein Nervensystem steckt im Alarm, und der Körper braucht Sicherheit, damit er zur Ruhe kommt. Sie spürt etwas Echtes, denn ein Körper in Sicherheit reagiert anders als ein Körper im Alarm. Und trotzdem: Über welchen Weg soll ein Gefühl von Sicherheit bis zu einer Mastzelle in der Darmschleimhaut gelangen?
Die biologische Sicht verbindet beides: Der Vagusnerv ist eine messbare Leitung zwischen Nervensystem und Immunsystem, und über sie kann der Zustand deines Nervensystems Entzündung mitregeln.
Oft heißt es: „Atmen ist eine Entspannungstechnik.“ Langsames Atmen ist mehr als Entspannung: Es ist ein Signal über den Vagusnerv, das bis in die Regulation des Immunsystems reicht.
Was im Körper passiert
Stell dir dein Immunsystem als Rauchmelder vor und den Vagusnerv als die Leitung zur Zentrale. Die Leitung meldet Rauch nach oben, und sie kann von oben ein Signal zurückschicken: Wir haben es gesehen, ihr könnt leiser werden.
Dieses Rücksignal ist der inflammatorische Reflex (Tier; Tracey, 2002). An den Nervenenden wird Acetylcholin frei, und es dockt an den α7-Nikotinrezeptor auf Immunzellen an. In Fresszellen dämpft das die Bildung von Entzündungsbotenstoffen (Tier; de Jonge et al., 2005). Auch Mastzellen der Schleimhaut tragen diesen Rezeptor, und im Zellversuch entleeren sie sich weniger, wenn er besetzt ist (Zelle; Kageyama-Yahara et al., 2008).
Wozu baut der Körper so eine Bremse? Eine Abwehr, die nur anspringen, aber nicht abklingen kann, würde sich selbst schaden. Das Nervensystem sorgt dafür, dass eine Reaktion zur Lage passt (Modell). Steckt es lange im Alarm, wird die Bremse schwächer, und die Mastzellen reagieren auf kleinere Reize (Modell). Dein Körper ist dann nicht kaputt. Er schützt sich.
In einer klinischen Pilotstudie mit sieben Menschen mit aktivem Morbus Crohn erreichten fünf unter Vagusnervstimulation nach sechs Monaten eine Remission, zwei schieden wegen Verschlechterung aus (Bonaz et al., 2016). Dass der Vagusnerv Mastzellen direkt bremst, ist bisher nur im Zellversuch gezeigt; Studien bei MCAS gibt es nicht.
Studiendesign: Einordnung: Zell- und Tierstudien, eine offene klinische Pilotstudie ohne Kontrollgruppe, eine Übersicht zu HRV-Biofeedback · Mastzellen von Mäusen im Labor, Mäuse und Ratten mit Darmentzündung, Menschen mit aktivem Morbus Crohn · Stichprobe Pilotstudie: sieben Menschen · Dauer Pilotstudie: sechs Monate
Hintergrund
Kevin Tracey beschrieb 2002 den inflammatorischen Reflex: Der Vagusnerv meldet Entzündung im Körper an das Gehirn und bremst sie über eine Rückleitung (Tier; Tracey, 2002). Der Botenstoff dieser Bremse ist Acetylcholin. Er bindet an einen Rezeptor auf Immunzellen, den α7-Nikotinrezeptor, und dämpft deren Entzündungsbotenstoffe. Weil Acetylcholin der Botenstoff ist, heißt dieser Weg auch cholinerger antiinflammatorischer Signalweg.
De Jonge et al. (2005) zeigten an Mäusen, wie das in der Zelle abläuft: Acetylcholin aktiviert über den α7-Rezeptor in Fresszellen des Darms ein Signal namens Jak2-STAT3, und eine Stimulation des Vagusnervs linderte die Entzündung nach einer Bauchoperation (Tier). Untersucht wurden Fresszellen, keine Mastzellen.
Die Brücke zu den Mastzellen kam aus dem Zellversuch. Kageyama-Yahara et al. (2008) fanden den α7-Rezeptor auch auf Mastzellen vom Schleimhauttyp. Acetylcholin, Nikotin und ein gezielter α7-Aktivator hemmten ihre Degranulation, also die Entleerung ihrer Speicherkörnchen, je nach Menge stärker oder schwächer (Zelle). Beim Menschen liegen Mastzellen in der Darmschleimhaut oft dicht an Nervenfasern; bei Reizdarm geht das mit stärkeren Schmerzen einher (Mensch; Barbara et al., 2004). Nerv und Mastzelle sprechen also miteinander. Ob die Bremse des Vagus bei MCAS wirkt, ist die offene Frage.
Ergebnisse
Im Tier. Meregnani et al. (2011) stimulierten bei Ratten mit Dickdarmentzündung fünf Tage lang drei Stunden täglich den Vagusnerv. Die Tiere verloren weniger Gewicht, und die Entzündung oberhalb der Schädigung war in Gewebe und Entzündungsmarkern geringer (Tier).
Beim Menschen. Bonaz et al. (2016) setzten sieben Menschen mit aktivem Morbus Crohn einen Vagusnervstimulator ein und begleiteten sie sechs Monate. Die Stimulation war bei allen durchführbar und wurde vertragen. Zwei schieden nach drei Monaten wegen Verschlechterung aus. Bei den fünf anderen gingen Beschwerden, Entzündungswerte und der Befund der Darmspiegelung in Richtung Remission, und der vagale Tonus, gemessen über die Herzratenvariabilität, erholte sich (Mensch). Eine Kontrollgruppe gab es nicht.
Mastzellen. Für Mastzellen selbst liegen nur Zellversuche vor: Aktivatoren des α7-Rezeptors hemmten die Degranulation, ein Blocker des Rezeptors hob die Hemmung auf (Zelle; Kageyama-Yahara et al., 2008). Eine Studie zur Vagusnervstimulation bei MCAS gibt es bisher nicht.
Atmung statt Strom. Langsames Atmen um sechs Atemzüge pro Minute, wie beim HRV-Biofeedback, verstärkt die Schwankungen der Herzfrequenz, ein indirektes Maß für die vagale Aktivität (Mensch; Lehrer und Gevirtz, 2014). Die Autoren beschreiben den entzündungshemmenden Reflex als möglichen Weg zu weiteren Wirkungen; gemessen ist das für MCAS nicht.
Was bedeutet das für dich
Wer nach einer klinischen Studie zur Vagusnervstimulation sucht, findet viel: Implantierte Stimulatoren werden seit Jahren bei schwer behandelbarer Epilepsie und Depression eingesetzt (Mensch), und zur Stimulation am Ohr laufen Studien zu Schmerz, Darm und Entzündung. Für MCAS gibt es keine. Was es gibt, ist eine Kette: ein gut belegter Reflex im Tier, ein Rezeptor, der auch auf Mastzellen sitzt, und eine kleine Pilotstudie bei einer entzündlichen Darmerkrankung. Jedes Glied ist echt. Die Kette als Ganzes ist für MCAS ein Modell.
Für dich heißt das: Der Vagusnerv ist kein Geheimschalter für Mastzellen, aber auch keine Wellness. Er ist eine der Leitungen, über die dein Nervensystem dem Immunsystem sagt, ob gerade Gefahr herrscht. Bei vielen Menschen mit MCAS verschlimmern Stress und Anspannung die Schübe; der Reflex ist eine biologische Erklärung, wie das zusammenhängen kann (Modell).
Was daraus nicht folgt: dass Atemübungen oder ein Gerät am Ohr MCAS behandeln. Sie sind Wege, den vagalen Tonus anzusprechen, deren Wirkung auf Mastzellen beim Menschen niemand gemessen hat. Wie viel davon bei dir ankommt, kannst du beobachten.
Der Vagusnerv ist eine Leitung, über die Sicherheit bis zu den Immunzellen kommt. Für Mastzellen ist das bisher nur im Labor gezeigt.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.
Du kannst eine Woche lang notieren, wie angespannt du dich fühlst und wann Schübe kommen. Viele sehen dabei, dass Anspannung und Schübe enger zusammenhängen, als sie dachten; manche sehen keinen Zusammenhang, und auch das ist eine Antwort.
Du kannst ausprobieren, wie dein Körper auf ein paar Minuten langsames Atmen mit langer Ausatmung reagiert, ob sich Herzklopfen, Bauch oder Haut verändern. Langsames Atmen verstärkt kurzfristig die vagal vermittelte Herzratenvariabilität (Mensch); ob es bei dir auch bei den Mastzellen ankommt, merkst du selbst.
Wenn du über eine Stimulation am Ohr nachdenkst, kannst du deine Notizen mit deiner Ärztin besprechen. Die Begriffe unten helfen dir, im Gespräch dieselbe Sprache zu sprechen.
- Langsames Atmen als Beobachtung: Langsames Atmen mit langer Ausatmung, um sechs Atemzüge pro Minute, verstärkt die Schwankungen der Herzfrequenz, ein indirektes Maß für die vagale Aktivität (Mensch; Lehrer und Gevirtz, 2014). Ob es bei MCAS Schübe beeinflusst, ist nicht untersucht. Wie dein Körper darauf antwortet, kannst du selbst beobachten.
- Herzratenvariabilität als Spiegel: Die Herzratenvariabilität ist kein Maß für Mastzellen, aber ein Spiegel dafür, wie stark die vagale Bremse in Ruhe greift. Alter, Fitness, Atmung, Schlaf und Medikamente beeinflussen sie stark. Sinnvoll ist sie nur im Vergleich mit dir selbst, über Wochen.
- Stimulation am Ohr einordnen: Bei der transkutanen Vagusnervstimulation reizt ein schwacher Strom einen Ast des Vagusnervs an der Ohrmuschel, ohne Operation. Für MCAS gibt es dazu keine Studien. Ob das für dich in Frage kommt, besprichst du mit deiner Ärztin.
- Kälte als Reiz mit zwei Seiten: Kaltes Wasser im Gesicht löst den Tauchreflex aus, der über den Vagusnerv das Herz verlangsamt (Mensch). Bei manchen Menschen mit MCAS ist Kälte aber selbst ein Auslöser für Schübe. Wie dein Körper auf Kälte reagiert, weißt du am besten aus eigener Erfahrung.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die Belege für den entzündungshemmenden Reflex stammen vor allem aus Tierversuchen, und dort wurden vor allem Fresszellen untersucht, nicht Mastzellen. Für Mastzellen gibt es Zellversuche mit Mastzellen von Mäusen. Die einzige klinische Studie hier ist eine offene Pilotstudie mit sieben Menschen mit Morbus Crohn, ohne Kontrollgruppe und ohne Scheinstimulation; zwei von sieben verschlechterten sich. Morbus Crohn ist nicht MCAS. Atemübungen und HRV-Biofeedback verändern die Herzratenvariabilität, ihre Wirkung auf Mastzellen ist beim Menschen nicht gemessen. Wie stark der Effekt bei MCAS wäre und welche Form der Stimulation passt, weiß heute niemand.