In der Regenerationsmedizin ist die Diagnose Fibromyalgie ein Anfang, kein Endpunkt. Sie sagt, dass das Nervensystem Schmerz verstärkt verarbeitet. Die nächste Frage ist, welche Signale es wachsam halten: Schlaf, Belastung, Entzündung, Stress. Dein Körper lernt, was du wiederholst, in beide Richtungen.
Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Unauffällige Werte heißen nicht psychisch. Fibromyalgie ist eine Diagnose aus typischen Beschwerden, keine Verlegenheitslösung, wenn nichts gefunden wurde.
Meist deine Hausärztin. Nach der deutschen Leitlinie lässt sich die Diagnose dort stellen, wo du ohnehin betreut wirst: aus Gespräch, körperlicher Untersuchung und einem Basislabor (Eich et al., 2017). Bleibt offen, ob eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, eine Nervenerkrankung oder etwas anderes dahintersteckt, überweist sie in die Rheumatologie, Neurologie oder Schmerzmedizin. Wichtiger als die Fachrichtung ist, dass die Ärztin die heutigen Kriterien kennt.
Die Kriterien. Grundlage sind die Kriterien des American College of Rheumatology (ACR) von 2010, überarbeitet 2016 (Wolfe et al., 2010; Wolfe et al., 2016). Sie fragen zwei Dinge ab:
- Widespread Pain Index (WPI): In wie vielen von 19 Körperregionen hattest du in der letzten Woche Schmerzen? 0 bis 19 Punkte.
- Symptom Severity Scale (SSS): Wie stark waren Müdigkeit, Aufwachen ohne Erholung und Probleme mit Denken und Gedächtnis, je 0 bis 3 Punkte? Dazu je ein Punkt für Kopfschmerzen, Schmerzen oder Krämpfe im Unterbauch und gedrückte Stimmung im letzten halben Jahr. Zusammen 0 bis 12 Punkte.
Die Kriterien sind erfüllt, wenn der WPI mindestens 7 und die SSS mindestens 5 beträgt, oder der WPI 4 bis 6 und die SSS mindestens 9. Der Schmerz muss ausgebreitet sein, also in mindestens vier von fünf Körperbereichen auftreten, und die Beschwerden bestehen seit mindestens drei Monaten. Seit 2016 gilt die Diagnose auch dann, wenn daneben eine andere Erkrankung besteht (Wolfe et al., 2016). Die 18 Tender Points von 1990 braucht es dafür nicht mehr.
Fibromyalgie Test und Selbsttest. Einen Bluttest oder ein Bild, das Fibromyalgie beweist, gibt es nicht. Fragebögen im Internet fragen dieselben Punkte ab. Sie helfen dir, deine Beschwerden in Worte zu fassen; eine Diagnose geben sie nicht, auch keine Punktzahl, die etwas beweist. Die Kriterien wertet deine Ärztin aus, zusammen mit Untersuchung und Labor.
Die Blutwerte. Das Basislabor der Leitlinie umfasst Blutsenkung (BSG) und CRP für Entzündung, ein kleines Blutbild, die Kreatinkinase (CK) für Muskelerkrankungen, Kalzium und das TSH für die Schilddrüse (Eich et al., 2017). Je nach Beschwerden kommen weitere Werte dazu, etwa Vitamin D oder Rheuma-Antikörper. Dazu gehört der Blick auf deine Medikamente, denn manche Mittel, zum Beispiel einige Cholesterinsenker, können Muskelschmerzen machen. Welche Werte bei dir nötig sind und was ein auffälliger Wert bedeutet, klärt deine Ärztin. Die zehn wichtigsten Werte erklärt die Fibromyalgie Laborwerte Checkliste.
Der Code. Auf Bescheinigungen steht Fibromyalgie nach ICD-10-GM als M79.7, bei Schmerzen an mehreren Stellen als M79.70. Ein G dahinter, etwa M79.70 G, heißt gesicherte Diagnose.
Zwei Sichten, die du kennst. Die mechanische Sicht sucht einen Befund, der die Schmerzen erklärt: eine Entzündung, einen Schaden, einen auffälligen Wert. Sie hat recht damit, dass zuerst behandelbare Ursachen geklärt werden. Und trotzdem: Wenn alles unauffällig ist, heißt das noch nicht, dass nichts ist.
Die energetische Sicht sagt: Du spürst selbst am besten, was mit dir los ist. Sie hat recht, denn die heutigen Kriterien beruhen fast ganz auf deiner Beschreibung. Und trotzdem: Ohne Untersuchung und Labor bleibt offen, ob nicht doch etwas anderes dahintersteckt.
Die biologische Sicht verbindet beides: Die Kriterien erfassen deine Erfahrung, das Labor klärt, was ähnlich aussieht. Was dann steht, ist eine Diagnose aus typischen Beschwerden, keine Verlegenheitslösung, weil nichts gefunden wurde.
Im Detail
Warum das Labor unauffällig sein darf. Stell dir eine Musikanlage vor, an der jemand den Verstärker hochgedreht hat. Die Musik, also die Signale aus Muskeln, Haut und Gelenken, ist normal; laut wird sie erst in der Verarbeitung. So beschreibt die Forschung Fibromyalgie: Rückenmark und Gehirn verstärken Schmerzsignale, die dämpfenden Bahnen bremsen schwächer (Mensch; Clauw, 2014; Julien et al., 2005). Entzündungswerte und Antikörper messen Gewebe und Blut, der Verstärker sitzt im Nervensystem. Deshalb sind die Werte bei Fibromyalgie meist normal, und das gehört zum Bild.
Was zusätzlich untersucht werden kann. Bei brennenden Schmerzen, Kribbeln oder Taubheit kann die Neurologie mit einer kleinen Hautbiopsie nach veränderten dünnen Nervenfasern suchen. Solche Veränderungen zeigt rund die Hälfte der untersuchten Menschen mit Fibromyalgie (Mensch, Metaanalyse; Grayston et al., 2019). Auch die Herzratenvariabilität, die feine Schwankung zwischen zwei Herzschlägen, ist bei Fibromyalgie im Mittel niedriger (Mensch, Übersicht; Meeus et al., 2013). Beides ergänzt das Bild, ist aber kein Diagnosekriterium.
Was wir nicht wissen. Die Kriterien sind Vereinbarungen von Fachleuten; sie machen die Diagnose einheitlich, messen aber keine Ursache. Einen Biomarker, der Fibromyalgie beweist, gibt es bisher nicht. Weil die Beschwerden schwanken, kann dieselbe Person die Kriterien an einem Tag erfüllen und an einem anderen knapp nicht.
Deine Entscheidung. Wenn du dich auf das Gespräch vorbereiten möchtest, kannst du eine Woche lang notieren, wo es wehtut, wie es um Müdigkeit, Schlaf und Konzentration steht und was die Beschwerden verändert: Schlaf, Stress, Bewegung, Wetter. Nimm alte Befunde und eine Liste deiner Medikamente mit. So bekommt deine Ärztin genau die Angaben, nach denen die Kriterien fragen. Was du daraus machst, entscheidest du.
Bei Fibromyalgie ist deine Beschreibung der wichtigste Befund. Das Labor zeigt, wo es nicht liegt.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Nervensystem (Neuroimmunologie).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Atmung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die ACR-Kriterien machen die Diagnose einheitlich, messen aber keine Ursache. Einen Biomarker, der Fibromyalgie beweist, gibt es bisher nicht. Befunde wie veränderte kleine Nervenfasern oder eine niedrigere Herzratenvariabilität gelten im Mittel, nicht für jede Einzelne.
Ob deine Beschwerden zu Fibromyalgie passen und ob daneben etwas anderes vorliegt, etwa ein entzündliches Rheuma, eine Schilddrüsenerkrankung, ein Vitamin-D-Mangel oder die Wirkung eines Medikaments, klärt deine Ärztin. Du bringst mit, wo es wehtut, seit wann und was es verändert.