„Ist mein Energiestoffwechsel bei ME/CFS wirklich gestört, und was hat die Naviaux-Studie dazu herausgefunden?“
Du kennst das vielleicht: Alles läuft langsamer, Denken, Gehen, Verdauen, Erholen. Nach einem Einkauf liegst du am nächsten Tag flach. Und du fragst dich, ob in deinem Energiestoffwechsel wirklich etwas anders ist oder ob du dir das einbildest.
Die mechanische Sicht sucht einen Defekt: ein fehlendes Enzym, einen kaputten Baustein, einen Laborwert außerhalb der Norm. Das ist ihre Stärke, denn so werden angeborene Stoffwechselkrankheiten erkannt. Und trotzdem: Was ist, wenn alle Routinewerte normal sind und die Energie trotzdem fehlt?
Die energetische Sicht sagt: Deine Lebenskraft ist erschöpft, du brauchst Ruhe und Aufbau. Sie spürt richtig, dass hier etwas Grundlegendes fehlt. Und trotzdem: Warum kommt die Kraft mit Ruhe allein nicht zurück, und warum macht Aufbautraining manches schlimmer?
Die biologische Sicht fragt, ob der Stoffwechsel nicht kaputt ist, sondern gedrosselt, und warum.
Oft heißt es: „Wir sind wie ein Auto, das sich abnutzt.“ Der Stoffwechsel bei ME/CFS wirkt nicht abgenutzt wie ein alter Motor, sondern geordnet gedrosselt. Eine Drosselung folgt Regeln, und Regeln können sich wieder ändern.
Was im Körper passiert
Stell dir eine Stadt vor, die bei Sturmwarnung den Strom drosselt. Straßenbahnen fahren seltener, Geschäfte schließen früher, Baustellen ruhen. Das ist kein Stromausfall, sondern eine Entscheidung, damit genug für das Wichtigste bleibt.
So ungefähr deutet das Team um Naviaux sein Ergebnis. 80 Prozent der auffälligen Stoffwechselprodukte waren bei ME/CFS erniedrigt, quer durch Membranbausteine, Purine und Aminosäuren (Mensch; Naviaux und Kollegen 2016). Das Muster wirkt nicht wie ein Defekt an einer Stelle, sondern wie ein geordnetes Herunterfahren. Im Modell nach Naviaux lesen Zellen eine Gefahr und schalten von Aufbau auf Schutz, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux 2014).
Wozu tut der Körper das? Ein Körper, der Gefahr meldet, spart, damit er nicht verbraucht, was er für Abwehr und Reparatur braucht. Belastung über die Grenze wird dann als weitere Gefahr gelesen. Ob dieses Modell ME/CFS erklärt, ist offen. Es macht aber verständlich, warum der Einbruch nach Belastung kein Zeichen von Schwäche ist.
In einer Fall-Kontroll-Studie mit 45 Menschen mit ME/CFS und 39 Gesunden waren 20 von 63 untersuchten Stoffwechselwegen verändert, und 80 Prozent der auffälligen Stoffwechselprodukte lagen niedriger als bei den Gesunden (Mensch; Naviaux und Kollegen 2016). Das Forschungsteam deutet das als geordnete Drosselung des Stoffwechsels, im Modell nach Naviaux eine Schutzantwort der Zellen.
Studiendesign: Fall-Kontroll-Studie im Querschnitt mit gezielter Metabolomik (eine Blutabnahme) · 45 Menschen mit ME/CFS (22 Männer, 23 Frauen) aus einer Praxis in Kalifornien, die die Kriterien des Institute of Medicine, die kanadischen Kriterien und die Fukuda-Kriterien erfüllten; 39 nach Alter und Geschlecht passende Gesunde · Stichprobe 84 Teilnehmende; 612 Stoffwechselprodukte aus 63 Stoffwechselwegen · Dauer einmalige Messung, keine Verlaufsbeobachtung
Hintergrund
ME/CFS, die Myalgische Enzephalomyelitis oder das Chronische Fatigue-Syndrom, hat lange keinen messbaren Befund gehabt. Das Kernmerkmal ist die Verschlechterung nach Belastung, in der Fachsprache Post-Exertional Malaise oder kurz PEM: Schon kleine Anstrengungen können Stunden bis Tage später einen Einbruch auslösen, der lange anhält (Mensch; Carruthers und Kollegen 2011). Viele Betroffene beschreiben das als Energiemangel. Die Frage war, ob sich das im Stoffwechsel zeigen lässt.
Robert Naviaux, Mitochondrienforscher an der University of California in San Diego, hatte zuvor das Modell der Cell Danger Response beschrieben: Zellen, die eine Gefahr lesen, drosseln ihren Energieverbrauch und schalten auf Abwehr (Modell nach Naviaux 2014). Mit der Metabolomik, der gleichzeitigen Messung Hunderter Stoffwechselprodukte im Blut, wollte sein Team prüfen, ob ME/CFS ein solches Muster zeigt. Mehr zum Modell steht im Glossar Cell Danger Response.
Ergebnisse
Wer teilnahm. Die Menschen mit ME/CFS waren im Mittel etwa 52 Jahre alt und im Alltag deutlich eingeschränkt: Auf der Karnofsky-Skala, die Leistungsfähigkeit von 0 bis 100 einordnet, lagen die Männer bei 62 und die Frauen bei 54 (Mensch; Naviaux und Kollegen 2016).
Was verändert war. Von 63 Stoffwechselwegen waren 20 auffällig. Betroffen waren unter anderem Sphingolipide und Phospholipide, also Bausteine von Zellmembranen und Signalwegen, dazu der Purinstoffwechsel, zu dem auch die Bausteine von ATP gehören, Cholesterin, Riboflavin, verzweigtkettige Aminosäuren, Stoffwechselprodukte der Darmbakterien sowie der Stoffwechsel von Peroxisomen und Mitochondrien.
In welche Richtung. 80 Prozent der Stoffwechselprodukte, die ME/CFS von Gesunden unterschieden, waren erniedrigt. Das Team nennt das ein hypometabolisches Muster, einen heruntergefahrenen Stoffwechsel. Es vergleicht ihn mit dem Dauerzustand, den Fadenwürmer bei Umweltstress einnehmen: Sie sparen Energie, bis die Bedingungen wieder sicher sind.
Wie gut das Muster trennte. Bei Männern unterschieden acht Stoffwechselprodukte Kranke und Gesunde mit einer Trefferquote von 94 Prozent, bei Frauen dreizehn mit 96 Prozent. Männer und Frauen zeigten also teils unterschiedliche Muster. Diese Werte wurden in derselben Gruppe berechnet, in der das Muster gefunden wurde, und noch nicht an einer neuen Gruppe geprüft.
Was bedeutet das für dich
Die Studie zeigt, dass sich bei ME/CFS im Blut ein Muster findet, das nicht chaotisch ist, sondern in eine Richtung weist: weniger Umsatz, weniger Bausteine, weniger Verbrauch. Das passt zu dem, was Betroffene erleben, und zu einer anderen Arbeit aus Norwegen. Fluge und Kollegen (2016) fanden bei ME/CFS ein Muster von Aminosäuren, das zu einem gebremsten Übergang von Zucker in die Mitochondrien passt (Mensch). Was dabei im Detail passiert, erklärt das Glossar Acetyl-CoA.
Was die Studie nicht zeigt: dass die Drosselung die Ursache von ME/CFS ist. Eine einmalige Messung kann Ursache und Folge nicht trennen; auch weniger Bewegung und Krankheitsdauer verändern den Stoffwechsel. Spätere Studien fanden ebenfalls Stoffwechselauffälligkeiten, aber nicht immer dieselben (Übersicht; Komaroff und Lipkin 2023). Einen Bluttest für ME/CFS gibt es bis heute nicht.
Für dich heißt das: Dein Energiemangel hat eine biologische Seite, die man messen kann. Und wenn der Körper drosselt, ist Antreiben nicht der naheliegende Weg. Die britische Leitlinie NICE rät seit 2021 von fest gesteigertem Training ab und setzt auf Pacing, also Aktivität innerhalb der eigenen Grenze (Kingdon und Kollegen 2022). Die Diagnose und den Ausschluss anderer Ursachen übernimmt deine Ärztin; mehr dazu im Überblick zu ME/CFS.
Bei ME/CFS wirkt der Stoffwechsel nicht kaputt, sondern gedrosselt. Eine Drosselung folgt Regeln, und Regeln können sich ändern.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Die Studie liefert keinen Test und keine Behandlung, aber eine Perspektive. Wenn du sie für dich nutzen möchtest, können dir drei Fragen helfen:
Wann merkst du, dass dein Körper drosselt, und was ging dem in den Tagen davor voraus?
Welche Tätigkeiten kosten dich mehr, als sie dir geben, auch geistige und emotionale?
Wie sähe ein Tag aus, an dem du unter deiner Grenze bleibst, ohne ganz stillzustehen?
Mit diesen Beobachtungen kannst du mit deiner Ärztin über PEM und Pacing sprechen. Was du daraus machst, entscheidest du.
- Den Energiemangel ernst nehmen: Die Studie zeigt, dass sich bei ME/CFS ein messbares Muster im Stoffwechsel findet. Das macht deine Erschöpfung nicht zu einer Frage des Willens. Wenn dir jemand sagt, du müsstest dich nur zusammenreißen, kannst du darauf verweisen, dass die Forschung einen biologischen Befund kennt.
- Den Tag danach beobachten: Bei ME/CFS kommt der Einbruch oft verzögert, Stunden bis Tage nach einer Belastung (Carruthers und Kollegen 2011). Wer notiert, was er getan hat und wie es am Tag danach und am übernächsten ging, sieht die eigene Grenze genauer.
- Pacing statt Antreiben: Pacing heißt, Aktivität so einzuteilen, dass kein Einbruch folgt (Kingdon und Kollegen 2022). Es ist kein Stillstand, sondern Bewegung innerhalb des eigenen Budgets. Wie das im Alltag aussehen kann, zeigen die Pacing-Strategien.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Mit 84 Teilnehmenden ist die Studie klein, und alle Erkrankten stammten aus einer einzigen Praxis. Sie misst einmal und kann darum nicht zeigen, ob die Drosselung Ursache oder Folge der Erkrankung ist; Bewegungsmangel, Ernährung und Medikamente können den Stoffwechsel mitprägen. Die hohen Trefferquoten wurden in derselben Gruppe berechnet, in der das Muster gefunden wurde, und sind nicht an einer unabhängigen Gruppe bestätigt. Spätere Stoffwechselstudien bei ME/CFS fanden Auffälligkeiten, aber kein einheitliches Muster. Die Deutung als Cell Danger Response ist ein Modell der Autorengruppe.