„Ich habe gelesen, Rituximab könnte bei ME/CFS helfen. Was hat die große Studie wirklich gezeigt?“
Du kennst das vielleicht: Du suchst seit Jahren nach etwas, das deine Erschöpfung verändert, und liest von Rituximab, einem Krebsmedikament, das bei ME/CFS geholfen haben soll. Und du fragst dich, was daran ist.
Die mechanische Sicht sucht die eine Ursache und das Mittel, das sie ausschaltet. Wenn B-Zellen die Krankheit antreiben, müsste ihr Entfernen sie beenden. Das ist ihre Stärke, denn so sind viele wirksame Medikamente entstanden. Und trotzdem: Was ist, wenn eine Erkrankung nicht an einer einzigen Stelle hängt?
Die energetische Sicht sagt: Hoffnung und Zuwendung heilen mit. Sie spürt richtig, dass Erwartung den Körper verändert, und die Studie zeigt das sogar: Ein Drittel besserte sich unter Placebo. Und trotzdem: Warum hielt diese Besserung bei vielen nicht, und warum reicht Hoffnung allein nicht?
Die biologische Sicht schaut darauf, was die saubere Prüfung zeigt und was sie über ME/CFS als Zustand des ganzen Körpers verrät.
Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ Die Hoffnung war, ME/CFS lasse sich abschalten, indem man eine Gruppe von Immunzellen entfernt. Die saubere Prüfung zeigte: Das allein verändert die Erkrankung nicht.
Was im Körper passiert
Stell dir ein Haus vor, in dem nachts ständig der Alarm losgeht. Die erste Idee: Ein bestimmter Sensor ist schuld, also baut man ihn aus. Der Alarm geht trotzdem weiter. Dann war der Sensor wohl nicht die einzige Ursache, vielleicht ist die ganze Anlage auf Alarm eingestellt.
So ungefähr lässt sich das Rituximab-Ergebnis lesen. Rituximab entfernte die B-Zellen aus dem Blut, aber Fatigue und Alltagsfunktion besserten sich nicht stärker als unter Placebo (Fluge und Kollegen 2019). B-Zellen allein halten ME/CFS also nicht in Gang. Die Arbeitsgruppe beschreibt ME/CFS heute als Störung, an der Immunsystem, Energiestoffwechsel und die Regulation der Blutgefäße beteiligt sind (Übersicht; Fluge und Kollegen 2021).
Wir nennen einen Zustand, in dem der Körper auf vielen Ebenen auf Schutz steht, Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux). Wozu tut der Körper das? Damit er nicht verbraucht, was er für Abwehr und Reparatur braucht. Ein solcher Zustand endet nicht dadurch, dass man eine Zellgruppe ausschaltet. Ob dieses Modell ME/CFS erklärt, ist offen.
In einer randomisierten, doppelblinden Studie mit 151 Menschen mit ME/CFS sprachen unter Rituximab 26 Prozent an, unter Placebo 35 Prozent; der Unterschied war nicht bedeutsam (Mensch, randomisierte Studie; Fluge und Kollegen 2019). Auch Fatigue und Alltagsfunktion besserten sich über zwei Jahre nicht stärker als unter Placebo. Rituximab ist damit keine Behandlung für ME/CFS.
Studiendesign: Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie an vier Universitätskliniken und einem Krankenhaus in Norwegen (Phase 3) · 151 Menschen mit ME/CFS nach den kanadischen Konsenskriterien, 18 bis 65 Jahre alt, seit 2 bis 15 Jahren erkrankt · Stichprobe 151 Teilnehmende: 77 mit Rituximab, 74 mit Placebo · Dauer zwei Einleitungsinfusionen im Abstand von zwei Wochen, danach vier Erhaltungsinfusionen bis Monat 12; Beobachtung über 24 Monate
Hintergrund
Rituximab ist ein Antikörper, der B-Zellen aus dem Blut entfernt, also die Immunzellen, die Antikörper bilden. Es ist verschreibungspflichtig und zugelassen unter anderem für bestimmte Lymphdrüsenkrebse und Rheuma, nicht für ME/CFS.
Die Krebsärzte Øystein Fluge und Olav Mella aus Bergen bemerkten bei einzelnen Menschen mit ME/CFS, die wegen einer Krebserkrankung Rituximab erhielten, dass sich auch die Erschöpfung besserte. Daraus entstand die Idee, dass B-Zellen ME/CFS mit antreiben könnten, etwa über Antikörper gegen körpereigene Strukturen. In einer kleinen Placebo-Studie mit 30 Menschen besserten sich unter Rituximab 10 von 15, unter Placebo 2 von 15 (Fluge und Kollegen 2011). Eine offene Folgestudie ohne Placebo schien das zu stützen.
Das weckte große Hoffnung. Kleine Studien können aber durch Zufall und Erwartung täuschen. Darum folgte eine große Prüfung an fünf Kliniken in Norwegen, die RituxME-Studie.
Ergebnisse
Hauptergebnis. Als Ansprechen galt, wenn sich der Fatigue-Wert mindestens acht Wochen am Stück deutlich besserte. Das traf in der Rituximab-Gruppe auf 26,0 Prozent zu, in der Placebo-Gruppe auf 35,1 Prozent. Der Unterschied von gut 9 Prozentpunkten zugunsten von Placebo war statistisch nicht bedeutsam (p = 0,22; Fluge und Kollegen 2019).
Weitere Messgrößen. Der Verlauf der Fatigue über 24 Monate unterschied sich nicht zwischen den Gruppen. Ebenso wenig die selbst berichtete Alltagsfunktion, die Werte im Fragebogen SF-36 zur Lebensqualität, die Fatigue-Skala und die gemessene körperliche Aktivität.
Sicherheit. Schwere unerwünschte Ereignisse hatten 20 Menschen in der Rituximab-Gruppe (26,0 Prozent) und 14 in der Placebo-Gruppe (18,9 Prozent). Rituximab ist also nicht harmlos.
Schluss der Autoren. Die Entfernung von B-Zellen mit mehreren Rituximab-Infusionen über zwölf Monate ging nicht mit einer klinischen Besserung einher.
Was bedeutet das für dich
Das Ergebnis ist eindeutig: Rituximab hat Menschen mit ME/CFS in dieser großen, sorgfältigen Studie nicht geholfen. Bemerkenswert ist, wer das gezeigt hat. Dieselbe Arbeitsgruppe, die die Hoffnung geweckt hatte, prüfte sie streng und veröffentlichte das negative Ergebnis. So soll Forschung arbeiten.
Warum sah die Pilotstudie anders aus? Sie war klein, und in kleinen Studien können Zufall und Erwartung große Unterschiede erzeugen. In der großen Studie besserte sich gut ein Drittel der Menschen auch unter Placebo. Das zeigt, wie stark ME/CFS schwankt und wie viel Zuwendung, Hoffnung und Verlauf ausmachen. Für die Forschung heißt das: Nur große Studien mit Placebo trennen echte Wirkung von Schwankung.
Was offen bleibt: Ob das Immunsystem bei ME/CFS eine Rolle spielt, ist mit dieser Studie nicht beantwortet, nur dass das Entfernen von B-Zellen allein nicht hilft. Die Arbeitsgruppe forscht heute vor allem an Störungen des Energiestoffwechsels und der Regulation der Blutgefäße (Übersicht; Fluge und Kollegen 2021). Ob es eine kleine Gruppe gibt, die auf Rituximab anspricht, ist eine unbelegte Vermutung. Rituximab außerhalb von Studien bei ME/CFS einzusetzen, stützt die Studienlage nicht.
Was gut untersucht ist, betrifft den Umgang mit Energie: Die britische Leitlinie NICE rät seit 2021 von fest gesteigertem Training ab und setzt auf Pacing, also Aktivität innerhalb der eigenen Grenze (Kingdon und Kollegen 2022). Diagnose und Behandlung übernimmt deine Ärztin; mehr dazu im Überblick zu ME/CFS.
Eine Zellgruppe auszuschalten, beendet kein Schutzprogramm. Bei ME/CFS hat das Entfernen der B-Zellen allein nicht geholfen.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Die Studie nimmt eine Hoffnung, und das kann enttäuschen. Wenn du für dich sortieren möchtest, was daraus folgt, können dir drei Fragen helfen:
Woran erkennst du, ob ein neues Mittel, von dem du liest, gut geprüft ist: Größe, Placebo-Gruppe, Wiederholung?
Welche guten und schlechten Phasen kennst du bei dir, und wovon hängen sie ab?
Was hilft dir schon heute, unter deiner Grenze zu bleiben?
Wenn du Fragen zu Medikamenten bei ME/CFS hast, ist deine Ärztin die richtige Ansprechpartnerin. Was du daraus machst, entscheidest du.
- Studien nach ihrer Größe lesen: Die kleine Pilotstudie sah vielversprechend aus, die große Studie fand keinen Nutzen. Wenn du von einem neuen Mittel bei ME/CFS liest, hilft die Frage: Wie viele Menschen, gab es eine Placebo-Gruppe, wurde das Ergebnis wiederholt?
- Placebo-Besserung ernst nehmen: Gut ein Drittel besserte sich auch unter Placebo. Das zeigt, wie stark ME/CFS schwankt. Gute und schlechte Phasen sind Teil der Erkrankung und kein Beweis, dass ein Mittel wirkt oder versagt.
- Mit der Energie haushalten: Pacing heißt, Aktivität so einzuteilen, dass kein Einbruch folgt (Kingdon und Kollegen 2022). Wie das im Alltag aussehen kann, zeigen die Pacing-Strategien.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die Studie ist methodisch hochwertig: groß für ME/CFS, randomisiert, doppelblind und über zwei Jahre beobachtet. Ihre Grenzen nennen die Autoren selbst: Die Hauptmessgrößen beruhten auf Selbstauskunft, und Erinnerungsfehler sind möglich. Untersucht wurden Menschen nach den kanadischen Kriterien mit 2 bis 15 Jahren Krankheitsdauer; für sehr früh oder sehr schwer Erkrankte sagt sie wenig. Der hohe Placebo-Anteil macht deutlich, dass kleinere Studien bei ME/CFS leicht täuschen können. Die Studie prüft nur Rituximab, keine anderen Wege, das Immunsystem zu beeinflussen. Für die Frage, ob Rituximab bei ME/CFS nützt, ist sie trotzdem die verlässlichste Antwort, die es bisher gibt.