Supermärkte sind eine Qual? Gespräche in Gruppen überfordern dich nach Minuten? Helles Licht verursacht Kopfschmerzen? Du brauchst nach sozialen Situationen stundenlange Erholung? Gerüche, die andere kaum wahrnehmen, sind für dich unerträglich?
Was im Körper passiert
Dein Nervensystem steckt im Alarmmodus. Es kann nicht mehr unterscheiden, was wichtig ist und was nicht – alles kommt ungefiltert an. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von einem Nervensystem, das seine Regulationskapazität erschöpft hat. Das Social Engagement System – die 'Sicherheitsschaltung' deines Nervensystems – ist offline.
Sensorische Überempfindlichkeit – gegenüber Licht, Lärm, Gerüchen, Berührung und manchmal sogar chemischen Substanzen – ist bei CFS/ME weit verbreitet. Betroffene meiden Supermärkte, Gruppenveranstaltungen, helles Licht. Das ist kein 'Anstellen', sondern das Resultat eines Nervensystems, das seine Filterkapazität verloren hat.
Wirkung und Mechanismus
Das gesunde Nervensystem filtert ständig Reize – es entscheidet, was bewusst wahrgenommen wird und was im Hintergrund bleibt. Bei CFS/ME ist diese Filterfunktion beeinträchtigt: Der Sympathikus ('Alarmanlage') ist überaktiv und das Social Engagement System (Vagusnerv) kann nicht ausreichend modulieren. Jeder Reiz wird als potenziell bedeutsam verarbeitet – das überfordert die neuronale Verarbeitungskapazität.
Die Neuroinflammation verstärkt diesen Effekt: Aktivierte Mikroglia im Gehirn verändern die Erregbarkeit neuronaler Netzwerke. Das Gehirn arbeitet im 'Hochempfindlichkeitsmodus' – was bei einer akuten Bedrohung sinnvoll wäre, bei CFS/ME aber chronisch und erschöpfend ist.
In Stephen Porges' Polyvagal-Theorie – einem klinisch einflussreichen, in der Neurowissenschaft kontrovers diskutierten Modell – spricht man von einem Nervensystem, das in 'Kampf-Flucht' oder 'Freeze' feststeckt: Das Social Engagement System – das für sichere soziale Interaktion, entspannte Wahrnehmung und Regeneration zuständig ist – kommt nicht zum Zug.
Was sagt die Forschung
Komaroff und Lipkin (2023) bestätigten sensorische Überempfindlichkeit als häufiges Symptom bei CFS/ME. Die Polyvagal-Theorie (Porges) bietet einen konzeptuellen Rahmen, dessen neuroanatomische Grundannahmen in der Neurowissenschaft kontrovers diskutiert werden. Morris und Maes (2013) dokumentierten neuroimmunologische Mechanismen der zentralen Sensitivierung.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Reizreduktion ist der erste Schritt: Schaffe dir reizarme Rückzugsorte. Der weiterführende Ansatz zielt auf die Nervensystem-Regulation: Vagusnerv-Aktivierung, langsames Aufbauen von Reiztoleraz im sicheren Rahmen, und – in der Literatur diskutiert – die schrittweise Stärkung des Social Engagement Systems durch sichere soziale Mikro-Interaktionen.
- Reizarme Umgebung schaffen: Viele Betroffene berichten über Erleichterung durch bewusste Reizreduktion: gedimmtes Licht, Ohrstöpsel oder Noise-Cancelling-Kopfhörer, Vermeidung von Menschenansammlungen. Das ist keine Vermeidung, sondern aktives Nervensystem-Management.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?