Reizüberflutung bei CFS/ME – Wenn alles zu viel wird
Licht, Lärm, Gerüche – bei CFS/ME kann das Nervensystem Reize nicht mehr filtern. Die sensorische Überempfindlichkeit ist Ausdruck einer autonomen Dysregulation.
Gute Hinweise aus Studien, aber noch nicht abschließend bestätigt.
Sensorische Überempfindlichkeit – gegenüber Licht, Lärm, Gerüchen, Berührung und manchmal sogar chemischen Substanzen – ist bei CFS/ME weit verbreitet. Betroffene meiden Supermärkte, Gruppenveranstaltungen, helles Licht. Das ist kein 'Anstellen', sondern das Resultat eines Nervensystems, das seine Filterkapazität verloren hat.
— Die MOJO Perspektive
Reizüberflutung bei CFS/ME zeigt, wie wichtig das autonome Nervensystem und das Social Engagement System für unser Wohlbefinden sind. Wenn wir in einer Umwelt leben, die permanent stimuliert – Bildschirme, Lärm, Reizüberflutung im modernen Alltag – und gleichzeitig die biologischen Puffer (Vagusnerv, natürliche Rhythmen) fehlen, kann das Nervensystem nicht regenerieren. CFS/ME macht sichtbar, was viele Menschen in abgeschwächter Form erleben: eine Überforderung des Nervensystems durch eine nicht mehr artgerechte Lebensweise.
Wirkung & Mechanismus
Das gesunde Nervensystem filtert ständig Reize – es entscheidet, was bewusst wahrgenommen wird und was im Hintergrund bleibt. Bei CFS/ME ist diese Filterfunktion beeinträchtigt: Der Sympathikus ('Alarmanlage') ist überaktiv und das Social Engagement System (Vagusnerv) kann nicht ausreichend modulieren. Jeder Reiz wird als potenziell bedeutsam verarbeitet – das überfordert die neuronale Verarbeitungskapazität.
Die Neuroinflammation verstärkt diesen Effekt: Aktivierte Mikroglia im Gehirn verändern die Erregbarkeit neuronaler Netzwerke. Das Gehirn arbeitet im 'Hochempfindlichkeitsmodus' – was bei einer akuten Bedrohung sinnvoll wäre, bei CFS/ME aber chronisch und erschöpfend ist.
In Stephen Porges' Polyvagal-Theorie – einem klinisch einflussreichen, in der Neurowissenschaft kontrovers diskutierten Modell – spricht man von einem Nervensystem, das in 'Kampf-Flucht' oder 'Freeze' feststeckt: Das Social Engagement System – das für sichere soziale Interaktion, entspannte Wahrnehmung und Regeneration zuständig ist – kommt nicht zum Zug.
Was sagt die Forschung
Komaroff und Lipkin (2023) bestätigten sensorische Überempfindlichkeit als häufiges Symptom bei CFS/ME. Die Polyvagal-Theorie (Porges) bietet einen konzeptuellen Rahmen, dessen neuroanatomische Grundannahmen in der Neurowissenschaft kontrovers diskutiert werden. Morris und Maes (2013) dokumentierten neuroimmunologische Mechanismen der zentralen Sensitivierung.
Das Wichtigste in Kürze
- 1Sensorische Überempfindlichkeit entsteht durch gestörte Reizfilterung im Nervensystem.
- 2Sympathikus-Dominanz und reduzierter Vagustonus beeinträchtigen die Filterkapazität.
- 3Das Social Engagement System (Polyvagal-Theorie) kann bei CFS/ME nicht ausreichend modulieren.
- 4Neuroinflammation erhöht die neuronale Erregbarkeit – das Gehirn arbeitet im Hochempfindlichkeitsmodus.
- 5Reizreduktion ist keine Schwäche, sondern eine notwendige Regulationsstrategie.
Konkret umsetzen
Reizarme Umgebung schaffen
Viele Betroffene berichten über Erleichterung durch bewusste Reizreduktion: gedimmtes Licht, Ohrstöpsel oder Noise-Cancelling-Kopfhörer, Vermeidung von Menschenansammlungen. Das ist keine Vermeidung, sondern aktives Nervensystem-Management.
— Erkennen · Verstehen · Verändern
Erkennen
Verstehen
Verändern
Häufige Fragen
Wird die Reizempfindlichkeit besser?
Quellen & Referenzen
- ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
- Myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome and encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis show remarkable levels of overlap in neuroimmune pathways
- The inflammatory reflex
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
Unser Evidenzverständnis lesen
Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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