Kälteexposition bei Fibromyalgie
Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das mit generalisierter Schmerzüberempfindlichkeit, Müdigkeit und kognitiven Einschränkungen einhergeht. Ganzkörperkältetherapie (WBC) wird in der Schmerztherapie eingesetzt – der analgetische Mechanismus läuft über Noradrenalin und Endorphine. Aber: Die individuelle Kälteempfindlichkeit bei Fibromyalgie variiert stark.
Vielversprechende frühe Ergebnisse, größere Studien stehen aus.
Fibromyalgie ist keine Entzündung im klassischen Sinne – es ist eine zentrale Sensitivierungsstörung: Das Nervensystem verstärkt Schmerzsignale, die Schmerzwahrnehmung ist 'hochgedreht'. Gleichzeitig berichten viele Betroffene von chronischer Müdigkeit, Schlafstörungen und dem sogenannten 'Fibro Fog' (kognitive Einschränkung).
Die Idee, Kälteexposition bei Fibromyalgie einzusetzen, basiert auf dem analgetischen Potenzial extremer Kälte: WBC bei -110°C kann über noradrenerge und endorphinerge Mechanismen die Schmerzwahrnehmung kurzfristig senken. Costello et al. (2013) untersuchten in einem Cochrane Review die Evidenz für WBC bei verschiedenen Indikationen – einschließlich Schmerzsyndromen.
Der wichtige Vorbehalt: Bei Fibromyalgie ist die Kälteempfindlichkeit häufig erhöht. Viele Betroffene reagieren auf Kälte nicht mit Erleichterung, sondern mit Schmerzverstärkung. Die individuelle Verträglichkeit ist bei Fibromyalgie entscheidender als bei jeder anderen Indikation.
— Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin wird Fibromyalgie als Ausdruck einer systemischen Dysregulation verstanden, bei der Nervensystem, Immunsystem und Stoffwechsel in einem Zustand der Überlastung sind. Das Schmerzsignal ist dabei nicht 'falsch' – es reflektiert eine reale Überlastung des nozizeptiven Systems. Keferstein et al. (2025) beschreiben diesen systemischen Ansatz: Nicht den Schmerz isoliert behandeln, sondern die Regulationsfähigkeit des Gesamtsystems wiederherstellen.
Wirkung & Mechanismus
WBC wirkt bei Schmerzzuständen über mehrere Mechanismen:
Endorphin-Ausschüttung: Extreme Kälte löst eine Stressreaktion aus, die Endorphine freisetzt. Endorphine binden an µ-Opioid-Rezeptoren und haben eine analgetische Wirkung. Dieser Effekt ist akut (Minuten bis Stunden) und nicht vergleichbar mit einer Langzeittherapie.
Noradrenalin-vermittelte Analgesie: Castellani & Young (2016) beschrieben den massiven Noradrenalin-Anstieg bei Kälteexposition. Noradrenalin wirkt über deszendierende Hemmungsbahnen im Rückenmark analgetisch – es 'bremst' die Schmerzweiterleitung auf spinaler Ebene.
Reduktion peripherer Nervenleitungsgeschwindigkeit: Kälte reduziert die Nervenleitungsgeschwindigkeit in peripheren Nerven (Tipton et al. 2017). Bei Fibromyalgie, wo periphere und zentrale Sensitivierung koexistieren, könnte diese periphere Dämpfung eine kurzfristige Entlastung bieten.
Entzündungsmodulation: Obwohl Fibromyalgie keine klassische Entzündungskrankheit ist, zeigen einige Studien erhöhte proinflammatorische Zytokine bei Betroffenen. Pournot et al. (2011) zeigten, dass WBC diese Zytokine reduziert.
Das Problem: Bei Fibromyalgie ist häufig eine Allodynie (Schmerzempfindung bei normalerweise nicht-schmerzhaften Reizen) vorhanden. Kälte selbst kann ein solcher Reiz sein – die Kältekammer kann bei manchen Betroffenen Schmerzen auslösen statt zu lindern.
Was sagt die Forschung
Costello et al. (2013) publizierten einen Cochrane Review zur WBC und fanden: Die Evidenz für analgetische Effekte bei rheumatischen Erkrankungen war 'sehr niedrig' bis 'niedrig' – methodische Mängel (kleine Stichproben, fehlende Verblindung, heterogene Protokolle) schränken die Aussagekraft ein. Für Fibromyalgie spezifisch gab es keine eingeschlossenen Studien.
Bleakley et al. (2014) bestätigten in ihrem Review (Open Access J Sports Med), dass WBC analgetische Effekte hat, aber die Evidenz durch methodische Limitationen eingeschränkt ist. Die meisten Daten stammen von Athleten mit Muskelkater, nicht von chronischen Schmerzpatienten.
Bouzigon et al. (2016) publizierten in Journal of Thermal Biology eine Übersicht der WBC-Technologien und beschrieben, dass Temperaturen von -110°C bis -140°C für analgetische Effekte eingesetzt werden – mit Expositionszeiten von 2–4 Minuten.
Castellani & Young (2016) dokumentierten die physiologische Grundlage: Der Noradrenalin-Anstieg und die periphere Nervenleitungsreduktion sind der biologisch plausible Mechanismus für Analgesie.
Spezifische RCTs zu WBC bei Fibromyalgie sind rar. Die wenigen vorhandenen Studien sind methodisch limitiert (keine Verblindung möglich, kleine Stichproben).
Das Wichtigste in Kürze
- 1Costello et al. (2013): Cochrane Review bewertet WBC-Evidenz bei Schmerzzuständen als 'sehr niedrig' bis 'niedrig' – methodische Mängel schränken die Aussagekraft ein.
- 2Analgetischer Mechanismus: Endorphin-Ausschüttung + Noradrenalin-vermittelte deszendierende Hemmung + periphere Nervenleitungsreduktion.
- 3Kälteempfindlichkeit bei Fibromyalgie: Viele Betroffene reagieren auf Kälte mit Schmerzverstärkung (Allodynie) – individuelle Verträglichkeit ist entscheidend.
- 4Bouzigon et al. (2016): WBC-Protokolle bei -110°C bis -140°C für 2–4 Minuten bei analgetischer Indikation.
- 5Keine Fibromyalgie-spezifischen RCTs: Die Evidenz ist aus allgemeinen Schmerz- und Athleten-Studien extrapoliert.
- 6Ärztliche Begleitung ist bei Fibromyalgie vor Kälteexposition grundsätzlich empfohlen.
Konkret umsetzen
Individuelle Kältetoleranz testen
Bei Fibromyalgie ist die Kälteempfindlichkeit häufig erhöht. Ein niedrigschwelliger Einstieg (z.B. kaltes Wasser an den Unterarmen, bevor eine Ganzkörperexposition erwogen wird) hilft, die individuelle Reaktion einzuschätzen. Schmerzverstärkung durch Kälte ist bei Fibromyalgie nicht ungewöhnlich.
Schmerztagebuch als Monitoring
Für Fibromyalgie-Betroffene, die Kälteexposition ausprobieren, ist ein Schmerztagebuch hilfreich: Schmerzintensität vor und nach der Exposition, Schlafdauer und -qualität, Energielevel. So lässt sich über einige Sitzungen hinweg erkennen, ob die Intervention individuell hilfreich ist oder Symptome verschlechtert.
Keine Selbsttherapie bei Fibromyalgie
Fibromyalgie erfordert eine multimodale Therapie. Kälteexposition kann ein ergänzendes Element sein – ersetzt aber weder Schmerztherapie noch Physiotherapie noch Psychotherapie. Ärztliche Begleitung ist bei Fibromyalgie grundsätzlich empfohlen.
— Erkennen · Verstehen · Verändern
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Verstehen
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Häufige Fragen
Kann Kälteexposition Fibromyalgie-Schmerzen verschlimmern?
Welche Art der Kälteexposition ist bei Fibromyalgie am besten untersucht?
Wie lange hält der analgetische Effekt an?
Quellen & Referenzen
- Whole-body cryotherapy (extreme cold air exposure) for preventing and treating muscle soreness after exercise in adultsCostello J.T., Baker P.R., Minett G.M., Bieuzen F., Stewart I.B., Bleakley C. – Cochrane Database of Systematic Reviews (2013) DOI: 10.1002/14651858.cd010789
- Whole-body cryotherapy: empirical evidence and theoretical perspectivesBleakley C.M., Bieuzen F., Davison G.W., Costello J.T. – Open Access Journal of Sports Medicine (2014) DOI: 10.2147/oajsm.s41655
- Whole body cryostimulation: adjunct treatment for exercise induced muscle damage in athletes and non-athletesBouzigon R., Grappe F., Ravier G., Dugue B. – Journal of Thermal Biology (2016) DOI: 10.1016/j.jtherbio.2016.08.009
- Human physiological responses to cold exposure
- Time-course of changes in inflammatory response after whole-body cryotherapy multi exposures following severe exercisePournot H., Bieuzen F., Louis J., Mounier R., Fillard J.R., Barbiche E., Hausswirth C. – PLoS ONE (2011) DOI: 10.1371/journal.pone.0022748
- Regenerative Medicine: A System for Chronic HealthKeferstein G, Wesseling C, Höhfeld D et al. – Preprints.org (2025) DOI: 10.20944/preprints202510.2117.v1
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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