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FAQ · Therapien & Interventionen

Warum 'immunneutral' und nicht einfach Paleo?

Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Paleo = historische Heuristik, immunneutral = immunologische Bewertung.
  • Paleo erlaubt immunologisch reaktive Lebensmittel (Nachtschatten, Nüsse) und verbietet immunologisch neutrale (Reis).
  • Vojdani et al. (2020) und Fasano (2011) liefern die physiologische Grundlage für die immunologische Bewertung.

In der Regenerationsmedizin geht es nicht um 'was haben unsere Vorfahren gegessen', sondern um 'welche Signale sendet deine Nahrung an deine drei Regulationssysteme?' (Keferstein et al. 2025). Immunneutral ist die konsequente Anwendung dieses Prinzips auf die Ernährung: Die immunologische Wirkung bestimmt die Nahrungsmittelauswahl, nicht die Zugehörigkeit zu einer Ernährungs-Philosophie. Gesundheit entsteht, wenn die Mitochondrien genug Lebensenergie produzieren und diese Energie über Nervensystem, Immunsystem und Stoffwechsel optimal verteilt wird. Wie man das erreicht, vermitteln wir im Kurs LEBENSENERGIE für Betroffene und in der Grundausbildung Regenerationsmedizin für Fachkräfte.

Paleo ist eine nützliche Heuristik – aber sie beschreibt nicht die Physiologie. Wenn du eine Tomate isst, reagiert dein Immunsystem nicht auf den historischen Kontext ('Tomaten kommen aus Amerika, unsere Vorfahren hatten keine'), sondern auf die biochemischen Substanzen in der Tomate: Lektine, Solanine und andere bioaktive Verbindungen.

Das Problem mit Paleo: Es erlaubt Lebensmittel, die immunologisch problematisch sein können (Nachtschattengewächse, Nüsse, Eier), und verbietet solche, die immunologisch neutral sind (z.B. Reis, der kein Gluten enthält und nach dem Kochen sehr wenig Lektine hat). Die Kriterien sind historisch, nicht physiologisch.

Immunneutrale Ernährung nimmt das Beste von Paleo – die evolutionsbiologische Grundannahme, dass der Mensch nicht für hochverarbeitete Nahrung optimiert ist – und ersetzt die historische Bewertung durch eine immunologische: Welche Lebensmittel aktivieren das Immunsystem über ein physiologisches Maß hinaus?

Im Detail

Der Vergleich zwischen Paleo und immunneutral verdeutlicht den Paradigmenwechsel:

Paleo: Der Blick nach hinten
Paleo basiert auf der Hypothese, dass der Mensch genetisch an die Ernährung des Paläolithikums angepasst ist. Die Logik: Getreide, Hülsenfrüchte und Milchprodukte wurden erst mit der Neolithischen Revolution eingeführt – zu kurz für eine genetische Anpassung. Die Evidenz für diese Grundannahme ist gemischt: Genetische Anpassungen an Laktose und Stärke sind dokumentiert, andere Anpassungen an 'neolithische' Nahrung fehlen.

Das praktische Problem: Paleo erlaubt Nachtschattengewächse (Tomaten, Paprika, Kartoffeln), die Solanine und Lektine enthalten (Langkilde et al. 2009). Es erlaubt Nüsse und Samen, die Lektine, Phytate und Oxalate enthalten. Es erlaubt Eier, die für manche Menschen immunologisch reaktiv sind. Gleichzeitig verbietet es weißen Reis – ein Lebensmittel mit minimalem Lektin- und Glutengehalt nach dem Kochen.

Immunneutral: Der Blick auf die Physiologie
Immunneutrale Ernährung fragt: Wie wirkt dieses Lebensmittel auf das Immunsystem? Vojdani et al. (2020) zeigten, dass Nahrungsmittel-Antigene über mehrere Mechanismen Autoimmunprozesse auslösen können – Kreuzreaktivität, Darmbarriere-Störung, molekulare Mimikry. Fasano (2011) beschrieb den Zonulin-Mechanismus: Gliadin öffnet die Darmbarriere unabhängig von Zöliakie.

Die immunologische Bewertung führt zu anderen Empfehlungen als die historische: Nachtschattengewächse werden wegen ihrer Solanine und Lektine in der Eliminationsphase entfernt – nicht weil sie 'nicht paläolithisch' sind, sondern weil sie immunologisch relevant sein können. Reis kann nach der Reintroduktion wieder eingeführt werden, wenn er individuell gut vertragen wird.

Die Schnittmenge: Beide Ansätze überlappen erheblich – beide eliminieren Gluten, verarbeitete Lebensmittel und industrielle Pflanzenöle. Die Unterschiede zeigen sich in den Details und in der Begründung: Paleo argumentiert historisch, immunneutral physiologisch.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Zum Nachschlagen

Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (1)

Ist immunneutral strenger als Paleo?

In der Eliminationsphase ja – weil auch Nachtschattengewächse, Eier und Nüsse entfernt werden. Langfristig kann immunneutral aber liberaler sein: Nach der Reintroduktion behältst du nur die Lebensmittel bei, die du individuell nicht verträgst. Manche Menschen vertragen Eier oder bestimmte Nüsse problemlos.
Quellen (3)
  • Interaction between food antigens and the immune system: Association with autoimmune disorders
    Vojdani A., Gushgari L.R., Vojdani E. – Autoimmunity Reviews (2020) DOI: 10.1016/j.autrev.2020.102459
  • Zonulin and its regulation of intestinal barrier function: the biological door to inflammation, autoimmunity, and cancer
    Fasano A. – Physiological Reviews (2012) DOI: 10.1152/physrev.00003.2008
  • A 28-day repeat dose toxicity study of steroidal glycoalkaloids, α-solanine and α-chaconine in the Syrian Golden hamster
    Langkilde S., Mandimika T., Schrøder M. et al. – Food and Chemical Toxicology (2009) DOI: 10.1016/j.fct.2009.01.045
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