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Fachbeitrag · Therapien & Interventionen

Resolvine und SPMs: wie der Körper Entzündung aktiv beendet

Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 4 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Das Ende einer Entzündung ist ein aktiver Vorgang mit eigenen Botenstoffen, den spezialisierten entzündungsauflösenden Mediatoren (Zelle und Tier; Serhan, 2014).
  • Resolvine der E-Serie entstehen aus EPA, Resolvine der D-Serie, Protectine und Maresine aus DHA (Zelle; Serhan und Petasis, 2011).
  • Wie viele SPMs der Mensch tatsächlich bildet und ob Omega-3 aus der Nahrung sie erhöht, ist umstritten, weil ihre Mengen oft unter der Grenze des sicher Messbaren liegen (Mensch; Schebb et al., 2022).

„Was sind Resolvine, und was hat Omega-3 damit zu tun, dass eine Entzündung wieder aufhört?“

Du kennst das vielleicht: Eine Reizung, ein Infekt oder eine Verletzung heilt nicht richtig ab. Die Beschwerden werden leiser, aber nie ganz still, und beim nächsten Anlass flammen sie wieder auf. Irgendwann fragst du dich, warum dein Körper eine Entzündung beginnen, aber nicht beenden kann.

Die mechanische Sicht sieht in der Entzündung einen Brand, den man löscht: mit Kühlung, Schmerzmitteln oder Kortison. Das ist richtig, denn diese Mittel senken Schmerz und Schwellung zuverlässig, und manchmal ist genau das nötig. Und trotzdem: Warum kommt die Entzündung oft zurück, sobald das Mittel abgesetzt ist?

Die energetische Sicht vertraut darauf, dass der Körper sich selbst heilt, wenn man ihn lässt. Sie spürt richtig, dass Heilung von innen kommt und Zeit braucht. Und trotzdem: Woher weiß der Körper, wann es Zeit ist, aufzuhören, und was braucht er dafür?

Die biologische Sicht zeigt: Das Ende einer Entzündung ist ein eigenes Programm. Der Körper schreibt es mit Botenstoffen, die er aus Fettsäuren der Nahrung bildet.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ Entzündung ist kein Fehler, den man nur blockieren muss. Sie ist ein Programm mit eigenem Schluss, und diesen Schluss schreibt der Körper mit Botenstoffen wie den Resolvinen.

Was im Körper passiert

Stell dir eine Wohnung nach einem Wasserschaden vor. Erst rücken die Helfer an, pumpen ab und reißen nasses Material heraus. Das ist die Entzündung. Aber irgendwann muss jemand die Absperrung abbauen, den Schutt wegräumen und die Handwerker für den Wiederaufbau rufen. Ohne diesen Schritt bleibt die Baustelle offen, auch wenn längst kein Wasser mehr fließt.

Diesen Schritt übernehmen in deinem Gewebe die SPMs. Schon während der Entzündung schalten die beteiligten Zellen um: Statt Botenstoffen aus Arachidonsäure, die Abwehrzellen herbeirufen, bilden sie Lipoxine und dann Resolvine, Protectine und Maresine (Zelle und Tier; Serhan, 2014). Diese bremsen den Zustrom weiterer Abwehrzellen, regen Fresszellen an, abgestorbene Zellen und Erreger aufzunehmen, und leiten die Reparatur ein (Zelle und Tier; Serhan et al., 2015).

Die Bausteine dafür kommen aus der Nahrung: Resolvine der E-Serie entstehen aus EPA, Resolvine der D-Serie, Protectine und Maresine aus DHA (Zelle; Serhan und Petasis, 2011). Ein Körper mit wenig EPA und DHA hat für diesen Schritt weniger Material (Modell nach Serhan). Ein gesenktes Symptom ist darum nicht dasselbe wie ein beendetes Programm.

Lange galt: Eine Entzündung klingt von selbst ab, wenn der Auslöser weg ist. Die Gruppe um Charles Serhan zeigte seit den 2000er-Jahren, dass das Ende einer Entzündung ein eigener, aktiver Vorgang ist, mit eigenen Botenstoffen (Ariel und Serhan, 2007; Serhan, 2014). Damit verschiebt sich die Frage bei chronischen Beschwerden: nicht nur, wie man Entzündung senkt, sondern auch, ob der Körper sie zu Ende bringen kann. Die Abkürzung SPM steht in der Medizin hier für Specialized Pro-Resolving Mediators, auf Deutsch spezialisierte entzündungsauflösende Mediatoren.

Resolvine: Definition und Bedeutung

Resolvine sind kleine Fettbotenstoffe, die der Körper aus Omega-3-Fettsäuren bildet. Ihr Name kommt vom englischen resolve, auflösen. Nach Serhan (2014) geben sie das Signal, dass eine Entzündung enden soll; gezeigt ist das in Zellen und Tieren. Zusammen mit Lipoxinen, Protectinen und Maresinen bilden sie die Gruppe der SPMs.

Ariel und Serhan (2007) beschrieben sie als Teil eines Abschaltprogramms der akuten Entzündung. Eine Entzündung läuft danach in Phasen: Auslöser, Alarm, Einstrom von Abwehrzellen, dann Umschalten, Aufräumen und Reparatur. Das Umschalten passiert nicht von allein, wenn der Alarm leiser wird, sondern wird aktiv eingeleitet (Zelle und Tier).

Das ist mehr als eine Begriffsfrage. Bei chronischen Beschwerden fragt man meist, wie man die Entzündung dämpft. Die Resolvin-Forschung fügt eine zweite Frage hinzu: Kann der Körper sie abschließen?

Die SPM-Familie: Lipoxine, Resolvine, Protectine, Maresine

Die SPMs werden nach ihrer Herkunft und ihrem Bau eingeteilt (Zelle; Serhan und Petasis, 2011; Serhan et al., 2015):

  • Lipoxine entstehen aus Arachidonsäure, also aus einer Omega-6-Fettsäure. Auch die Omega-6-Seite hilft damit, die Entzündung zu beenden.
  • Resolvine der E-Serie (RvE1 bis RvE3) entstehen aus EPA. Sie bremsen den Einstrom von neutrophilen Granulozyten, den ersten Abwehrzellen am Ort.
  • Resolvine der D-Serie (RvD1 bis RvD6) entstehen aus DHA. Sie regen Fresszellen an, abgestorbene Zellen aufzunehmen.
  • Protectine entstehen aus DHA. Das bekannteste, Protectin D1, heißt im Nervengewebe Neuroprotectin D1.
  • Maresine entstehen aus DHA in Makrophagen, den großen Fresszellen. Der Name steht für macrophage mediator in resolving inflammation. In Zell- und Tierversuchen fördern sie das Aufräumen und die Reparatur von Gewebe und den Wechsel der Makrophagen vom angreifenden zum aufräumenden Typ.

Jede Gruppe hat eigene Bildungswege und Andockstellen. Es ist also kein allgemeines „Omega-3 ist gut“, sondern ein fein geregeltes System. Wie es beim Menschen genau arbeitet, ist allerdings weniger klar als im Labor.

Von Omega-3 zu Resolvinen: was die Ernährung beiträgt

Ohne Bausteine keine SPMs: Resolvine der E-Serie brauchen EPA, die D-Serie, Protectine und Maresine brauchen DHA. Beide stecken vor allem in fettem Seefisch, Meeresfrüchten und Algen. Aus der pflanzlichen Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure, etwa aus Leinöl, bildet der Mensch nur wenig EPA und noch weniger DHA (Lehrbuchwissen).

Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren teilen sich zudem dieselben Enzyme. Eine Kost mit viel Omega-6 und wenig Omega-3 verschiebt das Material in Richtung der Botenstoffe aus Arachidonsäure (Zelle). Wie viel Gewicht das beim Menschen hat, beschreibt der Beitrag Linolsäure und Entzündung.

Beim Menschen ist der Schritt vom Teller zum Resolvin allerdings nicht sicher belegt. Nach Fischöl steigen im Blut EPA und DHA und ihre einfachen Abbauprodukte. Ob dabei auch die fertigen Resolvine steigen, ist umstritten: Eine kritische Übersicht fand keinen klaren Zusammenhang zwischen Omega-3-Gabe und den gemessenen SPM-Spiegeln (Mensch; Schebb et al., 2022). Wie sich Ernährung rund um die Entzündungsauflösung gestalten lässt, beantwortet die Frage Resolvine durch Ernährung.

Auflösen statt nur dämpfen: was das für chronische Entzündung heißt

Entzündungshemmende Mittel senken die Botenstoffe, die eine Entzündung antreiben. SPMs setzen an einer anderen Stelle an: Sie leiten in Zell- und Tierversuchen das Ende ein, ohne die Abwehr zu schwächen, und beschleunigen das Aufräumen (Serhan, 2014). Daraus entstand die Idee, Auflösung als eigenes Ziel zu sehen, neben dem Dämpfen (Ariel und Serhan, 2007).

Nach diesem Modell kann eine Entzündung chronisch werden, wenn das Abschaltprogramm nicht vollständig läuft: Der Alarm wird leiser, aber das Programm schließt nicht ab. Eine solche niedriggradige, schwelende Entzündung wird mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und Alterungsprozessen in Verbindung gebracht (Modell nach Serhan). Ob eine gestörte Auflösung dabei Ursache oder Folge ist, ist beim Menschen offen.

Für dich ist das ein Perspektivwechsel: Entzündung ist kein Fehler, sondern ein Schutzprogramm, das abschließen können muss. Was dem Körper dabei hilft, ist eine Frage von Bausteinen, aber auch von Ruhe, Schlaf und Belastung, und dazu gibt es erst wenige Studien.

Forschungsstand: was beim Menschen gezeigt ist und was nicht

Gut belegt ist die Biologie im Labor: Die Bildungswege der SPMs und ihre Wirkung auf Abwehrzellen sind in Zellkulturen und Tiermodellen vielfach beschrieben (Serhan et al., 2015).

Beim Menschen ist das Bild unsicherer. Schebb und Kollegen werteten die Studienlage kritisch aus (Mensch; Schebb et al., 2022): Menschliche Abwehrzellen bilden nach ihren Daten höchstens wenig SPMs, die vermuteten Andockstellen sind in Mäusen ohne diese Rezeptoren nicht bestätigt, und die üblichen Messmethoden können die sehr niedrigen Spiegel oft nicht verlässlich erfassen. Andere Gruppen halten an der Bedeutung der SPMs fest. Die Fachwelt streitet hier offen.

Stabilere, abgewandelte Resolvine werden als mögliche Wirkstoffe erforscht; zugelassen ist bisher keiner. Für Nahrungsergänzungen, die mit SPMs oder ihren Vorstufen beworben werden, fehlen aussagekräftige Studien zu Beschwerden.

Praxisrelevanz

Für dich heißt das: Entzündung ist nicht nur eine Frage von zu viel, sondern auch von zu wenig Ende. Wenn Beschwerden immer wieder aufflammen, kann dahinter ein Abschaltprogramm stehen, das nicht vollständig läuft (Modell nach Serhan).

Die Bausteine dieses Programms kommen zum Teil aus deinem Essen, vor allem EPA und DHA aus Seefisch und Meeresfrüchten. Wie stark die Ernährung beim Menschen über die SPMs wirkt, ist offen. Diagnose und Behandlung entzündlicher Erkrankungen bleiben bei deiner Ärztin.

zum Merken
Ein gesenktes Symptom ist nicht dasselbe wie ein beendetes Programm. Das Ende einer Entzündung muss der Körper aktiv schreiben.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang notieren, wie oft Fisch, Meeresfrüchte oder andere Quellen von EPA und DHA auf deinem Teller landen und wie oft Fertigprodukte mit viel Pflanzenöl.

Du kannst beobachten, wie deine Beschwerden über eine Woche verlaufen: ob sie nach Belastung, kurzen Nächten oder bestimmten Mahlzeiten aufflammen und wie schnell sie wieder abklingen.

Wenn du wissen willst, wie deine Omega-3-Versorgung aussieht, kannst du mit deiner Ärztin besprechen, ob der Omega-3-Index für dich aussagekräftig ist.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass die Auflösung einer Entzündung ein aktiver Vorgang ist und dass SPMs aus EPA und DHA entstehen, ist in Zell- und Tierversuchen gut belegt. Beim Menschen ist die Lage unsicher: Die Mengen fertiger Resolvine im Blut liegen oft unter der Grenze des sicher Messbaren, und Fachleute streiten, wie verlässlich die Messungen sind und ob Omega-3 aus der Nahrung die SPM-Spiegel überhaupt erhöht (Schebb et al., 2022). Ob mehr Omega-3 bei chronischen Beschwerden über SPMs wirkt, ist nicht gezeigt. Für Präparate, die mit SPMs oder ihren Vorstufen beworben werden, fehlen aussagekräftige Studien, und Arzneimittel auf Basis von Resolvinen sind nicht zugelassen.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Das Ende der Entzündung: Resolution, Entzündungsauflösung
  • Botenstoffe, die Entzündung abschalten: spezialisierte entzündungsauflösende Mediatoren (SPMs)
  • Omega-3 aus Fisch: EPA, DHA
  • Wie viel Omega-3 habe ich im Blut?: Omega-3-Index
  • Die Entzündung schwelt immer weiter: chronische niedriggradige Entzündung
  • Fresszellen räumen auf: Makrophagen, Efferozytose
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (4)

Was sind Resolvine, einfach erklärt?

Resolvine sind Botenstoffe, die der Körper aus den Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA bildet. In Zell- und Tierversuchen geben sie das Signal, dass eine Entzündung enden soll: Weniger Abwehrzellen strömen ein, Fresszellen räumen auf, das Gewebe kann heilen. Der Name kommt vom englischen resolve, auflösen.

Was sind Maresine?

Maresine sind SPMs aus DHA, die vor allem Makrophagen bilden, also große Fresszellen. Der Name steht für macrophage mediator in resolving inflammation. Nach Serhan und Kollegen (2015) fördern sie in Zell- und Tierversuchen das Aufräumen und die Reparatur von Gewebe.

Was bedeutet die Abkürzung SPM in der Medizin?

Im Zusammenhang mit Entzündung steht SPM für Specialized Pro-Resolving Mediators, auf Deutsch spezialisierte entzündungsauflösende Mediatoren. Gemeint sind Lipoxine, Resolvine, Protectine und Maresine. In anderen Fachgebieten kann SPM etwas anderes bedeuten.

Wirken Fischöl-Kapseln genauso wie Fisch?

Beide liefern EPA und DHA, also die Bausteine der Resolvine. Ob Kapseln die fertigen Resolvine im Körper erhöhen, ist umstritten (Mensch; Schebb et al., 2022), und ob Kapseln und Fisch bei Beschwerden gleich wirken, ist nicht geklärt. Fisch liefert zusätzlich Eiweiß, Jod und Selen.
Quellen (3)
  • Pro-resolving lipid mediators are leads for resolution physiology
    Serhan CN – Nature (2014) DOI: 10.1038/nature13479
  • Resolvins and Protectins in Inflammation Resolution
    Serhan C.N., Petasis N.A. – Chemical Reviews (2011) DOI: 10.1021/cr100396c
  • Resolvins and protectins in the termination program of acute inflammation
    Ariel A., Serhan C.N. – Trends in Immunology (2007) DOI: 10.1016/j.it.2007.02.007

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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