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Im Kontext · Therapien & Interventionen

Vegane Ernährung bei Depression: was Studien wirklich zeigen

Vegan und Depression: Kann vegane Ernährung Depressionen auslösen? Was Studien in beide Richtungen zeigen und welche Rolle B12, Homocystein und DHA spielen.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Eine systematische Übersicht fand bei vegetarischer und veganer Ernährung Befunde in beide Richtungen: elf Ergebnisse mit mehr, sieben mit weniger Depression, sieben ohne Zusammenhang (Mensch, Beobachtung; Jain und Kollegen 2022).
  • Die meisten Studien sind Momentaufnahmen; ob die Ernährung die Stimmung verändert oder eine Depression die Ernährung, bleibt offen (Mensch, Beobachtung; Hibbeln und Kollegen 2018).
  • Erhöhtes Homocystein, ein Zeichen für einen stockenden B12-Kreislauf, ging mit fast doppelt so vielen depressiven Beschwerden einher (Mensch; Bjelland et al. 2003).

Begrenzte Evidenz. Wenige Studien oder methodische Einschränkungen, aber mechanistisch plausibel.

„Ich ernähre mich vegan und fühle mich seit einiger Zeit gedrückt. Kann das an meiner Ernährung liegen?“

Du kennst das vielleicht: Antrieb und Freude sind weniger geworden, der Schlaf ist unruhig, und du suchst nach einem Grund. Weil du dich bewusst ernährst, liegt die Frage nahe, ob es daran liegt, oder ob es gerade nicht daran liegen kann.

Die mechanische Sicht sagt: Depression ist eine Erkrankung des Gehirns, die mit Psychotherapie und, wo nötig, mit Medikamenten behandelt wird. Beides ist gut untersucht und hilft vielen Menschen. Und trotzdem: Woraus baut das Gehirn eigentlich seine Botenstoffe und Membranen?

Die energetische Sicht sagt: Was du isst, hat eine Haltung, und eine Ernährung im Einklang mit deinen Werten gibt dir Kraft. Sie hat recht, dass Sinn und Stimmigkeit für die Psyche zählen. Und trotzdem: Bekommt dein Gehirn mit dieser Ernährung auch alle Bausteine, die es braucht?

Die biologische Sicht verbindet beides: Das Gehirn braucht bestimmte Bausteine, und ob sie ankommen, hängt nicht von der Überzeugung ab, sondern von der Versorgung.

Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Keine Ernährung macht von sich aus froh oder depressiv. Entscheidend ist, was sie dem Gehirn liefert, und dass eine Depression mehr Wege hat als den Teller.

Was im Körper passiert

Stell dir das Gehirn als eine Werkstatt vor, die rund um die Uhr Botenstoffe herstellt und Leitungen repariert. Dafür braucht sie Werkzeuge und Material. Ein zentrales Werkzeug ist der Methylkreislauf: Vitamin B12 und Folat wandeln Homocystein in die Aminosäure Methionin zurück, und aus L-Methionin entsteht S-Adenosylmethionin, kurz SAMe. SAMe gibt kleine Methylgruppen ab, die die Werkstatt für Botenstoffe, Membranen und das Ablesen von Genen braucht (Mensch, Lehrbuchwissen der Biochemie).

Fehlt B12, stockt dieser Kreislauf, und Homocystein steigt im Blut. In einer norwegischen Bevölkerungsstudie mit 5.948 Erwachsenen ging erhöhtes Homocystein mit einer fast doppelt so hohen Chance auf depressive Beschwerden einher (Mensch; Bjelland et al., 2003). Vitamin B12 steckt in verwertbarer Form fast nur in tierischen Lebensmitteln, und ohne Ergänzung ist ein Mangel bei veganer Ernährung häufig (Mensch; Pawlak und Kollegen 2014).

Das zweite Material ist DHA, eine Omega-3-Fettsäure, die einen großen Teil der Fette in den Membranen der Nervenzellen ausmacht (Lehrbuchwissen). Der Körper kann sie aus pflanzlicher Alpha-Linolensäure nur begrenzt bilden, und bei Veganern liegen die DHA-Werte im Blut deutlich niedriger (Mensch; Sanders 2009). Ob das die Stimmung verändert, ist offen. Ein Mangel ist bei einem Teil der Menschen ein Mitspieler, nicht die ganze Erklärung.

Vielleicht isst du seit Jahren vegan, aus Überzeugung und weil es dir guttut. Und dann liest du die Schlagzeile, dass Vegetarier und Veganer häufiger depressiv sind. Oder du fühlst dich seit einiger Zeit gedrückt und fragst dich, ob es am Essen liegen kann.

Depression ist eine ernsthafte Erkrankung mit vielen Wegen hinein: Lebensgeschichte, Belastung, Beziehungen, Schlaf, Gene, Körper. Ernährung ist einer davon, und bei veganer Kost sind einige Nährstoffe knapper, die das Gehirn braucht, allen voran Vitamin B12. Zugleich liefert pflanzliche Kost viel Gemüse, Ballaststoffe und Folat. Beides kann in einer Studie sichtbar werden, in entgegengesetzte Richtungen.

Das Missverständnis hat zwei Seiten. Die eine sagt: Vegan macht depressiv. Die andere sagt: Wer richtig isst, also pflanzlich, ist psychisch geschützt. Die Studienlage gibt keiner Seite recht. Eine systematische Übersicht fand Befunde in beide Richtungen (Jain und Kollegen 2022), und die Richtung von Ursache und Wirkung ist offen.

Infografik: Stoffwechselgesundheit ist Gehirngesundheit. Botenstoffe, Mitochondrien und psychosoziale Faktoren sind verbunden (nach Chris Palmer)

Botenstoffe, Stoffwechsel und Lebensumstände wirken zusammen. Was auf dem Teller liegt, ist ein Teil davon, so beschreibt es die metabolische Psychiatrie um Chris Palmer.

Wirkung und Mechanismus

Eine vegane Ernährung verändert für das Gehirn vor allem vier Dinge.

Vitamin B12 und Homocystein. Ohne B12 stockt der Methylkreislauf, Homocystein steigt. Ein ausgeprägter B12-Mangel kann Stimmung, Antrieb und Gedächtnis beeinträchtigen (Lehrbuchwissen). Wie häufig ein Mangel ist, hängt stark davon ab, ob B12 ergänzt wird (Pawlak und Kollegen 2014). Mehr dazu unter Depression und Vitaminmangel.

DHA. Fisch ist die Hauptquelle für DHA, bei veganer Kost fällt sie weg, und die eigene Bildung aus Leinsamen oder Walnüssen ist gering (Sanders 2009). DHA beeinflusst, wie beweglich Nervenzellmembranen sind und wie gut Signale übertragen werden (Zelle, Tier).

Kreatin. Kreatin ist ein schneller Energiepuffer in Muskeln und Gehirn. Der Körper bildet es selbst, mit der Nahrung kommt es nur aus Fleisch und Fisch. In einer verblindeten Studie mit Vegetariern verbesserte Kreatin Arbeitsgedächtnis und schlussfolgerndes Denken (Mensch; Rae und Kollegen 2003). Zur Stimmung sagt die Studie nichts.

Tryptophan und Serotonin. Tryptophan ist die Vorstufe von Serotonin. Nur ein kleiner Teil wird zu Serotonin, der größte Teil läuft über den Kynurenin-Weg (Lehrbuchwissen). Ein einfacher Serotoninmangel als Ursache der Depression ließ sich in einer großen Übersicht nicht bestätigen (Mensch; Moncrieff et al., 2023). Auf der anderen Seite liefert pflanzliche Kost viel Folat, Ballaststoffe und Pflanzenstoffe. In sieben Ergebnissen der großen Übersicht ging sie mit weniger Depression einher, warum, ist offen (Jain und Kollegen 2022).

Was sagt die Forschung

Jain und Kollegen (2022) fassten in einer systematischen Übersicht 23 Studien mit 25 Ergebnissen zusammen, 18 davon Querschnittsstudien, also Momentaufnahmen. Elf Ergebnisse zeigten bei vegetarischer oder veganer Ernährung mehr Depression, sieben weniger und sieben keinen Zusammenhang (Mensch, Beobachtung). Die Autoren nennen die Lage widersprüchlich und fordern Längsschnitt- und Interventionsstudien.

Die bekannteste Einzelstudie kommt aus Bristol. Hibbeln und Kollegen (2018) werteten Angaben von 9.668 Männern aus, deren Partnerinnen schwanger waren; 350 nannten sich Vegetarier oder Veganer. Sie hatten im Mittel etwas höhere Werte auf einem Depressionsfragebogen und eine um etwa zwei Drittel höhere Chance auf deutliche Beschwerden, auch nach Anpassung für Alter, Arbeit, Rauchen, Alkohol, Depression in der Familie und psychiatrische Behandlung in der Kindheit (Mensch, Beobachtung). Als mögliche Erklärung nennen die Autoren einen Mangel an B12 oder Eisen, schreiben aber selbst, dass umgekehrte Kausalität nicht auszuschließen ist.

Umgekehrte Kausalität heißt: Nicht die Ernährung führt zur Depression, sondern Menschen in einer schweren Phase stellen ihre Ernährung eher um, etwa aus Mitgefühl oder um sich etwas Gutes zu tun. Dazu kommt die Verzerrung durch gesundheitsbewusste Gruppen, in der Fachsprache Healthy User Bias: Wer vegan lebt, unterscheidet sich oft auch in Bildung, Bewegung, Rauchen und Lebenslage. Das kann eine Ernährung besser oder schlechter aussehen lassen, als sie ist. Eine randomisierte Studie, die vegane Ernährung als Behandlung bei Depression prüft, gibt es nicht.

zum Merken
Vegan ist nicht von sich aus gut oder schlecht für die Psyche. Es kommt darauf an, ob B12, DHA und andere Bausteine im Gehirn ankommen.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Neurometabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, ob deine Ernährung bei deiner Stimmung mitspielt, kannst du drei Dinge klären:

Wie lange geht es dir schon gedrückt, und kam die Stimmung vor oder nach deiner Ernährungsumstellung?

Wie versorgst du dich mit Vitamin B12, und wann wurden B12, Homocystein oder Eisen zuletzt gemessen?

Woher kommen in deiner Woche Omega-3-Fettsäuren und genug Eiweiß, und wie regelmäßig isst du?

Mit diesen Notizen kannst du mit deiner Ärztin oder Psychotherapeutin besprechen, was bei dir zusammenhängt. Deine Behandlung läuft dabei weiter. Was du daraus machst, entscheidest du.

  • B12 im Blick behalten: Vitamin B12 steckt in verwertbarer Form fast nur in tierischen Lebensmitteln, bei veganer Ernährung ohne Ergänzung ist ein Mangel häufig (Pawlak und Kollegen 2014). Welche Werte sinnvoll sind, klärst du mit deiner Ärztin.
  • Reihenfolge notieren: Ob die gedrückte Stimmung vor oder nach der Ernährungsumstellung begann, ist für das Gespräch mit Ärztin oder Psychotherapeutin hilfreich. Es hilft, Ursache und Folge auseinanderzuhalten.
  • Schlagzeilen prüfen: Eine Studie, die Vegetarier und Fleischesser nur beobachtet, zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Die Frage, wer mit wem verglichen wurde, hilft beim Lesen (Jain und Kollegen 2022).

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Was wir wissen, stammt fast nur aus Beobachtungsstudien, die meisten davon Momentaufnahmen. Sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursache, und die Ergebnisse widersprechen sich. Ob ein B12-Mangel oder ein niedriger DHA-Wert bei einem veganen Menschen die Depression mit auslöst, lässt sich aus diesen Studien nicht ablesen. Ob eine bessere Versorgung die Beschwerden verringert, ist bei veganer Ernährung nicht eigens untersucht.

Die Diagnose einer Depression, Psychotherapie und Medikation gehören zu Ärztin und Psychotherapeutin. Ernährung und Nährstoffstatus kommen dazu, sie stehen nicht an der Stelle der Behandlung. Welche Blutwerte bei dir sinnvoll sind, etwa B12, Homocystein, Folat, Eisen oder Vitamin D, klärt deine Ärztin. Nimmst du Antidepressiva oder andere Psychopharmaka, bespricht deine Psychiaterin jede Änderung mit dir. Wenn Gedanken kommen, nicht mehr leben zu wollen, sprich noch heute mit deiner Ärztin oder ruf die Telefonseelsorge an: 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Mein B12 ist vielleicht zu niedrig: Vitamin-B12-Mangel, Holotranscobalamin
  • Ein Wert, der steigt, wenn B12 oder Folat fehlen: Homocystein
  • Die Omega-3-Fette im Blut: Omega-3-Index, DHA-Status
  • Mein Eisenspeicher: Ferritin
  • Die Stimmung kam vor der Ernährung: umgekehrte Kausalität
  • Gesundheitsbewusste Menschen sehen in Studien anders aus: Healthy User Bias, Confounding
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Kann vegane Ernährung Depressionen auslösen?

Belegt ist das nicht. Manche Beobachtungsstudien fanden bei Vegetariern und Veganern mehr depressive Beschwerden, andere weniger oder keinen Unterschied (Jain und Kollegen 2022). Ein unbehandelter B12-Mangel kann die Stimmung beeinträchtigen. Ob die Ernährung selbst die Ursache ist, lässt sich aus den Studien nicht ablesen.

Warum sind Vegetarier in manchen Studien häufiger depressiv?

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Ein Nährstoffmangel, etwa an B12 oder Eisen, ist möglich. Ebenso möglich ist umgekehrte Kausalität: Menschen in einer schweren Phase stellen ihre Ernährung eher um. Die Autoren der Bristoler Studie schreiben selbst, dass sie das nicht ausschließen können (Hibbeln und Kollegen 2018).

Was hat Homocystein mit Depression zu tun?

Homocystein steigt, wenn B12, Folat oder B6 im Methylkreislauf fehlen. In einer großen Bevölkerungsstudie ging erhöhtes Homocystein mit einer fast doppelt so hohen Chance auf depressive Beschwerden einher (Bjelland et al. 2003). Das ist ein Zusammenhang, keine Ursache.

Was ist L-Methionin, und welche Wirkung hat es im Gehirn?

L-Methionin ist eine Aminosäure aus Eiweiß. Der Körper macht daraus SAMe, einen Stoff, der Methylgruppen für Botenstoffe, Membranen und das Ablesen von Genen liefert. Vitamin B12 sorgt dafür, dass aus Homocystein wieder Methionin entsteht (Lehrbuchwissen der Biochemie).

Muss ich wegen einer Depression aufhören, vegan zu essen?

Eine Studie, die das nahelegt, gibt es nicht. Ob deine Ernährung dir alle Bausteine liefert, lässt sich mit deiner Ärztin prüfen. Die Depression selbst braucht ihre eigene Behandlung bei Ärztin und Psychotherapeutin, unabhängig davon, wie du dich ernährst.
Quellen (4)
  • The prevalence of cobalamin deficiency among vegetarians assessed by serum vitamin B12: a review of literature
    Pawlak R., Lester S.E., Babatunde T. – European Journal of Clinical Nutrition (2014) DOI: 10.1038/ejcn.2014.46
  • DHA status of vegetarians
    Sanders T.A.B. – Prostaglandins, Leukotrienes and Essential Fatty Acids (2009) DOI: 10.1016/j.plefa.2009.05.013
  • Oral creatine monohydrate supplementation improves brain performance: a double-blind, placebo-controlled, cross-over trial
    Rae C., Digney A.L., McEwan S.R., Bates T.C. – Proceedings of the Royal Society of London B (2003) DOI: 10.1098/rspb.2003.2492
  • Serine, glycine and one-carbon units: cancer metabolism in full circle
    Locasale J.W. – Nature Reviews Cancer (2013) DOI: 10.1038/nrc3557

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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