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Im Kontext · Therapien & Interventionen

Ketogene Ernährung bei bipolarer Störung: was Studien zeigen

Ernährung bei bipolarer Störung: was zwei kleine Pilotstudien zur ketogenen Ernährung messen, warum der Stoffwechsel mitspielt und was bei der Ärztin bleibt.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wie der bipolaren Störung haben in rund einem Drittel der Fälle ein metabolisches Syndrom (Mensch; Vancampfort und Kollegen 2015).
  • In zwei Pilotstudien ohne Kontrollgruppe verbesserten sich unter ketogener Ernährung Stoffwechselwerte, die Medikation lief weiter; psychiatrische Skalen und Tagesmessungen deuten in eine gute Richtung (Mensch).
  • Dass ein gestörter Energiestoffwechsel des Gehirns an der bipolaren Störung beteiligt ist, beschreibt die metabolische Psychiatrie als Modell (Modell nach Norwitz, Sethi und Palmer).

Vorläufige Evidenz. Vielversprechende frühe Ergebnisse, größere Studien stehen aus.

„Kann ich mit meinem Essen bei einer bipolaren Störung etwas bewirken, und was ist an der ketogenen Ernährung dran?“

Du kennst das vielleicht, selbst oder als Angehörige: Die Stimmung ist stabiler, seit die Medikamente wirken. Dafür sind Kilos dazugekommen, die Energie schwankt, und die Hausärztin spricht von Blutzucker und Blutfetten. Irgendwo hast du gelesen, dass Keto bei bipolarer Störung etwas bewirken soll.

Die mechanische Sicht sagt: Die bipolare Störung ist eine Erkrankung der Signalübertragung im Gehirn, mit Phasen von Manie und Depression. Stimmungsstabilisierer wie Lithium und andere Medikamente senken nachweislich das Risiko neuer Phasen, und in einer akuten Manie oder schweren Depression sind sie der wichtigste Schutz. Und trotzdem: Warum bleiben bei vielen Energie, Konzentration und Gewicht ein Problem, obwohl die Stimmung stabil ist?

Die energetische Sicht sagt: Rhythmus, Schlaf, Beziehungen und gutes Essen geben Halt. Sie spürt richtig, dass Alltag und Körper bei einer bipolaren Störung mitzählen, und Fachleute empfehlen seit Langem regelmäßige Mahlzeiten und einen festen Tagesrhythmus. Und trotzdem: Über welchen Weg erreicht ein Teller Essen das Gehirn?

Die biologische Sicht verbindet beides: Das Gehirn ist auch ein Energieorgan. Wie gut es seinen Brennstoff verwerten kann, gehört zum Bild, neben den Botenstoffen und neben der Behandlung.

Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Psyche und Stoffwechsel sind kein Gegensatz. Auch Stimmung braucht Energie, und wie das Gehirn sie gewinnt, gehört bei bipolarer Störung zum Bild.

Was im Körper passiert

Stell dir das Gehirn als eine Stadt vor, die nachts nie das Licht ausschaltet. Es macht rund zwei Prozent des Körpergewichts aus und verbraucht in Ruhe etwa ein Fünftel der Energie (Mensch, Lehrbuchwissen der Physiologie). Den Strom dafür bauen die Mitochondrien in den Nervenzellen, meist aus Glukose.

Damit Glukose gut verwertet wird, braucht es ein funktionierendes Insulinsignal. Die metabolische Psychiatrie beschreibt bei bipolarer Störung Veränderungen genau an dieser Stelle: ein schwächeres Insulinsignal, veränderte Mitochondrien, mehr Zeichen von Entzündung und ein Ungleichgewicht zwischen dem anregenden Botenstoff Glutamat und dem beruhigenden GABA (Modell nach Norwitz, Sethi und Palmer 2020, gestützt auf Befunde am Menschen). Ob die gestörte Energieversorgung Ursache oder Folge der Erkrankung ist, ist offen.

Hier setzt die ketogene Ernährung an. Werden Kohlenhydrate stark reduziert, bildet die Leber aus Fett Ketonkörper, vor allem Beta-Hydroxybutyrat. Nervenzellen nehmen sie ohne Insulin auf und verwerten sie in ihren Mitochondrien (Mensch, Physiologie). Beta-Hydroxybutyrat ist zugleich ein Signalstoff, der in Zell- und Tierversuchen Gene für den Schutz vor oxidativem Stress anschaltet (Zelle und Tier; Shimazu et al. 2013; Newman und Verdin 2017). Mitochondrien sind dabei ein Ort, an dem viele Wege zusammenlaufen, nicht die eine Ursache.

Dein Körper lernt, was er wiederholt erlebt. Das gilt für den Stoffwechsel wie für Schlaf und Rhythmus: Ein Wechsel des Brennstoffs ist kein Schalter, sondern eine Gewöhnung über Wochen.

Wer bei einer bipolaren Störung nach der passenden Ernährung sucht, hat oft zwei Fragen zugleich. Die eine: Gibt es etwas, das ich selbst beitragen kann, neben Medikamenten und Therapie? Die andere: Was mache ich mit dem Gewicht, dem Heißhunger und den Blutwerten, die seit der Behandlung gestiegen sind?

Beide Fragen führen zum Stoffwechsel. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, darunter die bipolare Störung, haben in einer großen Metaanalyse in rund einem Drittel der Fälle ein metabolisches Syndrom, also eine Kombination aus Bauchfett, erhöhtem Blutzucker, ungünstigen Blutfetten und hohem Blutdruck (Mensch; Vancampfort und Kollegen 2015). Medikamente, Bewegungsmangel und Ernährung spielen dabei eine Rolle.

Die metabolische Psychiatrie geht einen Schritt weiter. Sie fragt, ob der Energiestoffwechsel des Gehirns selbst an der Erkrankung beteiligt ist (Modell nach Norwitz, Sethi und Palmer 2020). Die ketogene Ernährung, die den Körper auf Ketonkörper als zweiten Brennstoff umstellt, ist dafür das am meisten untersuchte Werkzeug. Untersucht heißt hier: in kleinen Pilotstudien, nicht in großen kontrollierten Studien.

Infografik: Stoffwechselgesundheit ist Gehirngesundheit. Neurotransmitter, Mitochondrien und psychosoziale Faktoren sind verbunden (nach Chris Palmer)

Stoffwechsel und Gehirn gehören zusammen: Botenstoffe, Mitochondrien und Lebensumstände wirken gemeinsam. So beschreibt es die metabolische Psychiatrie um den Psychiater Chris Palmer.

Wirkung und Mechanismus

Ketogen heißt: so wenig Kohlenhydrate, dass die Leber aus Fett Ketonkörper bildet. Stell dir ein Haus vor, das neben der Gasheizung einen Holzofen bekommt. Stockt die Gasleitung, bleibt es trotzdem warm. So ähnlich bekommt das Gehirn mit den Ketonkörpern eine zweite Wärmequelle.

Am Körper ist der Weg gut verstanden: Sinkt der Insulinspiegel, gibt das Fettgewebe Fett frei, Blutzucker und Blutfette sinken, das Bauchfett schrumpft (Mensch). Das betrifft genau die Werte, die bei bipolarer Störung und ihrer Behandlung oft steigen.

Am Gehirn ist der Weg eine Hypothese mit ersten Messungen. In einer Pilotstudie aus Edinburgh sank unter ketogener Ernährung die Menge an Glutamat und Glutamin in zwei Hirnregionen, gemessen mit Magnetresonanzspektroskopie (Mensch; Campbell und Kollegen 2025). Ob das die Stimmung über Monate stabilisiert, prüfen die Studien erst (Modell nach Norwitz, Sethi und Palmer 2020).

Was sagt die Forschung

Die bisher wichtigste Studie kommt aus Stanford. Sethi und Kollegen (2024) begleiteten 23 Erwachsene mit bipolarer Störung oder Schizophrenie, die bereits Stoffwechselprobleme hatten, vier Monate lang bei einer ketogenen Ernährung, die meisten mit bipolarer Störung. Die Ernährung kam zur bestehenden Behandlung dazu. Bei den Teilnehmern, die die Ernährung einhielten, sanken Gewicht um zwölf und Taillenumfang um 13 Prozent, die Insulinresistenz um 27 und die Triglyzeride um 25 Prozent; am Ende erfüllte niemand mehr die Kriterien eines metabolischen Syndroms. Die Schwere der Erkrankung auf einer ärztlichen Einschätzungsskala, der CGI, sank im Schnitt um 31 Prozent; Lebenszufriedenheit und Schlafqualität stiegen (Mensch).

Campbell und Kollegen (2025) untersuchten in Edinburgh 27 Erwachsene mit bipolarer Störung in einer stabilen Phase, 20 hielten sechs bis acht Wochen durch. Sie verloren im Mittel 4,2 Kilo, der obere Blutdruckwert sank. Die Stimmungsskalen blieben im stabilen Bereich, was bei einer stabilen Ausgangslage zu erwarten war. Bei 14 Teilnehmern mit täglichen Messungen gingen höhere Ketonwerte mit besserer Stimmung und mehr Energie und mit weniger Impulsivität und Angst einher (Mensch).

Beide Studien hatten keine Kontrollgruppe, alle wussten, welche Ernährung sie bekamen, und die Gruppen waren klein. Erwartung, mehr Zuwendung und die Gewichtsabnahme selbst können zu den Ergebnissen beigetragen haben. Randomisierte, kontrollierte Studien bei bipolarer Störung fehlen bisher.

zum Merken
Das Gehirn ist auch ein Energieorgan. Ernährung kann seinen Brennstoff verändern, die Behandlung der bipolaren Störung ersetzt sie nicht.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, welche Rolle dein Stoffwechsel spielt, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:

Wie verlaufen Hunger, Energie und Stimmung über den Tag? Gibt es Heißhunger am Abend oder ein Tief nach dem Mittagessen?

Wie regelmäßig sind deine Mahlzeiten und dein Schlaf, und was steht an einem gewöhnlichen Tag auf deinem Teller?

Welche Stoffwechselwerte kennst du schon: Gewicht, Taillenumfang, Nüchternblutzucker, Blutfette? Viele davon misst deine Praxis bei der Behandlung ohnehin.

Mit diesen Notizen kannst du mit deiner Psychiaterin und deiner Hausärztin besprechen, ob eine Ernährungsumstellung zu dir passt und wie sie begleitet wird. Was du daraus machst, entscheidest du.

  • Stoffwechsel sichtbar machen: Gewicht, Taillenumfang, Blutzucker und Blutfette gehören zur Begleitung einer Behandlung bei bipolarer Störung (Vancampfort und Kollegen 2015). Wer diese Werte kennt, sieht, ob sich eine Ernährungsänderung im Körper zeigt.
  • Rhythmus mitdenken: Schlaf und feste Tageszeiten sind bei bipolarer Störung ein wichtiger Halt. Eine Umstellung kann in den ersten Wochen Schlaf und Energie verändern; wer das beobachtet und Angehörige einbezieht, bemerkt Veränderungen früher.
  • Medikation bleibt bei der Ärztin: Gewicht, Blutzucker und Wirkspiegel können sich unter einer Ernährungsumstellung schnell verändern. Ob und wann die Medikation angepasst wird, entscheidet deine Psychiaterin mit dir.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Studienlage ist dünn: zwei Pilotstudien mit zusammen gut 40 Menschen mit bipolarer Störung, ohne Kontrollgruppe und über höchstens vier Monate. Ob ketogene Ernährung neue Phasen von Manie oder Depression verhindert, wissen wir nicht. Wie Ketose mit einzelnen Stimmungsstabilisierern und Antipsychotika zusammenwirkt, ist nicht systematisch untersucht, und Daten über ein Jahr hinaus fehlen. Eine ketogene Ernährung ist anspruchsvoll; in einer akuten Phase geht die Behandlung vor.

Lithium, andere Stimmungsstabilisierer und Antipsychotika werden wegen einer Ernährung nicht abgesetzt oder reduziert. Mit weniger Kohlenhydraten verliert der Körper anfangs Wasser und Salz, und Wirkspiegel, etwa von Lithium, können sich verschieben. Darum gehört jede Ernährungsumstellung in die Absprache mit deiner Psychiaterin, ebenso jede Frage zur Medikation. Wer Insulin, andere blutzuckersenkende, Blutdruck- oder Entwässerungsmedikamente nimmt oder eine Nierenerkrankung hat, stellt die Ernährung nur zusammen mit der Ärztin um. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Seit den Tabletten habe ich zugenommen: metabolische Nebenwirkungen der Medikation
  • Bauch, Blutzucker, Blutfette und Blutdruck zusammen: metabolisches Syndrom
  • Mein Körper reagiert schwächer auf Insulin: Insulinresistenz (HOMA-Index)
  • Der Körper verbrennt Fett statt Zucker: Ketose, Beta-Hydroxybutyrat
  • Ändert sich mein Lithiumwert?: Lithiumspiegel, Natrium- und Flüssigkeitshaushalt
  • Ernährung als Teil der Behandlung: metabolische Psychiatrie, ergänzende Ernährungstherapie
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (5)

Kann man Lithium absetzen, wenn man sich ketogen ernährt?

Nein. In beiden Pilotstudien kam die Ernährung zur bestehenden Behandlung dazu (Sethi und Kollegen 2024; Campbell und Kollegen 2025). Stimmungsstabilisierer ohne ärztliche Begleitung abzusetzen, erhöht das Risiko neuer Phasen deutlich. Weil sich unter einer ketogenen Ernährung der Salz- und Wasserhaushalt verändert, plant deine Psychiaterin eine Umstellung mit dir.

Kann Ketose eine Manie auslösen?

Systematisch untersucht ist das nicht. In den Pilotstudien waren die Teilnehmer eng begleitet, und die Edinburgher Gruppe war zu Beginn stabil. Weil sich Schlaf und Energie in den ersten Wochen einer Umstellung verändern können, gehört sie in die Absprache mit deiner Psychiaterin.

Gibt es eine Enzymtherapie bei bipolarer Störung?

Uns sind keine kontrollierten Studien bekannt, die eine Enzymtherapie bei bipolarer Störung untersucht haben. Am besten untersucht sind auf der Ernährungsseite bisher der Stoffwechsel und die ketogene Ernährung, und auch dort nur in kleinen Pilotstudien.

Welche Ernährung ist bei bipolarer Störung sinnvoll?

Eine eigene Bipolar-Diät gibt es nicht. Fachleute raten zu regelmäßigen Mahlzeiten und einem Blick auf Gewicht und Blutzucker, weil diese unter vielen Medikamenten steigen. Die ketogene Ernährung ist die am meisten untersuchte Sonderform, die Studien dazu sind aber klein und ohne Kontrollgruppe. Welche Form zu dir passt, hängt von deinen Werten, deinem Alltag und deiner Behandlung ab.

Ist die bipolare Störung heilbar?

Die bipolare Störung gilt als langfristige Erkrankung, die in Phasen verläuft. Viele Menschen leben mit Behandlung über lange Zeit stabil. Eine Ernährung ersetzt diese Behandlung nicht, sie kann den Stoffwechsel daneben unterstützen.
Quellen (5)
  • Ketogenic diet intervention on metabolic and psychiatric health in bipolar and schizophrenia: a pilot trial
    Sethi S, Wakeham D, Ketter T et al. – Psychiatry Research (2024) DOI: 10.1016/j.psychres.2024.115866
  • Ketogenic diet as a metabolic treatment for mental illness
    Norwitz N.G., Sethi S., Palmer C.M. – Current Opinion in Endocrinology, Diabetes & Obesity (2020) DOI: 10.1097/med.0000000000000564
  • Suppression of Oxidative Stress by β-Hydroxybutyrate, an Endogenous Histone Deacetylase Inhibitor
    Shimazu T., Hirschey M.D., Newman J. et al. – Science (2013) DOI: 10.1126/science.1227166
  • β-Hydroxybutyrate: A Signaling Metabolite
    Newman J.C., Verdin E. – Annual Review of Nutrition (2017) DOI: 10.1146/annurev-nutr-071816-064916
  • The therapeutic implications of ketone bodies: the effects of ketone bodies in pathological conditions: ketosis, ketogenic diet, redox states, insulin resistance, and mitochondrial metabolism
    Veech R.L. – Prostaglandins, Leukotrienes and Essential Fatty Acids (2004) DOI: 10.1016/j.plefa.2003.09.007

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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